Literarisches Reisefieber

Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Goethe schaffte es zu Fuss, aber wer sich das nicht antun will, und trotzdem auf literarischen Pfaden wandern, findet gegenwärtig eine schöne Auswahl an Wanderführern für alle Gegenden des Landes. Hier zwei aktuelle Werke mit Routen von dies- und jenseits des Röstigrabens.

„Meine neue Wohnung ist mit einem Balkon versehen, auch schreib ich hier an einem veritablen Schreibtisch, mal was ganz Neues.“

Und wie Robert Walser schrieb an seinen insgesamt 15 Adressen in Bern: über 1600 Prosastücke, Gedichte und dramatische Szenen. In der Länggasse wohnte Walser während seiner Berner Jahre von 1921 bis 1929 nur gerade einmal, nämlich vom Mai bis Oktober 1924 an der Fellenbergstrasse 10 bei der Pauluskirche. In Zukunft werde ich in dieser Strasse immer zum Balkon hinaufschauen.

Literaturstadt Bern: Da sind noch zahlreiche andere Namen zu nennen. Paul Nizon ebenfalls in der Länggasse und etwas weiter weg am Wohlensee, Friedrich Dürrenmatt im Obstbergquartier, Verena Stefan beim Bärengraben, Mani Matter auf der Bundesterrasse, Elio Pellin am Gäbelbach, Peter Bichsel „Im Hafen von Bern im Frühling“, Franz Hohler am „Rand von Ostermundigen“. Druckfrisch erschien „Aaregeflüster“ von Desirée Scheidegger. Ebenfalls streckenweise an den Aare spielend und kaum aus dem Druck gekommen: der Wander- und Veloführer „Literarisches Reisefieber“ von Ursula Kohler. Darin wenden wir uns, in Worb startend, der Aare zu und suchen zuletzt den Meret-Oppenheim-Brunnen in der Berner Innenstadt auf. Meret Oppenheim war nämlich nicht nur eine bildende Künstlerin, sondern auch eine Dichterin.

Die Sprachwelt von Oppenheim auf der Wanderung von Worb nach Bern: Eine der zwanzig Touren, auf die uns Ursula Kohler in die ganze Schweiz mitnimmt, mit viel literarischem Hintergrund und allen touristischen Informationen. Vom Aroser Weisshorn des „Sportdichters“ Hans Roelli bis ins Zürich der Heidi-Erfinderin Johanna Spyri. Mit Max Frisch durchs Erlenbacher Tobel, mit Laure Wyss durch die Twannbachschlucht und mit Lisa Wenger durch die Gorges du Pichoux. Otto Frei begegnen wir am Bodensee, Henri-Frédéric Amiel am Genfer See.

Apropos Genf: Ebenfalls frisch ab Presse ein anderes literarisches Wanderbuch, wobei hier der Fokus mehr auf dem Wort und weniger auf der konkrete Route liegt – „Regards croisés sur Genève. Promenade littéraire“. 21 zeitgenössische Autoren und Autorinnen mit Genfer Wurzeln oder Bezug beschreiben in komischen, tragischen, träumerischen und ganz alltäglichen Geschichten einen Teil ihrer Stadt. So Daniel de Roulet über „Rousseau et le grand magasin“ oder Alain Bagnoud über „La rue des bars“. Im Vorwort bringt Darius Rochebin den ersten Literaten auf den Plan, der Genf in einem seinen Werke einen wichtigen Platz einräumte: Julius Cäsar mit „De bello Gallico“. Darin findet sich der Ausdruck „maximis itineribus“, was so viel heisst wie „in möglichst grossen Märschen“ oder „in Eilmärschen“. Eine Tätigkeit, die Robert Walser alles andere als fremd war. Marschieren, wandern, spazieren, gehen. In der 1917 erschienenen Erzählung „Der Spaziergang“ schrieb er:

„Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“

Ursula Kohler: Literarisches Reisefieber. Kreuz und quer durch die Schweiz – zu Fuss und mit dem Velo. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80, www.as-verlag.ch

Regards croisés sur genève. Promenade littéraire. Illustrations et couverture de Pierre Wazem. Préface de Darius Rochebin. Éditions Slatkine, Genève 2017, Fr. 25.- www.slatkine.com

Die Buchvernissage von „Literarisches Reisefieber“ findet statt am Freitag, 9. Juni 2017, um 18 Uhr im Travel Book Shop am Rindermarkt 20 in 8001 Zürich. Anmeldung an info@as-verlag.ch.

Vom 18. bis 21. Mai 2017 in Bern: «Spazieren muss ich unbedingt». Robert Walser und die Kultur des Gehens. Veranstalter dieser internationalen Tagung sind die Pädagogische Hochschule Bern und das Zentrum Paul Klee. Am Donnerstag Nachmittag, Freitag und Samstag hochspannende Vorträge, so zum Beispiel zu „Walsers Tempi und Gangarten im Zeitalter der Beschleunigung“; am Sonntag Morgen dann eine Stadtwanderung vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee. www.robertwalser.ch

Und noch ein literarisch-touristischer Hinweis: www.literatur-karten.ch ermöglicht Streifzüge durch das Land der Dichtung. Die Literaturlandkarten der Schweiz führen von Achim von Arnim über Robert Walser und Emil Zopfi bis Stefan Zweig.

Kommentar abgeben