Bergfieber

Sie hiess Lucia und man sagte, die Bergsteiger seien nur in die Sciora gekommen wegen ihrer schönen Stimme, wenn sie sang. Sicher ist jedenfalls, dass die Gastlichkeit von Berghütten nicht durch die Solaranlage und das Kompostklo geschaffen wird, sondern durch den Geist der Bewartung. Und da bringen die Hüttenwartinnen doch eine ganz besondere Note ins Gebirge, wie die Porträts von Daniela Schwegler zeigen. Warum nicht mal frische Brennesselsuppe?

Bergfieber_Titel„Ich koch gerne frische Gerichte für unsere bis zu vierzig Gäste, das ist mir wichtig, und ich habe das Gefühl, die Leute schätzen das. Und ich staune immer, mit wie wenigen Zutaten man etwas Leckeres zubereiten kann. Ich habe ja hier nicht weiβ was für eine riesige Auswahl. Aber wir machen zum Beispiel oft Brennnesselsuppe. Das ist noch lustig, quasi etwas Frisches, das du aber gar nicht rauffliegen musst – die wachsen hier ringsherum. Dann schicke ich die Hüttengirls mit Schere und Handschuhen zum Ernten in den wilden Garten hinterm Haus. Auch Spätzli mit Brennnesseln kommen häufig auf den Tisch.“

Sagt Silvia Hurschler Bieri, Seniorenpflegerin, Kinderskilehrerin, Gründerin und Geschäftsführerin von „PB made in Engelberg“, seit einem Jahr Hüttenwartin der Spannorthütte (1956 m) im Engelbergertal. Und eine der zwölf porträtierten Hüttenwartinnen im neuen Buch von Daniela Schwegler. Ihr erstes, 2013 erschienenes Buch „Traum Alp. Älplerinnen im Porträt“ ist ein Erfolgstitel, vor kurzem kam die 4. Auflage heraus. Nun eben die Hüttenwartinnen. Frauen also, die meistens noch höher oben als die Älplerinnen Beruf und Berufung gefunden habe. Wie Anne-Marie Dolivet in der Cabane Bertol (3311 m), einem Adlerhorst scheinbar verloren in den Walliser Alpen. Oder Sarah Benz in der Konkordiahütte (2850 m), umgeben von Eis und Fels und Alpinisten, aber ebenfalls vom Mann und den beiden Kindern. Ringsum faszinierende Arbeits- und Lebensplätze, auch wenn es „nur“ die Hundwiler Höhe (1309 m) im Appenzell ist, wo Marlies Schoch, die „beste Wirtin der Nation“, seit 1971 Gäste aus Nah und Fern bewirtet.

Wie schon in „Traum Alp“ gelingt es Daniela Schwegler eindrücklich, die Frauen zu porträtieren, zu beschreiben, sie vor allem selbst zu Wort kommen zu lassen, erweitert durch Wortmeldungen von Partnern und Gästen. Das Ganze perfekt ergänzt und abgerundet durch die Farbfotos von Stephan Bösch und Vanessa Püntener. Eine Lese- und Augenschmaus, und natürlich auch einer, wenn die Hüttenwartinnen ihre Gerichte auftischen. Und das sind die Hütten, wohin wir demnächst aufbrechen sollten: Bertol, Mutthorn, Konkordia, Gauli, Trift, Spannort, Cavardiras, Fridolins, Jenatsch, Cluozza, Spitzmeilen und Hundwiler Höhe. Infos zu den Hütten und ihren Zugängen, Tourentipps und thematische Extras runden die Porträts ab.

Nochmals zurück auf die Spannorthütte der Sektion Uto des Schweizer Alpen-Clubs. Eine altehrwürdige Hütte aus der Pionierzeit. Das stille Örtchen noch draussen. Auch die Hüttenwartin muss es aufsuchen: „Wenn ich in zehn Minuten nicht zurück bin, bin ich die Treppe runtergeflogen. Es stürmt ordentlich!“ Wieder zurück, gerät sie – so schreibt Daniela Schwegler – ins Schwärmen über ihr Toilettenhäuschen. Wenn man dort drin sitze und die obere Hälfte der Tür geöffnet lasse, habe man freie Sicht auf den Titlis und aufs Engelbergertal.

Auf der Hütte oben ist das Leben faszinierend anders als im Tal. Mit „Bergfieber“ sind wir ganz nah daran. Noch näher kommen wir nur mit einem Hüttenbesuch.

Daniela Schwegler: Bergfieber. Hüttenwartinnen im Porträt. Mit 180 Farbfotos von Stephan Bösch und Vanessa Püntener. Rotpunktverlag, Zürich 2015, Fr. 38.-

Die Vernissage mit der Autorin Daniela Schwegler sowie mit dem Fotografen-Duo Stephan Bösch und Vanessa Püntener findet am Donnerstag, 30. Juli, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern statt. Im Gespräch mit Sarah Galatioto, Präsidentin der SAC-Sektion Bern, erzählen die drei über ihre Arbeit an dem Buch, dazu führen Lesung und Fotos hinauf auf die Hütten!

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