Bergkrimis, 1. Seillänge

Die Zahl neuer Bergkrimis ist immer noch im Aufstieg begriffen. Aber der Absturz droht unablässig, und das hat mit dem Thema und dem möglichen Tatort zu tun. Grundsätzlich gibt’s nämlich drei Möglichkeiten, warum jemand runterfällt: Unfall, Selbstmord – oder Mord.

23. März 2018

„Unterdessen hatte er den Weg über das Eis eingeschlagen und ich folgte ihm. Mein Herz war zu voll und ich fand keine Worte, um ihm irgend etwas zu erwidern. Aber während ich ging, erwog ich die verschiedenen Umstände, deren er Erwähnung getan, und beschloß, zum mindesten seine Geschichte anzuhören. Hauptsächlich war es Neugierde, die mir diesen Entschluß eingab, aber auch ein schwaches Gefühl des Mitleids mengte sich hinein. Ich hatte ihn bisher für den Mörder meines Bruders gehalten und war begierig, aus seinen Worten eine Bestätigung oder Widerlegung dieser Ansicht zu vernehmen.“

Der Mörder? Am Berg! Genau. Der Ur-Berg-Krimi sozusagen. Und Weltliteratur. „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. Sie verfasste den Roman 1816/17, er erschien erstmals am 1. Januar 1818. Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Und dieser für Unruhe und Untaten, am Salève bei Genf und auf dem Mer de Glace ob Chamonix. Am Berg eben. Ein Ausschnitt aus „Frankenstein“ markiert den Einstieg in die Anthologie „Gefährliche Ferien. Die Alpen“. Allerdings wird darin dem Titel nicht immer Genüge getan. „Eigermönchundjungfrau“ von Alex Capus spielt in Bern, Veit Heinichens Beitrag in Triest. Was dafür eher fehlt, sind alpinistische Texte von heute zu den gefährlichen Alpen: von Emil Zopfi zum Beispiel oder von Volker Klüpfel/Michael Kobr. Immerhin: Jörg Maurer tritt auf, und der von Laura de Weck inszenierte Dialog zwischen der Verkäuferin in einem Sportgeschäft in den Bergen und dem potentiellen Nacktwanderer – nicht Mörder! – ist herzerwärmend.

„Markus Schmitz wurde in der Silvesternacht in Murnau getötet. Wo waren Sie denn in der Silvesternacht?“
„Allein auf dem Zahn.“
„Wo, bitte?“, fragte Kathi.
„Hoch über dem Graswangtal. Der Berg sieht aus wie ein überdimensionaler Backenzahn mit ein bisschen Karies vielleicht.“

Ausschnitt aus dem Verhör, das Kommissarin Kathi Reindl mit der verdächtigen Bettina Gerstner führt, im jüngsten Alpen-Krimi von Nicola Förg: „Rabenschwarze Beute“. Wie schon in den letzten Krimis geht es auch wieder ums Tierwohl bzw. –elend. Um Vögel mit Federn diesmal, die massenhaft an den von Menschen errichteten Konstruktionen verenden. Aber es geht auch um schräge Vögel, die aus Gier und Rache alles daran setzen, dass Mitmenschen nie mehr zu einem Höhenflug oder einer Hochtour ansetzen können.

„Das Trio hatte ebenfalls die Besteigung des Piz Beverin vorgenommen. Frank wäre allerdings jede Wette eingegangen, dass sie niemals den Gipfel erreichten. Die schlagen sich gegenseitig den Schädel ein, bevor sie oben auf dem Heidbüel sind, dachte er verächtlich.“

Und wie! Denn wandern kann ganz schön gefährlich werden. Da kommt das Monster über den Gletscher gerannt, dort wartet der Mörder hinter der nächsten Wegbiegung. Oder die Mörderin. Monster gibt es im Erstlingskrimi „Tod am Piz Beverin“ von Rita Juon nicht, die andern aber schön. Potentielle und wirkliche. Oder rutschte der deutsche Tourist am Beverin einfach aus? Der Weg vom Hoch Büel auf den berühmten Piz jedenfalls ist verdammt abschüssig. Ein kleiner Fehltritt genügt.

„Grundsätzlich gibt’s drei Möglichkeiten, warum jemand runterfällt: Unfall, Selbstmord oder Mord.“

Erklärt Polizist Bär der Privatdetektivin Pallas im Krimi „Alpenfrauen. Fall zwei für die unwiderstehliche April Pallas“ von Daniela Schwenk. Das Cover mit den verschneiten Dauphiné-Alpen, dem Warnschild „Achtung Absturz“ und dem Titel verspricht einen hochspannenden Bergkrimi. Dieser hier ist hauptsächlich in Zweisimmen angesiedelt, und die Gipfel im Simmental sind halt nicht ganz so markant und mörderisch wie Barre des Écrins und Meije. Aber abstürzen ist auch am Niderhorn möglich. Nach einem Fall über eine höhere Wand wird man freilich kaum mehr einen Unterschied der drei oben erwähnten Absturzursachen feststellen können. So viel sei verraten: Es war Mord.

„Der Klettersteig forderte einiges an Geduld und Diskussionen, denn dort waren trotz der frühen Stunde bereits zwei Familien mit Kindern und drei bis an die Zähne ausgerüstete Klettersteig-Anfänger unterwegs.“

Auch in einem Klettersteig kann man runterfallen, wenn auch nicht allzu tief, wenn das Klettersteigset korrekt montiert wurde. Die Verletzungsgefahr allerdings ist mächtig. Das gilt auch bei der Handhabe mit einem Beil, insbesondere dann, wenn es gegen den Kopf geführt wird, wie in „Verraten. Monika Trautners 2. Fall“ von Irmgard Braun. Die Fallhöhe eines Beils musste der bergbegeisterte Oliver Baudel erfahren, bei einem Fest an Tegernsee. Kletterdetektivin Trautner und ihr Enkel Liam ermitteln in den Bayerischen Alpen, am Lago di Garda (mit seinen berühmten Vie ferrate) und in den Dolomiten. Zum Showdown kommt es dann auf der Skitour am Aiplspitz, dessen Gipfel teilweise mit einem Drahtseil erklommen wird. Es ist die Schlüsselstelle, und genau dort wartet ein Monster auf Monika.

