Gulmen solo

Die Sonne leckt schon kräftig am Schnee. Ob der Gulmen noch geht? Ein einsamer Versuch.

Mit Partnerin wäre ich jetzt auf der Galerie. Zwei Autos stehen da, irgendwo hängt ein Freak im Fels. Vielleicht ist es ja doch zu kalt, etwas Dunst liegt über dem Nebel. Beim Fellen Richtung Gulmen beginne ich doch schön zu schwitzen. Die Spur ist schon verkrustet, es tropft von den Scheunendächern. (Diese alten Scheunen oder Ställe von Amden, silbrig verwittert, architektonische Bijous eigentlich, nur weiss es niemand.)
Gelegentlich rauscht mir eine Skifahrerin entgegen. Heute ist offenbar Frauentag. Wie die schwingen im weichen Schnee, so leicht und elegant! Und wie die gut aussehen in ihren bunten Skianzügen und weissen Stirnbändern, welche ihre langen Haare bändigen. Freund X kommt mir in den Sinn, der sich so sehnt nach einer sportlichen Partnerin. Vielleicht sollte er es mal mit dem Gulmen versuchen, statt mit Internet.
Vor dem Schlusshang dope ich mich mit Traubenzucker und Banane und gezuckerten Tee aus der Thermos. Mittendrin im Steilen kämpfen sich vier Menschen etwas umständlich in die Höhe. Frauen, klar doch. Die werde ich noch überholen, nehme ich mir vor. Also los, aber dann stockt mein Elan doch wieder. Endlos einfach, dieser blöde Hang. Mit zwei oder drei Halts zum Atemschöpfen und Traubenzucker einwerfen schaffe ich es dann doch bis zum Kreuz, und weil dort schon ein paar Leute sitzen, auch noch auf den Gipfel. Kurz nach den vier Damen, die Schneeschuhe tragen. Wie kann man nur! Bei diesem Schnee! Ein Mann kommt herauf, in gewöhnlichem Schuhwerk, ohne Probleme. (Wieder mal der lebende Beweis, dass Schneeschuhe die überflüssigste Erfindung der Outdoor-Industrie sind, gleich nach den Wanderstöcken. Sein Begleiter mit Schneeschuhen erzählt, sie hätten sich per Zufall getroffen, nach dreissig Jahren. Wiedersehen auf dem Gulmen. Wir sind ergriffen, gratulieren.
Dann geht das grosse Fotografieren los. Die Männer die Frauen, die Frauen die Männer, schön malerisch neben dem Wegweiser, der den Gipfel ziert. Ich mache ein Selfie, aber das wird dann doch ziemlich schief. Aber ohne Gipfelbeweis geht nichts mehr, seit Ueli Steck ohne Foto von der Annapurna zurückgekommen ist. Seither ist sein Ruf etwas angekratzt. Selbst Messner zweifelt. Also gut, schief oder nicht, ich habe den Beweis.
Kann beruhigt abfahren. Der Hang ist eklig verspurt und verkrustet. Weiter unten dann wunderbar weicher Schnee, fast sulzig. Ich fahre ohne Halt bis zur Bushaltestelle. Sitze da glücklich an der Sonne auf einer Mauer, verspeise mein Brot und trinke meinen Tee. Vielleicht war’s die letzte Skitour dieses Winters.

Ein Kommentar to “Gulmen solo”

  1. Marco sagt:

    Lieber Emil, schön, dass es dich wieder in den Schnee zieht, du scheinst ja derzeit fast nur auf Skiern unterwegs zu sein. Und herzliche Gratulation an die 1000er-Marke, und also an deine wiedergewonnene Fitness und physische Zuversicht. Freue mich, dich demnächst mal per Zufall auf einem Gipfel anzutreffen. Wie du sagst: Vielleicht war’s die letzte Skitour des Winters – nun kommen die Skitouren des noch schöneren Frühlings.

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