Frühjahrsreise

Eine Frühjahrstour hat viele Gesichter. Um ein Bergeck wechselt manchmal die Jahreszeiten und mit dem Wetter die Landschaft. Frühjahrstouren begegnen einem häufig anders als man sie geplant hat, sie sind stiller und länger. So auch kurz vor Ostern, vor und über meiner Haustür.

Nach dem Sichelchamm verbrachten wir die Nacht bei den Tscherler Ahore, hoch über dem Walensee und fern unter den Sternen. Ich lag dort unter dem Dach einer mächtigen Fichte und lauschte noch in der späten Dämmerung dem Gesang der Vögel. Erst irgendwann in der Dunkelheit merkte ich, dass auch sie verstummt waren. Nach und nach hatte jeder von ihnen einen letzten Träller gepfiffen, sich dann geplustert und den Kopf zwischen die Federn gesteckt, irgendwo auf einem Ast, vielleicht auch über mir, im selben Haus der mächtigen Fichte.

Unser Tag war lang gewesen. Über Casalta waren wir mit schwerem Gepäck, langsam aufgestiegen und später schlendernd über den Chnorrengrat zum Gipfel balanciert. Der Himmel war dabei meist bedeckt und es ging ein Wind, der empfindlich kalt war und am Grat in scharfen Böen blies. Zum Abend hatte es aber aufgeklart und der Walensee lag tief unter uns als Band, in dem sich auch im Schatten noch ein violettes Licht vom Abendhimmel spiegelte.

Die Nacht blieb still und klar bis die Vögel erwachten, die Dunkelheit der Dämmerung wich und wir aufbrachen. Die Birkhähne balzten um uns, mal näher, mal weiter weg und die Sonne überzog die Gipfel im Süden mit ihrem ersten Licht. Der Tag versprach viel. Kurz vor der Grathöhe der Niederi stiegen wir nach links auf die Grasbänder des Tscherler Raupfades, die uns in die Südwände leiteten, in die Welt der Gämsen, Steinböcke und längst verstorbenen Wildheuer.

Das Queren auf dem Raupfad war ein Kurven durch Runsen und um Rippen, stets einige Meter über dem Abbruch der Wand. Das Gras war vom grade erst weggetauten Schnee noch flach gedrückt und mit Erde überronnen und jeder Tritt darauf musste erst gewählt, dann gesetzt und noch vor Belastung entschieden oder verworfen werden. Als wir das wage, steile, noch nicht gewachsene Gras verlassen konnten, stiegen wir über feste, einfache Felsen hinauf und querten dann in einem Bogen weit nach links, um von dort die Wand besser in Augenschein nehmen zu können. Die Sonne war inzwischen zum Lichtspiel geworden. Mal heller, mal dunkler wurde es und mal klarer, mal verschwommener zeichnete sich auch die Wand vor uns ab, Nebel umflogen den Tristencholben.

Am Einstieg war der Fels noch warm von der morgendlichen Sonne, doch mit den Längen wurden die Nebel dichter, die Wand steiler und der Fels kälter. Wind kam auf. Aus der weiten, hohen Wand verschwanden wir in eine kleine Welt, in der es nur uns und steilen Fels gab. An grossen Griffen und Tritten stiegen wir nahe einer stumpfen Kante empor, wie kühne Eindringlinge an einer Festungsmauer, verschnauften auf Simsen und in Fensternischen und waren doch, während das Lichtspiel immer schwächer und das Grau immer dichter wurde, fern von jeglicher Welt.

Am Gipfel war Stille. Wir sassen wie auf einer kleinen Insel aus Steinen und Gras. Das dünne Steiglein, an das ich mich erinnerte, war unter nassem, sehr steilem Schnee verborgen, der unten über die Klippen abbrach. Vom Abseilhaken, an den ich mich ebenfalls erinnerte, war erst nichts zu finden. Auf der Nordseite des Gipfelfelsens gruben wir ihn schliesslich aus dem Schnee, fädelten das Seil hindurch und warfen die Enden in den Nebel hinaus, wie einen Anker in eine trübe See. Zweimaliges Abseilen brachte uns an den Fuss des Gipfelturms und weil uns der feuchte, sehr steile Schnee in der Südschlucht nicht geheuer war, wandten wir uns dem Rücken gegen die Rosenböden zu. Das Weiss, dass nun rundum vollkommen war, wurde manchmal blendend hell, dann wieder matt, als drehe jemand an einem stufenlosen Lichtschalter. Wir folgten den Markierungsstangen eines langsam in sich zusammensinkenden Winterwanderwegs bis zu jener Stelle, wo man nach Norden absteigen kann. Kugeln von etwas hellerem Weiss rollten von unseren Tritten weg durch das mattere Grau und verschwanden. Wir hielten nach rechts und kamen schliesslich in flacheres Gelände, in dem das Vorwärtsstapfen schwerer ging. Im tiefen nassen Schnee, blind und wie durch zähes Wasser schwimmend, mühten wir uns ostwärts, indem wir den Fuss des Hanges durch Ertasten der Neigungen beibehielten. Irgendwann trafen wir auf eine alte Schneeschuhspur, folgten ihr, stiegen auf und traten endlich, wie nach langer Überfahrt, ans Ufer des Schnees, auf den Pass der Niederi. Hier liessen wir uns auf dem trockenen Gras nieder, legten die nassen Garmaschen ab und tranken die letzten Schlucke Wasser.

Die Nebel bildeten eine tiefe Flucht, wenig über unseren Köpfen, als wir den Zickzack des Pfades hinabstiegen, weit hinab. Ab der mächtigen Fichte am Waldrand mit schwerem Gepäck. Jeder Schritt war ein Fallenlassen und ein dumpfes Auffangen, es wurde milder und grüner. Hinab und weiter hinab fielen wir Schritt für Schritt, hinab bis auf den Seeztalboden, der irritierend eben, uns auf einmal nicht mehr weiter fallen liess.

Aus der Nacht waren wir in den sonnigen Morgen gestiegen, über Grasbänder hoch in die Wände hinausgequert, waren von dort in die Stille der Wolkenburgen geklettert und hatten schliesslich durch ein grosses Nichts wieder zurückgefunden in einen milden Frühlingsabend, ins Tal.

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