Klausenpass

Pässe verbinden, man weiss es. Täler, Siedlungen, Kulturen. Über Pässe wird gestritten, gewandert, gerast, geradelt. Der Klausenpass, man darf es wohl sagen (z.B. als Glarner), ist etwas Besonderes. Ein schönes Buch wert also, auch das verbindet: Geschichte und Gegenwart einer einzigartigen alpinen Landschaft.

16. Juni 2017

„Mittwoch, 17. Juli 1946:
Die erste Tour de Suisse nach dem Weltkrieg führt über den Klausen und den Gotthard.
Die 5. Etappe der Tour de Suisse führt von Zug nach Lugano (215 km) erstmals über den Klausen und zum wiederholten Male wieder über den Gotthard. Auf beiden Pässen erscheint als erster Gino Bartali, der auch Etappe und Gesamtwertung gewinnt.“ Ist unter http://www.urikon.ch/UR_Sport zu lesen.

Die Tour de Suisse des Jahres 2017 führt weder über Klausen noch Gotthard, aber Alpenpässe sind natürlich einige zu meistern, vorgestern Mittwoch der Simplon, gestern Donnerstag San Bernardino und Albula. Wer mit dem Rad gerne Pässe befährt, wird um den Klausenpass (1948 m) zwischen Linthal und Altdorf keine Kurve machen können, und wer dies lieber motorisiert mit zwei bzw. vier Rädern tut, erst recht nicht. Die langen Geraden auf beiden Seiten, viel mehr aber noch die kunstvollen Kurven auf der Glarner Seite der im Jahre 1900 eröffneten Passstrasse fordern zum rassigen Fahren geradezu heraus. Doch bis das möglich war, dauerte es mehrere Jahrzehnte. Da hatten die Bergbauern, vor allem die aus dem Urnerland, mit ihren Vierbeinern schon längst, nämlich seit dem Mittelalter, von den saftigen Weiden zwischen Schächentaler Windgällen und Clariden Besitz ergriffen.

„Die Klausenstrasse gehört zu den technisch anspruchsvollsten Alpenpassstrassen der Schweiz und erschliesst eine atemberaubend schöne Landschaft. Die Besonderheit der Klausenstrasse liegt in der fast durchgängigen Besiedlung und der Nutzung als Bergrennstrecke von 1922 bis 1934“, schreibt Marion Sauter in ihrem geschichtlichen Bildband zur Erschliessung des Klausenpasses. „Saumpfad – Lini – Speedway“ lautet der Haupttitel dieses tiefgründig getexteten, wunderbar mit alten und neuen Schwarzweissfotos bebilderten und sorgfältig editierten Buches. Urner Alpwirtschaft, Glarner Textilindustrie, Tourismusgeschichte, Militärstrategie – all das hat Platz im querformatigen Buch. Eine Augenweide sind die historischen Aufnahmen von Michael Aschwanden, oft gespiegelt mit aktuellen des Urner Fotografen F.X. Brun. Das Gasthaus zur Post in Spiringen zum Beispiel: links noch ungeteert die Passstrasse beim Gasthaus, Personen, wohl die Wirtsfamilie, sitzend an zwei weiss gedeckten Tischen unter einem mächtigen Baum; rechts das heutige Gasthaus, hinter kleinen Bäumen wohl der Garten, draussen an der breiten Asphaltstrasse drei Schilder: „Seniorenmenu 17.-“, „Feine Zuger Kirschtorte“ und „Biker Herzlich Willkommen.“

Irgendwie amüsant auch die Geschichte des Grenzsteins zwischen den Kantonen UR und GL auf dem Urnerboden. Aschwandens Foto von 1900 zeigt den Stein freistehend neben der Strasse, nebenan zwei Bergbewohner, die sich die Hand geben, vielleicht ein Urner und ein Glarner; eine Lawinen riss das Monument jedoch 1917 mit. Der Stein wurde auf die andere Strassenseite gezügelt und mit einer Stützmauer geschützt. In Sauters Buch sehen wir ihn auf einer Postkarte mit Rennauto: Speedway eben. Tempi passati. Umso schöner, dass solche Publikationen Geschichte und Gegenwart gekonnt verbinden und aufleben lassen.

