Murgtal

Der Kartier-Sommer des Geologen beginnt in der Stille des Frühlings. Hier bin ich mir so lange selbst überlassen, bis der Alpsommer die Welt herauf bringt und mit ihr die Relation, die sich zuvor in der Wildnis fast verlor, wieder zu Recht rückt.

Im Murgtal komme ich mir bisweilen vor wie Gulliver im Reich der Riesen. Unterhalb der Felswände breiten sich Steinblöcke über den Talboden aus, zwischen denen ich wie eine Maus durch Spalten krieche oder mühsam um sie herumsteige. Sie sind wie Häuser, Hallen oder Türme, ohne Fenster und Türen, wie eine Stadt, die, von einer Flutwelle durcheinander gebracht, ihre Strassen verloren hat. Zwischen ihnen strömt oft Wasser von Bächen, die kein Bett zu haben scheinen und über die Brücken so selten sind, als bedürfe es eigentlich nur eines grossen Schrittes um hinüber zu gelangen. Für mich aber ist keiner von ihnen zu überspringen.

Fichten, Föhren und Arven, Erlen und Ebereschen, Alpenrosen und übermannshoher Farn überwuchern zu tausenden die grossdimensionierten Blöcke, wie Firn die Spalten eines Eisbruches überdeckt. Manchmal breche ich mit einem Bein durch Heidelbeergesträuch in eine überraschende Leere, aus der die Kühle verschütteter Gassen haucht. Dann bewahrt mich ein Fichtenjährling oder ein Föhrenzweig, an den ich mich rasch kralle, vor dem Spaltensturz in die Unterwelt. Das Labyrinth des grünen Eisbruches erscheint mir endlos und die Hitze darin drückend. Schweissüberströmt, pollenverklebt und voller Spinnweben, fluche ich mich hindurch und schöpfe doch Kraft aus der Wildnis.

Verstreut finden sich Alpen auf den Bachschuttkegeln der Seitentäler. Bachlaui, Mornen, Guflen. Noch ist es still auf ihren Triften. Im Mai treffe ich dort die Gämsen in Rudeln und auch einen Steinbock, einen alten Herrn mit riesengrossen Hörnern, der auf einem Buckel über mir steht, wie ein Fabelwesen, und sich dann mit einem Wiegen seines ungeheuer schweren Kopfes wortlos, gelassen abwendet um, über mir aufsteigend, langsam in die Höhe zu wachsen. Etwas weiter, liegt auf Schiefergeröll die Handschwinge eines Adlers, ein Trumm, eine einzelne Feder so lang wie mein ganzer Arm. Fast weckt sie Angst vor einem dunklen, drohenden Schattens über mir, der Maus.

So ist es Tag für Tag und ist doch von einem auf einen anderen plötzlich anders. Schon beim Herauffahren liegen Steine auf dem Strässchen und Kuhdung. Wo ich bisher hallend den leeren Hof der Alpe durchschritt, kläffen mir jetzt die Hunde nach, und wenig oberhalb kommt mir der Älpler entgegen. Ein junger Kerl in dunkelgrünen Gummistiefeln, einen dünnen, knorrigen Stumpen im Mund. Während wir aufeinander zugehen, mustern wir uns fünfzehn Schritte und zehn lange Sekunden lang. Unsere Blicke bohren förmlich, fragen: Was bist du für einer? Ein kurzer Gruss ist alles als unsere Schritte, die keiner von uns innehält, an der Mitte des Weges spiegelnd sich kreuzen und binnen Sekundenbruchteilen die Begegnung, alles Mustern, Bohren und unausgesprochene Fragen, abrupt vorüber ist. Er ist, stelle ich, Gulliver, befriedigt fest, sogar noch ein wenig kleiner als ich.

Nun ist es Sommer geworden im Murgtal. Schellengeläut hat das Wildwasserrauschen verdrängt, Rinder und Kühe weiden auf Guflen, auf Mornen, auf Bachlaui, die Bäche sind abgeschwollen und schmiegen sich in ihre Betten. Von Steinblock zu Steinblock überspringe ich sie, und das Land, wo immer es mir beliebt.

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