Über alle Berge

Zu Fuss oder im Renault. Durch die Schweiz oder durch Frankreich. Ein neues Zeitalter der Romantik scheint angebrochen. Die blaue Blume der Sehnsucht treibt die Schreibenden über alle Hügel und Pässe und Gipfel bis ans Ende der Welt – oder wenigstens des Landes. Drei Werke zum mitwandern oder nachwandern, dreisprachig rezensiert und zitiert.

30. September 2017

„And finally Zermatt, the Wailing Wall of mountaineering, with its Whympers’s Rope. I looked around me. Everywhere there are people going in and out of shops, garish posters, display windows, mannequins, stuff. Why, this is a bazaar, a souk of Western consumerism. And, towering above it all, attracting all regards, is this visitor from another continent, commanding respect and attention. The Matterhorn is, in fact, Europe’s minaret.“

Mutige Vergleiche, die der kanadische Historiker und Journalist Stephen O’Shea da in „The Alps. A Human History from Hannibal to Heidi and Beyond” zieht. Zermatt als Klagemauer des Bergsteigens, das Matterhorn als das Minarett Europas – was geologisch ja auch stimmt, weil es zur afrikanischen Platte gehört und so ein Besucher von einem anderen Kontinent ist. Gekonnt auf den Punkt gebracht: Das schafft O’Shea in seinem jüngsten Buch immer wieder. Zum Beispiel auch hier: „If Rousseau and Mary Shelley made the Alps titillating and Romantic, then the film version auf Ian Fleming’s character made them sexy. Of the twenty-four Bond movies, fully a third, by my count, have used the Alps as a location, as an accessory to danger and seduction.” Jean-Jacques und James sozusagen in die gleiche Seilschaft einknoten, da muss man den Alpenbogen und seine Geschichte(n) schon ziemlich gut kennen. Stephen O’Shea ist 2014 mit Hintergrundwissen, Notizbuch und Renault Mégane von Genf aus kreuz und quer durch die Alpen gekurvt, ohne allerdings ihren südlichen Teil zu besuchen. Was insofern schade ist, als gerade ein so mythischer Gipfel wie der Mont Ventoux ihn bestimmt zu rassigem Kurvenfahren und ebensolchen Gedankengängen verholfen hätte. Sein Buch, das im November auch auf Deutsch erscheint, ist oft amüsant und unterhaltend, manchmal auch böse und sarkastisch. Zuweilen verbremst er sich – vielleicht hätte Stephen O’Shea mehr zu Fuss gehen müssen…

Genau das machten Regula Jaeger und Markus Maeder, als sie „von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz“ gingen und diese Reise im Buch „Fussgang“ für uns (und sicher auch für sich) aufschrieben. Ein schöner Titel, ein frecher Untertitel und ein mutiges Cover (Regula nimmt, von Markus fotografiert, ein Nacktbad in einer Kuhtränke beim Aufstieg zur Rotstockhütte im Lauterbrunnental): Verlockend, nicht wahr? Vielleicht weniger das Bad als die Aussicht, von zu Hause aus aufzubrechen und ein klares Ziel vor Augen zu haben: Wenn nicht das Ende der Welt, so doch das Ende der Schweiz – Genf nämlich. In einem Tagebuch hält das Paar in Texten und Bildern fest, was es auf seiner Weitwanderung mit Start in Rapperswil am Zürichsee in 49 Etappen und in vier Jahreszeiten erlebt hat. Und wir Leser dürfen mitwandern und mitessen, mitreden und mitfrieren, mitsehen und mitjuchzen, miteinschlafen und am nächsten Morgen wieder mitgehen, Schritt für Schritt und Gang für Gang. Wir lernen auf dieser Mischung aus Via Jacobi und Via alpina ein Land kennen, wie wir es zu kennen glauben und wahrscheinlich doch nicht kennen. Die zwei nicht mehr ganz jungen, aber jugendlich gebliebenen Fussgänger zeigen uns mit Text und Bild, anschaulich und anmutig, gwundrig und gluschtig, hintergründig und hautnah eine etwas andere Schweiz.

Über alle Höger, Hügel und Hindernisse ist auch Sylvain Tesson gewandert, vom August bis November 2015. Quer durch Frankreich, von der rechten unteren Ecke bis in die mittlere Ecke oben links, von Tende im Hinterland von Nizza bis zum Cap de la Hague zuvorderst auf der Contentin-Halbinsel. Wenn möglich nicht auf sauber rot-weiss markierten Sentiers de Grande Randonnée, den berühmten Weitwanderwegen, sondern auf chemins noirs, wie Tesson die aufgegebenen, nicht mehr benutzten Wege bezeichnet, „auf versunkenen Wegen“, wie der deutsche Titel des Buches lautet. „Bisher las man Tesson, um in die Ferne zu schweifen. Jetzt kann man mit ihm die eigene Heimat erkunden“, lobte der „Paris Match“. Nun, als Führer zum Nachwandern taugt der jüngste Tesson im Gegensatz zum „Fussgang“ nicht wirklich, doch zum Lesen natürlich bestens, auf einer Frankreichreise oder zuhause auf dem Sofa. Und immer wieder gelingen Tesson gekonnte Formulierungen. Er fand auf seinem monatelangen Quergang die „géographie du non-lieu“ und die „cartographie du temps perdu“. Und auf dem Weg zum Mont Ventoux, entlang von gross angelegten Feldern gehend, wo einzig die Hangars der riesigen Traktoren für optische Abwechslung sorgen, frappiert ihn das: „La mondialisation avait ouvert son marché frankensteinien.“

Stephen O’Shea: The Alps. A Human History from Hannibal to Heidi and Beyond. Norton & Co., New York 2017, Fr. 37.90.
Die Alpen. Von Hannibal bis Heidi. Geschichten, Mythen und Legenden. Goldmann Taschenbuch (erscheint am 20. November 2017), Fr. 19.50.

Markus Maeder, Regula Jaeger: Fussgang. Von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz. NZZ Libro, Zürich 2017, Fr. 44.-

Sylvain Tesson: Sur les chemins noirs. Gallimard, Paris 2016, € 15.-
Auf versunkenen Wegen. 1000 Kilometer zu Fuss durch Frankreich. Knaus Verlag, München 2017, Fr. 29.90.  

Die Gürbe

Hommage an einen Fluss, die Gürbe. Fluss der Kindheit unseres Rezensenten. Verdammt wild und nie ganz zu zähmen. Also der Fluss. Die besprochene Dissertation widmet sich dem Hochwasserschutz, ein aktuelles Thema, nicht nur an der Gürbe.