Marion Sauter: Saumpfad – Lini – Speedway. Die Erschliessung des Klausenpasses. Edition Typundso, Emmenbrücke 2016. Fr. 69.- Bestellung unter: klausenbuch@edition-typoundso.ch

In der Pfalz

Heisse Tage im sagenhaften Sandsteinfelsenland. Auf Himmelsleitern hoch über weiten Wäldern.

13. Juni 2017

«Ich geh in mei Palz un trink Wei.» Ich erinnere mich nicht, woher ich dieses Lied kenne, aber es geht mir dauern durch den Kopf. Doch wir sind nicht wegen dem Pfälzer Wein hergekommen, sondern wegen den Felsen, den bizarr geformten rötlichen Sandsteingebilden, die da und dort aus den Wäldern ragen, die sich über die Hügel dahinziehen. Manchmal ist es Kein Fels, sondern ein Schloss oder Fels und Burg in einem, wie beim Drachenfels, an dem wir am Morgen kletterten.
Nachmittags klettern wir am Heidenpfeiler, mit 60 Metern höchste Wand des Gebiets, ziemlich direkt der brennenden Sonne ausgesetzt. Hie und da ein kühler Lufthauch. Muss ja sein, auf einer Route, die Himmelsleiter heisst, ein «Pflichtklassiker» gemäss Führerbuch. Das ist so dick wie ein Altes Neues Testament zusammen. Hunderte Routen also und keine leichte darunter, sagt Robert.
Die erste Seillänge der Himmelsleiter ist weder Leiter noch himmlisch, ziemlich vermoost, wird wohl kaum mehr geklettert, trotz Pflicht. Zu deren Erfüllung genügen offenbar die zwei oberen Seillängen, wo es dann immer luftiger wird. Die erste zu Beginn auch noch moosig, Griffe und Tritte jedoch geputzt – hoffentlich keine seltenen Moose! Dann steilt sich die Sache auf, wird krass überhängend und ausgesetzt und streng. Es scheint, dass in der Pfalz alle Routen mit unmöglichen Überhängen enden durch Risse führen, die einem schon beim Hinschauen Angst machen. Gut ist Freund Robert ein in zig Bigwalls erfahrener Friend- und Keileleger. Das geht so schnell, ich kann kaum zuschauen, wie er die Geräte setzt. Muss dann auch nicht vorsteigen, da ich immer die Ausrede finde, die Sicherungen herausholen gehe im Nachstieg besser.
Während wir also auf der Felsenleiter dem Himmel zustreben, wacht am Wandfuss Roberts Hund über unsere Rucksäcke und verbellt von Zeit zu Zeit Räuber und friedliche Kletterer oder Wanderer. Zur Strafe muss ihm Robert am Abend ein paar Dutzend Zecken aus dem Fell holen – wir sind zum Glück verschont geblieben.
Verbellt wurde übrigens auch Robert am Morgen, nicht von einem Hund, sondern von einem Kletterer, der auf sein Magnesiasäcklein zeigte: «Magnesia ist hier nicht erlaubt!»
«Also verboten?»
«Nein, nicht verboten, doch nicht erlaubt.»
Ein juristisch komplexes Problem also. Der strenge Felspolizist – Robert stufte ihn als Oberlehrer ein, und da er selber den Titel «Studiendirektor» trägt, kann er nicht weit daneben liegen. Der Mann kontrollierte nun tatsächlich den Inhalt von Roberts Magnesiasäcklein. Es war leer. Robert benutzt flüssiges Magnesia, aber das sei ein noch schlimmeres Vergehen, befand der grimmige Oberkletterer. Die Griffe würden auf ewige Zeiten zugepappt. Er wiederholte das, bis ihn seine Partnerin sanft zum Weitergehen aufforderte.
Also gut, wir haben beim Klettern viele Magnesiaspuren angetroffen und uns an offenbar zugepappten Griffen ganz gut festgehalten. Und uns an der Anekdote mit dem Pfälzer Felspolizisten bei echtem Pfälzer «Wei» auch noch köstlich amüsiert. Nicht nur illegal Magnesia verwendet, sondern auch auf einem illegalen Zeltplatz übernachtet. So wie einst die echten Räuber in diesem Land, die man dann auch auf echte Himmelsleitern geschickt hat, nämlich auf Schafott.