„Vom Wanderweg, auf dem er eine Strecke weit gelaufen war, war bald einmal nichts mehr zu sehen. Einen vorgespurten Schneeschuhpfad gab es längst nicht mehr. Immerhin sah er die dick verschneiten Weiden und Erlen am Rottenufer.“

Eigentlich hätte Kriminalpolizist a. D. „Kauz“ Walpen, ein Üsserschwiizer mit Gommer Wurzeln, der in Münster seinen Ferienwohnsitz hat, gar nicht mit Schneeschuhen über die Rottenebene von Reckingen nach Münster stapfen dürfen, im Kriminalroman „Gommer Winter“ von Kaspar Wolfensperger. Erstens nicht wegen drohender Lawinengefahr. Und zweitens, ja: Waren in den letzten Tagen nicht schon Schneeschuh- und Langläufer auf mysteriöse Art und Weise gestorben? Doch! Walpen, der Ermittler wider Willen, ist dem Täter oder der Täterin auf der Spur, auch im tiefen Schnee. Oder gar er bzw. sie ihm? Geschickt verbindet Wolfensperger kriminalistisches und literarisches Knowhow mit der Gommer Berglandschaft und Gesellschaft. Und das bereits zum zweiten Male. Denn „Gommer Winter“ ist der Folgeband von „Gommer Sommer“. Nun warten wir auf den „Gommer Frühling“. Auch als Geschichte zum Lesen.

Anna von Planta (Hrsg.): Gefährliche Ferien – Die Alpen. Diogenes Verlag 2017, Fr. 15.- www.diogenes.ch
Nicola Förg: Rabenschwarze Beute. Pendo Verlag 2018, Fr. 24.- www.piper.de
Rita Juon: Tod am Piz Beverin. Orte Verlag, Fr. 26.-, www.orteverlag.ch
Daniela Schwenk: Alpenfrauen. Fall zwei für die unwiderstehliche April Pallas. Ulrike Helmer Verlag 2017, Fr. 28.- www.ulrike-helmer-verlag.de
Irmgard Braun: Verraten. Monika Trautners 2. Fall. Rother Verlag 2017, Fr. 18.- www.rother.de
Kaspar Wolfensberger: Gommer Winter. Bilgerverlag, 2018, Fr. 40.- www.bilgerverlag.ch

Lesungen:
Freitag, 23. März 2018, 20.15: Rita Juon liest aus ihrem Krimi „Tod am Piz Beverin“ im Buachlada Kunfermann in Thusis; www.buachlada-kunfermann.ch
Freitag, 23. März 2018, 18.30: Kaspar Wolfensberger liest aus seinen beiden Gommer Krimis im Rahmen des Krimiabends mit mehreren Autoren am Literaturfest Luzern; www.literaturfest.ch/programm

La marche – Karl Spazier

Ambulo ergo sum. Je marche donc je suis. Ich gehe, also bin ich. Das kann man lesend erfahren. In der Jubiläumsausgabe der Kulturzeitschrift «L’Alpe». Und sicher auch mit «Wanderungen durch die Schweiz» von 1790, die neu aufgelegt wurden. Der Autor heisst – Karl Spazier.

15. März 2018

«Marcher pour vivre ou vivre pour marcher, au fil de l’histoire, au gré des parcours de vie, nous oscillons à chacun de nos pas entre ces deux réalités.»

So schliesst Olivier Cogne, Direktor des Musée dauphinois in Grenoble, das Editorial zur Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „L’Alpe“. Das eben erschienene 80. Heft dieser dicken und schönen alpinen Kulturzeitschrift widmet sich auf 60 Seiten dem Gehen, dem nützlichen, dem erzwungenen, dem fröhlichen Sich-Fortbewegen auf zwei Füssen. Den eigenen und vielleicht auch fremden, wie das Cover jedenfalls ironisch zeigt: eine lächelnde Berglerin, die einen ängstlichen Kunstmaler auf dem Rücken über eine schmale Holzstammbrücke trägt. «Es geht ganz gut so», scheint sie den Betrachtern zuzuzwinkern. Der Wiener Maler Imre Maria Benkert schuf 1858 diese mit «Eine moderne Reiseart» betitelte Lithografie.

«Aujourd’hui, autoroutes et routes asphaltées nous font oublier que la marche fut notre principal véhicule», heisst im grossen Aufsatz mit dem Titel «Je marche donc je suis». Ich gehe, also bin ich. Ambulo ergo sum. Pierre Gassendi erfand diese Formel im Jahre 1592, die damals – und für viele Leute noch heute: Bergbauern und Bergsteiger, Zivilisationsflüchtende und Asylsuchende – wichtiger und lebensentscheidender war bzw. ist als die berühmte Formel «Ich denke, also bin ich». Ein anderer Beitrag in der Jubiläumsnummer geht der Frage nach, ob das Gehen eine «invention littéraire» sei und gibt die Antwort mit Texten von Conrad Gesner, Johann Wolfgang Goethe und George Sand.