20. September 2017

„Für Wattenwil war die Gürbeverbauung ein grosser Segen. […] Die Arbeiter sahen den Erfolg selber ein; an Stelle der Geisslein kamen Kühe in den Stall und die alten russigen Hüttli mussten sauberen neuen Häuschen Platz machen.“

Freute sich Wilhelm Bettschen, Amtsschwellenmeister und Bauleiter der Hochwasser-Schutzarbeiten im Oberlauf der Gürbe, im Jahre 1925. Er und die Arbeiter konnten sich so lange freuen, bis das nächste Hochwasser, der nächste Starkregen über dem Gantrisch-Gebiet in den Berner Voralpen die bisher getroffenen Schutzmassnahmen und die besser gewordenen Lebensbedingungen erneut beeinträchtigte oder gar zerstörte. Zwischen 1575 und 2010 passierten am 29 Kilometer langen Lauf der Gürbe, von der Quelle auf etwa 1680 Meter unterhalb der Gantrisch-Nordwand bis zur Mündung in die Aare auf rund 500 Metern, 75 Hochwasserereignisse, davon 12 in der Schadensklasse 4 (sehr schwer) und 3 in der Klasse 5 (katastrophal; so auch am 29. Juli 1990). Ein verdammt wilder und nie ganz zu zähmender Fluss, diese Gürbe. An ihrem Ufer habe ich in Belp neun Jahre lang gewohnt, bis in die vierte Klasse, am Parkweg 4, gleich neben einer Schwelle. Das Rauschen von Wasser, am Fluss oder am Meer, liebe ich noch heute – wenigstens so lange das Wasser nicht zu hoch kommt.

Die Gürbe also. Mein Fluss der Kindheit. Deshalb interessierte mich die Dissertation von Melanie Salvisberg, die nun der Basler Schwabe-Verlag als siebter Band der Reihe Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte publiziert hat: „Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010)“. Ein wissenschaftliches Buch, klar. Eines, das minutiös aufzeigt, alle Nebenbäche (auch die geologischen, technischen, sozialen, demographischen, juristischen und politischen) einbeziehend, was so ein harmlos scheinendes Bergbächli anstellen und kaputt machen kann. Zuerst noch unverbaut, dann immer mehr verbaut. Aber, so hat man das gerade an diesem Nebenfluss der Aare erkannt: Die Natur bleibt immer stärker – einmal wird es im Gäntu, wie die Berner das Gantrisch-Gebiet und ihren Hauptgipfel nennen, wieder zu stark regnen, und dann donnert das Wasser ins Gürbetal hinab und durch dieses dem Flugplatz Belpmoos zu. „Da die Hochwasserschutzmassnahmen an der Gürbe nie abgeschlossen werden konnten und im Oberlauf seit 1855 ohne Unterbruch und im Unterlauf nur mit wenigen Pausen Schutzprojekte umgesetzt wurden, sind an diesem Gewässer noch heute Bauten aus allen Bauphasen vorhanden“, schreibt Melanie Salvisberg im Ausblick. „An ihnen lässt sich der Wandel der Technik und der Wasserbauphilosophie erkennen. Die Gürbe ist damit ein interessanter Untersuchungsgegenstand und auch ein Anschauungsobjekt.“ Und ebenfalls ein Wanderziel, gerade am Oberlauf zwischen Quelle und Wattenwil, aber nur bei trockenem Wetter. Kurz: ein aktuelles, spannendes Buch. Bloss schade, dass viele der 42 Abbildungen zu klein gedruckt sind (vor allem die Karten), dass durchaus noch ein paar mehr Illustrationen (zum Beispiel über die Schutzbauten) hätten eingebunden werden können.

Bevor nun „meine“ Gürbe unweit der Elfenau in der grünen Aare verschwindet, noch zwei Zitate. Aus dem Berner Heimatbuch „Das Gürbetal und sein Bauernhaus“ von Paul Howald (1944): „,Ghörscht d’Gürbe rusche?‘ In der Gewitternacht sagten es Vater und Mutter zueinander, wenn sie aufgestanden waren und wachten.“ Und vom Song „Gürbe“ der Band Stop the Shoppers auf ihrem 1993er-Album „Kurt“ die ersten beiden Zeilen: „Gürbe chumm abe nimm d‘Schwelle riis Böim us friss Chempe / und usem nüüt wird e Donner es Grolle u Gröll chunnt cho z’rolle.“

Melanie Salvisberg: Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010). Schwabe Verlag, Basel 2017. Fr. 89.- www.schwabeverlag.ch

Daniel Anker: Rund um Bern. Rother Wanderführer, München 2013. Fr. 24.- www.rother.de

Jäger und gejagte

Von Bergsteigern, Jägern und Wild, von Felsgraten, Regenschauern und Szenen, die sich jagen. Von einem Tag Ende August im Gebirge.

Im Südosten der Hütte liegt ein wegloses Gebiet wilder Felsgipfel. Ein steinerfülltes Hochtal, die Wildgrube, im Norden, und ein weniger steiles, nicht weniger steiniges Tal, die Eng, einen zackigen Berggrat weiter im Süden. Beide münden gegen die Alpe Spullers Bühl, gegenüber deren vorderem Rand die Hütte steht. Von hier brachen wir zu dritt auf, die einzigen, die ihre Schritte nicht einen Wanderweg zu einer Nachbarhütte entlang, oder einer Kletterroute an der Roggalspitze zu, sondern nach jenem Gebiet im Südosten hin lenkten. Hinter dem Spullers Bühl schwemmen die Bäche aus dem Hochtal der Eng über eine weite grüne Ebene und man hat sie und einige dazwischenliegende Sümpfe zu überspringen, ehe die Grashänge südwärts wieder trockener ansteigen und sich bald in einzelnen Streifen zwischen den Karrenfeldern der Kalkfelsen verlieren, die sanft gegen das Brazer Jöchle ansteigen.

Plötzlich:

„Schaut, da oben gehen zwei!“

Tatsächlich, dort am Grat stiegen sie bedächtig gegen den Blisadonakopf an.

„Das wundert mich, hier in dieser Gegend!“

Vom Brazer Jöchle führen zwei Wege in die Höhe, einer gegen Osten, einer gegen Westen. Der Grat zum Blisadonakopf ist der Ostweg, jener zur Rohnspitze der unsrige. Als wir ihn erreichten, rasteten wir und liessen die Blicke schweifen. Sie glitten jenseits hinab ins Gipstäle, dort unten über weisse, gelbe und an einer Stelle rote Gerölle, trieben dann die Halden hinauf zu einem weiteren Grat voller Felszacken und fanden schliesslich erst ganz unten, ganz rechts, am Ausgang des Gipstäles, in den Schleifen eines Weges wieder Halt. Wir sassen noch, als in der Einsamkeit ein Schuss krachte, jäh durch die Stille fuhr und lange hallend um den Spullersalpkopf, durch die Eng zur Mittleren Wildgrubenspitze und durch die Südschlucht der Roggalspitze rollte, bis er endlich den Weg ins All hinaus fand. Keine Bergsteiger waren es, mit denen wir die Stille zu teilen geglaubt, die sie durchschnitten hatten wie der erste Stein, der fliegt, wenn er durchs Fenster schlägt. Im Fernglas sahen wir sie weit hinten eine Flanke queren, dann nebeneinander niederknien vor etwas, das wir nicht erkennen konnten, das dort lag und nicht floh, dem sie ins weiche, dunkle, noch warme Fell griffen.

Wolken hatten den Himmel bedeckt. Unsere Rast war zu Ende. Rasch stiegen wir den Grat empor, der blockiger, dann felsiger und schmäler wurde. Als der Blick von höher oben schon weiter in die Ferne ging und ein Steilaufschwung uns das Seil aus dem Rucksack zwang, sahen wir über Schruns im Montafon Schauer niedergehen, und als ich endlich nachstieg, brach prasselnd der Regen herab. Kalt und schwer legte sich mir der Stoff rundherum auf die Haut. Drei Seillängen weiter, am Gipfel der Rohnspitze, war es schon wieder vorbei. Sonne trocknete die Kleider und Wind den Bergleib.

