Landschaften

Auch Bücher sind Landschaften. Schliesslich ist auch Lesen und Bilder Betrachten «das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt». Wie weit sich der Begriff dehnt, zeigt der Berg von Literatur zum Thema, den unser Rezensent hier auftürmt bzw. abbaut. Berge zerfallen, wie wir wissen, Landschaft bleibt. Ob flach, steil oder eben: Papier.

„Eine Landschaft lebt nicht nur durch das in ihr Sichtbare, sondern ebenso durch die Gestalten, die in ihr unsichtbar – oder nur in hindeutenden Spuren – anwesend sind, ob sie nun aus Büchern, Bildern, Erinnerung oder Überlieferung stammen; das Vergangene, Erfundene oder Wirkliche gilt hier gleich viel; in je gröβerer Dichte sich solche Erscheinungen einstellen, um so mehr hat die Landschaft Figur.“

Es ist ein jeder Hinsicht gewichtiges Buch, in dem sich auf den weissen Seiten 470-471 dieses Zitat von Franz Tumler aus seinem Text „Österreichische Landschaft“ gross abgedruckt findet; er stammt aus Tumlers Werk „Landschaften und Erzählungen“ von 1974. Das passt perfekt zu diesem gut zwei Kilo schweren und 560 Seiten dicken Buch „Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene“. Es erkundet auf wissenschaftliche, literarische und künstlerische Weise unterschiedlichste Landschaften in diesem Teil der Alpen bis hinunter ins Delta des mächtigen Alpenflusses. Entstanden ist es aus der Tagung „Grenzräume – Raumgrenzen: Ländliche Lebenswelten aus kulturwissenschaftlicher Sicht“ im April 2015 an der Uni Innsbruck.

„Es gibt viele Arten, Landschaften zu betrachten“: So beginnt Susanne Rau ihren grundlegenden Beitrag „Land und Landschaften“. Sie definiert Landschaft als „das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt“. Wie sich diese Definition so verblüffend wie überzeugend künstlerisch umsetzen lässt, zeigt Katharina Cibulka in der Arbeit „ist heute morgen“. Sie reiht alte Holzschindeln, die einst ein Haus bedeckten und es vor Kälte und Nässe, Sonne und Wind schützten, wie Dominosteine an verschiedenen Orten aneinander – auf Wiesen im Gebirge und neben einer Pferderennbahn, in alten Gebäuden, aufgegebenen Fabrikanlagen und modernen Räumen – und fotografiert die Installationen. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diese Fragen stehen da wahrhaftig im Raum. Man möchte den Holzschindeln natürlich mal live begegnen; fürs Erste begnügen wir uns mit den Farbfotos in „Landschaftslektüren“.

Nicht alle Beiträge sind so unmittelbar einleuchtend und berührend wie diejenigen von und zu Katharina Cibulka. Was aber Stefan Alber mit dem Mobiliar des Zimmers 206 des Hotels Pragser Wildsee gemacht hat, geht ganz schön unter die Haut. Und im epischen Gedicht „im atemgeröll mein lied“ von Christoph W. Bauer taucht der Begriff „heimatmoränen“ auf. Ob sich Francesco Petrarca darunter etwas hätte vorstellen können? Er, der um 1336 den Mont Ventoux bestieg und mit seinem Bericht darüber das Landschaftsbewusstsein initiierte.

Wer sich für die Auseinandersetzung mit Landschaft und Raum einst und heute interessiert, kann zu zwei weiteren Publikationen greifen. „Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum“ geht den Fragen nach, was Landschaftsqualität denn überhaupt ausmacht, welche Funktionen Landschaften gerade im städtischen und halbstädtischen Raum, als im Mittelland, erfüllen müssen und wie sie weiter entwickelt werden können. Keine Lektüre für Minuten. Aber man darf sich ja auch mal in etwas hineinknien, das uns alle angeht.

Im Beitrag „Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600“ für die „Berner Zeitschrift für Geschichte“ setzt sich Jon Mathieu wie immer informativ und unterhaltsam zugleich mit einem Epos auseinander, das einen etwas langatmigen Titel hat – der Beginn lautet so: „Ein Neuw, Lustig, Ernsthafft, Poetisch Gastmal, vnd Gespräch zweyer Bergen, In der Löblichen Eydgnossenschafft, vnd im Berner Gebiet gelegen: Nemlich dess Niesens vnd Stockhorns, als zweyer alter Nachbaren…“ Autor dieser barocken, 1606 erstmals aufgelegten Landes- und Weltkunde ist Hans Rudolph Rebmann (1566-1605), lange Pfarrer in Thun. Niesen und Stockhorn erzählen sich gegenseitig, was sie alles wissen, und das ist nicht wenig. Hier deshalb nur acht der 14‘000 Verse der Erstauflage:

Die Jungfrau hoch zu bsteigen schwer,
Wan nicht ein Horn der Münch dran wer,
Der Berg zween Gibel hoch auffgricht,
Der Schnee den einen lasset nicht
Der in bedecket allezeit,
Sein spitzigen Grad sieht man weit;
Der ander Spitz der Münch vast rund
Ein Jäger ihm ersteigen kundt!

 

 

 

 

 

Markus Ender, Ingrid Fürhapter, Iris Kathan, Ulrich Leitner, Barbara Siller (Hg.): Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene. Transcript Verlag, Bielefeld 2017, € 35.- www.transcript-verlag.ch

Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum. Herausgegeben vom Institut für Landschaft und Freiraum, HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Haupt Verlag, Bern 2016, Fr. 44.- www.haupt.ch

Jon Mathieu: Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, N° 01/17, Fr. 20.- www.bezg.ch

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