Eine touristische Bilderfabrik

Wer noch kein Weihnachtsgeschenkbuch (auch für sich selbst) hat oder nicht weiss, wohin es gehen soll an den nächsten freien Tagen: Andreas Bürgis fulminantes Buch darüber, wie touristische Bedürfnisse geweckt und gestillt werden, hilft, unterhält und klärt auf. Auf zum Löwendenkmal in Luzern! Und vielleicht auch in ein Bergwerk.

Der Löwe stirbt, erschöpft von seinen Wunden,
Und wie die Erd‘ sein rauchend Blut getrunken,
Ist auch der Nacht Geburt dahingesunken,
Bewundernd hat die Welt den Schlag empfunden.

Diese Strophe leitet kein Weihnachtsgedicht ein, wie vielleicht mit „Nacht“ und „Geburt“ und „Welt“ vermutet werden könnte. Nein, Thema des Sonettes von Franz Fassbind ist das Löwendenkmal in Luzern, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Schweiz; es wird jährlich von weit über einer Million Touristen besucht. Enthüllt und eingeweiht wurde das Denkmal, das einen sterbenden oder ruhenden Löwen in einer Felsgrotte zeigt, am 10. August 1821, auf den Tag genau 29 Jahre nach dem Tuileriensturm in Paris, bei und nach dem knapp tausend Schweizergardisten den Tod fanden. Das Sonett sowie noch ein zweites Gedicht zum vielbesuchten Denkmal finden sich in einem meiner Lieblingsbücher, 1856 in Aarau von Johann Kirchhofer herausgegeben: „Helvetiens Naturschönheiten, oder das Schweizerland, mit seinen berühmtesten Bergen, Thälern, See’n, Flüssen, Wasserfällen und Heilquellen, nebst Anhang über Städte, Schlösser, Denkmale etc.“

„Alles begann mit dem Löwen und nur dank ihm. Bertel Thorvaldsens Monument ist das berühmteste Denkmal der Schweiz und zugleich das vielschichtigste.“ So leitet der Literatur- und Kulturhistoriker Andreas Bürgi sein gross und genau angelegtes Werk ein, das sich mit der Tourismusmeile im Wey-Quartier in Luzern beschäftigt: „Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz, 1850-1914.“ Zuerst das Löwendenkmal, dann Gletschergarten, Alpentiermuseum, Bourbaki-Panorama, Dioramen landschaftlicher Sehenswürdigkeiten wie Rheinfall und Berner Alpen, alles geschickt und immer wieder aktuell arrangiert und inszeniert, dazu Souvenirläden, Fotoateliers, Konzertbühnen und natürlich Gastwirtschaften: In der Luzerner Tourismusmeile wurde es weder den Touristen aus aller Welt noch den Einheimischen je langweilig. Da gab es immer wieder Neues zu erleben – und Neues auszuprobieren. Damit der Rubel rollt, und er tut es bis heute, dem Löwen sei Dank.

Fazit von Andreas Bürgi in seinem reich und fein illustrierten Buch: „Die Tourismusindustrie von Luzern machte mit grossem Erfolg vor, wie man eine Alpenregion globalisierte und sie den Fremden zugleich als typisch schweizerisch verkaufte. Und so brachte just dieses Zentrum der politisch und gesellschaftlich konservativen Innerschweiz ein Stück jener kommerziellen Moderne ins Land, dessen Flair man sonst in den Metropolen des Kontinentes suchte.“

Apropos Löwe: Ein Löwendenkmal befindet sich auch in Zürich, und zwar beim Hafen Enge. Der sitzende und stolze Züri-Leu wurde für die kantonale Gewerbeausstellung von 1895 geschaffen. Kopien des Luzerner Löwen hingegen finden sich auf dem Oakland Cemetery in Atlanta, Georgia (dort als Lion of the Confederacy) sowie im Quarzsand-Bergwerk Krähstel in Buchs ZH. Dort wurde um die vorletzte Jahrhundertwende der Rohstoff für die ehemalige Glashütte in Bülach gewonnen, die das bekannte grüne Bülachglas produzierte. Im Bergwerk aber wurden nicht einfach Quarzsandschichten abgebaut, sondern auch Skulpturen aus dem Gestein herausgemeisselt. Also Bilder zum Besichtigen fabriziert, wie das eben erschienene Heft „Minaria Helvetica“ der Schweizerischen Gesellschaft für Historische Bergbauforschung eindrücklich zeigt. Im Stollenlabyrinth begegnet man dem Löwen von Luzern (mit Teich wie beim Original), Rotkäppchen und Schneewittchen, Adam und Eva, dem Erzengel Gabriel und der heiligen Maria. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten.

Andreas Bürgi: Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz, 1850-1914. Chronos Verlag, Zürich 2016, Fr. 48.- www.chronos-verlag.ch

Minaria Helvetica 38/2017: Das Bergwerk im Krähstel. Fr. 25.- www.sghb.ch – Bestelladresse bei Über uns/Kontakt. Das Bergwerk kann besucht, im dazugehörigen Restaurant getafelt werden: www.bergwerk-buchs.ch

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