Vergessen waren die morgendliche Stille und der Scherbenhaufen, zu dem sie zerbrach. Den weiteren Grat, den zweiten Gipfel, konnten wir leicht noch haben. Wir sprangen rasch über einige grüne Abschwünge und das mannshohe Mäuerchen einer steil gestellten Schichtplatte hinab, erreichten eine gleichförmig sich absenkenden Rippe aus hellem Kalk und waren sie kaum bis zur Hälfte entlang balanciert, als es sich erneut dunkel vor uns zusammenbraute. Ich beschleunigte, lief den beiden anderen ausser Rufweite und baute am tiefsten Punkt vor der Goppelspitze einen Stand, band mich ins Seil und übergab ihnen, als sie ankamen, den Knoten zur Sicherung. Rasch stieg ich hinauf bis kurz vor den unscheinbaren Gipfel. Wir überschritten ihn ohne Halt, als in den nächsten Tropfen die beiden nachgekommen und wir gemeinsam weiter gegangen waren. Der Wind gewann gegen den Regen. Der Grat bildete nun einen runden und vollkommen begrünten Rücken, der, gegen unten steiler werdend, hoch über der Wasserfläche des Spuller Sees abzubrechen schien. Wir griffen ins feuchte, kühle, grüne Fell des Berges, das kraftvoll und fest in den Böen stand und uns sicheren Halt gab, fünfhundert Höhenmeter lang, bis hinab zum See. Auf einmal waren wir wieder auf einem Weg und schlenderten zurück. Nur die letzten Meter, als ich, wie von dichter werdenden Schüssen aus dem Irgendwo getroffen, am Körper wahllos Punkte flammender Kälte spürte, rannte ich voraus unter das schützende Hüttendach, wo rasch verdampfte, was in Wirklichkeit nur die auf der Kleidung zerplatzten Tropfen eines erneut einsetzenden Regens waren.

 

Acht Berge und Fontane №1

Hütten bauen in den Bergen, zurück in die Einsamkeit, Sinn finden in wilder Natur. Eigentlich ein biblisches Motiv (wir wissen ja, die Jünger). Vielleicht das Geheimrezept eines Bergbuchs, das ein Weltbestseller geworden ist. Hütten am Fuss des Monte-Rosa-Massivs. Es ist wohl einfach die Zeit, in der wir leben, die uns davon träumen lässt, in einer Hütte zu leben, abseits von allem. Schreiben und Klettern, vielleicht auch noch Käsen.

12. September 2017

„Kaum nahm ich den Weg in die Berge, ging es mir gleich besser.“

Irgendwie nachvollziehbar, nicht wahr? Geht einem manchmal auch so. Wie dem Helden und Ich-Erzähler Pietro Guasti aus dem italienischen Bestseller „Acht Berge“ von Paolo Cognetti, der am Montag, 11. September 2017, auf Deutsch herauskam. Im Juli erhielt „Le otto montagne“ den Premio Strega, den renommiertesten italienischen Literaturpreis. Nun erscheint der Roman in über dreissig Sprachen, und verfilmt wird er ebenfalls. Ein Riesenerfolg für ein Bergbuch. Für ein Buch, das in der Bergen spielt. Es geht um beides: Um das Leben, das Überleben in den Bergen, ums Leben überhaupt. Aber es geht zuweilen auch ums Bergsteigen, ums Klettern: „Ich achtete nicht auf die Berge um mich herum. (…) Es gab nur noch den Fels sowie meine Hände und Füβe, bis ich einen Punkt erreichte, an dem es nicht weiter bergauf ging. Erst da merkte ich, dass ich den Gipfel erklommen hatte.“

Ein Buch über die Berge also. Über die einst bewohnten, beackerten, beweideten Berge. Über das, was passiert, wenn der Mensch mit seinen Tätigkeiten und Tieren weggezogen ist. Wenn die Hütten zerfallen. Bis auf die eine Hütte, die der Städter Pietro mit seinem Freund Bruno baut. Bis auf die andere, die der Bergler Bruno renoviert, um in den Bergen zu bleiben, zu leben, zu lieben, ein Auskommen zu finden. Und scheitert.

Vor der Kulisse des Monte-Rosa-Massivs schildert Paolo Cognetti mit poetischer Kraft und prägnanten Sätzen die lebenslange Suche dieser beiden Freunde nach dem Glück. Dem kleinen und grossen. Dem unbewussten als Buben, als sie zusammen spielen lernten im fiktiven Dorf Grana im Valle d’Aosta, wohin die Familie Guasti jeweils im Sommer fuhr. Dem gesuchten, als sie als Erwachsene ein Haus bauten, mitten in der Wildnis in der Nähe eines Bergsees. Und ohne viele Worte Antworten auf die Frage suchten: Was will ich machen, wo will ich bleiben, wohin möchte ich gehen? Bruno verlässt sein Heimatdorf nie und versucht die Käserei seines Onkels wiederzubeleben. Pietro zieht als Dokumentarfilmer in die weite Welt hinaus, magisch angezogen von immer noch höheren Gipfeln. Und kehrt doch wieder in die heimatlichen Berge und zu seinem Kindheitsfreund zurück.

Zurück zum Freund. Aber auch zurück zum Vater. Denn er brachte ihm die Berge näher. „Mein Vater ging auf seine Art in die Berge“: So beginnt das Buch. Und weiter hinten im Roman sagt sich der Ich-Erzähler: „Vielleicht hat meine Mutter recht, wenn sie sagt, dass in den Bergen jeder eine andere Lieblingshöhenlage hat: eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt.“ Dieser Satz steht auch auf der Rückseite des Gedankenbüchleins „Acht Berge“, das als Nebenprodukt zum Roman erscheint. Damit die Leser aufschreiben können, was sie bewegt, wenn sie die Berge aufsuchen, wenn sie Cognettis jüngstes Werk lesen.

Oder das andere, in diesem Frühling auf Deutsch publizierte Buch: „Fontane №1. Ein Sommer im Gebirge“. Tatsächlich verbringt der Autor, der Mathematik studiert, einen Abschluss an der Filmhochschule gemacht und Dokumentarfilme produziert hat, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte, die Sommermonate am liebsten in seiner Hütte im Valle d’Aosta. Ebenfalls ein stimmiges, starkes (Berg-)Buch. Auch hier: Zurück zu den Wurzeln, retour à la nature, ritornare alla montagna. „Der Wind kam in heftigen Böen daher, kräuselte den Wasserspiegel und schob die Wolken zu uns hin, sodass ich in der Hoffnung, einen Unterschlupf zu finden, eine Gruppe Ruinen ansteuerte. Eine der Hütten war in einem besseren Zustand als die anderen: Die Mauern standen zwar schief, hielten aber noch, und auf dem Dach hatte man ein Blech angebracht.“ Es könnte die Hütte von Pietro und Bruno sein.

Also der Ort, von dem Paolo Cognetti den Begriff „Die Schattenseite der Schönheit“ prägte. Das wäre ein passender Titel gewesen. Was es nun aber mit den acht Bergen auf sich hat, sei hier nicht verraten. Selber lesen. Subito!

