„Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“

Wenn es unserem Alpinliteraturexperten den Atem verschlägt, weil er im Schaufenster eines Bücherbrockis eine alpinliterarische Perle entdeckt, die er (sage und schreibe!) noch nicht kennt – dann muss es sich um etwas ganz Besonderes handeln. Polnische Alpinliteratur! Letztes Jahr auf Deutsch erschienen und hoffentlich nicht nur in Brockis erhältlich.

Matterhorny, Miszabele
chłoną dźwiki własnych słów,
Aletsch, Eiger z Mnichem w parze –

Schwierig, nicht wahr, die Wörter zwischen den Bergnamen zu verstehen. Verständlich, Polnisch ist uns nicht so geläufig. Deshalb hier nun die zweite Strophe im dritten Abschnitt des Gedichtes „Na szczytu Eggishornu“ (Vom Gipfel des Eggishorns) des bedeutenden polnischen Lyrikers Jan Kasprowicz auf Deutsch:

Matterhörner und Mischabels
saugen ein geheimer Worte Klang,
Aletsch, Eiger, mit dem Mönch gepaart –
ihre Körper hat ein Geist in eins geschmiedet –,
Dann die Jungfrau, Erste im Gotteshaus,
wo einst die Prophetenschar sich niederlieβ,
Dann das Finsteraarhorn, unheildrohend,
halb ins Gletschern und in Nebeln halb.

Am 2. September 1895 erschien das Gedicht vom Eggishorn zum ersten Mal in der Zeitschrift „Tydzień“ (Woche). Und nun kann man es und andere lesen in Peter Brangs Übersetzung und Kapitel „Das Wallis als poetisches Gefilde in polnischen Gedichten“. Zu finden im hochspannenden und tiefbekannten Buch „‚Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!‘. Der literarische Blick auf Alpen, Tatra und Kaukasus“. Vier Mitarbeiterinnen des Slawischen Seminars der Uni Zürich gaben das Buch zum 65. Geburtstag von German Ritz heraus, daselbst Professor für polnische und tschechische Literaturwissenschaft.

Auch für Kenner der Bergliteratur und sogar der Geschichte des Alpinismus schlägt die 336-seitige, mit schwarz-weissen Zeichnungen von Nastasia Louveau illustrierte Publikation buchstäblich neue Seiten auf. Beispielsweise mit Antoni Malczewski, der am 4. August 1818 als erster Pole den Mont Blanc bestieg. Am 1. August hatte er mit seinen sechs Führern versucht, den höchsten Berg der Alpen über eine neue Route via den Col du Midi zu erreichen. Dies gelang nicht, dafür kletterten die Pioniere als erste auf den Nordgipfel (3795 m) der Aiguille du Midi. Die Touren beschrieb Malczewski in einem Brief an die Genfer Zeitschrift „Bibliothèque universelle des sciences, belles lettres et arts“ und verarbeitete sie in seiner Verserzählung „Maria“. Zitat daraus: „So konnte man den Genfersee, Neuenburgersee, Murtensee, Bielersee etc. sehen, wie in der Dämmerung ausgebreitete Segel, während die Häuser, die an ihren Ufern liegenden Städte, die Farben und der Glanz einen dunklen Nebel  bildeten […]. Es gibt nichts Prächtigeres und Wilderes als die Sicht vom Mont Blanc.“

Gegensätzlicher Meinung war die polnische Dichterin Kazimiera Iłłakowiczówna gut 100 Jahre später. Was vielleicht auch daran lag, dass sie den Mont Blanc nur von weitem betrachtete, vor allem vom Genfersee aus. In ihren autobiografischen Erinnerungsminiaturen „Trazymeński zając“ (Der trasimenische Hase) wettert sie über die Begeisterung der Genfer Salongesellschaft für den Mont Blanc und findet ihn nur „schrecklich, frostig, unerreichbar, bedrückend“. Und notiert den Satz, der dem neuen Buch zum Titel verhalf: „Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“ Mehr noch, dabei den Mont Blanc ganz traditionell zur Schweiz zählend: „Diese ganze Schweiz mit ihren Gipfeln, denen man nicht entkommen kann, und sie zu erreichen – was für eine Anstrengung…“.

Schön, dass wir nun auszugsweise das lesen können, was slawische Autoren über die Schweiz, die Alpen, aber eben auch andere Gebirge wie die Tatra oder den Kaukasus schrieben. So ebenfalls Texte von zeitgenössischen Autoren. Persönlich würde ich am liebsten die Erzählungen und Novellen des Schriftstellers und Kunstmalers Rafał Malczewski lesen, die in der Zwischenkriegszeit in Zakopane und in der Tatra spielen und vom Skifahren und Bergsteigen, von Tourengehern und Ausflüglern handeln. Im Frühling, so schrieb Malczewski, versammeln sich in der Tatra „alle, die auf Skiern stehen können und Zeit haben.“ 1928 veröffentlichte der Künstler den Erzählband „Narkotyk gór“. Auf Deutsch übersetzt: Die Droge der Berge.

Gianna Frölicher, Małgorzata Gerber, Sylvia Sasse und Nina Seiler (Hg.): „Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“. Der literarische Blick auf Alpen, Tatra und Kaukasus. Mit Collagen von Nastasia Louveau; aus dem Polnischen übersetzt von Nina Seiler; aus dem Russischen übersetzt von Olga Bronnikowa. Edition Schublade, Zürich 2016, Fr. 35.40.

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