Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933-1945

Eine Chronik zum Bergsteigen und Wandern in der Sächsischen Schweiz während der Hitlerjahre zeigt, wie ein erschreckend grosser Spalt zwischen sportlichem und gesellschaftlichem Tun klaffen kann.

12. September 1943
Der Dresdner Naturfreund Heinz Hempel (geb. 1912) verstirbt 31-jährig im KZ Sachsenhausen. 1933 war er im KZ Königstein-Halbestadt bzw. im KZ Hohnstein inhaftiert. 1934 wurde er im Prozess mit Arno Straube zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt.

13. September 1943
Das Mitglied des „T.C. Wanderlust Dresden“, Erich Bönhardt, erliegt einem tödlichen Absturz am Seekopf im Verwall.

Zwei Todesmeldungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und wie sie leider in Deutschland und in angrenzenden Ländern während der nationalsozialistischen Diktatur an der Tagesordnung waren. Nicht der Tod am Berg. Sondern der gewaltsame Tod, zum Beispiel in einem Konzentrationslager, wie für Heinz Hempel vor 75 Jahren. Der 1934 mitverurteilte Arno Straube überlebte das KZ, nicht aber den Bombenangriff der Alliierten auf Dresden im Februar 1945.

Schwierige und schlimme Zeiten, die der Dresdner Alpinismushistoriker Joachim Schindler umfassend und minutiös aufgearbeitet hat. Seine „Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945“ schildert Jahr für Jahr und Tag für Tag, was damals im Klettereldorado Elbsandsteingebirge und in Dresden passiert ist: nicht nur klettersportliche Exploits wie die erste Durchsteigung der Schrammtorwächter-Nordwand, sondern die Machtergreifung der Nazis, die Zerschlagung der Opposition, die Ermordung der Juden, der Zweite Weltkrieg. 2500 Einträge, 1100 Bilder, Zeitungsausschnitte und Dokumente sowie 1700 Personen, die irgendwie an der Wander- und Bergsteigerbewegung Sachsens beteiligt waren; eine unglaubliche Fülle auf 376 Seiten.

Nur eine Seite nach den beiden oben zitierten Ereignissen vom September 1943 ist das Feldurteil vom 3. November abgebildet, darin zwei angeklagte Soldaten wegen Fahnenflucht zum Tod verurteilt werden; Verhandlungsleiter war der Kriegsgerichtsrat Rudolf Fehrmann, der, so lesen wir in der Chronik, die Vollstreckung anderer Todesurteile beaufsichtigte. Nun muss man aber wissen, dass dieser Rudolf Fehrmann, ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, der Übervater des Kletterns in der Sächsischen Schweiz ist, mit zahlreichen Erstbesteigungen und –begehungen sowie als Verfasser des ersten Kletterführers für diese berühmten Sandsteinnadeln (1908); die zweite Auflage von 1913 legte die Kletterregeln fest, die heute noch mehrheitlich gelten. Drei Routen sind nach ihm benannt: der „Fehrmannweg“ am sächsischen Mönch, der „Fehrmannkamin“ an der Kleinen Zinne und die „Fehrmannverschneidung“ am Campanile Basso. Zwischen sportlichem und gesellschaftlichem Tun klafft halt oft und immer wieder ein erschreckend grosser Spalt.

Und solche Risse öffneten sich gerade im Dritten Reich. Es gab aber auch Kletterer, die sich gegen die diktatorischen Verhältnisse stemmten und die mit dem Leben davonkamen. Die Brüder Max und Erich Joppe, Mitglieder des Klubs „Felsenstern“ und Erstbegeher einiger Routen in der Sächsischen Schweiz, malten in der Nacht nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 an der Bahnüberführung beim Dresdner Hauptbahnhof eine Antikriegslosung an: „Nieder mit Hitler, nieder mit dem imperialistischen Krieg“ – und das in unmittelbarer Nähe des Dresdner Gestapositzes.

Die neue Publikation ist der dritte Teil der Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz; Teil 1 umfasst die Jahre 1864 bis 1918, Teil 2 1919 bis 1932. Nun arbeitet Joachim Schindler an der Fortsetzung.

Joachim Schindler: Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945. Sächsischer Bergsteigerbund (SBB), Dresden 2017, € 23.- Erhältlich beim SBB: www.bergsteigerbund.ch

Ein Kommentar to “Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933-1945”

  1. admin sagt:

    Fehrmannweg, Fehrmannkamin, Fehrmanverschneidung: jene Alpenfreunde, die über politische Korrektheit von Namen wachen, müssten jetzt aufschreien! Fast schlimmer noch als das Horn des Rassisten Agassiz erscheinen diese «Ehrungen» für einen Justizmörder eines Kriegsgerichts der Nazis. Ich weiss, die Meinungen gehen auseinander. Soll man die Namen lassen, um eben daran zu erinnern, dass Bergsteigen nicht nur ein unschuldiges Hobby von besseren Menschen war? Im gegenwärtigen politischen Klima wäre die Diskussion wohl explosiver Zündstoff. Überlassen wir sie den Lokalen, aber gut, gibt es diese Chronik von Joachim Schindler, der offenbar nichts schön färbt. Emil Zopfi

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