Paolo Cognetti: Acht Berge. DVA, München 2017, Fr. 26.90, www.dva.de; www.randomhouse.de/Paolo-Cognetti-Acht-Berge-DVA/Interview/aid75672_14329.rhd

Paolo Cognetti: Fontane №1. Ein Sommer im Gebirge. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 22.-, www.rotpunktverlag.ch

Lesereise von Paolo Cognetti im November 2017:
20.11., Italienisches Kulturinstitut, Wien;
21.11. Literaturhaus, Zürich;
22.11., Buchhandlung Bittner, Köln;
23.11., Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Hannover.

Landluft

Davon träumen wir ja alle: ein Leben, das Sinn macht und gibt. Die zwölf Bergbäuerinnen, von denen dieses Buch erzählt, haben ihre Träume verwirklicht – jedenfalls zum Teil. Umgeben von gehörnten und grasfressenden Kühen. Ein Buch, das Mut macht, selber anzupacken, zu Melkstuhl und Mistgabel zu greifen. Mit Wandertipps für alle, die wenigstens in ihrer Freizeit etwas Landluft schnuppern möchten.

6. September 2017

„Kühe sind aus dem Landschaftsbild der Schweiz nicht mehr wegzudenken, sie sind Teil der Identität des Landes. Doch so romantisch wie in der Werbung ist die Realität keineswegs. In der industrialisierten Landwirtschaft werden Kühe heute zu regelrechten Turbohochleistern herangezüchtet, die immer mehr Fleisch und Milch produzieren.“

Lesen wir wohlgenährt im Kasten „Die Schweiz und die Kuh“ im dritten Band der Porträt-Trilogie über Frauen in den Schweizer Alpen von Daniela Schwegler mit den Fotos von Stephan Bösch. Nach dem Bestseller über die Älplerinnen („Traum Alp“, 2013, 5. Aufl.) und dem Erfolgstitel mit den Hüttenwartinnen („Bergfieber“, 2015, 5. Aufl.) kommen nun in „Landluft“ die Bergbäuerinnen zu Wort – ausführlich und spannend, abwechslungsreich und hautnah. Beispielsweise die 18jährige Bergbauerntochter Doris Martinali aus dem Valle di Blenio, die voller Elan den Hof ihrer Eltern übernehmen will. Das Auftaktfoto zeigt sie, wie sie einem Kälbchen zu trinken gibt, aber nicht mit Kraftfutter angereicherte Milch. Und die Braunviehkühe auf ihrem Hof tragen noch Hörner. Heile Welt abseits der Reklame? Nicht unbedingt. Ein lockeres Leben ist es nicht, das die Bergbäuerinnen da zwischen 18 und 86 Jahren führen. Doch eines, das Sinn macht und gibt. Wie das von Esther Müller, einst erfolgreiche Frauenärztin, heute Züchterin von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind.

Zehn Frauen aus den Alpen und zwei aus dem Jura haben Daniela Schwegler von ihrem Leben auf dem Bergbauernhof erzählt. Sie schildern Träume, die geplatzt, und solche, die wahr geworden sind. Sprechen von der Liebe zu den Tieren und den Sorgen ums liebe Geld. Erklären, wie man als Bäuerin eine Familie über Wasser hält und warum das alles mit Aussteigen überhaupt nichts zu tun hat. Die stimmungsvollen Fotos von Stephan Bösch bereichern ihrerseits die Porträts.

Aber das 253seitige Buch ist noch mehr. Zu jedem der 12 Porträts gibt es einen Hintergrundtext (zu Tieren, zu Seilbahnen, zu Saatgut und Pflanzen) sowie einen Wandertipp. Zum Beispiel auf den Tanzboden bei Ebnat-Kappel, wo einem das Herz hüpfen soll. Oder auf den Monte Bar, zum schönsten Panoramagipfel des Val Colla. Auf geht’s! Am 9. September 2017 findet der 10. nationale Wandertag statt. Welches Lesebuch wir in den Rucksack stecken, ist so klar wie der Hauch beim herbstlichen Wanderstart: „Landluft“.

Daniela Schwegler (Text), Stephan Bösch (Fotos): Landluft. Bergbäuerinnen im Porträt. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 38.- www.rotpunktverlag.ch, www.danielaschwegler.ch, www.sichtweise.ch

Nächste Veranstaltungen von Daniela Schwegler:
Bibliothek Spiez: Mittwoch, 6.9.2017, 19.30 – 22 Uhr
Villa Sutter, Münchwilen: Freitag, 8.9.2017, 19.30 – 22 Uhr
Kantonsbibliothek Chur: Montag, 11.9.2017, 18 – 20 Uhr

Le voyage de Monsieur Perrichon

Hier geht’s um Mütter, die «Mutter der humoristische Bergliteratur» und «la mère de Glace». Also wiedermal ein Stück fürs Französischstudium, so nebenbei. Die Komödie rund ums Mer de Glace gibt es auch als Hörspiel in Deutsch, tröstet unser Rezensent alle Franz-Banausen.

19. August 2017

LE COMMANDANT, apercevant le registre ouvert dans l’auberge au Montanvert.
Ah! Ah! le livre des voyageurs! voyons?… (Lisant.) «Que l’homme est petit quand on le contemple du haut de la mère de Glace!…» signé Perrichon… mère! Voilà un monsieur qui mérite une leçon d’orthographie.

Ein sehr schöner Schreibfehler: mère statt mer! Zudem ein passender: Der Mer de Glace genannte Gletscher, der grösste der französischen Alpen, steht am Anfang des Tourismus in den Alpen. Den Namen erhielt er von den britischen Touristen Richard Pococke und William Windham, die 1741 Montenvers ob Chamonix besuchten, einen Aussichtspunkt beim Gletscher, der an ein Eismeer erinnert. Im 18. und 19. Jahrhundert konnte man noch bequem vom Gasthaus den Eisstrom erreichen, heute liegt er steilgeröllige 200 Meter unter der Panoramaplattform. Wahrscheinlich aber war sich Monsieur Perrichon seines geschichtsträchtigen Verschreibers nicht bewusst, als er den hochtrabenden Satz ins Fremdenbuch des Montenvers-Gasthauses schrieb. Noch viel weniger konnte er die Konsequenzen ahnen: Er und der Kommandant geraten nämlich aneinander, was fast zu einem Duell führt. Mais oui!

Mehr noch: Monsieur Perrichon ist die Hauptfigur in der Komödie „Le voyage de Monsieur Perrichon“ von Eugène Labiche und Édouard Martin, die am 10. September 1860 im Théâtre du Gymnase in Paris uraufgeführt wurde. „Le premier écrit humoristique sur la montagne“ nennt Jaques Perret das Theaterstück im wegweisenden „Guide des livres sur la montagne et l‘alpinisme“. Es ist also sozusagen die Mutter der humoristischen Bergliteratur, deren bekannteste Werke „Tartarin sur les Alpes“ von Alphonse Daudet, „A Tramp Abroad“ von Mark Twain und „The Ascent of Rum Doodle“ von William Ernest Bowman sind.

