Hin und Weg und auf die Ledi

Die grosse Aussicht von der Lediflue, 707 Meter über Meer, ist noch intakt, nur die Pinte, die es anno 1859 noch gab, ist dem allgemeinen Beizensterben zum Opfer gefallen. Dafür gibts jetzt eine SAC-Sektion namens Ledifluh. Und einen neuen Wanderführer, der den Weg in noch nicht gestorbene Beizen weist. Unter anderem.

«7. Auf der Ledi.
Wenn schon nicht so ausgedehnt, genieβt man auf dieser kleinen Anhöhe dennoch eine schöne Aussicht; sie führt auch den Namen am Umberg und liegt in der Kirchgemeinde Mühleberg, 30 Minuten herwärts der Kirche, nicht fern von Frauenkappelen, 2 Stunden von Bern, und ist nach trigonometrischer Vermessung 2170 Pariserfuβ über Meer.
Auβerhalb Frauenkappelen, links ob der Straβe nach Gümmenen und Murten, gelangt man auf den Standpunkt; zerstreute Häuser und eine Pinte sind nahe dabei.»

Einer meiner Hausberge! Die Ledi, auf der Karte heute mit Lediflue bezeichnet, 707 Meter über dem Meer. Eine kleine Anhöhe mit einer grossen Aussicht gegen die Alpen: alle berühmten Berner Berge, inklusive Aletsch- und Bietschhorn, die hinter der Hauptkette hervorschauen. Wenn die Bäume ob der Nagelfluhwand beim Gipfelpunkt nicht abgeholzt worden wären, sähe man die Berge nicht richtig, und die beiden Bänke, aufgestellt von der Sektion Ledifluh des Schweizer Alpen-Club, erfüllten ihre Aufgabe bloss als Ruheplatz. Aber nun kann man dort sitzen und stundenlang das Panorama bewundern. Was vielleicht fehlt, ist ein Alpenzeiger, also eine Panoramatafel, auf der die Gipfel mit ihren Namen eingezeichnet sind. Oder braucht es das gar nicht, müssen wir wirklich wissen, dass die Anhöhe zwischen Schmadri- und Breithornjoch Zuckerstock (3386 m) heisst? Damit sind wir bei der Verpflegung angelangt; die nahe Pinte gleich unterhalb der Ledi gibt es nicht mehr, dafür nebenan das Buffet der Minigolfanlage Hegidorn. Oder meinte der Verfasser der oben zitierten Beschreibung gar den «Sternen» in Mauss auf der Westabdachung der Lediflue? Ein nur zu empfehlender Landgasthof, welcher der Sektion Ledifluh übrigens als Clublokal dient.

Als das Buch gedruckt wurde, das im Kapitel 25 «Bergpartien nach einigen Höhenpunkten mit schöner Fernsicht in der Umgegend von Bern, zu Ausflügen geeignet» und darin als siebten und letzen Punkt die Lediflue vorstellt, gab es den SAC noch gar nicht. Nur den 1857 in London gegründeten Alpine Club. 1859 erschien das Buch, das ich mir selbst zu Weihnachten schenkte, in der Hallerschen Buchdruckerei in Bern. Sein Titel: «Historisch-topographische Beschreibung der Stadt Bern und ihrer Umgebungen, mit Rückblicken auf ihre frühern Zustände». Sein Autor: «Karl Jakob Durheim, Verfasser der Ortschaften des Freistaates Bern, der schweizerischen Hypsometrie und des schweizerischen Pflanzen-Idiotikons». Wisst Ihr nicht, was Hypsometrie ist? Ich auch nicht, aber Wikipedia weiss es: Ein Hypsometer ist ein Gerät zur barometrischen Höhenmessung. Deshalb gab Durheim auch genau an, wie hoch die Lediflue ist.

Ein Ausflug dorthin ja kann nur empfohlen werden. Aber nicht mit Durheims Werk im Rucksack, das wär dann doch zu schade. Da nehmen wir besser ein Buch von René P. Moor mit, von diesem unermüdlichen Erforscher, Beschreiber und Fotografen helvetischer Wege und Wirklichkeiten. Auf seiner Website www.wanderwerk.ch erfährt man, welche Wanderbücher er verfasst hat, welche demnächst herauskommen, wo er durchgewandert ist. Ein fussgängerischer Tausendsassa – wie ich das Adjektiv getippt habe, wurde es rot unterliniert; die Verbesserung schlägt «müssiggängerisch» vor. Auch nicht schlecht… Also: Das Buch, das Ihr anstelle des Durheims einpacken solltet, heisst «Hin und Weg. Eine fussgängerische Annäherung an die Schweiz und ihre Kantone». 26 Ausflüge zu Fuss aus den helvetischen Hauptorten hinaus in ihre Umgegenden sind darin vorgestellt, mit einer kurzen Einführung, starken schwarz-weissen Fotos sowie Stichworten zur Route. Diejenige vom Bahnhof Bern geht ins Westside und dann unterhalb der Lediflue durch zur Saane hinab und weiter nach Gümmenen. Spätestens dort treffen sich René und Karl, im «Kreuz».

Karl Jakob Durheim: Historisch-topographische Beschreibung der Stadt Bern und ihrer Umgebungen, mit Rückblicken auf ihre frühern Zustände. Bern 1859. Zu bestellen auf www.zvab.com
René P. Moor: Hin und Weg. Eine fussgängerische Annäherung an die Schweiz und ihre Kantone. Edition Wanderwerk, Burgistein 2011. Zu bestellen auf www.wanderwerk.ch

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