Peaks of the Balkans

Noch sind die Grenzen offen, aber wer weiss. Vor wenigen Jahren herrschte auf dem Balkan noch Krieg, vor Monaten wurden Stacheldrahtzäune hochgezogen. Zeit also, den Frieden zu nutzen für eine Wanderung durch eine noch fast unberührte Landschaft.

8. Juni 2017

„Bis heute ganz klar die schönste Etappe: von der Szenerie, den Wegen, der Abwechslung, dem Wetter und der Geschichte. Diese Kalkzinnen links und rechts im: Engelhörner und Dru gleichzeitig, vielleicht noch unbestiegen. Das Ropojana-Tal: jahrzehntelang Sperrgebiet zwischen Albanien und Jugoslawien. Unten der umgestürzte Grenzstein, oben die kaputten Bunker von Enver Hoxha. Ohne diese Überreste würde man den Grenzübertritt von Montenegro ins Nachbarland gar nicht merken. Oder doch? In Albanien sind die Wegmarkierungen wie in der Schweiz, weiss-rot-weiss.“

Das notierte ich am 8. Juni 2016 in mein Tourenbuch. Auf der vierten Etappe unserer achttägigen Wanderung auf dem Peaks of the Balkans Trail kamen wir aus dem Ropojana Valley über den Pejës-Pass (1707 m) nach Thethi im Shala-Valley, ins Herz des Prokletije-Gebirges. Seit 2012 führt der insgesamt 192 Kilometer lange Weitwanderweg durch die drei Länder Kosovo, Montenegro und Albanien. Er wurde geschaffen, um Grenzen zu überwinden, den Tourismus zu fördern – und um Bergbewunderern die Augen für andere europäische Gebirge und Gesellschaften zu öffnen.

Die Mischung von nah und fern, bekannt und unbekannt ist, in einmalig und überwältigend zugleich. Waren unsere Alpen auch so, bevor sie vom Tourismus fast ganz in Beschlag genommen wurden? Diese ursprüngliche Schönheit nachhaltig nutzen, das ist das Ziel des Balkan-Peace-Park-Projekts. Der Wandertourismus soll den Einheimischen in den abgelegenen Tälern der drei Länder nach dem Kosovokrieg von 1998/99 neue Perspektiven aufzeigen – und uns Fussreisenden neue Erlebnisse in einer beinahe unberührten Natur ermöglichen. Ein natur- und sozialverträglicher Tourismus soll es sein. Einer, der auf lokalen Ressourcen aufbaut. Einer, der die einst vorhandenen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Regionen wieder in Gang setzt.

Wer möchte da nicht mitmachen? Täglich vier bis acht Stunden auf alten Wegen durch eine überraschend grossartige Natur und Kultur gehen, in Dörfern und Hütten übernachten, Slow Food der etwas andern Art geniessen. Als Währung auf dem ganzen Trekking dient der Euro, auch in Albanien, obwohl nicht zur Eurozone gehörend. Und sich verständigen tut man sich meistens in Englisch. Nur unser Bergführer und Wanderleiter, der 33jährige Enis Shehu aus Albaniens Hauptstadt Tirana, wo er in einer Boulderhalle arbeitet, bevorzugt als zweite Sprache das Italienische, weil er es von klein auf mit italienischen TV-Programmen gelernt hat. Muttersprache Albanisch hat auch unser zweiter Begleiter, Rhahim Tërnava, 39 Jahre alt, Chef des Tour-Operators Traveks aus Kosovos Hauptstadt Priština. Wie er im Juni 2016 alles organisierte, da ein Lastpferd, um unsere Rücken zu entlasten, dort ein Minibus, um uns abzuholen oder in ein besonderes Restaurant zu fahren – schlicht grandios. Und weil er am ersten Abend in Priština gemerkt hatte, dass die Schweizer Wanderer auch gern mal ein Glas Wein oder zwei trinken, trug er extra gekaufte Flaschen über den ersten Gipfel, den Hajla (2403 m).