Zu meiner Beschämung muss ich sagen, dass ich erst vor einer paar Wochen über „Le voyage de Monsieur Perrichon“ gestolpert bin. Doch dann habe ich das Stück gleich gekauft und mit Amusement gelesen. Wunderbar, wie der aufkommende Eisenbahn- und Bergtourismus ins Spiel gebracht wird, kombiniert mit Wirtschafts- und Hochzeitgeschäften. Um Henriette, die bezaubernde Tochter von Herrn Perrichon, buhlen Armand und Daniel, den Papa miteinbeziehend, insbesondere beim Ausflug auf das Mer de Glace. Perrichon wird von Armand gerettet, der Vater zieht Daniel aus einer Gletscherspalte, in die sich dieser – die Leser vermuten es schon bald – extra hat gleiten lassen. Geschickt, aber vielleicht nicht geschickt genug, denn am Schluss entscheidet sich Henriette (mit Maman) für – halt, das sei hier nicht verraten! Selber lesen. Oder hören und anschauen. Denn die Komödie gibt es auch als Film und als Hörspiel (auf Deutsch). Viel Vergnügen!

Eugène Labiche et Édouard Martin: Le voyage de Monsieur Perrichon. Calmann-Lévy, Collection Nelson, Paris 1860. Als Taschenbuch erhältlich.
Digital:
http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6502486x/f11.image.
Hörspiel:
https://www.srf.ch/radio-srf-musikwelle/hoerspiel-klassiker/hoerspiel-klassiker-im-august-monsieur-perrichons-reise

Elsbeth, Vreneli, Indianer

Dem Tourismus im Berggebiet geht’s schlecht, stand dieser Tage in der NZZ. Da kommen diese vier Bücher gerade recht als Entwicklungshilfe, das Glarnerland mit Braunwald haben es ja besonders nötig. Auch wenn Klettersteigfreaks, Tourengänger, Literatur- und Sagenfreunde nicht das grosse Geld bringen (wie z.B. ein Ägypter jenseits des Urnerboden). Als Botschafter des regenreichen Tals sind sie allemal ein Segen.

8. August 2017

Noch einmal
Auf dem Sommerweg zum Alpmäuerlein, moosüberwachsen
Die Steine schräg abgerutscht
Vom Steinbrech mit Rosa bestickt
Zurückkehren
Die Sonne gleitet hinten den hohen Turm
Und auf meinen Händen der leichte Schatten schwer

Der Anfang des Gedichtes „Auf dem Sommerweg“. Geschrieben von der Glarner Schriftstellerin Elsbeth Zweifel, 1938 geboren in Diesbach fast ganz hinten im Glarnerland, einem Dorf eingeklemmt zwischen Schönau im Osten und Chnügrat im Westen. Und auf halbem Weg zwischen diesem Grat und dem Talboden die Hangterrasse Orenplatte. Dort oben erbaute und führte der Vater von Elsbeth ein Sommerhotel in den 1940er Jahren, dort oben wuchs sie auf, half bald auch schon mit im elterlichen Betrieb, bediente die Gäste, die von Braunwald her kamen oder mit der sehr luftigen Seilbahn hochschwebten. Nun erinnert sich die Autorin an diese Kindheit in den Bergen, kehrt mit Prosa und Poesie zurück ins Tal der Linth.

Das Glarnerland. Lesestoff und Lebensland zugleich. Die berühmteste Glarnerin dürfte das Vreneli sein. Jene märchenhafte Figur, die dem Vrenelisgärtli (2905 m) zum Namen verhalf. Diese Sage ist schon oft erzählt worden. Im Bilderbuch „Vrenelisgärtli und andere Glarner Sagen“ mit dem Text von Swantje Kammerecker und den Scherenschnitten von Estrellita Fauquex kommt sie ganz frisch und fein daher. Wer die Liebesgeschichte von Vreneli und Balz und den Gletscherspuk von Segnes und Sardona nicht kennt oder noch nie gelesen hat: jetzt anschauen und lesen.

Wer aber die Gipfel mit diesen Namen besuchen möchte, greift zum druckfrischen Hochtouren-Band aus dem Topoverlag. Im vierten Band dieser ausgezeichneten Führer (nach denjenigen zu den Berner, Walliser und Bündner Alpen) stellen Stefan Wullschleger, Daniel & Michel Silbernagel 62 Touren in Fels und Eis zwischen Monte Leone und Ringelspitz vor, darunter neun aus den Glarner Alpen. Vrenelisgärtli, Clariden und Tödi natürlich, aber auch den komplizierten Bifertenstock und die leichter zugänglichen Piz Sardona und Piz Segnas. Wie immer mit der gekonnten Mischung aus Text, Kurzinfos, aktuellen, genau datierten und wenig nötig angeschriebenen Fotos, Kartenausschnitten inkl. Wegverläufen sowie den eigentlichen Topos, wo die Routen gezeichnet und erläutert werden. Hilfreich und vorbildlich.

Wer sich hingegen mit dem Anschauen von Clariden und Vrenelisgärtli zufrieden gibt und dennoch nicht ganz auf Abenteuer und Adrenalin verzichten mag, begibt sich in die neuen Klettersteige im Glarnerland: in denjenigen zum Zingelstöckli hoch über dem Urnerboden (dieses vom Kuhglockengebimmel erschallte Hochtal gehört ja touristisch zu Glarus) und in den Indianersteig ob Netstal, der auf den hohen Turm des Gross Schlattkopfs führt. Beide Vie ferrate sind neu beschrieben in der vierten Auflage von „Die Klettersteige der Schweiz“, die Ende August/Anfang September erscheinen wird. Und hinter dem Chnügrat wartet ja noch der berühmte Braunwalder Klettersteig über die Eggstöcke.

Ob allerdings heute das zutrifft, was E. St., Mitglied der Sektion Glarus des Schweizerischen Frauen-Alpen-Club, in der Oktober-Ausgabe 1937 der Clubzeitschrift „Nos Montagnes“ schrieb, darf angesichts des Wetterberichts bezweifelt werden:

Doch seit me ja vum Glarnerland
Es sig es Regeloch,
Wem-me emal det ine gang,
Verregnis eim ja doch.

Nei, glaubet ihr mir alli nu,
Der Spruch isch gar nüd wahr,
Wenn’s Züri unde Nebel händ
Händ mir de hell und klar.

Nei, über üsers Ländli,
Lun-i gwüss nüt gu,
Wer mir nüd glaubt,
Der söll emal zu us gu luege chu.

Elsbeth Zweifel: Das Bündel Zeit. Erinnerungen an eine Kindheit am Berg. Limmat Verlag, Zürich 2017, Fr. 28.- www.limmatverlag.ch

Swantje Kammerecker (Text), Estrellita Fauquex (Illustrationen): Vrenelisgärtli und andere Glarner Sagen. Baeschlin Verlag, Glarus 2017, Fr. 32.80, www.baeschlinverlag.ch , www.lesestoff.ch

Urner, Glarner, Tessiner Alpen. Hochtouren Topoführer. 62 Touren in Fels und Eis zwischen Monte Leone und Ringelspitz. Mit Simplon und Binntal. Topoverlag 2017, Fr. 58.-, www.topoverlag.ch

Eugen E. Hüsler, Daniel Anker: Die Klettersteige der Schweiz. AT/SAC Verlag, Aarau/Bern 2017, Fr. 35.90, www.at-verlag.ch, www.sac-cas.ch

Bergkameraden

Ein altes Wort ist es, das diesen Buchtitel ziert. Frauen mitgemeint? Auf dem Umschlagfoto sitzt zwischen den Bergkameraden auch eine Bergkameradin. Hat sie die Autorin, Hochschulreferentin für Gleichstellung und Diversität, übersehen? Während der 150 Jahre, über die sie die sozialen Nahbeziehungen unter Bergsteiger/-innen verfolgt, sind Frauen im Alpinismus meist übersehen worden von den Kameraden.

