In der Pfalz

Heisse Tage im sagenhaften Sandsteinfelsenland. Auf Himmelsleitern hoch über weiten Wäldern.

«Ich geh in mei Palz un trink Wei.» Ich erinnere mich nicht, woher ich dieses Lied kenne, aber es geht mir dauern durch den Kopf. Doch wir sind nicht wegen dem Pfälzer Wein hergekommen, sondern wegen den Felsen, den bizarr geformten rötlichen Sandsteingebilden, die da und dort aus den Wäldern ragen, die sich über die Hügel dahinziehen. Manchmal ist es Kein Fels, sondern ein Schloss oder Fels und Burg in einem, wie beim Drachenfels, an dem wir am Morgen kletterten.
Nachmittags klettern wir am Heidenpfeiler, mit 60 Metern höchste Wand des Gebiets, ziemlich direkt der brennenden Sonne ausgesetzt. Hie und da ein kühler Lufthauch. Muss ja sein, auf einer Route, die Himmelsleiter heisst, ein «Pflichtklassiker» gemäss Führerbuch. Das ist so dick wie ein Altes Neues Testament zusammen. Hunderte Routen also und keine leichte darunter, sagt Robert.
Die erste Seillänge der Himmelsleiter ist weder Leiter noch himmlisch, ziemlich vermoost, wird wohl kaum mehr geklettert, trotz Pflicht. Zu deren Erfüllung genügen offenbar die zwei oberen Seillängen, wo es dann immer luftiger wird. Die erste zu Beginn auch noch moosig, Griffe und Tritte jedoch geputzt – hoffentlich keine seltenen Moose! Dann steilt sich die Sache auf, wird krass überhängend und ausgesetzt und streng. Es scheint, dass in der Pfalz alle Routen mit unmöglichen Überhängen enden durch Risse führen, die einem schon beim Hinschauen Angst machen. Gut ist Freund Robert ein in zig Bigwalls erfahrener Friend- und Keileleger. Das geht so schnell, ich kann kaum zuschauen, wie er die Geräte setzt. Muss dann auch nicht vorsteigen, da ich immer die Ausrede finde, die Sicherungen herausholen gehe im Nachstieg besser.
Während wir also auf der Felsenleiter dem Himmel zustreben, wacht am Wandfuss Roberts Hund über unsere Rucksäcke und verbellt von Zeit zu Zeit Räuber und friedliche Kletterer oder Wanderer. Zur Strafe muss ihm Robert am Abend ein paar Dutzend Zecken aus dem Fell holen – wir sind zum Glück verschont geblieben.
Verbellt wurde übrigens auch Robert am Morgen, nicht von einem Hund, sondern von einem Kletterer, der auf sein Magnesiasäcklein zeigte: «Magnesia ist hier nicht erlaubt!»
«Also verboten?»
«Nein, nicht verboten, doch nicht erlaubt.»
Ein juristisch komplexes Problem also. Der strenge Felspolizist – Robert stufte ihn als Oberlehrer ein, und da er selber den Titel «Studiendirektor» trägt, kann er nicht weit daneben liegen. Der Mann kontrollierte nun tatsächlich den Inhalt von Roberts Magnesiasäcklein. Es war leer. Robert benutzt flüssiges Magnesia, aber das sei ein noch schlimmeres Vergehen, befand der grimmige Oberkletterer. Die Griffe würden auf ewige Zeiten zugepappt. Er wiederholte das, bis ihn seine Partnerin sanft zum Weitergehen aufforderte.
Also gut, wir haben beim Klettern viele Magnesiaspuren angetroffen und uns an offenbar zugepappten Griffen ganz gut festgehalten. Und uns an der Anekdote mit dem Pfälzer Felspolizisten bei echtem Pfälzer «Wei» auch noch köstlich amüsiert. Nicht nur illegal Magnesia verwendet, sondern auch auf einem illegalen Zeltplatz übernachtet. So wie einst die echten Räuber in diesem Land, die man dann auch auf echte Himmelsleitern geschickt hat, nämlich auf Schafott.

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