Jäger und gejagte

Von Bergsteigern, Jägern und Wild, von Felsgraten, Regenschauern und Szenen, die sich jagen. Von einem Tag Ende August im Gebirge.

Im Südosten der Hütte liegt ein wegloses Gebiet wilder Felsgipfel. Ein steinerfülltes Hochtal, die Wildgrube, im Norden, und ein weniger steiles, nicht weniger steiniges Tal, die Eng, einen zackigen Berggrat weiter im Süden. Beide münden gegen die Alpe Spullers Bühl, gegenüber deren vorderem Rand die Hütte steht. Von hier brachen wir zu dritt auf, die einzigen, die ihre Schritte nicht einen Wanderweg zu einer Nachbarhütte entlang, oder einer Kletterroute an der Roggalspitze zu, sondern nach jenem Gebiet im Südosten hin lenkten. Hinter dem Spullers Bühl schwemmen die Bäche aus dem Hochtal der Eng über eine weite grüne Ebene und man hat sie und einige dazwischenliegende Sümpfe zu überspringen, ehe die Grashänge südwärts wieder trockener ansteigen und sich bald in einzelnen Streifen zwischen den Karrenfeldern der Kalkfelsen verlieren, die sanft gegen das Brazer Jöchle ansteigen.

Plötzlich:

„Schaut, da oben gehen zwei!“

Tatsächlich, dort am Grat stiegen sie bedächtig gegen den Blisadonakopf an.

„Das wundert mich, hier in dieser Gegend!“

Vom Brazer Jöchle führen zwei Wege in die Höhe, einer gegen Osten, einer gegen Westen. Der Grat zum Blisadonakopf ist der Ostweg, jener zur Rohnspitze der unsrige. Als wir ihn erreichten, rasteten wir und liessen die Blicke schweifen. Sie glitten jenseits hinab ins Gipstäle, dort unten über weisse, gelbe und an einer Stelle rote Gerölle, trieben dann die Halden hinauf zu einem weiteren Grat voller Felszacken und fanden schliesslich erst ganz unten, ganz rechts, am Ausgang des Gipstäles, in den Schleifen eines Weges wieder Halt. Wir sassen noch, als in der Einsamkeit ein Schuss krachte, jäh durch die Stille fuhr und lange hallend um den Spullersalpkopf, durch die Eng zur Mittleren Wildgrubenspitze und durch die Südschlucht der Roggalspitze rollte, bis er endlich den Weg ins All hinaus fand. Keine Bergsteiger waren es, mit denen wir die Stille zu teilen geglaubt, die sie durchschnitten hatten wie der erste Stein, der fliegt, wenn er durchs Fenster schlägt. Im Fernglas sahen wir sie weit hinten eine Flanke queren, dann nebeneinander niederknien vor etwas, das wir nicht erkennen konnten, das dort lag und nicht floh, dem sie ins weiche, dunkle, noch warme Fell griffen.

Wolken hatten den Himmel bedeckt. Unsere Rast war zu Ende. Rasch stiegen wir den Grat empor, der blockiger, dann felsiger und schmäler wurde. Als der Blick von höher oben schon weiter in die Ferne ging und ein Steilaufschwung uns das Seil aus dem Rucksack zwang, sahen wir über Schruns im Montafon Schauer niedergehen, und als ich endlich nachstieg, brach prasselnd der Regen herab. Kalt und schwer legte sich mir der Stoff rundherum auf die Haut. Drei Seillängen weiter, am Gipfel der Rohnspitze, war es schon wieder vorbei. Sonne trocknete die Kleider und Wind den Bergleib.

Vergessen waren die morgendliche Stille und der Scherbenhaufen, zu dem sie zerbrach. Den weiteren Grat, den zweiten Gipfel, konnten wir leicht noch haben. Wir sprangen rasch über einige grüne Abschwünge und das mannshohe Mäuerchen einer steil gestellten Schichtplatte hinab, erreichten eine gleichförmig sich absenkenden Rippe aus hellem Kalk und waren sie kaum bis zur Hälfte entlang balanciert, als es sich erneut dunkel vor uns zusammenbraute. Ich beschleunigte, lief den beiden anderen ausser Rufweite und baute am tiefsten Punkt vor der Goppelspitze einen Stand, band mich ins Seil und übergab ihnen, als sie ankamen, den Knoten zur Sicherung. Rasch stieg ich hinauf bis kurz vor den unscheinbaren Gipfel. Wir überschritten ihn ohne Halt, als in den nächsten Tropfen die beiden nachgekommen und wir gemeinsam weiter gegangen waren. Der Wind gewann gegen den Regen. Der Grat bildete nun einen runden und vollkommen begrünten Rücken, der, gegen unten steiler werdend, hoch über der Wasserfläche des Spuller Sees abzubrechen schien. Wir griffen ins feuchte, kühle, grüne Fell des Berges, das kraftvoll und fest in den Böen stand und uns sicheren Halt gab, fünfhundert Höhenmeter lang, bis hinab zum See. Auf einmal waren wir wieder auf einem Weg und schlenderten zurück. Nur die letzten Meter, als ich, wie von dichter werdenden Schüssen aus dem Irgendwo getroffen, am Körper wahllos Punkte flammender Kälte spürte, rannte ich voraus unter das schützende Hüttendach, wo rasch verdampfte, was in Wirklichkeit nur die auf der Kleidung zerplatzten Tropfen eines erneut einsetzenden Regens waren.

 

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