Ein Prost also nicht nur auf diesen Gipfel und auf unsere Begleiter auf dem Peaks of the Balkans Trail, sondern auch auf den neuen, sehr gut gemachten Führer zu diesem Dreiländerrundeweg, der mit einer Fülle höchst nützlicher Infos auch abseits der Trails aufwartet.

Max Bosse, Kathrin Steinweg: Peaks of the Balkans. Albanien, Kosovo und Montenegro. Dreiländerrundweg und Tageswanderungen. Rother Wanderführer 2016, € 14.90.

www.peaksofthebalkans.com www.balkanspeacepark.org
www.traveks.com/tours/peaks-of-balkan

Die unterirdische Schweiz

Die Schweiz ist doch grösser als man meint! Fast 4000 Kilometer Stollen durchlöchern unsern Grund und Boden und das Gebirge. Platz für Forschungslabors, Atombunker, Hotels und noch viel mehr. Dass wir von Höhlenbewohnern abstammen, wussten wir. Die besprochene Literatur zeigt: wir sind es noch immer.

31. Mai 2017

„Alle theoretisch begehbaren unterirdischen, künstliche angelegten Tunnels, Kavernen, Schutzräume, Spitäler, Bahnhöfe, Einkaufszentren, Bunker und Stollen in der Schweiz ergäben heute aneinandergereiht eine Röhre von Zürich bis Teheran, 3750 Kilometer lang. Das ist weltrekordverdächtig, in der Relation zur Landesfläche unerreicht.“

Schreibt Jost Auf der Maur, der seit Jahren „Die Schweiz unter Tag“ erforscht und sie nun unter diesem Buchtitel ans Tageslicht hervorgeholt hat. Vom Urnerloch über die befahrenen und nie benutzen Eisenbahntunnels mit ihren Dörfern bis zu den Bundesratsbunkern und dem (untauglichen) Atomschutzbunker in der Autobahnröhre: Die Schweiz als Emmentaler ist viel löchriger als angenommen. Dieses hochspannende und tiefschürfende Buch erhellt die meist unbekannte unterirdische Schweiz. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus, und der Schnauf geht einem in der feuchten Kellerluft schier aus. Nochmals ein Zitat zur Schweiz, die seit Jahrhunderten ihr angestammtes Territorium meist in den Bergen, aber auch im Mittelland unter der Oberfläche vergrössert: „Das gesamte herausgebrochene Material würde einen Güterzug von mehr als 10000 Kilometern Länge füllen. Wäre der Zug mit 60 km/h unterwegs, bliebe die Barriere eines Bahnübergangs sieben Tage lang geschlossen.“

Die künstlich gebaute unterirdische Schweiz ist vielerorts überraschend gut zugänglich – der Autor gibt 18 Tipps für Ausflüge in die helvetische Unterwelt, von Zürich bis Biasca, von Genf bis Sargans. Taschenlampe nicht vergessen, und ein Helm ist vielleicht auch ganz nützlich.

Das gilt sicher ebenfalls für diejenigen, die auf eigene Faust Wege im schweizerischen Untergrund erkunden möchten. Zum Beispiel in alten Bergwerken. Doch aufgepasst auf morsche Balken und Böden! Sicherer ist es, wenn man an einer Exkursion der Schweizerischen Gesellschaft für historische Bergbauforschung teilnimmt. Die SGHB gibt aber auch die Zeitschrift „Minaria Helvetica“ heraus, die sich mit fundierten Beiträgen Themen und Regionen widmet. Heft 37 stellt den „Erzbergbau im Gental“ vor. Bereits um 1350 wurde an der steilen Bergflanke der Planplatte im Gental Eisenerz gewonnen und über den Erzweg in den Talboden nach Bürglen bei Meiringen transportiert, wo die erste Schmelzhütte im Oberhasli stand. Tempi passati. Doch die Löcher im Berg sind noch vorhanden. Aufsuchen kann man sie auch. Aber vor dem Hineinkriechen bitte zur heiligen Barbara beten!

