Die Alpen – whatsalp

In einem «Weckruf» plädiert Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, für die «Wiederentdeckung heimischer Wildnis». Stopp der Vielfliegerei im UNO-Jahr des nachhaltigen Tourismus. Da kommt der besprochene Bildband gerade recht, lenkt er doch unseren Blick wieder einmal auf die gewaltige Naturschönheit vor unserer Haustür. Die man auch noch zu Fuss durchqueren kann: whatsalp, von Wien bis Nizza.

„Vor den Alpen, die in der Entfernung von einigen Stunden hieherum sind, stehe ich immer noch betroffen, ich habe wirklich einen solchen Eindruck nie erfahren, sie sind eine wunderbare Sage aus der Heldenjugend unserer Mutter Erde und mahnen an das alte bildende Chaos, indes sie niedersehn in ihrer Ruhe, und über ihrem Schnee in hellerem Blau die Sonne und die Sterne bei Tag und Nacht erglänzen.“

Schön gesagt von Friedrich Hölderlin. Ist ja auch schon ein paar Jahrzehnte her, dass er die Alpen erblickt hat. Aber seine Betroffenheit ist immer noch verständlich und nachvollziehbar, ob man jetzt die Alpen eher von fern oder nah erlebt. Am Gründonnerstag zum Beispiel, auf dem Winterhorn über dem Gotthardpass, dieses blendende Weiss noch fast ringsum, all diese Gipfel zwischen Mönch und Torent Alto, wo der südlichste Gletscher des Tessin dahinschmilzt. Und zu Füssen das schwarze Band des berühmtesten Passes über die Alpen, noch gesperrt für die Autofahrer, aber die ersten Radfahrer durchmessen Landschaft und Geschichte, sausen hinunter nach Hospental, wo die letzten Skifahrer, ihre Gleitgeräte auf den Rucksack gepackt, über die alte Steinbrücke dem Gasthaus St. Gotthard zustreben.

Die Alpen! Naturerlebnis, Kulturgut, Sehnsuchtsort. So lautet der Untertitel des Bildbandes von Detlev Arens über die Alpen, in dem ich das Zitat von Friedrich Hölderlin fand. Andere stammen von Ludwig Hohl, von Arthur Schopenhauer. Das grossformatige Werk schildert die Alpen (fast) in ihrer ganzen Vielfalt, in den drei grossen Kapiteln Alpennatur (mit Geologie, Seen und Flüsse, Fauna und viel Flora), Alpengeschichte (vom Ötzi bis zum Gotthard-Basistunnel) sowie Die Alpen heute – Faszination und Gefährdung (Verstädterung, Architektur, Alpwirtschaft, Wasserkraft, Nationalparks, Tourismus und Alpinismus). Das alpine Chaos, sauber geordnet, schön illustriert; Schwerpunkte da, Vernachlässigung dort – verständlich, denn die ganze Vielfalt lässt sich nicht in ein Buch pressen. Nur bei der Bildlegende zur Semmering-Bahn ist ein Unglück passiert: Die Foto zeigt das Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn. Nun, beide Linien gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und: Obwohl ein Buch eines deutschen Autors in einem deutschen Verlag, hören die Alpen nicht hinter dem Mont Blanc auf – die französischen Alpen und die italienischen Westalpen werden schon auch berücksichtigt. Der Alpenbogen erstreckt sich ja bekanntlich von Wien bis Nizza.

Und genau diese Strecke wird in diesem Jahr erwandert – wieder erwandert. Von Juni bis September 2017 durchquert nämlich die Wandergruppe „whatsalp“ die Alpen von Ost nach West. Vor 25 Jahre ist die Wandergruppe „TransALPedes“ von Wien nach Nizza marschiert und hat dabei den Zustand der Alpenregionen dokumentiert – mehr noch: diese untereinander vernetzt. Nun will „whatsalp“ sichtbar und erfahrbar machen, wie sich die Alpen seit dieser Zeit verändert und welche Spuren Menschen und Naturereignisse in der Landschaft hinterlassen haben. Als Projektpartner begleiten CIPRA International und die Alpeninitiative die Reise. Über die Erlebnisse und Begegnungen auf der Wanderung wird fortlaufend auf www.whatsalp.org und www.cipra.org berichtet.

Entlang der Route finden zahlreiche Veranstaltungen zu aktuellen Themen und Treffen mit Menschen vor Ort statt. Auf Initiative des Jugendbeirats der CIPRA und weiterer Partner bekommt die Wandergruppe mit dem Projekt „whatsalp-youth“ jugendliche Verstärkung. Mehr noch: Interessierte Personen, Institutionen und Organisationen sind dazu eingeladen, sich entlang der Wanderroute mit „whatsalp“ zu treffen, ein Stück des Weges mitzuwandern und Veranstaltungen zu initiieren. Über die Auf- und Abstiege und die Weglängen gibt der Routenplan auf www.whatsalp.org Auskunft. Auch das Buch von Arens regt zum Mitwandern an; zum Mitnehmen ist es allerdings zu gross und zu schwer.

Detlev Arens: Die Alpen. Naturerlebnis, Kulturgut, Sehnsuchtsort. Edition Fackenträger Köln 2016, Fr. 54.-

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