Aufs Matterhorn von Elba

Eigentlich heisst dieser Berg an der Nordwestküste von Elba Monte Giove, 855 Meter über Meer. Wie geschaffen für den Einstieg in zwei Wanderwochen auf Napoleons Spuren.

«Schau doch auch mal auf die Landschaft und den Weg und nicht nur aufs GPS», mahnt meine Begleiterin. Allerdings, von der Landschaft ist noch wenig zu sehen. Rundum Zwergeichengebüsch, auch mal Kastanien oder Erdbeerbäume oder Totholz mit Efeu überwuchert. Macchia eben. Der Weg ist gut, mit Steinplatten belegt, gesäumt von Trockenmauern. Diente der Bewirtschaftung der Terrassen, die sich hoch hinaufziehen an den Hängen. Überwachsen, verlassen, dem Zerfall geweiht, Relikte einer kargen Landwirtschaft, die der Selbstversorgung der Insel diente. Heute kommt die Nahrung per Lastwagen und Fähre auf die Insel, das Geld aus dem Tourismus. Von uns also.
Schon wieder schaue ich aufs GPS. Zum ersten Mal bin ich mit so einem modernen Orientierungsinstrument unterwegs. Irgendwie habe ich es noch nicht so im Griff, die Einstellungen ändern sich stets, wenn ich es aus dem Hosensack ziehe. Wird sich schon geben, man war ja mal technisch gebildet. In Elba können gelegentlich plötzliche Nebel einfallen, habe ich gelesen, wie sich dann orientieren in diesem botanischen Labyrinth? Ich habe ein Wanderbüchlein gekauft, mit genauen Beschreibungen, die ich auch als Tracks herunterladen konnte. Rote Linien auf dem kleinen Bildschirm mit einem Pfeil, der zeigt, wo wir uns gerade befinden. Dazu Karten, also Orientierungshilfen im Überfluss. Nun sind wir auf gutem Weg, aber der Pfeil zeigt plötzlich neben den Track. Doch wo Track ist, ist kein Weg. Fake News also auch hier? Irgendwann sind wir dann wieder auf Track. Auch die Wegnummern, die gelegentlich auftauchen, stimmen mit denen im Wanderbüchlein nicht überein. Wie wir später erfahren, hat die Verwaltung des Naturparks «Parco Nazionale dell’ Archipelago Toscano» vor Kurzem alle Wege umnummeriert.

Nun ja, um es vorweg zu nehmen: wir haben den Gipfel gefunden und auch ein weiteres Dutzend Wanderwege, gelegentlich sogar dank meines kleinen Geräts, auf das ich nicht immer nur blicke, aber doch gelegentlich. Sicher ist sicher.
Nach einem Aussichtspunkt stossen wir auf den Kreuzweg zum Sanctuario Madonna del Monte mit Kirche, Rastplatz und zu dieser Jahreszeit noch geschlossener Bar. Napoleon hat sich hier wohl mal herumgetrieben, lesen wir auf einer Tafel. In der Nähe gibt’s bizarre Felsgebilde mit ein paar Kletterrouten, die wir zwei Tage später besichtigen, doch bleiben Seil, Klettergürtel und Expressen im Rucksack und das für den ganzen Rest unserer Inselferien. Nicht so unser Stil, finden wir. Zu kurz, zu hart, zu rau für die Finger.
Weiter also, durch Buschwald und Schrofen hinauf aufs Elbaner Matterhorn! Ein schön geformter Doppelgipfel, der eine mit telematischen Metallkonstruktionen bestückt und eingezäunt, der andere in leichter Blockkraxelei zugänglich für einen ersten Höhepunkt unserer Wanderferien. Während wir uns dem in gemächlichem Berglerschritt nähern, ausgerüstet wie für einen Dreitausender in den Alpen (aber wenigstens ohne Wanderstöcke!), überholen uns junge Leute in kurzen Hosen und leichten Schuhen und mit wenig Ballast.
Dann fällt der Blick weit übers Ligurische Meer im Norden, über das wir einen Gruss nach Finale schicken, Korsika im Westen liegt leider im Dunst. Nebenan der Monte Capanne, mit 1018 Metern höchster Gipfel der Insel, auch der bestückt mit viel Antennengerüst, einer Bar mit Aussichtplattform, einer Seilbahnstation für ein lustiges und luftiges Transportmittel mit schmalen Körben, in die zwei Menschen oder – wie wir zwei Tage später feststellen – ein Mensch und ein Hund passen. Sofern der Hund will natürlich.
Monte Capanne und viele andere Ziele liegen also noch vor uns. Schöne historische Wanderwege auch und solche, die vom vielen Wandern und Biken und von wühlenden Wildschweinen zerstört worden sind, von der Erosion ausgewaschen zu zwei Meter tiefen Runsen. Das vielleicht einer der Wermutstropfen während unserer Zeit auf der Insel.
Den Kletteführer haben also nicht gebraucht, und doch hat er uns zu einem Ziel geführt. Der feinen und freundlichen Pensione Da Annamaria in Chiessi an der Costa del Sole im Südwesten, Ausgangspunkt für schöne Wanderungen und allenfalls auch Kletterrouten. Und Ort für feines Essen. Was wieder einmal beweist: Die beste Unterkunft findest du nicht im Wanderbüchlein oder Touristenguide, sondern im Kletterführer.

