La marche – Karl Spazier

Ambulo ergo sum. Je marche donc je suis. Ich gehe, also bin ich. Das kann man lesend erfahren. In der Jubiläumsausgabe der Kulturzeitschrift «L’Alpe». Und sicher auch mit «Wanderungen durch die Schweiz» von 1790, die neu aufgelegt wurden. Der Autor heisst – Karl Spazier.

«Marcher pour vivre ou vivre pour marcher, au fil de l’histoire, au gré des parcours de vie, nous oscillons à chacun de nos pas entre ces deux réalités.»

So schliesst Olivier Cogne, Direktor des Musée dauphinois in Grenoble, das Editorial zur Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „L’Alpe“. Das eben erschienene 80. Heft dieser dicken und schönen alpinen Kulturzeitschrift widmet sich auf 60 Seiten dem Gehen, dem nützlichen, dem erzwungenen, dem fröhlichen Sich-Fortbewegen auf zwei Füssen. Den eigenen und vielleicht auch fremden, wie das Cover jedenfalls ironisch zeigt: eine lächelnde Berglerin, die einen ängstlichen Kunstmaler auf dem Rücken über eine schmale Holzstammbrücke trägt. «Es geht ganz gut so», scheint sie den Betrachtern zuzuzwinkern. Der Wiener Maler Imre Maria Benkert schuf 1858 diese mit «Eine moderne Reiseart» betitelte Lithografie.

«Aujourd’hui, autoroutes et routes asphaltées nous font oublier que la marche fut notre principal véhicule», heisst im grossen Aufsatz mit dem Titel «Je marche donc je suis». Ich gehe, also bin ich. Ambulo ergo sum. Pierre Gassendi erfand diese Formel im Jahre 1592, die damals – und für viele Leute noch heute: Bergbauern und Bergsteiger, Zivilisationsflüchtende und Asylsuchende – wichtiger und lebensentscheidender war bzw. ist als die berühmte Formel «Ich denke, also bin ich». Ein anderer Beitrag in der Jubiläumsnummer geht der Frage nach, ob das Gehen eine «invention littéraire» sei und gibt die Antwort mit Texten von Conrad Gesner, Johann Wolfgang Goethe und George Sand.

Kurz: Ein spannendes Heft. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sechs Seiten dieser Forderung nachgehen: «Sauvons le Musée alpin suisse». Gut, wenn das in seiner Existenz bedrohte Alpine Museum der Schweiz in Bern solch fundierten Support erhält. Deshalb: Wer die Petition zur Rettung noch nicht unterzeichnet hat – voilà: http://rettungsaktion.alpinesmuseum.ch/

Und dann noch dies, wunderbar passend zum Titelbild mit dem ängstlichen Kulturtouristen. Im Jahr 1789 besuchte Karl Spazier, Schriftsteller, Liederkomponist, Opernsänger und Erzieher aus Leipzig, die Schweiz und das angrenzende Frankreich. Zu Fuss, per Kutsche und mit dem Schiff. Von Basel nach Bern, von Bern an den Genfersee, durch das Berner Oberland via Entlebuch in die Zentralschweiz und weiter nach Zürich, Schaffhausen, Basel. Die Reise hielt Spazier im 1790 erschienenen und nun neu aufgelegten Buch «Wanderungen durch die Schweiz» fest. Zum Beispiel seinen Besuch in Meillerie, berühmt geworden durch den Briefroman «Julie ou la Nouvelle Heloïse» von Jean-Jaqcues Rousseau. «Um sieben Uhr war ich schon in Meillerie, einem schmalen, unreinlichen Fischerorte», notierte der Autor und störte sich an den kotigen Strassen und den grunzenden Schweinen. «Das thut wehe, denk’ ich, obgleich die unschuldigen Säue nichts dafür können, daß man die Heloise gelesen hat.» Dann wanderte Spazier mit einem Führer (die Einheimischen wollen und sollen ja auch am Tourismus verdienen) zum Rousseau-Stein oberhalb des Dorfes. Dorthin also, wo der Romanheld St. Preux sass und mit feuchten Augen über den See zu seiner geliebten Julie blickte – ein Handy gab es ja damals noch nicht, um ein SMS zu schicken. Aber oh je, der wandernde Tourist aus Deutschland geriet vom sicheren Weg und in vermeintliche Todesgefahr, aus der er sich mit der Hilfe des Führers befreite. «Mit bebendem Knie stieg ich hinab, und dankte Gott aus vollem Herzen, wie wir wieder in Meillerie waren. Nun that es mir unaussprechlich wohl, daß ich die Schweine wieder grunzen hören konnte.»

L’Alpe, N° 80, printemps 2018: La marche. Utile, forcée, joyeuse. Un dossier. Éditions Glénat, Grenoble 2018, Fr. 26.- www.lalpe.com; www.lalpe.com/allemand/

Karl Spazier: Wanderungen durch die Schweiz. Gotha 1790. Neu herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von René P. Moor; 2 Bände, Edition Wanderwerk, Burgistein 2018, Fr. 26.- www.wanderwerk.ch

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