6. August 2017

„Dies also ist der Gipfel! Ein flaches Schneedach, nicht viel länger als das eines Häuserblocks, aber doch zu groβ, als daβ wir von unserer Grube aus seine Ränder überblicken könnten. Dichter Nebel umstellt uns.
Mir ist, als ob ich zuviel Nebel eingeatmet hätte. Ich fühle mich matt, ein biβchen schattenhaft. Der Kamerad ist mir fern, und ich selber bin mir merkwürdig undeutlich.“

Gipfelgefühle auf der Aiguille Verte (4122 m), nach einer unvorhergesehenen Biwaknacht zuoberst im Whymper-Couloir. Festgehalten von Jürg Weiss im Bericht „Das Biwak an der Aiguille Verte“ aus dem Buch „Bergkameraden. Mitglieder des W.A.C. erzählen“, das Weiss und Oskar Hug gemeinsam 1939 im Orell Füssli Verlag herausgaben. Mit dabei in dem 1937 gegründeten Westalpen-Club, der eine Elite damaliger Alpinisten der Schweiz und angrenzender Länder versammelte, Emile R. Blanchet, Günter Oskar Dyhrenfurth, René Dittert und Marcel Kurz. Alle Bergsteiger, die Pickel und Feder gleichermassen gekonnt führten.

Um Berichte von Alpinisten geht es auch in der Publikation „Bergkameraden. Soziale Nahbeziehungen im alpinistischen Diskurs (1860–2010)“ von Wibke Backhaus, erschienen als Band 67 der Reihe „Geschichte und Geschlechter“ im Campus Verlag. Die Autorin, Referentin für Gleichstellung und Diversität der Hochschule Heilbronn, hat die deutschsprachige alpine Literatur dahin befragt, „wie soziale Nahbeziehungen ‚am Berg‘ verhandelt wurden“, so der Text auf der Buchrückseite. „Deutlich werden dabei vor allem die enorme Wandelbarkeit und der umkämpfte Charakter alpinistischer Entwürfe von Identität und Gemeinschaft.“ Weder „Bergkameraden“ noch „Klippen und Klüfte“ von Jürg Weiss wurden in den Korpus von 83 Bergbüchern aufgenommen, welche die Materialgrundlage der Arbeit von Backhaus bilden.

Die Beziehungen der Seilgefährten werden chronologisch untersucht: Vom manchmal ungleichen Verhältnis zwischen Bergführer und Gast zum Aufkommen des führerlosen Bergsteigens, von den Kameradschaftserzählungen des Dolomitenkrieges zu den Gemeinschaftsentwürfen der Bergliteratur der 1930er Jahre, von den Revisionen dieses Kameradschaftsideals in den 1950er Jahren bis zur gegenkulturellen Wende im Bergsport um 1980 und zur Kommerzialisierung im Expeditionsbergsteigen ab Ende der 1990er Jahre. Ganz schön spannend, welche Veränderungen die Bergkameraden da durchmachen – oder auch nicht. Und wie die Bergkameradin trotz aller Emanzipationsbestrebungen am Seil immer noch hinten her klettert. Nicht immer ganz leicht lesbar, nicht immer ganz fehlerfrei. Gerade der Kameradschafts- und Geschlechterdiskurs beim Sport- und Hallenklettern sowie beim Bouldern wäre ein paar Untersuchungen und Überlegungen wert; das Problem ist nur, dass die heutigen Kletterer kaum zur Feder greifen… Am Schluss des Buches hat Wibke Backhaus ein biografisches Verzeichnis von Bergsteigern und Alpinistinnen zusammengestellt, die in ihrem Buch eine Rolle spielen. Aber da fehlen ausgerechnet Christine de Colombel und Elisabeth Dabelstein, aus deren Werke oft zitiert wird.

Und noch eine Anmerkung sei erlaubt. Wenn die schicksalshafte Begegnung in der Eigernordwand am 22. Juli 1938 thematisiert wird, müssten neben der Schilderung aus dem nazi-gefärbten Buch „Um die Eigernordwand“ auch spätere berücksichtigt werden. Anderl Heckmair 1938: „Wir drückten uns herzlich die Hände und von diesem Moment an waren wir nur noch eine Seilschaft. ‘Wir werden jetzt zusammen gehen und passieren darf nichts!’ Ist es nicht wie eine Fügung? Zwei Münchener gingen einst mit zwei Österreichern in den Tod. Zwei Österreicher gehen jetzt mit zwei Münchenern in den Sieg.“ Ganz anders stellte der Münchner Heckmair diese Begegnung mit den Österreichern Kasparek und Harrer in „Die letzten Probleme der Alpen“ von 1949 dar: „Ich machte sie darauf aufmerksam, daß sie bei diesem Tempo wenig Chancen hätten, durchzukommen und riet ihnen zum sofortigen Rückzug. Kasparek hatte aber auch seinen Dickkopf. ‘Wir werden es schon packen, wenn wir auch etwas länger brauchen!’ meinte er. Es war eine heikle Minute, und unser Entschluß sehr schwerwiegend: Sollten wir an ihnen vorbei und weiter stürmen und sie, die Kameraden, ihrem Schicksal überlassen. Vörg, der weitaus gutmütigere von uns beiden, fand das erlösende Wort: ‚Es ist wohl das Beste, wir schließen uns zusammen und bilden eine Seilschaft!‘“ Im Buch „Mein Leben als Bergsteiger“ von 1972 ergänzte Heckmair gar: „Ich wollte keinen Streit anfangen, doch meine Einwilligung war ziemlich widerwillig.“

Wibke Backhaus: Bergkameraden. Soziale Nahbeziehungen im alpinistischen Diskurs (1860–2010). Campus Verlag, Frankfurt aM 2016, € 45.- www.campus.de

Wer sich für das Leben und Werk von Jürg Weiss interessiert, greift zu Emil Zopfis „Dichter am Berg. Alpine Literatur aus der Schweiz“ (AS Verlag 2009).

Gratturnen zwischen Gewittern

MeteoSchweiz: „Die Druckverteilung über Mitteleuropa ist ausgesprochen flach…“ …und die Prognose offenbar eine ziemliche Kaffeesatzleserei. Zu unserem Bergtermin Anfang Juli war die Druckverteilung eher tief und mit eher viel Feuchtigkeit in der Atmosphäre, was uns zu pass kam, mussten wir uns doch keine Blösse geben, wenn wir das Ziel reduzierten.