Kurz: Ein spannendes Heft. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sechs Seiten dieser Forderung nachgehen: «Sauvons le Musée alpin suisse». Gut, wenn das in seiner Existenz bedrohte Alpine Museum der Schweiz in Bern solch fundierten Support erhält. Deshalb: Wer die Petition zur Rettung noch nicht unterzeichnet hat – voilà: http://rettungsaktion.alpinesmuseum.ch/

Und dann noch dies, wunderbar passend zum Titelbild mit dem ängstlichen Kulturtouristen. Im Jahr 1789 besuchte Karl Spazier, Schriftsteller, Liederkomponist, Opernsänger und Erzieher aus Leipzig, die Schweiz und das angrenzende Frankreich. Zu Fuss, per Kutsche und mit dem Schiff. Von Basel nach Bern, von Bern an den Genfersee, durch das Berner Oberland via Entlebuch in die Zentralschweiz und weiter nach Zürich, Schaffhausen, Basel. Die Reise hielt Spazier im 1790 erschienenen und nun neu aufgelegten Buch «Wanderungen durch die Schweiz» fest. Zum Beispiel seinen Besuch in Meillerie, berühmt geworden durch den Briefroman «Julie ou la Nouvelle Heloïse» von Jean-Jaqcues Rousseau. «Um sieben Uhr war ich schon in Meillerie, einem schmalen, unreinlichen Fischerorte», notierte der Autor und störte sich an den kotigen Strassen und den grunzenden Schweinen. «Das thut wehe, denk’ ich, obgleich die unschuldigen Säue nichts dafür können, daß man die Heloise gelesen hat.» Dann wanderte Spazier mit einem Führer (die Einheimischen wollen und sollen ja auch am Tourismus verdienen) zum Rousseau-Stein oberhalb des Dorfes. Dorthin also, wo der Romanheld St. Preux sass und mit feuchten Augen über den See zu seiner geliebten Julie blickte – ein Handy gab es ja damals noch nicht, um ein SMS zu schicken. Aber oh je, der wandernde Tourist aus Deutschland geriet vom sicheren Weg und in vermeintliche Todesgefahr, aus der er sich mit der Hilfe des Führers befreite. «Mit bebendem Knie stieg ich hinab, und dankte Gott aus vollem Herzen, wie wir wieder in Meillerie waren. Nun that es mir unaussprechlich wohl, daß ich die Schweine wieder grunzen hören konnte.»

L’Alpe, N° 80, printemps 2018: La marche. Utile, forcée, joyeuse. Un dossier. Éditions Glénat, Grenoble 2018, Fr. 26.- www.lalpe.com; www.lalpe.com/allemand/

Karl Spazier: Wanderungen durch die Schweiz. Gotha 1790. Neu herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von René P. Moor; 2 Bände, Edition Wanderwerk, Burgistein 2018, Fr. 26.- www.wanderwerk.ch

Glarner Wunderland

Da gat eim z‘Härz uf, beim Anschauen des Bildbandes «Glarner Wunderland». Warm ums Herz wird es einem aber auch heute Dienstag, 6. März, wenn zu Ehren des Kantonsheiligen Fridolin am Abend die Fridlisfüür angezündet werden.

6. März 2018

Hüttenzauber
Auf grüner Matte wartet die Fridolinshütte auf die Gipfelstürmer, mit Herzen auf dem Fensterbrett und Kuchen auf dem Buffet. Seit 1923 steht sie an diesem Platz.“

Heute Dienstag, am Namenstag von Fridolin, dem Kantonsheiligen von Glarus, werden die weiss-rot-schwarzen Fensterläden der Fridolinshütte (2109 m) am Tödi dicht verriegelt sein, und Kuchen wird es dort erst wieder im Sommer geben. Am 6. März werden Gipfelstürmer in anderen Hütten Kaffee & Kuchen geniessen, zum Beispiel im Ortstockhaus ob Braunwald, 1931 realisiert von Hans Leuzinger; seit dem Sommer 2016 erstrahlt das denkmalgeschützte Haus mit seiner halbrunden Form in neuem Glanz. Bei Sonnenschein gibt es kaum einen schöneren Platz im Glarnerland, um auf Fridolin (und überhaupt) anzustossen. Am Abend jedoch sollte man sich an einem der Fridolinsfeuer im Tal unten erwärmen. Die Fridlisfüür, wie die Glarner sie nennen, gehören ursprünglich zu den vorchristlichen Frühlingsfeuern; sie sollen den Winter vertreiben und den Frühling ins Land einziehen lassen. Hoffen wir also auf ihre Wirkung nach den zu kalten und zu schneereichen Tage der letzten Zeit.

„Glarner Wunderland. Von den Gipfeln bis ins Tal“: So heisst ein neuer, querformatiger Bildband mit Fotos von Maya Rhyner und Michèle Albrecht, Texten von Claudia Kock Marti und einem Vorwort von Emil Zopfi. 220 Seiten vollgepackt mit stimmungs- und verheissungsvollen Fotos von diesem eher kurzen, aber tief eingeschnittenem Alpental, das vom Tödi bis an den Rand der Linthebene hinunter reicht. Zu bieten hat der Zigerschlitz, wie das Tal auch genannt wird, ganz viel. „Glarner Wunderland“ zeigt dies eindrücklich: vom höchsten Gipfelkreuz bis zum Grüeziweg ob Ennenda; vom eiskalten Wildmadsee ob Elm bis zum Sandstrand bei Gäsi am Walensee; von den Rauti-Arven zu den Richisau-Ahornen; vom Vrenelisgärtli bis zum Veloweg von Linthal nach Ziegelbrücke, genannt Fridliweg. Anders gesagt: auf ins Glarnerland! Wenigstens zu seine schönsten Buchseiten. Fridolin wird sich freuen.

Maya Rhyner, Claudia Kock Marti, Michèle Albrecht: Glarner Wunderland. Von den Gipfeln bis ins Tal. Vorwort von Emil Zopfi. Baeschlin, Glarus 2017, Fr. 58.- www.baeschlinverlag.ch

Fridolinsfeuer finden am 6. März unter anderen an folgenden Orten statt: Elm, Haslen, Mitlödi, Schwanden, Schwändi und Sool.

Das Päckchen

Happy Birthday! Heute feiert Franz Hohler seinen 75. Geburtstag. Sicher mit Blumen, Grüssen, Grussartikeln (z.B. WOZ) und vielleicht auch einem Päckchen. Und wenn nicht, so heisst doch wenigstens sein letzter Roman so. In dem vieles verschwindet, zum Beispiel auch ein Mann auf der Abfahrt zur Schreckhornhütte.

1. März 2018

„Vor vier Tagen bin ich sechzig geworden.“

Der erste Satz in Franz Hohlers Buch „52 Wanderungen“, das 2005 herausgekommen ist. Ein Jahr lang machte sich der Autor auf den Weg und ging durch sein Heimatland, spazierend, wandernd und kletternd, einmal pro Woche. Die erste Tour führte in sihlaufwärts. Oft war er allein unterwegs, allein mit sich, seinen Gedanken, seiner Neugier, seinem Skizzenblock.

