Bergkameraden

Ein altes Wort ist es, das diesen Buchtitel ziert. Frauen mitgemeint? Auf dem Umschlagfoto sitzt zwischen den Bergkameraden auch eine Bergkameradin. Hat sie die Autorin, Hochschulreferentin für Gleichstellung und Diversität, übersehen? Während der 150 Jahre, über die sie die sozialen Nahbeziehungen unter Bergsteiger/-innen verfolgt, sind Frauen im Alpinismus meist übersehen worden von den Kameraden.

„Dies also ist der Gipfel! Ein flaches Schneedach, nicht viel länger als das eines Häuserblocks, aber doch zu groβ, als daβ wir von unserer Grube aus seine Ränder überblicken könnten. Dichter Nebel umstellt uns.
Mir ist, als ob ich zuviel Nebel eingeatmet hätte. Ich fühle mich matt, ein biβchen schattenhaft. Der Kamerad ist mir fern, und ich selber bin mir merkwürdig undeutlich.“

Gipfelgefühle auf der Aiguille Verte (4122 m), nach einer unvorhergesehenen Biwaknacht zuoberst im Whymper-Couloir. Festgehalten von Jürg Weiss im Bericht „Das Biwak an der Aiguille Verte“ aus dem Buch „Bergkameraden. Mitglieder des W.A.C. erzählen“, das Weiss und Oskar Hug gemeinsam 1939 im Orell Füssli Verlag herausgaben. Mit dabei in dem 1937 gegründeten Westalpen-Club, der eine Elite damaliger Alpinisten der Schweiz und angrenzender Länder versammelte, Emile R. Blanchet, Günter Oskar Dyhrenfurth, René Dittert und Marcel Kurz. Alle Bergsteiger, die Pickel und Feder gleichermassen gekonnt führten.

Um Berichte von Alpinisten geht es auch in der Publikation „Bergkameraden. Soziale Nahbeziehungen im alpinistischen Diskurs (1860–2010)“ von Wibke Backhaus, erschienen als Band 67 der Reihe „Geschichte und Geschlechter“ im Campus Verlag. Die Autorin, Referentin für Gleichstellung und Diversität der Hochschule Heilbronn, hat die deutschsprachige alpine Literatur dahin befragt, „wie soziale Nahbeziehungen ‚am Berg‘ verhandelt wurden“, so der Text auf der Buchrückseite. „Deutlich werden dabei vor allem die enorme Wandelbarkeit und der umkämpfte Charakter alpinistischer Entwürfe von Identität und Gemeinschaft.“ Weder „Bergkameraden“ noch „Klippen und Klüfte“ von Jürg Weiss wurden in den Korpus von 83 Bergbüchern aufgenommen, welche die Materialgrundlage der Arbeit von Backhaus bilden.

Die Beziehungen der Seilgefährten werden chronologisch untersucht: Vom manchmal ungleichen Verhältnis zwischen Bergführer und Gast zum Aufkommen des führerlosen Bergsteigens, von den Kameradschaftserzählungen des Dolomitenkrieges zu den Gemeinschaftsentwürfen der Bergliteratur der 1930er Jahre, von den Revisionen dieses Kameradschaftsideals in den 1950er Jahren bis zur gegenkulturellen Wende im Bergsport um 1980 und zur Kommerzialisierung im Expeditionsbergsteigen ab Ende der 1990er Jahre. Ganz schön spannend, welche Veränderungen die Bergkameraden da durchmachen – oder auch nicht. Und wie die Bergkameradin trotz aller Emanzipationsbestrebungen am Seil immer noch hinten her klettert. Nicht immer ganz leicht lesbar, nicht immer ganz fehlerfrei. Gerade der Kameradschafts- und Geschlechterdiskurs beim Sport- und Hallenklettern sowie beim Bouldern wäre ein paar Untersuchungen und Überlegungen wert; das Problem ist nur, dass die heutigen Kletterer kaum zur Feder greifen… Am Schluss des Buches hat Wibke Backhaus ein biografisches Verzeichnis von Bergsteigern und Alpinistinnen zusammengestellt, die in ihrem Buch eine Rolle spielen. Aber da fehlen ausgerechnet Christine de Colombel und Elisabeth Dabelstein, aus deren Werke oft zitiert wird.

Und noch eine Anmerkung sei erlaubt. Wenn die schicksalshafte Begegnung in der Eigernordwand am 22. Juli 1938 thematisiert wird, müssten neben der Schilderung aus dem nazi-gefärbten Buch „Um die Eigernordwand“ auch spätere berücksichtigt werden. Anderl Heckmair 1938: „Wir drückten uns herzlich die Hände und von diesem Moment an waren wir nur noch eine Seilschaft. ‘Wir werden jetzt zusammen gehen und passieren darf nichts!’ Ist es nicht wie eine Fügung? Zwei Münchener gingen einst mit zwei Österreichern in den Tod. Zwei Österreicher gehen jetzt mit zwei Münchenern in den Sieg.“ Ganz anders stellte der Münchner Heckmair diese Begegnung mit den Österreichern Kasparek und Harrer in „Die letzten Probleme der Alpen“ von 1949 dar: „Ich machte sie darauf aufmerksam, daß sie bei diesem Tempo wenig Chancen hätten, durchzukommen und riet ihnen zum sofortigen Rückzug. Kasparek hatte aber auch seinen Dickkopf. ‘Wir werden es schon packen, wenn wir auch etwas länger brauchen!’ meinte er. Es war eine heikle Minute, und unser Entschluß sehr schwerwiegend: Sollten wir an ihnen vorbei und weiter stürmen und sie, die Kameraden, ihrem Schicksal überlassen. Vörg, der weitaus gutmütigere von uns beiden, fand das erlösende Wort: ‚Es ist wohl das Beste, wir schließen uns zusammen und bilden eine Seilschaft!‘“ Im Buch „Mein Leben als Bergsteiger“ von 1972 ergänzte Heckmair gar: „Ich wollte keinen Streit anfangen, doch meine Einwilligung war ziemlich widerwillig.“

Wibke Backhaus: Bergkameraden. Soziale Nahbeziehungen im alpinistischen Diskurs (1860–2010). Campus Verlag, Frankfurt aM 2016, € 45.- www.campus.de

Wer sich für das Leben und Werk von Jürg Weiss interessiert, greift zu Emil Zopfis „Dichter am Berg. Alpine Literatur aus der Schweiz“ (AS Verlag 2009).

Kommentar abgeben