Jost Auf der Maur: Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise. Echtzeit Verlag, Basel 2017, Fr. 32.-, www.echtzeit.ch

Minaria Helvetica, Heft 37/2016: Erzbergbau im Gental. Schweizerische Gesellschaft für historische Bergbauforschung, Fr. 25.-, www.sghb.ch

Karin Steinbach Tarnutzer (Text), Robert Bösch (Fotos): Schauplatz Schweiz – Hightech aus dem Berginnern. Eine Reportage aus dem ehemaligen Bergwerk Sargans. Geo, Juni 2017.

Lesung und Gespräch mit Jost Auf der Maur zu „Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise“ am Donnerstag, 8. Juni 2017, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.

Belchenflue

Jura, warum nicht mal? Wandern ist angesagt, schönes Wetter auch, fast zu heiss eigentlich. Und literarische Spuren gibt’s auch noch.

28. Mai 2017

Der Kaffee im Avec am Bahnhof in Sissach ist, na ja…, wir haben ihn getrunken. Das Maisbrötli «frisch von gestern» gegessen. Den Weg zum Aufstieg auf den Zunzgerberg gefunden. Im Wald ist’s kühl, lauschig. Später dann dehnen sich auf der Höhe Getreidefelder, Kirschplantagen, sogar mit Früchten, also offenbar vom grossen Frost verschont. Bei einem Bauernhof kaufen wir ein Gläschen Jurahonig, werfen die Münzen ins Kässeli. Der Wanderführer, in dem wir die Route gefunden haben, warnt vor ein paar Hundert Metern Asphalt, eine «Durststrecke» – die asphaltierten Zufahrten zu den Höfen verschweigt er. Wir wandern dann halt manchmal im Gras neben der Strasse, ein scheues Pferd weicht uns aus. Und dann kommt auch wieder Wald, Schatten. Schliesslich entscheiden wir uns für das Bergrestaurant Oberbölchen, lassen den Gratweg rechts liegen, da der Durst inzwischen recht plagt und der Proviantmeister den Kalorienbedarf für 20 Kilometer Strecke und 1000 Meter Aufstieg irgendwie falsch berechnet hat. Dass das Haus am Berg aber auch Rastplatz für Töfffahrer und motorisierte Rentner und Familien ist, haben wir im Führerbuch und auf der Landkarte nicht so genau mitbekommen. Immerhin, der Kellner ist freundlich, der Nussgipfel klein aber nicht unfein. Also weiter, steil hoch, im Sound der kurvigen Passstrasse.

Die Belchenflue, wir wissen es, war der erste Gipfel des berühmten Bergsteigers und Kommunisten Lorenz Saladin, der uns zeitweise doch ziemlich beschäftigt hat. Wir wandern also auf seinen Spuren. Ausführlich schildert seine Biografin Annemarie Schwarzenbach, wie Lenz als kleiner Bub mit seinem älteren Bruder Sepp aufbrach, um die «Böchefuä» zu besteigen. Hunger litten sie und Durst nach dem langen Marsch durchs Waldenburgertal hinauf. Das Angebot eines Bauern, sie könnten bei ihm übernachten und Milch bekommen, lehnten sie ab, marschierten unentwegt weiter. Annemarie Schwarzenbach schreibt:

