GastFREUNDschaften. 150 Jahre Hotel Nest- und Bietschhorn

Ein berühmtes Hotel, in dem fast alle Besteiger des Bietschhorns und anderer Berge im Lötschental abgestiegen sind, feiert den runden Geburtstag mit einem reichhaltigen Buch. Lesen und hinfahren!

„Das neue Gasthaus zu Ried, in dem allen berechtigten Anforderungen mehr als entsprochen wird, ist eine vorzüglich gelegene Station für eine Fülle lohnender und bedeutender Exkursionen. Vortreffliche Führer findet man namentlich in den Brüdern Siegen, und was eine Hauptsache ist: Der Geldsack des Reisenden ist dort noch nicht zum Jagdobjekt geworden. Unter einem braven, unverdorbenen Volke, in einer erhabenen, grossartigen Natur wird Jeder sich wohl fühlen, der in dem still von der Welt gesonderten Thale, sei es Ruhe, sei es Anstrengung sucht.“

Im Sommer 1868 nahm das Hotel Nest- und Bietschhorn in Ried bei Blatten im Lötschental seinen Betrieb auf. Der erste Alpinist, der über diese neue Unterkunft schrieb, war Ernst Justus Häberlin (1847–1925), Rechtsanwalt und Kommerzienrat in Frankfurt am Main, Numismatiker und Alpinist. Seine Hotel-Empfehlung findet sich am Schluss des 90-seitigen Artikels über „Gletscherfahrten in Bern und Wallis im Sommer 1869“, abgedruckt im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869/70; heute fände sich eine solche auf Booking oder einer ähnlichen Plattform. Häberlin, Mitglied der SAC-Sektion Basel, hatte sich selbst vorbildlich an seine Empfehlung gehalten: Erstbesteigung des Breitlauihorns (3655 m) am 26. August 1869, des Lötschentaler Breithorns (3785 m) am 28. August 1869 und des Schinhorns (3797 m) am 30. August 1869, mit den Führern Andreas und Johann von Weissenfluh sowie mit Joseph Rubin (beim Breithorn). Einmalig, diese Erstbesteigung von drei grossen Lötschentaler Gipfeln innerhalb von nur fünf Tagen!

So einmalig wie das Hotel selbst, von dem aus die Alpinisten ihre Erstbesteigungen gestartet haben. Die Brüder Stephan und Joseph Ignaz Lehner von Gampel hatten die Idee und das Geld zum Bau des Hotels, von 1866 bis 1868 wurde es gebaut. Joseph Ignaz führte als Erster das Hotel, das auf den Namen Nesthorn getauft wurde, weil die Lötschentaler das Bietschhorn damals nur so benannten. 1890 übernahm die Hoteldynastie Schröter das später in Hotel Nest- und Bietschhorn umbenannte Haus, 1979 erwarben es Helene und Erwin Bellwald-Grob, 2011 übernehmen Esther Bellwald und Laurent Hubert die Führung. Hier sind fast alle Besteiger des Bietschhorns und anderer Berge im Lötschental abgestiegen und haben im „Travellers book Hôtel Nesthorn“ ihre Spuren hinterlassen. „Im Lesezimmer fand ich eines der interessantesten Fremdenbücher, das ich je gesehen. Männer wie Stephen, Freshfield, Coolidge, Dent, Zsigmondy, von Fellenberg, K. Schulz, Flender, Purtscheller und viele andere haben hier ihre Aufzeichnungen eingetragen. Das Bietschhorn hatte sie alle hergelockt,“ schreibt Eleonore Noll-Hasenclever im Bericht „Eine Besteigung des Bietschhorns“, die sie bei denkbar schlechten Verhältnissen am 9. Juli 1908 mit dem berühmten Bergführer Alexander Burgener macht.

Dieser Bericht findet sich im 248-seitigen Buch, das Helene Bellwald nun zum Jubiläum ihres Hauses herausgegeben hat: „GastFREUNDschaften. 150 Jahre Hotel Nest- und Bietschhorn.“ Ein reichhaltig illustriertes und geschriebenes Buch, verfasst von 21 Autorinnen und Autoren. Eine Zeitreise in die Vergangenheit, mit historischen, unterhaltsamen, traurigen und heiteren Kurzgeschichten. John Gregg zum Beispiel geht den beiden jungen Engländern Edward Felix Mendelssohn Benecke und Henry Alfred Cohen nach, die immer wieder zu Erstbesteigungen und –begehungen aufgebrochen sind; so auch am 16. Juli 1895 zu einer Tour, von der sie nicht zurückkehrten. Man hat sie bis heute nicht gefunden; ein Stein im Englischen Friedhof von Blatten erinnert an die beiden Unglücklichen. Da hatten die drei Erstbesteiger des Schinhorns mehr Glück. Beim nächtlichen Abstieg vom Beichpass Richtung Gletscherstafel gerieten Häberlin und seine beiden Führer in ein infernalisches Gewitter; zum Glück tauchten da auf der Moräne zwei junge Älplerinnen mit Laternen auf, wie „zwei rettende Engel“.

Helene Bellwald (Hrsg.): GastFREUNDschaften. 150 Jahre Hotel Nest- und Bietschhorn. Von Pionieren, Patrons und anderen schauerlichen, anmutigen, tratzhaften und fein herausgeputzten Personen. Geschichten, Dokumente und Fotos vom ältesten Hotel im Lötschental. Rotten Verlag, Visp 2018, Fr. 39.- www.nest-bietschhorn.ch

Kommentar abgeben