30. Juli 2017

Denn was wir in den Monaten vor dem Bergtermin hochtrabend zusammengeplant hatten, flösste uns nun auf einmal Respekt ein. Zu wenig waren wir im Hochgebirge gewesen, wussten ja kaum noch, was uns dort erwarten würde. Verunsichert waren wir daher, wie die Meteorologen, machten aber das Beste daraus, indem wir in einen Winkel der Alpen fuhren, in dem wir beide noch nie gewesen waren. So brachte uns der Zug nach Davos und der Daumen, vom Strassenrand vorbeifahrenden Autos entgegengestreckt, am Freitagabend schliesslich auf den Flüelapass. Kurz hinter der Passhöhe liessen wir uns absetzen und stiegen noch ein Stück hinauf, um ein Eck und zu einem ebenen Wiesenflecken, nahe eines kleinen Sees. Die Rucksäcke, gross und schwer, waren voll mit allem was man für fast alle Möglichkeiten einer zweieinhalbtägige Expedition braucht, bei der es darum geht, wechselhaftem Wetter das Beste abzuringen. Tatsächlich verdichteten sich die Wolken bedrohlich dunkel während wir das Zelt aufstellten und den Kocher in Betrieb nahmen. Es reichte aber gerade noch um die Tomatensosse zu erhitzen und mit der Polenta und ein paar hundert Gramm kleingeschnittenem Gruyère zu verrühren, um pünktlich zum Donnersignal mit dem Topf voll schmackhaftem Brei im Zelt verschwinden zu können. Später schoben wir Koch- und Essgeschirr unter der Vorzeltplane in die Spülmaschine hinaus und sanken von Regentrommeln und letztem sanften Donnerrollen eingelullt, in den tiefen Schlaf, wie man ihn so manches Mal im Gebirge geniesst.

Am nächsten Morgen sah es ganz gut aus: Staffeln kleiner, wenig hoher Wolken, die nur an den höheren Gipfeln hängen blieben, zogen über den Himmel, der dazwischen und darüber harmlos blau war. So packten wir das Seil und eine Auswahl Kletterzeug in den Rucksack und wanderten in der Morgenluft über das Steiglein zur Forcla Radönt. Von hier folgten wir dem Blockgrat in Richtung Piz Radönt, bis er sich schliesslich schärfte und wir uns anseilten. Die folgende Gratkletterei war verspielt, ein Genuss pur, überall möglich, überall fest, nirgends schwierig. Wir kletterten, legten Schlingen um Zacken und übersahen dabei beinahe ein oder zwei Bohrhaken, kraxelten, balancierten, jubilierten und erreichten gegen Zehn Uhr, viel zu früh, den Gipfel.

Weiter folgten wir dem Grat nach Westen hinab bis zu einem Abbruch mit solidem Eisenring an der Kante. Ob wir denn wirklich abseilen wollten, rief ich Felix zu, der sich eben eingehängt hatte? War da nicht etwas von „auch kletterbar, 2c“  in irgendeinem Buch oder Interneteintrag gestanden? Es machte doch gerade so Spass! Felix, den ich nun erreichte, lehnte sich hinaus und schaute. „Ja, stimmt, ich kletter weiter.“ Und schon verschwand er über die Kante hinab, auf der erst nur noch die Finger seiner Hände zu sehen und dann auch verschwunden waren. „Ok wenn, wenn ich nachkomme?“, rief ich, als das nachlaufende Seil meinen Fixpunkt erreichte. Es war ok und auch ich liess mich an grossen, festen Griffen und Tritten in die steile, hellrote Gneiswand hinab. Später erreichten wir über ein Band querend die Scharte vor den Radüner Köpfen und durch eine Verschneidung, über einen Grat und den östlichen, schliesslich den westlichen dieser beiden Gipfel.

Hier war es, halb zwölf, endlich soweit, dass wir uns guten Gewissens den Köstlichkeiten aus dem Essenssack zuwenden konnten. Die Wolkenstaffeln waren lichter und die Gipfel freier geworden. Die zwei anderen, die ausser uns heute den Piz Radönt überkletterten, kamen auch herauf und stiegen nach einer Pause gegen die Grialetschhütte ab. Uns aber schien der Tag noch lange und der Grat noch nicht zu ende. So folgten wir ihm weiter nach Westen, hinab in die folgende Scharte. Von dort wieder aufwärts wurden die Gratblöcke allerdings zunehmend kleiner und bald stiegen wir nur noch über einen Schuttrücken, an dessen höchstem Punkt die vierköpfige Steinmannfamilie des Radüner Rothorns zuhause ist. Wo der Wanderweg vom Pass auf das Schwarzhorn den Grat erreicht, deponierten wir die Rucksäcke mit Seil und Klettergeraffel, banden je eine Jacke um und steckten eine Gipfelschokolade in die Tasche. Die Wolken, die sich aus den morgendlichen Staffeln vereinzelt hatten, ballten sich in der Mittagswärme allmählich wieder zu quellenden Haufen und oben sassen wir erst einen kurzen Graupelschauer aus, ehe wir das Panorama genossen und dabei weitere Touren im für uns neuen Gebirgswinkel planten.

Beim Abstieg fielen ab und zu ein paar Tropfen, wie versprengte Herden, ohne Kraft, ohne Ziel. Als wir beim Zelt ankamen, war es aber länger trocken und machte den Anschein, als wolle es sich nun gründlicher sammeln. Diese Pause im Wettergeschehen genügte indessen für das Abendessen im Freien, eine Flasche Rosé auf die Tour und einen Spaziergang um den nahen See. Erst als wir im Schlafsack lagen, brach das gründlich gesammelte Gewitter los und wusch, das hörte man, die Töpfe diese Nacht noch sauberer. Auch leckte dann irgendwann unser altes, gut gedientes Zelt ein wenig.

Der andere Morgen war verhangen, auf der Zeltplane aber überwiegend still, und begann mit einer Unentschlossenheit darüber, was wir noch tun sollten. Klettern an den Klettergärten in der Umgebung des Passes? Auf das Weisshorn jenseits des Passes steigen? Mittags mussten wir den Bus nehmen. Wir machten so lange herum, dass es für das Weisshorn irgendwann zu spät war, bauten das Zelt ab und wanderten gegen die Passstrasse. Als wir ums Eck kamen blies feuchter, kühler Wind das Tal entlang und ich spürte wie kalt der Fels sein würde, wie ungelenk in all den Jacken und Pullovern das dennoch fröstelnde Klettern. Felix war schnell überzeugt. Nahe der Strasse deponierten wir erneut und stiegen schliesslich mit Rucksäcken, die so leicht waren dass sie uns empor hoben wie geräuschlose Rotoren, den jenseitigen Hang hinauf, sprangen hinter einer Kuppe katzenhaft über die grossen Blöcke eines Kares und erreichten den Südgrat des Weisshorns, dem wir bis auf den Gratgipfel 3020 m. folgten. Der Grat war ein Turnen über granitartige Stufen, an kleinen Kanten entlang, mal ein grosser Schritt, mal ein Stemmen zwischen Blöcken, dann wieder ein kräftiger Zug.

Der Wind, mal kühl, mal feucht, war im Steigen erfrischend, die Wolken zogen hoch und knapp über den Gipfeln dahin und wir blieben den ganzen Vormittag trocken. Am Nachmittag aber reisten wir im Prättigau in eine schwarze Regenwand hinein, glücklich über ein zwischen Gewittern gelungenes Wochenende, irgendwo in einem neuen Winkel der Alpen.

 

p.s. Dieses Mal war Felix der Fotograph.

 

Bergzauber, Wurzelspuk und Wolfsgeheul

Kreidolf, der Wolf mit der Kreide im Maul. Der Illustrator und Künstler, der Generationen von Kindern mit Alpenblumen in Menschengestalt begeisterte. Die Bernburger rufen uns erwachsenen Kindern den beinahe Vergessenen wieder in Erinnerung. Und unser Rezensent erinnert an das Alpine Museum in Bern, das hoffentlich nicht so bald dem Vergessen anheimfällt.