«Es war stockfinster, als sie schliesslich auf dem Gipfel ihres grossen Berges anlangten. Lenz klagte ein bisschen, er war durstig und hungrig, die Nacht kalt und einsam. Den beiden todmüden Buben sank der Mut. Dem Älteren, selber den Tränen nahe, fiel ein, zu sagen: ‹Aber du darfst nicht heulen, Lenz›, und der Kleine antwortete verständig: ‹Nein, sonst sagt der Bauer wieder, wir seien Knöpfe!› Dann legten sie sich auf dem Waldboden nieder, Sepp nahm den jüngeren Bruder in den Arm, sie deckten sich mit dem Kittel zu, und als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Lenz stellte es sofort fest: ‹Jetzt ist die Sonne früher als wir aufgestanden!› Einen Augenblick schien es ihnen, sie seien um den eigentlichen Sieg und Höhepunkt des grossen Abenteuers betrogen. Aber sie standen auf dem Gipfel, unter ihnen verzog sich der Nebel, weithin konnten sie Täler, Felder, Wiesen, Dörfer und einen Flusslauf überschauen, die Sonne wärmte ihre steifen Glieder – und sie hatten den grossen Berg bestiegen! Später meldete sich der Hunger; ein bisschen besorgt, aber noch lange nicht entmutigt, machten sie sich auf den Heimweg.»

Die Belchenflue war Lenz Saladins erster «grosser Berg», viele weiter folgten bis zum letzten, dem Khan Tengri, nach dessen Besteigung er an Erfrierungen starb und 1936 am Fuss des Iniltschek-Gletschers sein Grab fand, das lange Jahre verschollen blieb.

So denken ich also auf der felsigen Spitze dieser Fluh an den vor 81 Jahren Verstorbenen, für und über den ich zwei Bücher herausgegeben habe: Die Neuauflage der Biografie von Schwarzenbach und ein Fotobuch mit Texten und Recherchen, zusammen mit Robert Steiner. Ein feiner Wind weht auf dem Gipfel, die Schweizerfahne flattert. Auf dem Alpenzeiger orten wir weit im Osten im Dunst den Säntis und stellen uns vor, Tausende von Kilometern weiter in jener Richtung rage der Siebentausender Khan Tengri in den blauen Himmel Kirgistans und neben ihm eine Schneekuppe, die den Namen Pik Saladin trägt.

Der Abstieg durchs heisse Dürsteltal hinab nach Langenbruck dehnt sich qualvoll. Wir meiden den Wanderweg an der prallen Sonne, wandern lieber auf der Asphaltstrasse, die zum Teil im Schatten liegt. Langenbruck macht uns dann einen eher zwiespältigen Eindruck, etwas heruntergekommene Häuser an der Hauptstrasse, ein seltsames Militärmuseum, eine staubige Baustelle. Wir sitzen in einem kleinen Park, holen im Coop eine Flasche Schorle, pflegen unsere wunden Füsse.

Neue Bergkrimis

Bergsteigen ist gefährlich, wir wissen es. Aber dass wir im Gebirg auf Schritt und Tritt von Mördern bedroht, von Terroristen verfolgt, vergiftet oder in Abgründe gestossen werden, ist doch eher ein neueres Phänomen. Alles nur Fiktion? Vielleicht. Aber wir wissen auch, dass die Wirklichkeit bekanntlich die Fiktion überholt. Der Hillary-Step am Everest ist sicher nicht wegen dem Klimawandel oder einem Erdbeben abgebrochen. Da waren Terroristen am Werk!

23. Mai 2017

„Der Felsen hatte einen leichten Überhang nach vorn, es war nicht möglich, ihn von dieser Seite zu besteigen, wenigstens nicht ohne Kletterzeug. Jennerwein trat näher und strich mit der Hand über einige spitz herausstechende Kalksteine. Er ging um den Koloss herum, dort sah er, dass er zwar nicht gerade bequem, aber doch ohne Seil und Haken hinaufklettern konnte. Der Felsen bot oben einen bequemen, ebenen Standplatz, von dem aus man einen guten Blick auf die Lichtung hatte. Ein perfekter Platz.“ (Seite 238)

Wozu?  Nur um einen guten Blick zu haben? Oder doch für mehr? Um gut schiessen zu können? Vielleicht! Jedenfalls geht es um mehr als ums blosse Hinaufkraxeln. Wobei das durchaus eine für die Geschichte entscheidende Tätigkeit ist. Das Hinunterfallen übrigens ebenfalls – wobei dies dann öfters nicht ganz freiwillig geschieht. Wie und wo auch immer: Felsen und Lichtung bei der Schroffenschneide unweit des Eibsees südwestlich von Garmisch-Partenkirchen sind sozusagen der Angelpunkt im neunten Alpenkrimi von Jörg Maurer, der Ende April 2017 erschienen ist. Genau dort passiert das Hauptverbrechen, dort werden die wichtigsten Funde gemacht, dort wachsen die süssesten Erdbeeren. Doch letztere waren nur zum Essen da.