Allein unterwegs sein. Darum geht es auch im jüngsten Buch von Franz Hohler, dem Roman „Das Päckchen“. Ausschnitt von Seite 115:

„Hast du den Fehler schon herausgefunden?“
„Ich glaube schon“, sagte Ernst, „willst du mal schauen, wie man vom Jungfraugebiet zur Schreckhornhütte kommt?“
Jacqueline schüttelte den Kopf. Sie war keine Kartenleserin. „Hat er eine falsche Route genommen?“
„Nicht unbedingt“, sagte Ernst, „das Obere Eismeer hat er jedenfalls erreicht. Aber –„
„Aber?“
„Aber allein. Das war sein Fehler.“

Und dann ist Ernst Stricker auf dem Weg, den gleichen Fehler zu machen. In den Bergen, aber auch im Alltag. Alles nur wegen eines mysteriösen Telefonanrufes und in der Folge eines Päckchens mit einem kostbaren Inhalt, einer verschollenen Handschrift aus dem 8. Jahrhundert. Die Hauptfigur ist Bibliothekar und Bergsteiger, glücklich verheiratet mit Jacqueline. Bis er eben unvermutet und ungewollt in diese Geschichte mit dem Päckchen hineinschlittert, wie auf frisch gefallenem Schnee. „Warum er den Hörer abgenommen hatte, konnte er sich später nicht mehr erklären.“ Mit diesem Satz beginnt der neue Roman. Er erinnert an denjenigen der ersten Geschichte von Franz Hohler, die im Dezember 1972 in „Westermanns Monatshefte“ abgedruckt wurde: „Am Rand von Ostermundigen steht ein Telefon.“ So heisst auch die Erzählung selbst und der Erzählband: „Der Rand von Ostermundigen.“

Lang ist’s her. Viele wunderbare Bücher hat Franz Hohler geschrieben, „immer höher“ (Titel des Bergbuches von 2014) ist der Stapel geworden. Und nun also das Päckchen. Das aufgemacht wird, Schicht um Schicht. So verfährt auch dieser Roman. Denn der Autor verbindet geschickt die Geschichte von Ernst und Jacqueline mit derjenigen der Frau, deren Mann alleine mit Ski vom Jungfraugebiet zur Schreckhornhütte unterwegs war. Und mit dem Mönch Haimo, der das so kostbare Buch schuf, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch. Auf einem Berg, im Kloster Montecassino südlich von Rom, vereinigen sich beide Erzählstränge. Es ist das 25. Kapitel.

Franz Hohler wird heute, am 1. März 2018, auch ein Päckchen erhalten, bestimmt sogar mehrere. Den eingangs zitierten Satz zu den wöchentlichen Wanderungen schrieb er nämlich am 5. März 2003.

Lieber Franz: Alles Gute zum 75. Geburtstag!

Franz Hohler: Das Päckchen. Luchterhand Verlag, München 2017, Fr. 30.-, www.luchterhand-literaturverlag.de

Später Winterschlaf

Derzeit kommt mir der Winter vor wie ein viel zu langer Schlaf, wie ein Warten auf die Dämmerung. Vor ein paar Tagen aber war ich einmal kurz aufgestanden, bin schon mal hinaufgestiegen und habe die Nase ins Licht gesteckt.

27. Februar 2018

Ich erwache kaum, es ist bereits hell, schlafe wieder ein, erwache wieder kaum, in eine in Nebel und Kälte versunkenen Welt. Gerade träumte ich noch von einer wachen Natur und von einem französischen Wort für die Tiefe der Zeit. Nun finde ich beides nicht mehr und schlafe eben wieder ein, vielleicht ist noch etwas da.

– Wieso ist der Winter jetzt so spät noch so zäh?

– Es ist die Kaltluft aus dem Osten!

– Muss das sein?

Ich will den Frühling, will ihn unbedingt, und friere mir an den kleinen Felsen im Wald hinterm Haus die Finger ab, aus Trotz. Die Griffe sind taub und der Fels atmet nicht wie sonst. Als ich einmal hinter einer Leiste in etwas Schnee greife, merke ich den Unterschied erst, als mein Blick darauf fällt. Auch die zaghaft blühenden Leberblümchen, die ich seit Januar am Waldrand beobachte, wenn ich meinen Weg zu den Felsblöcken gehe, ändern sich schon seit Tagen, vielleicht Wochen nicht mehr. Sie verharren in Reglosigkeit. Ich aber habe doch Füsse, Beine, kann doch fort!

Also steigen wir am nächsten Vormittag zu zweit auf die sonnige Höhe. Buchserberg, der Wald birst beinahe unter dem Raureif, der sich hier, wenig unterhalb der Oberfläche des Nebelmeeres bildet, dann von den gebrochenen Lichtstrahlen getroffen herabrieselt, sich wieder neu bildet, den Waldboden mit hellen Trümmern übersät und begräbt. In der Sonne, beim Aufstieg, war schwitzende Milde, welch Freude, welch ungekanntes Wohlgefühl. Manchmal stollten sogar die Felle. Auch die leichte Unterhaltung war wieder da, über Berge und Touren und Träume. Wie erwachend warfen wir uns die Bälle darüber zu. Und oben auf dem Fulfirst, schmaler Gipfel, glänzendes Schneegebirge, war vor allem Weite, unendliches Land.

Zurück am Strand des Nebelmeers, stellten wir uns noch einmal ins Licht, schlossen die Augen und spürten die Wärme im Gesicht. Dann die Kälte einer etwas höher herauf und über uns hinwegbrandenden Welle. Kurz darauf tauchten wir wieder ab, hinein, nach unten, nach Hause, in den Schlaf. Wie lange dauert er noch?

