Acht Berge und Fontane №1

Hütten bauen in den Bergen, zurück in die Einsamkeit, Sinn finden in wilder Natur. Eigentlich ein biblisches Motiv (wir wissen ja, die Jünger). Vielleicht das Geheimrezept eines Bergbuchs, das ein Weltbestseller geworden ist. Hütten am Fuss des Monte-Rosa-Massivs. Es ist wohl einfach die Zeit, in der wir leben, die uns davon träumen lässt, in einer Hütte zu leben, abseits von allem. Schreiben und Klettern, vielleicht auch noch Käsen.

„Kaum nahm ich den Weg in die Berge, ging es mir gleich besser.“

Irgendwie nachvollziehbar, nicht wahr? Geht einem manchmal auch so. Wie dem Helden und Ich-Erzähler Pietro Guasti aus dem italienischen Bestseller „Acht Berge“ von Paolo Cognetti, der am Montag, 11. September 2017, auf Deutsch herauskam. Im Juli erhielt „Le otto montagne“ den Premio Strega, den renommiertesten italienischen Literaturpreis. Nun erscheint der Roman in über dreissig Sprachen, und verfilmt wird er ebenfalls. Ein Riesenerfolg für ein Bergbuch. Für ein Buch, das in der Bergen spielt. Es geht um beides: Um das Leben, das Überleben in den Bergen, ums Leben überhaupt. Aber es geht zuweilen auch ums Bergsteigen, ums Klettern: „Ich achtete nicht auf die Berge um mich herum. (…) Es gab nur noch den Fels sowie meine Hände und Füβe, bis ich einen Punkt erreichte, an dem es nicht weiter bergauf ging. Erst da merkte ich, dass ich den Gipfel erklommen hatte.“

Ein Buch über die Berge also. Über die einst bewohnten, beackerten, beweideten Berge. Über das, was passiert, wenn der Mensch mit seinen Tätigkeiten und Tieren weggezogen ist. Wenn die Hütten zerfallen. Bis auf die eine Hütte, die der Städter Pietro mit seinem Freund Bruno baut. Bis auf die andere, die der Bergler Bruno renoviert, um in den Bergen zu bleiben, zu leben, zu lieben, ein Auskommen zu finden. Und scheitert.

Vor der Kulisse des Monte-Rosa-Massivs schildert Paolo Cognetti mit poetischer Kraft und prägnanten Sätzen die lebenslange Suche dieser beiden Freunde nach dem Glück. Dem kleinen und grossen. Dem unbewussten als Buben, als sie zusammen spielen lernten im fiktiven Dorf Grana im Valle d’Aosta, wohin die Familie Guasti jeweils im Sommer fuhr. Dem gesuchten, als sie als Erwachsene ein Haus bauten, mitten in der Wildnis in der Nähe eines Bergsees. Und ohne viele Worte Antworten auf die Frage suchten: Was will ich machen, wo will ich bleiben, wohin möchte ich gehen? Bruno verlässt sein Heimatdorf nie und versucht die Käserei seines Onkels wiederzubeleben. Pietro zieht als Dokumentarfilmer in die weite Welt hinaus, magisch angezogen von immer noch höheren Gipfeln. Und kehrt doch wieder in die heimatlichen Berge und zu seinem Kindheitsfreund zurück.

Zurück zum Freund. Aber auch zurück zum Vater. Denn er brachte ihm die Berge näher. „Mein Vater ging auf seine Art in die Berge“: So beginnt das Buch. Und weiter hinten im Roman sagt sich der Ich-Erzähler: „Vielleicht hat meine Mutter recht, wenn sie sagt, dass in den Bergen jeder eine andere Lieblingshöhenlage hat: eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt.“ Dieser Satz steht auch auf der Rückseite des Gedankenbüchleins „Acht Berge“, das als Nebenprodukt zum Roman erscheint. Damit die Leser aufschreiben können, was sie bewegt, wenn sie die Berge aufsuchen, wenn sie Cognettis jüngstes Werk lesen.

Oder das andere, in diesem Frühling auf Deutsch publizierte Buch: „Fontane №1. Ein Sommer im Gebirge“. Tatsächlich verbringt der Autor, der Mathematik studiert, einen Abschluss an der Filmhochschule gemacht und Dokumentarfilme produziert hat, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte, die Sommermonate am liebsten in seiner Hütte im Valle d’Aosta. Ebenfalls ein stimmiges, starkes (Berg-)Buch. Auch hier: Zurück zu den Wurzeln, retour à la nature, ritornare alla montagna. „Der Wind kam in heftigen Böen daher, kräuselte den Wasserspiegel und schob die Wolken zu uns hin, sodass ich in der Hoffnung, einen Unterschlupf zu finden, eine Gruppe Ruinen ansteuerte. Eine der Hütten war in einem besseren Zustand als die anderen: Die Mauern standen zwar schief, hielten aber noch, und auf dem Dach hatte man ein Blech angebracht.“ Es könnte die Hütte von Pietro und Bruno sein.

Also der Ort, von dem Paolo Cognetti den Begriff „Die Schattenseite der Schönheit“ prägte. Das wäre ein passender Titel gewesen. Was es nun aber mit den acht Bergen auf sich hat, sei hier nicht verraten. Selber lesen. Subito!

Paolo Cognetti: Acht Berge. DVA, München 2017, Fr. 26.90, www.dva.de; www.randomhouse.de/Paolo-Cognetti-Acht-Berge-DVA/Interview/aid75672_14329.rhd

Paolo Cognetti: Fontane №1. Ein Sommer im Gebirge. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 22.-, www.rotpunktverlag.ch

Lesereise von Paolo Cognetti im November 2017:
20.11., Italienisches Kulturinstitut, Wien;
21.11. Literaturhaus, Zürich;
22.11., Buchhandlung Bittner, Köln;
23.11., Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Hannover.

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