„Im Grab schaust du nach oben“ ist Maurers jüngster Streich um Kommissar Jennerwein und seine Crew. Ein schöner, passender Titel wie derjenige, der vor Jahresfrist erschien: „Schwindelfrei ist nur der Tod“. Dreizehn (!) Bergkrimis haben sich in diesem Jahr bei mir angesammelt, ein 35 Zentimeter hoher, knapp 4500 Seiten dicker und gut 5 Kilo schwerer Stapel, dem es immer schwindliger wurde. Höchste Zeit also, diesen Berg abzutragen.

Machen wir eine Bergkrimireise, vom Bernbiet via Eibsee und Südtirol bis Apennin und Pyrenäen. In Tony Drehers „Gletschertod“ finden Christian und Daniela auf dem Gauligletscher in den östlichen Berner Alpen eine Leiche, die der Gletscher freigegeben hat. Ein bisher unbekanntes Opfer des Absturzes der amerikanischen Dakota im November 1946? Journalist Mike Honegger beginnt zu recherchieren – und könnte plötzlich selbst ein Opfer werden. Nicht unbedingt in den Bergen, sterben ist ja auch im Flachland möglich. Eine spannende fiktive Fortsetzung des realen Crash des Flugzeuges, dessen Trümmer mit der Zeit und dem Gletscherrückgang Stück für Stück zum Vorschein kommen. Aber aufgepasst: „Klettern war nicht ungefährlich.“ (S. 37)

Skifahren auch nicht. Tom Winter, Sicherheitschef einer Bank und Hauptheld in Peter Becks „Korrosion“, überlebt den Abgang eines Schneebrettes im Skigebiet Riederalp nur knapp. So beginnt der Thriller, mit dem Sturz in eine Gletscherspalte am Titlis endet er. Dazwischen spielen die Berge keine Rolle, ausser in ein paar Szenen bei bröckeligen Vulkanen auf den Azoren und in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan. Kein Buch für zarte Wanderer und Seelen. Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Tom und Kerstin: „Ihre Groβmutter wollte, dass ihre Asche auf dem Titlis verstreut wird.“ – „Scheiβe.“ – „Keine Angst, es hat eine Seilbahn.“ – „Der Berg macht mir nichts aus.“ (S. 127)

Dem fünffachen Sieger des Ski-Gesamt-Weltcups, Marc Girardelli, auch nicht. Seiner Co-Autorin im Skikrimi „Abfahrt in den Tod“ wahrscheinlich schon eher, jedenfalls wenn sie am Start des Lauberhorn- oder des Hahnenkamm-Abfahrtlaufes stünde. Dort werden Anschläge auf den Wengener Skirennläufer Marc Gassmann verübt, die Ex-Freundin und Polizistin Andrea Brunner soll ihn beschützen. Hansi Hinterseer, Ex-Slalomkünstler und Immer-noch-Schlagersänger, gratuliert im Grusswort mit „Hub ab, Marc“ zum „wirklich gelungenen Werk“. Ich muss gestehen, dass ich die Rennen lieber im TV sehe als im Buch lese. Auch wenn Karl Erb, Bernhard Russi und Matthias Hüppi kaum solche Kommentare abschossen: „Wie eine Kanonenkugel – geballte neunzig Kilogramm Lebendgewicht – flog er nun zum Österreicher-Loch vor.“ (S. 16)