2 Kommentare to “Aufs Matterhorn von Elba”

  1. bergfuchs17 sagt:

    Emils witzigen Blog lese ich immer wieder gerne. Zum Thema Alpinwandern, einem vielseitigen und abwechslungsreichen Bereich des Alpinismus, sind mir aber wiederholt Äusserungen aufgefallen, die ich einmal kommentieren möchte. Die Entwicklung der alpinistischen Ausrüstung hat in den vergangenen Jahren enorme Sicherheits- und Komfortvorteile hervorgebracht, denen EZ eine konstante Verweigerungshaltung entgegenbringt. Es ist allgemein bekannt, dass auf vielen Mittelmeerinseln zu dieser Jahreszeit eine leichte, funktionale Ausrüstung angezeigt ist. Dazu gehören auch kurze Hosen und leichte Treckingschuhe. Wenn der Körper schmachtet, leidet auch die Seele und auf Elba gibt’s ja keine Dreitausender.
    Treckingstöcke sind für EZ auch ein NoGo. Kenner wissen aber schon lange die Vorzüge beim richtigen Einsatz zu schätzen: Erhöhte Sicherheit im anspruchsvollen Gelände, Schonung der Beinmuskeln und -Gelenke, gleichmässiger Bewegungsablauf und die sonst schlaff herabhängenden Arme sind für die bessere Durchblutung und Stärkung der Arm- und Schultermuskeln dankbar.
    Die GPS Ortung in weglosen Gebieten leistet schon seit über 14 Jahren wertvolle Dienste, das sind mehr als 4 Gerätegenerationen. Der Begriff «modernes Orientierungsinstrument» wirkt da nicht ganz zeitgemäss. Allerdings will die Technik dahinter durchschaut sein und das Handling muss fast wie im Schlaf gelingen. Es braucht sehr viel Verständnis, Übung und Geduld. Andernfalls wird aus dem vermeintlichen Helfer plötzlich eine Gefahrenquelle. Der kürzliche Fall anlässlich einer Skitour im Arolla-Gebiet zeigt das deutlich. Der Bergführer hat mit seinem ungeeigneten und funktionsuntauglichen Gerät den Tod von 7 Menschen mit verschuldet.
    Ich wünsche Emil noch viele schöne Wanderungen im Mittelmeer- und Alpenraum, hoffentlich bald mit einer funktionalen Ausrüstung und bestens vorbereitet, damit die faszinierenden Erlebnisse auch zu einem vollen Genuss werden.

  2. admin sagt:

    Lieber Bergfuchs
    Dein Kommentar hat mich sehr gefreut, ruft aber doch nach kleinen Korrekturen. Dass ich mich als passionierter Sportkletterer modernen Entwicklungen verweigere, kann ja wohl nicht sein. Auch wenn ich beim Wandern lieber die Hände frei habe als dass ich über Stöcke stolpere. Gerade in anspruchsvollem Gelände, wo man gelegentlich auch die Hände braucht, sind Stöcke ein Risiko. Ich besitze übrigens Stöcke, brauche sie aber nur selten.
    Während zwei Tagen unserer Wanderwochen in Elba war es so kalt, dass wir froh warem um Windjacken, Faserpelz und die langen Hosen.
    Mit dem GPS habe ich mich schliesslich recht gut zurecht gefunden, auch wenn das Handbuch dazu leider sehr mangelhaft ist. Ich glaube, nachdem man sich während Jahrhunderten anhand von Sonne und Sternen, Karte und Kompass orientiert hat, darf man ein GPs doch wohl als modernes Instrument bezeichnen.
    Herzlichst
    Emil

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