Etichette delle montagne

Etiketten erzählen Geschichten. Zum Beispiel jene, die drei Kriegsgefangene zum Ausbruch bewegte – nicht in die Freiheit, sondern um einen Berg zu besteigen. Andere sind vielleicht harmloser. Zeigen das Matterhorn oder Rasierklingen oder eine Schöne im Skidress. Ein Universum für Sammler.

„Eines Tages wurden Büchsenfleisch mit Gemüse, Marke ‚Kenylon‘, ausgegeben – eine Sorte, die bisher in dieses Lager nicht geliefert worden war. Auf jeder Büchse war ein Etikett geklebt, das als Handelsmarke eine Ansicht des Kenya zeigte, von einer Seite, die wir noch nicht kannten. Wir vermuteten, es könne nur die Südansicht sein oder noch wahrscheinlicher die von Süd-Süd-West. Es war für uns eine Enttäuschung, zu sehen, daβ die Gipfel von dieser neuen Seite her genau so schwierig aussahen, ja daβ es hier anscheinend noch mehr Gletscher gab als auf den Nordhängen.“

Ein Schlüsselerlebnis für den italienischen Kriegsgefangenen Felice Benuzzi und seine Mitinsassen im britischen Camp 354 bei Nanyuki, mit Blick auf den Mount Kenya, den zweithöchsten Berg Afrikas – sein höchster Punkt ist der Batian (5199 m). Den Mt. Kenya will Benuzzi unbedingt besteigen, und mit Giovanni Balletto und Vincenzo Barsotti bricht Benuzzi im Januar 1943 aus dem Kriegsgefangenenlager aus, um mit heimlich zusammengestellter Nahrung und sehr primitiver Ausrüstung den verlockenden Berg zu besteigen. Als Navigationsmaterial haben die Ausbrecher zwei Skizzen (eine nach einer Fotografie, die andere mit dem Feldstecher erarbeitet) und eben die Kenylon-Büchsenfleisch-Etikette dabei. Die Bergsteiger gelangen bis 5000 Meter hinauf und kehren zurück ins Lager 354, wo sie zu je einem Monat Einzelhaft verurteilt werden. In Anerkennung des „sporting effort“ des Ausbruchs wird die Strafe auf eine Woche verkürzt.

Felice Benuzzis Buch ist ein Klassiker der Alpinliteratur: „Fuga sul Kenya – 17 giorni di libertà“ erschien 1947, die englische Ausgabe 1952 unter dem starken Titel „No Picnic on Mount Kenya“, die deutsche 1953 als „Flucht ins Abenteuer. Drei Kriegsgefangene besteigen den Mt. Kenya“; die Rückseite mit der Kenylon-Etikette ist hier abgebildet.

Natürlich ist diese berühmte Etikette auch im 336 Seiten starken Bildband „Etichette delle montagne. Immagini di commercio“ zu finden, der sich mit den Etiketten beschäftigt, auf denen Berge, alpine Landschaften und Szenen zu finden sind. Ganze 747 Etiketten sind abgebildet, von 1865 bis heute, sauber geordnet nach Getränken, Lebensmitteln, Früchte und Gemüse, Tabak und Zündhölzern, Textilien, Ölen und Seifen, Rasierklingen und Intimtüchleins, Parfüm und Pastillen, Geräten aller Art sowie touristischen Schildern und Anhängern. Ein Universum, oft übersehen, hier schön versammelt und beschriftet, dazu mit italienischen und englischen Texten erklärt.

Und welcher Berg ist am häufigsten abgebildet? Höchstwahrscheinlich das Matterhorn. Auf 21 Etiketten zeigt es seine unverwechselbare Form, auch seitenverkehrt. Ebenfalls auf der Essense de lavande „Mont-Blanc“ von 1910 ist es zu finden. Da hatten Benuzzi und seine Freunde ja Glück: Ein Matterhorn hätte ihnen im kenianischen Hochland nichts genützt.

Aldo Audisio, Laura Gallo: Etichette delle montagne. Immagini di commercio. Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 39.50. Volume bilingue Italiano-Inglese.

Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist noch bis zum 3. Dezember 2017 zu sehen.

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