Thema: Volkens Bild der Woche
Eine Lärche, am Weg von der Chamona d’Ela nach Filisur. Festhalten wollte ich sie nicht, das tönt nach Festnehmen (oder Einfrieren). Ich hab sie laufengelassen.
Bei Filisur, 3. November 2011.
Fragt mich nicht, was man auf dem Bild sieht. Ich stand einfach auf dem Vorgipfel des Legnone, hoch über dem Comersee. Und hab ein bisschen in alle Richtungen fotografiert. Könnte den Gipfel vermutlich auch bestimmen, aber soll ich denn? Im Moment reicht es mir zu wissen, dass er 111015_0075_legnone.dng heisst und sich auf Festplatte 1 befindet. Und dass die Datei etwas vorgaukelt: das Festhalten eines verflüchtigten Augenblicks. Etwa so wie das Büsi, das sich im Quartier rumschleicht und alle unwiderstehlich anlächelt, sich aber nie fassen lässt. Wozu sollte es dann einen Namen haben?
Legnoncino, 15. Oktober 2011.
Lange ist es her, seit dem letzten Bild der Woche. Bloss: Wie all die unzähligen Dinge und Ansichten und Berge und Landschaften, die mir im letzten Monat passiert sind, mit einem einzigen Bild erzählen? Geht nicht. Also nichts überlegen, ein Bild von gestern rauspicken – angetroffen spätnachmittags auf dem Heimweg vom Üetliberg – und ins Netz stellen. Und wenn ich es ein wenig genauer betrachte, mit all den Details, kleineren und grösseren: Es fasst meinen September gar nicht so schlecht zusammen.
Rütschlibach, 2. Oktober 2011.
Hoch oberhalb Kandersteg, auf einem Plateau unweit des Jegertosse auf 2180 m, taucht plötzlich ein Bahngleis auf. Eine kurze Untersuchung vor Ort zeigt: Die Schienen verbinden ein Ensemble alter Lawinenverbauungen mit einem rund 300 Meter dahinter liegenden Felssturzgebiet. Vermutlich wurde die kleine Feldbahn (Spurweite ca. 60 cm) also installiert, um die Blöcke des Sturzgebiets zur Baustelle der Lawinenmauern zu transportieren. Möglicherweise zur Zeit der Eröffnung des Lötschbergtunnels – die Verbauungen gelten nämlich einem Lawinenzug, der genau beim Tunnelportal ausmündet. Kennt jemand Details zu dieser Geschichte?
Jegertosse, 3. September 2011.
Im Abstieg vom Alphubel ein Blick zum Täschhorn, dessen riesige Masse unter den Wolken nur ansatzweise zu erahnen ist. An seinem Fuss die Blechkiste des Mischabeljochbiwaks: ein behagliches Hüttlein, das ausgezeichnet Schutz vor Wind und Kälte bietet, wie wir am Tag der nationalen Sturm- und Unwetterwarnung mit Genugtuung feststellen durften.
Mischabeljochbiwak, 27. August 2011.
Gletschermilch. Ein recht poetisches Wort. Im Wesentlichen besteht sie aus a) Sand, das den Bergen weggefräst wird, und b) Gletscher, die uns davonschmelzen – bei der herrschenden Hitze übrigens im gschtreckten Galopp. Der Sand wird sich im Meer ablagern; Wolken werden hingegen das Wasser den Alpen wieder rückerstatten – aber nicht im vollen Umfang. In 50 Jahren werden die meisten Gletscher wohl weg sein. Und die Berge keine Milch mehr geben. Ganz einfach weil wir das so wollen.
Maderanertal, 23. August 2011.
Sie war gewiss abenteuerlich, die Erstbesteigung der Jungfrau 1811. Passend dazu boten auch die Festivitäten der vergangenen Tage etwas Abenteuer. Abenteuerlich war etwa, dass die ganzen Feierlichkeiten auf der Berner Seite stattfanden – auf jener Seite also, die bei der Erstbesteigung keine Rolle spielte (und sich die Besteigung der Jungfrau nicht einmal vorstellen konnte). Abenteuerlich auch, dass ein grosser Bergsportmaterial-Hersteller das Jubiläum für eigene Werbezwecke einspannen durfte. Deshalb – sozusagen als kleines Gegengewicht – ein Bild des Aletschgebiets (ja, auch unsere Jubilarin ist darauf zu sehen) von der Walliser Seite her. Und ganz ohne Rüsseltiere.
Eggishorn, 31. Juli 2011.
Emil schrieb darüber, unter bergliteratur.ch/salbit-sud. Und so sieht die Sache also im Profil aus.
Horefellistock, 11. Juli 2011.
Worte können sich abnützen, Sprachbilder mit der Zeit zu Klischees erodieren, Redewendungen abgedroschen tönen, abgeleiert, abgegriffen. Wie: die Hütte ein Adlerhorst. Aber manchmal stimmen sie eben doch ein wenig.
Lohnerhütte, 6. Juli 2011.
Die Berge besitzen jene Bedeutung, die wir ihnen zumessen; denn von sich aus wären sie bloss ein Haufen Steine. Das ist von Walter Bonatti. Und ebenfalls von ihm ist: Erst später, viele Berge später habe ich begriffen, dass das der schönste Granit der Welt ist. Er meinte das Bergell. Und er musste es ja wissen.
Gruppo Sciora, Val Bondasca, 3. Juli 2011.