Schöne Berge

Schöne Schweizer Berge sind nicht nur schön, sie sind auch schön populär. Mehrere Ausstellungen zeugen davon. Die begleitenden Publikationen ebenfalls. Auf nach Basel, Bern und Schaffhausen. Oder aufs Sofa.

19. Februar 2018

„So sehen die Berge aus und dort oben ist es schön. Das sieht man an der Sammlung des Alpinen Museums gut. Diese Bilder sprechen eigentlich immer eine Einladung aus: Kommt!“

Machen wir natürlich: Wir kommen. Nach Bern, nach Basel, nach Schaffhausen. Dort unten ist es auch schön, dort bewundern wir schöne Berge auch bei unschönem Wetter. „Schöne Berge. Eine Ansichtssache“: So heisst die neue grosse Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz. Rund 150 Gemälde der eigenen Sammlung wurden aus Keller und Depot geholt und hängen nun sauber und schlau geordnet auf zwei Stockwerken. Eine Kunstausstellung, die mehr als das ist: Sie geht den Fragen nach, wer hier eigentlich malt, warum und für wen? Weshalb dieses Bedürfnis nach schönen Bergen? Wo ist die Realität – und wo beginnt der Kitsch? Vielleicht dann, wenn die Berglandschaft nur als schön gezeigt wird und alles Unschöne sozusagen übermalt wurde? Ansichtssache eben, wie der Untertitel der Ausstellung betont. Ansichtskarte ebenfalls: Denn zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen, die aus 40 farbigen Postkarten mit Bergbildern zum Heraustrennen und aus einem Textheft besteht; mit der hintergründigen Ode „Pourquoi les montagnes“ des Lausanner Theaterautors Antoine Jaccoud und mit einem ebensolchen Gespräch über schöne Berge, darin Bernhard Tschofen die oben zitierte Einladung anspricht.

Wir gehen nach Bern. Vielleicht auch zum Bergmalen, vielleicht gar mit einem Bergbild unter dem Arm. Denn Bergbildbesitzer dürfen ihr Lieblingsbild einen Monat lang im Museum ausstellen. Und wenn wir noch Ende Februar 2018 nach Bern gehen, könnten wir die nicht immer schönen, aber immer faszinierenden Berggebilde des Engadiner Bildhauers und Malers Not Vital in der Galerie Kornfeld betrachten.

Aber dann gehen wir nach Schaffhausen, ins Museum zu Allerheiligen. Dort ist bis zum 2. April 2018 Bernhard Nehers grossartige und -angelegte Sammlung von Schweizer Kleinmeistern zu besichtigen. Im 18. und 19. Jahrhundert schufen heimische und ausländische Künstler Zeichnungen und grafische Blätter, um sie an Reisende zu verkaufen. Schweizer Landschafts- und Trachtenbilder wurden von all den schönen Orten des Landes geschaffen, die auf den klassischen Bildungsreisen besucht wurden. Schliesslich wollte man ein Souvenir nach Hause nehmen – Ansichtskarten waren noch nicht auf dem Markt, Berggemälde meistens etwas gar sperrig. Aber so ein Blatt vom Rhonegletscher oder von Rheinfall hatte im Gepäck gut Platz. „Tour de Suisse“ heisst die Ausstellung – und der grossformatige Katalog dazu. Entstehung und Funktion der Kleinmeisterkunst werden exemplarisch erläutert. Hochwertige Abbildungen von Druckgrafiken und zahlreichen, erstmals publizierten Handzeichnungen aus allen Regionen der Schweiz machen die Publikation zu einem Standardwerk.

Zuletzt gehen wir nach Basel. Dort zeigt die neue Sammlungsausstellung nämlich „Schweizer Berge“. Schöne Stücke von Johann Ludwig Aberli, Joseph Anton Koch, Alexandre Calame, Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler, Ernst Ludwig Kirchner und anderen berühmten Malern. Die Stars also, während in Bern mehr Werke des bergmalenden Fussvolkes zu entdecken sind. An beiden Orten aber das, wovon der Begleittext zur malerischen Erkundung der Berge erzählt: „Sehnsucht nach Rückzug vom Alltag, das Erlebnis der Schönheit der Natur, das Gefühl über den Dingen zu schweben und die Überwältigung durch etwas, das uns übersteigt.“ Buchstäblich, jedenfalls draussen. Drinnen etwas weniger bzw. anders. Immer aber: schöne Berge. Wir kommen.

Schöne Berge. Kunst und Kitsch aus der Gemäldesammlung. Ein Postkartenbuch. Herausgegeben vom Alpinen Museum der Schweiz. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, Fr. 24.- www.scheidegger-spiess.ch

Tour de Suisse. Schweizer Kleinmeister aus der Sammlung Bernhard Neher. Katalog zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen. Herausgegeben von Matthias Fischer und Monique Meyer. Hirmer Verlag, München 2017, Fr.48.- www.hirmerverlag.de

Alpines Museum der Schweiz, Bern: Schöne Berge. Eine Ansichtssache. 23. Februar 2018 bis 6. Januar 2019. Vernissage am 22. Februar 2018, 19 Uhr; Anmeldung unter info@alpinesmuseum.ch. Zur Ausstellung gibt es ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm mit Bergmalkursen, Sonntagsspaziergängen, Feierabendwanderungen und Mittagsgehen sowie mit der Sonderausstellung im Biwak „Baustelle Fortschritt – Emil Zbinden und der Staumauerbau Grimsel-Oberaar“ vom 15. März bis 19. August 2018. www.alpinesmuseum.ch
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen: Tour de Suisse. Schweizer Kleinmeister aus der Sammlung Bernhard Neher. Bis am 2. April 2018. www.allerheiligen.ch
Kunstmuseum Basel: Schweizer Berge. Neue Ausstellung im Hauptbau. www.kunstmuseumbasel.ch
Galerie Kornfeld, Bern: Not Vital. Noch bis am 28. Februar 2018. www.kornfeld.ch

Rigi & Co.

Beide Bücher kosten 20 Franken, beide sind an Umfang und Dicke eher klein. Aber nur eines ist inhaltlich gross.

