Les nouveaux alpinistes

Es wird immer neue Alpinisten geben, die noch wildere Sachen machen als die Vorgänger. Diese Geschichte seit 1982 untersucht Claude Gardien in einem spannenden Werk, allerdings etwas frankreichlastig, wie das halt so ist.

«En 1982, un jeune homme de 21 ans escalade une des plus grandes parois des Alpes au petit trot, seul. Il est vêtu d’un pantalon de toile blanc et d’un sweatshirt tout aussi immaculé. Pas de sac, pas de casque: un foulard noué autour de la tête qui, s’il ne le protège pas des chutes de pierres, apporte une touche finale à un look assumé, décontracté, et à la mode des ces années-là.»

So beginnt ein neues Buch zur Geschichte des neuen Alpinismus, und so begann, mit diesem 21-jährigen Kletterer in hellen Klamotten und mit einem Stirnband, eine neue Ära im Bergsteigen. Diesen Beginn jedenfalls setzt Claude Gardien, französischer Bergführer, Bergjournalist und Bergbuchautor, in seinem jüngsten Werk „Les nouveaux alpinistes“. Der junge Kletterer heisst Christoph Profit; die Route, die er am 30. Juni 1982 in gut drei Stunden free solo durchstieg, ist die „Directe américaine“ in der Westwand des Petit Dru ob Chamonix. 1100 Meter senkrechter Granit, 1962 erstmals gemacht von den US-Amerikanern Gary Hemming und Royal Robbins. Einer der ganz grossen Anstiege der Alpen. Und dann kam dieser Kerl aus dem alpenfernen Rouen, schick gekleidet, und liess den Mythos erzittern – oder neu aufleben, je nach Standpunkt. Yves Ballu, grand seigneur der französischen Alpinismushistoriker, sah in diesem Solo la „fin de l’alpinisme“, wie Gardien etwas schadenfreudig anzumerken scheint. Denn Ballu veröffentlichte 1984 das Werk „Les alpinistes“. Und nun eröffnet Gardien mit „Les nouveaux alpinistes“ eine neue Seillänge; nur verständlich, dass er seinen Vorgänger in der Bibliographie ganz einfach vergessen hat… Mais oui, c’est la vie, im Tal unten und in den Högern oben.

Claude Gardien teilt sein Buch in zwei Hauptteile. Die knappe erste Hälfte blickt zurück auf etwas jüngere Geschichte nach 1982, als Traditionen in den Abgrund geschubst wurden, als die années fun für Furore und farbige Cover sorgten, als der Alpinstil im Himalaya so richtig in Fahrt kam und als der Kandertaler Jürg von Känel das Plaisirklettern erfand: «Le succés est immédiat. (…) Le concept est vite à la mode, il s’étendra un peu partout, y compris dans les montagnes de plus haute niveau.» Der zweite Teil behandelt die „histoire en marche“, vom El Capitan über die 8000er bis zum Cerro Torre.

Längere Textabschnitte zum neuen Klettern und Bergsteigen als Breitensport vermisst man un peu dans „Les nouveaux alpinistes“. Grosse und kleine, bekannte und unbekannte Namen an den höchsten und schwierigsten Wänden und Gipfel der Welt (und natürlich auch im Mont-Blanc-Massiv, mais bien-sûr!) machen den Hauptteil des Buches aus, und da verliert man manchmal ein wenig die Übersicht. Zumal dann hinten eine Chronologie und ein Verzeichnis der Alpinisten, Gipfel und Routen fehlen (excuse-moi Claude, aber bei Yves ist das alles drin!). Trotzdem: Es ist immer wieder gut, wenn die Geschichte des Alpinismus fortgeschrieben wird, gerade auch die jüngere und die jüngste.

Und dem Fazit von Claude Gardien auf Seite 245 wird man bestimmt vorbehaltlos zustimmen, ob die Kletterer nun drei Stunden oder drei Tage für die „Directe américaine“ brauchen, ob Bergwanderer vom Schafhubel aus nur die Nordwestwand des „Grindelwald Dru“ bewundern, wie das Scheideggwetterhorn vom Erstbesteiger genannt wurde:

«Tant qu’il y aura des montagnes, des femmes et des hommes pour lever les yeux vers elles, pour les aimer, il y aura des alpinistes, qui partiront chercher la réponse des hauteurs.»

Claude Gardien: Les nouveaux alpinistes. Éditions Glénat, Grenoble 2018, € 20.- www.glenatlivres.com

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