Der Grünten im Allgäu

Jetzt, nach tagelangem Schneefall fast überall, vergisst man rasch, dass noch zum Jahreswechsel wenig winterliche Stimmung war. Der tief verschneite Wald, durch den mein Nachmittagsspaziergang heute führte, weckte die Erinnerung an eine kleine Tour vor einem Jahr, als der erste Schnee um dieselbe Zeit gekommen war. Und zwar ausgerechnet an jenem Tag, als ich den Freund, der im Oberbayrischen lebt, zu einer Tour auf halbem Wege traf.

P1050679Es schneite. In Sonthofen und in Burgberg schippten die Leute die Gehwege und warfen Häufen auf, während Christoph und ich, vom Bahnhof kommend, an ihnen vorbeispazierten, dem Grünten zu. Ich war ohne Anspruch an das Ziel und weil das Wetter an diesem Samstag schlecht war, würden wir einfach sehen wie weit und wohin wir gingen. Hauptsache war, dass wir uns zusammengefunden hatten, um einen Tag lang draussen zu sein.

Im Wald, wo wir von der Strasse abzweigten, war bereits eine Spur und unsere Gespräche mussten nicht durch Routensuche unterbrochen werden. So wurde der Wald um uns steiler und der Schnee tiefer. Das pulvrige liebliche Weiss wurde auch deshalb tiefer, weil es weiter und immer weiter schneite. Auf der Veranda des geschlossenen Grüntenhauses hielten wir Mittagsrast und zogen dann, nun spurenlos, eine eigene Trasse ins grosse Weiss tretend, den Hang gegen den Grat hinauf. Dort standen wieder Bäume, die von Schnee und Raureif vollkommen erstarrt waren, die unseren Blicken aber wieder so lange einen Halt gaben, bis die Häuser und Antennen der Sendestation aus den schneienden Nebeln auftauchten. Der Wegweisser zum Übelhorn, hier wegen einer grossen, zu Ehren der Gefallenen errichteten Steinsäule stets nur als Jägerdenkmal benannt, führte unter der Seilbahn hindurch ins Nichts eines steilen Nordhanges, von dem nur zehn Quadratmeter gepressten Schnees zu sehen waren. Schneebrettgefahr? Unsere Alternativroute leitete uns schliesslich über das Dach des Hauses, das beidseits über angehäuften Schnee erreichbar war, direkt unter den Gitterturm der Funkantenne und weiter tastend den schmalen Grat entlang, der von dort wie ein dünner Steg in den Nebel zog. Rundum vollkommene Weisse. Christoph, der voranging, meldete: „Hier ist eine Felsstufe“. Sie liess sich einfach abklettern. Später brach eine Wechte unter seinem rechtem Fuss und verschwand lautlos, zwanzig Meter weiter nochmal dasselbe. Es zeigte uns immerhin, dass wir noch dem Grat folgten. Dieser wurde alsbald wieder breiter und Bäume tauchten auf, dann Felsen, die aus dem Schnee wie Klippen aus dem Sand einer wandernden Düne schauten. Das alles war aber auch still, fast windstill, denn obwohl es hier vor kurzem noch, wie wohl fast immer bei schlechtem Wetter, stürmte, so fiel jetzt auch am Gipfel einfach nur noch Schnee durch Nebel.

Im Abstieg war der Schnee wunderbar. Federleicht, Millionen kleinster Sterntaler, die der Welt, die uns geschenkt wurden. Sie wirbelten um uns wie Glücksgefühle. Und immer mehr von ihnen fielen und segelten herab auf die weichen, weissen Betten der Lichtungen zwischen den Tannen, auf die Hauben der Baumstümpfe, die Geländer laubloser Äste im Bergwald. Auf einmal brach plötzlich die Sonne durch ein kleines, zufälliges Wolkenloch irgendwo anders am Himmel und erhellte die eingewinterte Welt ganz zauberhaft, denn plötzlich fingen für Minuten, in denen wir gebannt stehen blieben, die den Luftraum füllenden weissen Flocken zu leuchten an.

Dann nahmen wir noch den Weg durch die Starzlachklamm. Felswände umgaben uns hier und Wasserrauschen. Die Stege führten unter Reihen scharfer, langer Eiszapfen hindurch, zwischen denen wir uns duckend und windend vorwärts arbeiteten, kleine brachen und wie Buben im Mund zerkauten. An der Eingangshütte sassen wir in einem Unterstand und verzehrten die wieder herabgetragene Gipfelschokolade. Es schneite erneut dichter, und ich hatte das Gefühl, auch friedlicher denn je. Wir verliessen den Wald zur Dämmerung der Nacht und spazierten hinaus zu den Menschen, die schippten, Häufen aufwarfen, warme Lichter in den Stuben entzündeten, welche dann durch die Fenster zu uns heraus leuchteten. Eine friedliche, eine verspätete Weihnachtstour.

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