15. Februar 2018

Uuf, i d’Hand d’r Bärgstock g’noh,
mir wei mit’nand uf d’Rigi goh!
Es söll m’r dört g’wüss lustig sii.
M’r seit, sie heige guete Wii.

So soll die erste und ziemlich unbekannte Strophe des bekannten Rigilieds lauten. Googeln wir nämlich „Rigilied Text“, so erscheint in Zehntelsekunden an erster Stelle der Refrain, den wir doch alle kennen und hoffentlich auch mitsummen können: „Vo Luzärn uf Wäggis zue/bruucht me weder Strümpf no Schue.“ Christian de Simoni, in Bern lebender Schriftsteller, hat sich auf die Socken gemacht und einen witzigen und hintergründigen, ernsthaften und (selbst)ironischen Essay über dieses Rigilied geschrieben, darin er Herkunft, Bedeutung und Besteigung gekonnt auf- und vermischt. Wir wissen nicht immer, wie fest der Boden unter unseren Schuhen ist, auf dem wir uns lesend der Königin der Schweizer Berge nähern, mit einigen Umwegen in die fast allgemeine Literatur- und ziemlich persönliche Lebensgeschichte. Fest den Bärgstock in der Hand, immer einen Jodel auf den Lippen und wenn möglich nicht zu viel vom feinen Wein trinkend, machen wir fröhlich die Wanderung mit, auf die uns der Autor mitnimmt. Zum Beispiel so: „Das Rigilied wurde rasch zum Soundtrack, die Hymne der Hobbyberggänger. Der Sommerurlaubs-Hit, die Rigi war das Mallorca des 19. Jahrhunderts.“ Holje-guggu, holje-guggu!

Etwas weniger jodeln vermögen wir mit einem Buch, darin die Rigi selbstverständlich auch ihren Auftritt hat: In „Das kleine Buch der groβen Berge“ schreibt Patrick Brauns über „50 Berge, die Sie kennen müssen, um die Schweiz zu verstehen“. So lautet der schöne Untertitel. Im Bergregister sind 103 Namen aufgelistet, von Allalinhorn über Bundesterrasse und Münsterhügel, Schlossberg Vaduz und Toblerone bis Zugerberg, das Inhaltsverzeichnis umfasst 90 Berge, Pässe und Anhöhen wie Muottas Muragl und Vue des Alpes, Monte Rosa und Monte Verità. Durchaus interessant und richtig, dass sich besondere Schweizer Berge auch unterhalb von 1000 Metern befinden. Aber warum sich nicht auf 50 wirklich grosse Berge beschränken, so klein sie topografisch auch sind? Nicht die einzige Frage zu diesem Buch. Auf Seite 23 heisst es, dass das Bietschhorn den ältesten Bergnamen der Schweiz hat (1233), auf Seite 149 steht, dass der Moléson schon um das Jahr 1000 namentlich bekannt war. Das Matterhorn ist nicht der vierthöchste Berg der Schweiz, unter seinen Erstbesteigern befanden sich nicht nur Engländer und Zermatter, sondern auch ein Bergführer aus Chamonix. Und Aussichtspunkte mit dem Attribut „Rigi“ locken nicht nur in der Schweiz und in Süddeutschland Besucher an, sondern auch in Frankreich, Italien, Indien und Wales. Ob man dort das Rigilied auch kennt? Möglich ist’s, insbesondere in Italien. Denn, so schreibt Christian de Simoni, finde sich schon in der römischen Lyrik Versatzstücke des Rigilied-Mythos:

Die Rigi zu besteigen, ist wie Feuer,
Es wärmt dich und erfreut
Und regt dein Verlangen an
Zu tanzen.

Christian de Simoni: Das Rigilied. Herkunft und Bedeutung. Mit einem Nachwort von Elio Pellin. edition taberna kritika, Bern 2017, Fr. 20.- www.etkbooks.com, www.rigilied.ch

Patrick Brauns: Das kleine Buch der groβen Berge. 50 Berge, die Sie kennen müssen, um die Schweiz zu verstehen. Midas Verlag, Zürich 2017, Fr. 20.- www.midas.ch

Ein kalter Hauch

Einmal begann ich in Weisstannen, stieg mit den Ski auf sonnig milder Südseite zur Madfurggel auf und fuhr im herrlich pulvrigen Schnee der Nordseite fast bis nach Flums hinab. Das machst du nochmal, dachte ich eine gute Woche später, dieses Mal über den nächsten Pass. Doch dort kam es anders.

14. Februar 2018

Noch im Schatten stieg ich hinter dem Dorf das Tal hinein, dann hinauf zur Alpe Obersiez, wo auf einmal die gemütliche Spur, der ich folgte, in die andere Richtung lief. Vor mir, zu meinem Pass hin, lagen einsam ein Hang, dann ein Couloirartiger aber breiter Durchschlupf, dann ein Hochtal. Alles in der prallen Sonne. Der blendende Schnee war weich und tief. Ich schwitzte. Und ich freute mich auf die Rast, oben, noch in der Sonne, und auf den Pulverschnee der Schattenseite.

Es kam anders.

Später, im Werdenböll, hinterstes Schillstal, sitze ich unter ein paar Tannen auf einem aperen Fleck, zwei Meter vor mir die junge Schils, die plätschert. Geistesabwesend beobachte ich amöbenförmige Luftblasen, die von Zeit zu Zeit unter dem Eis hindurchhuschen, das vom Rand bis halb zur Bachmitte reicht. Mir ist kalt. Ich bin erschöpft. Die Skitour war lang, ist noch nicht zu Ende. Der Schnee war schlecht, Windharsch, knietief, achthundert Höhenmeter. Einmal brachte mich ein zugewehter Block zu Fall. Nach prallem, tief sulzigem Sonnenaufstieg, alles verschwitzt, war nahe der Höhe, bei plötzlich eisigem Wind, keine Pause. Alles dauerte viel zu lange und das Trinken war zu wenig, ist längst aus. In meine Jacken gehüllt sitze ich in der Sonne auf dem aperen Fleck unter den Tannen und friere noch immer. Meine Kehle ist durstig, trockener Hustenreiz bei tiefem Luftzug. Das Plätschern der Schils jagt mir frostige Schauer über den Rücken. Wie eisig muss dieses Wasser sein, dass Luft in Amöben unter Eisränder treibt, wie brennend kalt? Bräche ich hinein, die Kleider nass, finge ich unmittelbar schweres, triefendes Feuer, das mit stichflammenartig raschem Griff mein Herz umschliessen würde, so fest, dass ihm kein atmen mehr möglich wäre.

