Den Drachen besiegen

Am Balladrum stossen wir unverhofft auf eine Spur des Tessiner Sportkletterpioniers, Bergführers und Autors Luca Sganzini.

Die Sonne heizt schon am Morgen die Wand im Wald unterhalb des Balladrum auf. Nur die linke Kante liegt noch im Schatten. Etwas abdrängend der Einstieg, dann um die Kante, leichter über einen Gneisrücken, ein versteinerter Drachenrücken. Wir haben ihn besiegt! «Sconfiggere il Drago» heisst die Route. Es ist der Titel des einzigen Buchs von Luca Sganzini, der jetzt 65 Jahre alt wäre – im November 1979 ist der Tessiner Jurist, Autor und Bergführer im Hohen Atlas beim Abseilen zu Tode gestürzt. Es war ein Schock für die Tessiner Kletterszene, war doch Luca einer der Pioniere, aktiv vor allem in den Denti della Vecchia bei Lugano, wo er aufgewachsen ist. Aber auch auf schwierigen Routen in den Dolomiten. Er war einer der Ersten, die systematisches Training im Klettersport einführten und darüber publizierte. Als Teilnehmer der ersten Tessiner Himalayaexpedition erreichte er am 18. Oktober 1978 den Gipfel des Pumori. Im September 1979 erhielt er das Diplom als Bergführer.
Freunde gaben nach seinem Tod zur Erinnerung das Buch «Sconfiggere il Drago» heraus (Edizioni Bernasconi. Agno 1983), eröffneten in den Denti eine schwierige Mehrseillängenroute mit diesem Namen. Die Familie unterstützte den Bau einer Schutzhütte in den Denti della Vecchia, die «Baita del Luca».
Unsere Route am Balladrum ist nicht so schwierig, aber vermutlich haben sie die Einrichter 1987 ebenfalls im Andenken an Luca so benannt.
Inzwischen scheint die Sonne auch um die Kante, zu heiss zum Klettern. Wir packen Seile, Expressen, Kletterschuhe und Gürtel in den Rucksack, los geht’s zum Kaffee.

Weiterlesen:
Den Drachen besiegen. In: Emil Zopfi: Dichter am Berg. AS Verlag, Zürich 2010

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