Die Gürbe

Hommage an einen Fluss, die Gürbe. Fluss der Kindheit unseres Rezensenten. Verdammt wild und nie ganz zu zähmen. Also der Fluss. Die besprochene Dissertation widmet sich dem Hochwasserschutz, ein aktuelles Thema, nicht nur an der Gürbe.

„Für Wattenwil war die Gürbeverbauung ein grosser Segen. […] Die Arbeiter sahen den Erfolg selber ein; an Stelle der Geisslein kamen Kühe in den Stall und die alten russigen Hüttli mussten sauberen neuen Häuschen Platz machen.“

Freute sich Wilhelm Bettschen, Amtsschwellenmeister und Bauleiter der Hochwasser-Schutzarbeiten im Oberlauf der Gürbe, im Jahre 1925. Er und die Arbeiter konnten sich so lange freuen, bis das nächste Hochwasser, der nächste Starkregen über dem Gantrisch-Gebiet in den Berner Voralpen die bisher getroffenen Schutzmassnahmen und die besser gewordenen Lebensbedingungen erneut beeinträchtigte oder gar zerstörte. Zwischen 1575 und 2010 passierten am 29 Kilometer langen Lauf der Gürbe, von der Quelle auf etwa 1680 Meter unterhalb der Gantrisch-Nordwand bis zur Mündung in die Aare auf rund 500 Metern, 75 Hochwasserereignisse, davon 12 in der Schadensklasse 4 (sehr schwer) und 3 in der Klasse 5 (katastrophal; so auch am 29. Juli 1990). Ein verdammt wilder und nie ganz zu zähmender Fluss, diese Gürbe. An ihrem Ufer habe ich in Belp neun Jahre lang gewohnt, bis in die vierte Klasse, am Parkweg 4, gleich neben einer Schwelle. Das Rauschen von Wasser, am Fluss oder am Meer, liebe ich noch heute – wenigstens so lange das Wasser nicht zu hoch kommt.

Die Gürbe also. Mein Fluss der Kindheit. Deshalb interessierte mich die Dissertation von Melanie Salvisberg, die nun der Basler Schwabe-Verlag als siebter Band der Reihe Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte publiziert hat: „Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010)“. Ein wissenschaftliches Buch, klar. Eines, das minutiös aufzeigt, alle Nebenbäche (auch die geologischen, technischen, sozialen, demographischen, juristischen und politischen) einbeziehend, was so ein harmlos scheinendes Bergbächli anstellen und kaputt machen kann. Zuerst noch unverbaut, dann immer mehr verbaut. Aber, so hat man das gerade an diesem Nebenfluss der Aare erkannt: Die Natur bleibt immer stärker – einmal wird es im Gäntu, wie die Berner das Gantrisch-Gebiet und ihren Hauptgipfel nennen, wieder zu stark regnen, und dann donnert das Wasser ins Gürbetal hinab und durch dieses dem Flugplatz Belpmoos zu. „Da die Hochwasserschutzmassnahmen an der Gürbe nie abgeschlossen werden konnten und im Oberlauf seit 1855 ohne Unterbruch und im Unterlauf nur mit wenigen Pausen Schutzprojekte umgesetzt wurden, sind an diesem Gewässer noch heute Bauten aus allen Bauphasen vorhanden“, schreibt Melanie Salvisberg im Ausblick. „An ihnen lässt sich der Wandel der Technik und der Wasserbauphilosophie erkennen. Die Gürbe ist damit ein interessanter Untersuchungsgegenstand und auch ein Anschauungsobjekt.“ Und ebenfalls ein Wanderziel, gerade am Oberlauf zwischen Quelle und Wattenwil, aber nur bei trockenem Wetter. Kurz: ein aktuelles, spannendes Buch. Bloss schade, dass viele der 42 Abbildungen zu klein gedruckt sind (vor allem die Karten), dass durchaus noch ein paar mehr Illustrationen (zum Beispiel über die Schutzbauten) hätten eingebunden werden können.

Bevor nun „meine“ Gürbe unweit der Elfenau in der grünen Aare verschwindet, noch zwei Zitate. Aus dem Berner Heimatbuch „Das Gürbetal und sein Bauernhaus“ von Paul Howald (1944): „,Ghörscht d’Gürbe rusche?‘ In der Gewitternacht sagten es Vater und Mutter zueinander, wenn sie aufgestanden waren und wachten.“ Und vom Song „Gürbe“ der Band Stop the Shoppers auf ihrem 1993er-Album „Kurt“ die ersten beiden Zeilen: „Gürbe chumm abe nimm d‘Schwelle riis Böim us friss Chempe / und usem nüüt wird e Donner es Grolle u Gröll chunnt cho z’rolle.“

Melanie Salvisberg: Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010). Schwabe Verlag, Basel 2017. Fr. 89.- www.schwabeverlag.ch

Daniel Anker: Rund um Bern. Rother Wanderführer, München 2013. Fr. 24.- www.rother.de

Ein Kommentar to “Die Gürbe”

  1. Thomas Schmid sagt:

    Salü Daniel, Für Dezember ist noch eine Publikumsversion geplant: „Das reich bebilderte und lebendig geschriebene Buch richtet sich an ein breites Publikum und ergänzt die ebenfalls im Schwabe Verlag erschienene wissenschaftliche Publikation zum Thema.“ http://www.schwabe.ch/schwabe-verlag/buecher/buchdetails/die-unzaehmbare-guerbe-30705/?cHash=ee7cd23bbd9a7186e7f74dd7f66c2fe0 Gruss, Thomas

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