Tödliches Wasser.

Tödlich hätte Wasser schon bei der Abfahrt sein können. In seiner trockenen, gebundenen, vom Wind aufgenommenen und wieder abgelagerten Form.

Guten Mutes war ich von der Fansfurggla in die zunächst flachen Hänge gefahren, in lockeren Schnee, der so tief war, dass ich darin bald zum Stehen kam, woraufhin ich schob, erneut schwitzte, diese Mal im kalten, schattigen Wind, der den lockeren Schnee um mich auf und an mir vorbei, schneller als ich mich schieben konnte, vor mir her trieb, das ganze lange, leicht fallende Plateau entlang. So erreichte ich umtanzt die Kante und blickte hinab in den Steilhang, in den hinein der Wind all die Schneefahnen, die er auf der Hochfläche aufgehoben und an die Hand genommen hatte, wie ein untreuer Gefährte wieder fallen liess. Windschnee hatte sich seit Stunden über den nordseiteigen Steilhang gelegt, den ich abfahren wollte. Auf den ich gehofft hatte, ich, der hier weit und breit alleine war, und der niemandem gesagt hatte, wohin ich ging.

Windschnee im Steilhang ist Schneebrettschnee. Was ich vorhatte, war unmöglich. Noch weniger aber wollte ich die ganzen Strapazen zurück. Deshalb schloss ich die Augen und stiess mich ab, schnitt quer in den Hang und schwang schwer im tiefen, kompakten, über hunderte Höhenmeter von der fegenden Luft marmorierten Weiss, das hielt. Es war gut gegangen. Achthundert Höhenmeter Hoffen und Bangen, kräftezehrendes Stemmen, bis hinab zum aperen Fleck an der Schils, wo wieder ein kleiner Punkt Sonne war, in dem ich mit trockener Kehle fror, der aber auch ein kleiner Fleck ohne trockenes oder nasses, ohne tödliches Wasser war.

Als ich mich endlich aufraffte, fand ich wenig später eine harte Spur das Tal hinaus. Während des leichten Gleitens in die Tiefe wurde die Sonne wärmer, fast frühlingshaft, und meine Kraft kehrte zurück. Was lag hinter mir? Ein Pass zwischen Weistannental und Schilstal, nichts weiter. Kein dramatischer Schneesturm, keine dünne, eisige Höhe. Und doch war da, bedrohlich, für kurze Zeit ein kalter Hauch um mich gewesen.

Altherrentreffen im Schnee

Die erste (und vielleicht einzige) Skitour dieses Winters, ein sonniger Tag mit Überraschungen.

10. Februar 2018

Wir finden ja immer eine Ausrede, um die Skiausrüstung im Keller zu lassen. Enkelin hüten, schlechter Schnee, Nebel, Lawinengefahr, Sonne im Süden, perfekt zum Klettern. Wir sind auch langsam zu alt oder zu bequem, um uns mit Skiausrüstung und den dicken Plastikschuhen an den Füssen zum Tram zu schleppen, dann zum Zug, zweimal umsteigen und Postauto und so weiter. Auch bei Skitürelen gilt: der wichtigste Ausrüstungsgegenstand ist das Auto.
Aber diesmal half nichts. Wetter in der Höhe perfekt, unten ein grauer Deckel, eine schöne Schicht Neuschnee gefallen, Lawinenbericht gut – und in der Tiefgarage steht das Auto des Sohnes, der gerade durch Indien reist. Also die Skiroute aufs Laucherenstöckli von map.geo.admin.ch kopiert und dann los!
Den Parkplatz finden wir, ein Zufall eigentlich. Auf der Skikarte ist er nicht eingetragen. Zwei Autos stehen schon da, aus einem weissen Landrover steigt eine älterer Herr, weiss und hager und faltig und Stöpsel im Ohr. Die zieht er dann raus, Fredi ist’s und mit ihm da ist die Erinnerung. Grosse Zinne Nordwand, 1965. Wir kletterten die klassische Comici, Fredi mit Robi links von uns die direkte Hasse-Brandler. Ein Gewitter, kalter Regen, wir kamen noch zum Zelt, die beiden Jungs mussten in der Wand biwakieren. Später schrieb ich dann mal ein Porträt über den erfolgreichen Unternehmer in der Mode- und Gastrobranche Fredi Müller, Inhaber des Kaufleuten in Zürich. Wir unterhalten uns kurz übers Klettern, Jungstar der Szene war er damals, machte dann lange Pause, klettert heute wieder. «Am liebsten im Granit».
Dann fährt wieder ein Auto ein, wieder ein älterer Herr, es ist Willi. Auch er ein alter Bekannter vom SAC Zimmerberg, von Skitouren, auch er bekannt mit Fredi. Ein zufälliges Altherrentreffen also. Die Vergangenheit, alter Gemeinplatz, holt dich ein wo immer du bist. Selbst auf einer kleinen Skitour. «Die erste diesen Winter», gestehen wir etwas kleinlaut. «Ihr müsst nicht auf uns warten.»
Fredi rauscht ab, Willi fellt uns geduldig voraus, durch Wald, Nebelfetzen und auf weiter sanfter Schleife zum Gipfel. Dort trifft auch er einen Bekannten. Über uns spannt sich der Himmel wolkenlos, im Muotatal liegt dicker Nebel, das Panorama ist phantastisch, tausend Gipfel, Zacken, Hügel, die Mythen und überm Tal der Blüemberg, Teil unserer Familiengeschichte.
Der Schnee pulvrig doch wie immer, wenn wir uns mal aufraffen für eine Tour, schon ziemlich verfahren. Der treue Willi wartet immer wieder auf uns, sein Freund taucht ab. Dann sitzen wir in Oberiberg im «Roggenstock» auf der Sonneterrasse bei Kaffee, heisser Schokolade und Kuchen. Vielleicht war’s ja doch nicht die letzte Skitour des Winters.

