Dreimal Graubünden

Drei neue Bücher geben ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie das Alpenland Graubünden spricht und schreibt, tickt und wirkt.

„Wenn man die Berge halb oben absägen würde, könnte man die obere Hälfte mit der Spitze nach unten in die Täler legen, und sie würden wie ausgemessen hineinpassen; und dann wäre alles eben.“

Und dann gäbe es Graubünden nicht. Jedenfalls nicht als Land der 1000 Gipfel, 150 Täler und 615 Seen. Und wohl auch nicht als Land der drei Sprachen und der zahlreichen Dialekte. Das Zitat stammt aus dem 1962 publizierten Roman „La müdada“ (deutsch „Die Wende“, 1984) von Cla Biert, der den Wechsel eines Unterengadiner Dorfes vom reinen Bauerndorf zu einer Auch-Tourismusdestination erzählt. Hauptfigur ist der junge Bauer Tumasch Tach, der sich in eine Touristin verliebt. Hoch oben auf einem Berggrat erinnert er sich an das Gedankenspiel aus seiner Kindheit mit dem Einebnen der Berge; vielleicht nicht zufällig kommt seine Liebste aus Dänemark, und dieses Land ist wirklich fast topfeben.

Cla Bierts Roman steht zusammen mit Ulrich Bechers „Murmeljagd“ von 1969 im Mittelpunkt von Andreas Bäumlers Aufsatz zu einer Literaturgeografie des Engadins: „Bergfantasien kartieren“. Er ist zu finden im eben erschienenen Band „Sigls da lingua – Sprachsprünge – Salti di lingua. Poetiken literarischer Mehrsprachigkeit in Graubünden“. Man lasse sich durch den etwas hochkletternden Untertitel nicht verunsichern. Was da auf 284 Seiten und mit 55 Farbabbildungen präsentiert und analysiert wird, lässt sich meistens auch ohne germanistischen Rucksack packen. Die Ausführungen zu Franz Hohlers „Totemügerli“ bzw. „Il malur da la fuorcla“ sind beispielsweise so lesenswert und interessant wie diejenigen zu Arno Camenisch, dem Shooting Star der rätoromanisch-deutschsprachigen Literatur Graubündens. Kurz: Ein starkes Buch zur Ferienecke der Schweiz und seiner Literaturtopografie, das zudem Lust macht, die besprochenen belletristischen Werke wieder oder endlich einmal zu lesen.

Unbedingt lesen sollte man ebenfalls „Authentische Kulissen. Graubünden und die Inszenierung der Alpen“ des Kulturwissenschaftlers und Sprachlehrers Thomas Barfuss, auch wenn man nicht jede philosophische Höhenwanderung mitmachen mag. Allein die Kapitelüberschriften wie „Autobahnraststätte Heidiland. Die multikulturelle Heimatschiene“, „Landquart Fashion Outlet. Das Dorf als Benutzeroberfläche“ oder „Samnaun Dorf. Lokalkolorit als Warenbühne“ lassen Dunkles und Erhellendes, unecht Vorgehängtes und echt klug Hinterfragtes erwarten. Und genau so ist es: Kunstvoll und gnadenlos seziert Barfuss die inszenierte Wirklichkeit des heutigen Graubündens mit seinen Shopping-Malls und Einkaufsdörfern, seinen Raststätten und Nullpunkten (ja, die gibt es auch). Zugleich geht das Buch weit über die 150 Täler und 1000 Gipfel hinaus, denn die hingestellten authentischen Kulissen für die Reisenden und weniger für die Bereisten gibt es ebenfalls in andern Regionen der Alpen. Am Schluss des Buches reisen wir gar in den Europapark Rust, wo der Schellen-Ursli durchs Walliser Dorf taumelt.

Aber nicht unbedingt lesen muss man den Band zu Graubünden aus der renommierten Reihe der Picus Lesereisen, die „erstklassige ortskundige Autorinnen und Autoren“, wie es im Prospekt heisst, von fast 150 Zielen von Abu Dhabi bis Zypern verfasst haben. Der Österreicher Martin Leidenfrost gibt sich zwar redlich Mühe, die „Bündner Wirren“, wie der Untertitel lautet, zu entwirren. Doch das gelingt ihm nur halbwegs, wie er selber zugibt: „Ich habe fast ganz Europa durchritten, habe jedoch kaum je einen Landstrich gefunden, in dem jedes Dorf anders ist. Nicht einmal das südliche Bessarabien reicht so richtig an Graubünden heran.“ Nun, dafür ist es in diesem Landstrich in Flussweite zum Schwarzen Meer schön eben.

Christa Baumberger, Mirella Carbone, Annetta Ganzoni (Hg.): Sigls da lingua – Sprachsprünge – Salti di lingua. Poetiken literarischer Mehrsprachigkeit in Graubünden. Chronos Verlag, Zürich 2018, Fr. 34.- www.chronos-verlag.ch

Thomas Barfuss: Authentische Kulissen. Graubünden und die Inszenierung der Alpen. Fotografien von Daniel Rohrer. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2018, Fr. 39.- www.hierundjetzt.ch

Martin Leidenfrost: Lesereise Graubünden. Bündner Wirren. Picus Verlag, Wien 2018, Fr. 22.- www.picus.at

Sigls da lingua – Sprachsprünge – Salti di lingua: Buchvernissage mit Podiumsdiskussion am Donnerstag, 6. September 2018, 18 Uhr in der Café Bar im Theater Chur; Buchpräsentation mit Kurzreferat und dreisprachiger Lesung am Freitag, 7. September 2018, 17.30 Uhr im Hotel Waldhaus in Sils/Segl.

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