Bergzauber, Wurzelspuk und Wolfsgeheul

Kreidolf, der Wolf mit der Kreide im Maul. Der Illustrator und Künstler, der Generationen von Kindern mit Alpenblumen in Menschengestalt begeisterte. Die Bernburger rufen uns erwachsenen Kindern den beinahe Vergessenen wieder in Erinnerung. Und unser Rezensent erinnert an das Alpine Museum in Bern, das hoffentlich nicht so bald dem Vergessen anheimfällt.

Wir waten im Sumpf
Ohne Schuh und Strumpf,
Nass bis zum Rumpf,
pfitsch, pfatsch ist Trumpf.

Ein lautmalerischer Vers zum Wetter dieser letzten Juliwoche 2017 auf der Alpennordseite? Ein Politreim zum angeblich mächtigsten Mann der Welt? Sumpf und Rumpf jedenfalls passten bestens, und dass er manchmal ungewollt (oder auch gewollt) barfuss da steht, eigentlich ebenfalls. No, something else: Der Berner Maler, Dichter und Bilderbuchkünstler Ernst Kreidolf (1863–1956) verfasste die nassen Zeilen zum Bild „Sumpfblumen“ in seinem Buch „Alpenblumenmärchen“, das 1922 im Zürcher Rotapfel-Verlag erschien. Zusammen mit den 1916 entstandenen „Wintermärchen“ ist es das bekannteste Werk von Kreidolf. Unzählige Kinder, Eltern und Grosseltern erfreu(t)en sich an den Alpenblumen in Menschengestalt bzw. den Figuren als Blütenpflanzen. Wunderbar, wie elegant die wasserliebenden Blumen durch den Sumpf waten. Herzerwärmend, wie die Arnika verletzte Heuschrecken pflegt. Fast beängstigend, wie Eisenhut und Rittersporn als kriegerische Gestalten Seite und Szene beherrschen. Gezeichnete und gedichtete Geschichten, die man so schnell nicht vergisst.

Unter dem Titel „Bergzauber und Wurzelspuk“ widmen sich ein Buch und eine Ausstellung im Schloss Spiez dem Leben und Werk von Ernst Kreidolf. Er wurde 1863 als Sohn eines Kaufmanns in Bern geboren. Von 1879 bis 1883 absolvierte er eine Lehre als Lithograf in Konstanz. Ab 1883 besuchte er die Kunstgewerbeschule in München und ab 1889 die dortige Akademie der Bildenden Künste. Seinen Lebensunterhalt bestritt er damals mit dem Zeichnen von Verbrecherporträts für das „Münchener Fahndungsblatt“. Seit 1898 illustrierte er überwiegend Kinderbücher, für die er zum Teil auch die Texte selbst schrieb. 1918 siedelte er endgültig nach Bern über. Er liegt auf dem Berner Schosshaldenfriedhof begraben, wie Paul Klee, Karl Walser und Joseph Viktor Widmann.

Das neue, gediegen gemachte Buch ist der neunte Band der Schriftenreihe Passepartout, welche die Burgerbibliothek Bern herausgibt. Bei ihr ist der schriftliche Nachlass von Kreidolf aufbewahrt. Schöne Sachen sind da zu entdecken. Beispielsweise das Aquarell „Über dem Gewitter“, das einen Älpler zeigt, der ohne Schuhe auf einem Grasabsatz über dem Abgrund liegt, entspannt eine Pfeife rauchend. Unter das Bild setzte Kreidolf ein Zitat von Angelus Silesius:
„Wer über Berg und Tal und dem Gewölke sitzt,
Der achtet’s nicht ein Haar, wenns donnert, kracht und blitzt.“

Schön wär’s, sässe man dort oben. Aber gerade in Bern liegt man mitten im Gewitter. Jedenfalls im Alpinen Museum der Schweiz, das mit der Burgerbibliothek Bern durch die Kirchenfeldbrücke verbunden ist. Genau heute vor einer Woche gab das Bundesamt für Kultur (BAK) im Rahmen seiner neuen Museumspolitik bekannt, das Alpine Museum künftig nur noch mit 250’000 Franken pro Jahr statt wie bisher mit 1’020’000 Franken zu unterstützen: ein  Schnitt um 75 Prozent, der die Existenz des Hauses am Helvetiaplatz in Frage stellt. Ein ebenso unverständlicher wie nicht nachvollziehbarer Entscheid für ein Museum, das sich als nationale Institution mit dem sozusagen urschweizerischen Gut der Alpen klug und kritisch auseinander setzt, das die Welt der Schweizer Berge archiviert und modern aufbereitet. Und das in den letzten fünf Jahren deutlich mehr Publikum, eine landesweite Medienresonanz und international Anerkennung gefunden hat.

Das Alpine Museum der Schweiz und mit ihm zahlreiche Leute und Institutionen im In- und Ausland – wollen den Entscheid des Bundesamtes für Kultur so nicht hinnehmen. „Der BAK-Entscheid ist hoffentlich nicht das Ende, sondern ein Anfang“, schreiben Direktor Beat Hächler & das alps-Team in ihrem Newsletter. „Auf uns kommt in den nächsten Monaten viel Arbeit zu: Wir müssen auf verschiedenen Ebenen für die Zukunft unseres Hauses kämpfen, Allianzen schmieden und Mehrheiten finden. Viele alps-Fans haben uns in den letzten Tagen gefragt, was sie für uns tun können. Im Moment ist uns am besten damit gedient, wenn Sie auf unsere Situation aufmerksam machen. Wenn Sie Leserbriefe schreiben. Wenn Sie in ihrem Umfeld erzählen, dass das Alpenland Schweiz auch künftig ein Alpines Museum braucht: Ein Ort, wo die grossen Herausforderungen unserer Zeit auf innovative Art und Weise zum Thema gemacht werden.“

Und wenn Sie natürlich das Museum am Helvetiaplatz besuchen. Zum Beispiel die noch bis zum 1. Oktober 2016 laufende Ausstellung „Der Wolf ist da. Eine Menschenausstellung“. Geht es um den Wolf, gehen die Emotionen der Menschen bekanntlich hoch. Vermeintliche Stadtromantiker stehen „sturen Berglern“ in einer polarisierten Debatte um die Rückkehr des Wolfs auf Schweizer Boden gegenüber. Was machen wir mit dem Wolf? Was macht der Wolf mit uns?

Ernst Kreidolf hat vor gut 100 Jahren eine Antwort darauf gefunden. Auf seinem Exlibris zeichnete er seinen Namen als Wolf, der mit einem Stück Kreide im Maul die Erdkugel umkreist.

Burgerbibliothek Bern (Hrsg.): Ernst Kreidolf. Bergzauber und Wurzelspuk. Passepartout. Schriftenreihe des Burgerbibliothek Bern, 2017, Fr. 39.90, www.burgerbib.ch

Ernst Kreidolf: Alpenblumenmärchen. NordSüd Verlag 2016, Fr. 24.90. Die Originalausgabe erschien 1922 im Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich; auf zvab.com bereits ab € 46.50 zu finden.

Bergzauber und Wurzelspuk. Ernst Kreidolf und die Alpen. Die Ausstellung im Schloss Spiez versammelt Werke aus verschiedenen Schaffensperioden. Originaldokumente aus der Burgerbibliothek Bern ergänzen das Bild des Künstlers und seiner Alpenrezeption. Bis zum 8. Oktober 2017, www.schloss-spiez.ch. Vom 26.11.17 bis 25.2.2018 gastiert die Schau im Kunstmuseum Appenzell.

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