Bergromane

Nur Ski(lift) fahren ist schöner als lesen. Aber was, wenn der Schlepper plötzlich nicht mehr rattert. Dann lesen wir. Hier sind vier Vorschläge. Viel Spass beim Fahren über die weissen Seiten!

8. Februar 2018

„Und was machen wir jetzt, fragt Paul und schaut den Georg an, das ist ja afängs eine triste Sache, das mit dem Schnee, und jetzt ist uns auch noch der schöne Schlepplift abgelegen, die gute Seele.“

Steht auf der zweitletzten Seite im jüngsten Buch von Arno Camenisch mit dem schönen und traurigen Titel „Der letzte Schnee“. Ja, was machen wir jetzt? Ganz einfach: Wir beginnen vorne, lesen auf der zweiten Seite das hier: „Sie stehen neben dem Skilift mit den Händen in den Hosentaschen und schauen den Skilift an, ein schönes Ding, gell, sagt der Paul, er schaut den Georg an, Baujahr 1971, der Klepper macht noch lange mit.“ Hoffentlich, wenigstens auf den nächsten knapp 100 Seiten, auf denen wir lesen, wie Georg und Paul beim ihrem Skilift in den Bündner Bergen stehen, zu ihm schauen wie zu einem Kind, ihn pflegen und hegen, hoffen, dass auch mal Leute kommen zum Skifahren. Und dazu reden, über Gott und die Welt und das Dorf, die zwei älteren Männer. Täglich tun sie das im Winter, eine gute Woche lang hören wir ihnen zu, ihren Gesprächen, ihren Anspielungen, ihrem Leben. Dazu rattert und surrt der Schlepplift, wenn er denn in Gang gebracht wurde von Georg und Paul. Der Sound der Rollen und Bügel begleitet uns wie der Sound der Sprache von Camenisch. Am Schluss fällt der Strom aus, doch die Sätze begleiten uns noch auf ein paar Seiten, bis ganz am Ende „das Tal allmählich im Nebel verschwindet.“

Und was machen wir jetzt? Wir ziehen das nächste Buch aus dem Rucksack, haben ja Zeit auf der sonnigen Bank vor dem alten Skilifthüsli, lehnen uns an die warme Holzwand, jetzt, wo der Lift still steht und die Bügel traurig am Seil hängen. Melancholisch angehaucht ist auch das Buch von Christian E. Besimo: „Die Kraft der Düra. Geschichten aus dem Tessin.“ Sie spielen im Val Verzasca, ohne dass der Autor das Tal genau verortbar beschrieben würde, fast verlassene Alpen, karges Gras und viel Stein, schlaue Ziegen und schwierige Verhältnisse. Im Zentrum steht Matteo, der immer wieder seine Hütte aufsucht, trotz Schnee und Nacht und Sturm und manchmal auch zu viel Vino, wenn er beim Freund Sergio auf der Alp weiter unten weilt. Matteo also, auf der Suche nach sich selbst, nach seinen Vorfahren, dort hinten im wilden Tessiner Tal. Und am Ende steht er da „und wusste, dass Angelina für ihn unerreichbarer geworden war als je zuvor.“

Und was jetzt? Ein anderes Buch natürlich, wir haben ja Zeit, die Sonne steht noch über dem Berg. Einen richtigen Roman nehmen wir hervor, „Anderberg“ von Andreas Schwab. Eine etwas verschachtelte Geschichte um „einen grössenwahnsinnigen Hotelbau in den Alpen“, wie wir auf dem Umschlag lesen. Panta Rhei heisst dieses Hotel, das im Zentrum des Romans und über dem Dorf angesiedelt ist, wo es trotz Bedenken und Ränke gebaut wurde. Und dann eine Veränderung erfährt, fast so, wie wenn der Schnee ausbliebe und der Lift stillstünde. Auf der Landkarte existiert „Anderberg“ nicht, aber wenn wir beim Lesen manchmal an den geplanten Hotelturm in Vals gedacht haben, liegen wir sicher nicht falsch.

Und zum Schluss zücken wir noch den Bergroman von Ellen Berg hervor: „Manche mögen’s steil.“ Im Zentrum agiert diesmal Viktoria Elsässer, eine IT-Fachfrau, die in der digitalen Welt definitiv besser zurechtkommt als in der analogen. Doch auf der Hütten und im Steilfels, die Vicky auf einer Team-Trainings-Tour kennenlernen muss, hilft ein Smartphone nur bedingt weiter. Besser sind da schon die starken Arme des Bergführers, und die Friends, die man allerdings nicht in den Fels hämmert, wie zu lesen ist. Über solche bergsportlich flachen Stellen lesen wir grosszügig hinweg, freuen uns dafür an echt komischen Passagen drunten im Tal. Und ziehen schon mal die Daunenjacke an, wo die Sonne sich anschickt, hinter den Liftberg zu versinken. Am Ende sehen wir Vicky und ihren Seilgefährten (der Name sei nicht verraten) beim Klettern, und die letzten Wort von ihr und des Romans lauten so: „Wo wir sind, ist oben. Für immer.“

Arno Camenisch: Der letzte Schnee. Engeler-Verlag, Schupfart 2018, Fr. 25.- www.engeler-verlag.com
Christian E. Besimo: Die Kraft der Düra. Geschichten aus dem Tessin. Mit schwarz-weissen Fotos des Autors. edition bücherlese, Hitzkirch 2017, Fr. 31.90. www.buecherlese.ch
Andreas Schwab: Anderberg. Offizin Verlag, Zürich 2017, Fr. 28.90. www.offizin.ch
Ellen Berg: Manche mögen’s steil. (K)ein Liebes-Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2017, € 11.- www.aufbau-verlag.de