26. Juli 2017

Wir waten im Sumpf
Ohne Schuh und Strumpf,
Nass bis zum Rumpf,
pfitsch, pfatsch ist Trumpf.

Ein lautmalerischer Vers zum Wetter dieser letzten Juliwoche 2017 auf der Alpennordseite? Ein Politreim zum angeblich mächtigsten Mann der Welt? Sumpf und Rumpf jedenfalls passten bestens, und dass er manchmal ungewollt (oder auch gewollt) barfuss da steht, eigentlich ebenfalls. No, something else: Der Berner Maler, Dichter und Bilderbuchkünstler Ernst Kreidolf (1863–1956) verfasste die nassen Zeilen zum Bild „Sumpfblumen“ in seinem Buch „Alpenblumenmärchen“, das 1922 im Zürcher Rotapfel-Verlag erschien. Zusammen mit den 1916 entstandenen „Wintermärchen“ ist es das bekannteste Werk von Kreidolf. Unzählige Kinder, Eltern und Grosseltern erfreu(t)en sich an den Alpenblumen in Menschengestalt bzw. den Figuren als Blütenpflanzen. Wunderbar, wie elegant die wasserliebenden Blumen durch den Sumpf waten. Herzerwärmend, wie die Arnika verletzte Heuschrecken pflegt. Fast beängstigend, wie Eisenhut und Rittersporn als kriegerische Gestalten Seite und Szene beherrschen. Gezeichnete und gedichtete Geschichten, die man so schnell nicht vergisst.

Unter dem Titel „Bergzauber und Wurzelspuk“ widmen sich ein Buch und eine Ausstellung im Schloss Spiez dem Leben und Werk von Ernst Kreidolf. Er wurde 1863 als Sohn eines Kaufmanns in Bern geboren. Von 1879 bis 1883 absolvierte er eine Lehre als Lithograf in Konstanz. Ab 1883 besuchte er die Kunstgewerbeschule in München und ab 1889 die dortige Akademie der Bildenden Künste. Seinen Lebensunterhalt bestritt er damals mit dem Zeichnen von Verbrecherporträts für das „Münchener Fahndungsblatt“. Seit 1898 illustrierte er überwiegend Kinderbücher, für die er zum Teil auch die Texte selbst schrieb. 1918 siedelte er endgültig nach Bern über. Er liegt auf dem Berner Schosshaldenfriedhof begraben, wie Paul Klee, Karl Walser und Joseph Viktor Widmann.

Das neue, gediegen gemachte Buch ist der neunte Band der Schriftenreihe Passepartout, welche die Burgerbibliothek Bern herausgibt. Bei ihr ist der schriftliche Nachlass von Kreidolf aufbewahrt. Schöne Sachen sind da zu entdecken. Beispielsweise das Aquarell „Über dem Gewitter“, das einen Älpler zeigt, der ohne Schuhe auf einem Grasabsatz über dem Abgrund liegt, entspannt eine Pfeife rauchend. Unter das Bild setzte Kreidolf ein Zitat von Angelus Silesius:
„Wer über Berg und Tal und dem Gewölke sitzt,
Der achtet’s nicht ein Haar, wenns donnert, kracht und blitzt.“

Schön wär’s, sässe man dort oben. Aber gerade in Bern liegt man mitten im Gewitter. Jedenfalls im Alpinen Museum der Schweiz, das mit der Burgerbibliothek Bern durch die Kirchenfeldbrücke verbunden ist. Genau heute vor einer Woche gab das Bundesamt für Kultur (BAK) im Rahmen seiner neuen Museumspolitik bekannt, das Alpine Museum künftig nur noch mit 250’000 Franken pro Jahr statt wie bisher mit 1’020’000 Franken zu unterstützen: ein  Schnitt um 75 Prozent, der die Existenz des Hauses am Helvetiaplatz in Frage stellt. Ein ebenso unverständlicher wie nicht nachvollziehbarer Entscheid für ein Museum, das sich als nationale Institution mit dem sozusagen urschweizerischen Gut der Alpen klug und kritisch auseinander setzt, das die Welt der Schweizer Berge archiviert und modern aufbereitet. Und das in den letzten fünf Jahren deutlich mehr Publikum, eine landesweite Medienresonanz und international Anerkennung gefunden hat.

Das Alpine Museum der Schweiz und mit ihm zahlreiche Leute und Institutionen im In- und Ausland – wollen den Entscheid des Bundesamtes für Kultur so nicht hinnehmen. „Der BAK-Entscheid ist hoffentlich nicht das Ende, sondern ein Anfang“, schreiben Direktor Beat Hächler & das alps-Team in ihrem Newsletter. „Auf uns kommt in den nächsten Monaten viel Arbeit zu: Wir müssen auf verschiedenen Ebenen für die Zukunft unseres Hauses kämpfen, Allianzen schmieden und Mehrheiten finden. Viele alps-Fans haben uns in den letzten Tagen gefragt, was sie für uns tun können. Im Moment ist uns am besten damit gedient, wenn Sie auf unsere Situation aufmerksam machen. Wenn Sie Leserbriefe schreiben. Wenn Sie in ihrem Umfeld erzählen, dass das Alpenland Schweiz auch künftig ein Alpines Museum braucht: Ein Ort, wo die grossen Herausforderungen unserer Zeit auf innovative Art und Weise zum Thema gemacht werden.“

Und wenn Sie natürlich das Museum am Helvetiaplatz besuchen. Zum Beispiel die noch bis zum 1. Oktober 2016 laufende Ausstellung „Der Wolf ist da. Eine Menschenausstellung“. Geht es um den Wolf, gehen die Emotionen der Menschen bekanntlich hoch. Vermeintliche Stadtromantiker stehen „sturen Berglern“ in einer polarisierten Debatte um die Rückkehr des Wolfs auf Schweizer Boden gegenüber. Was machen wir mit dem Wolf? Was macht der Wolf mit uns?

Ernst Kreidolf hat vor gut 100 Jahren eine Antwort darauf gefunden. Auf seinem Exlibris zeichnete er seinen Namen als Wolf, der mit einem Stück Kreide im Maul die Erdkugel umkreist.

Burgerbibliothek Bern (Hrsg.): Ernst Kreidolf. Bergzauber und Wurzelspuk. Passepartout. Schriftenreihe des Burgerbibliothek Bern, 2017, Fr. 39.90, www.burgerbib.ch

Ernst Kreidolf: Alpenblumenmärchen. NordSüd Verlag 2016, Fr. 24.90. Die Originalausgabe erschien 1922 im Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich; auf zvab.com bereits ab € 46.50 zu finden.

Bergzauber und Wurzelspuk. Ernst Kreidolf und die Alpen. Die Ausstellung im Schloss Spiez versammelt Werke aus verschiedenen Schaffensperioden. Originaldokumente aus der Burgerbibliothek Bern ergänzen das Bild des Künstlers und seiner Alpenrezeption. Bis zum 8. Oktober 2017, www.schloss-spiez.ch. Vom 26.11.17 bis 25.2.2018 gastiert die Schau im Kunstmuseum Appenzell.