Soweit fliegen wir (noch) nicht. Zwischenlandung in den Allgäuer Alpen, am Himmelhorn mit seinem berühmt-berüchtigten Rädlergrat. Landen kann man am senkrechten Grasgrat natürlich nicht, oder dann nur ganz unten, nach dem Fall. Genau dort liegen drei tote Alpinisten – um Gottes Willen, warum stürzten sie ab? Unfall? Anschlag? In „Himmelhorn“ (2016), dem zehnten Kluftiger-Fall der Kultkrimi-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr, steht das Bergsteigen im Mittelpunkt des Geschehens. Nicht zufällig heisst ein Hund, der gerne Landjäger frisst, Messner. Nicht zufällig zieren Pickel und Seil das Cover. Der Showdown findet am Himmelhorn statt, obwohl Klufti von diesem Gipfel gar nicht begeistert ist: „Ich kann das eh nicht nachvollziehen, dass es immer noch genügend Deppen gibt, die auf derart steilen Bergen rumkraxeln. Das ist anstrengend, saugefährlich, und wenn du oben bist, musst du den gleichen Weg auch noch zurück. Und das Schlimmste: An so einem Gipfel kannst du noch nicht mal einkehren. Dabei gibt es so schöne Bergbahnen bei uns im Allgäu, mit Restaurants und befestigten Wegen und einem Parkplatz direkt an der Talstation.“ (S. 71)

Das ist es! Exakt in einem solchen Gasthaus bei der Seilbahnbergstation in den Berchtesgadener Alpen sind „Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall“ von Miroslav Nemec untergebracht. Bekannt als Kommissar Ivo Batic aus dem Münchner „Tatort“ schildert der Autor in seinem ersten Krimi ein buchstäblich mörderisches Wochenende und spielt so den klassischen Fall um Realität und Fiktion elegant durch – hoch oben auf dem Berg, von dem niemand runter kommt, weil die Seilbahn streikt. Und als sie am Schluss endlich wieder fährt, sagt die Lilli: „Der Berg ruft.“ (S. 236)

 

Und das Allgäu ruft uns zurück, bigotsch noamol! Dabei ruft es laut zurück, mit „Das stille Gift“ von Nicola Förg. Ein unappetitliches Voralpenleben, darin die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl diesmal wühlen müssen. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Bauern Schwaiger: Sein behinderter Sohn kommt ums Leben, die Kühe verenden an einer rätselhaften Krankheit, eine nach der andern. Ist der Abwasserkanal schuld, oder nicht eher doch die Agrarmafia? Mächtige Gegner für das Ermittlungsduo. Ein Alpenkrimi, der unter die Haut geht. Und zu Beginn geht der Dreck auf die Haut, beim Touristenpaar, das das „Bschütte“ aus nächster Nähe erlebt: „Das war ein tätlicher Angriff. Ich hätte tot sein können.“ – „Ja, an dem Gestank, den du ausdünstet, kann man tatsächlich sterben.“ (S. 17)

Bleiben wir trotzdem. Allerdings nicht im Allgäu, sondern etwas weiter östlich im Werdenfelser Land, mit dem Zentrum Garmisch-Partenkirchen. Dort also, wo Jörg Maurers unbedingt zu lesenden Alpenkrimis um Kommissar Jennerwein Crew spielen. Im achten Band mit dem bergliterarisch abgrundtiefen Titel „Schwindelfrei ist nur der Tod“ hält dieser nicht nur am Fels Ernte, sondern auch in einem Heissluftballon. Mehr noch: Wegen eines familiären Geheimnisses droht Jennerweins Existenz wie ein Ballon zu platzen. Auch anderen Figuren droht(e) Unheil: „Ich – oder Professor Held. Einer von beiden sollte den Lehrstuhl bekommen. Die ganze Abteilung machte eine Wanderung. Eine Bergwanderung. Ich habe ihn gestoβen. Aber mehr aus Scherz. Es war ein Unfall.“ (S. 363)

Unfall oder Verbrechen? Könnte beides auf der Wanderung durch die Bletterbachschlucht passieren. Der Grand Canyon Südtirols entstand vor rund 15‘000 Jahren, ist 8 Kilometer lang, 400 Meter tief. Und Schauplatz eines abscheulichen Verbrechens. In „Der Tod so kalt“ von Luca D’Andrea kommen drei junge Einheimische 1985 von der Wanderung durch die Schlucht nicht zurück – schliesslich findet ein Suchtrupp ihre Leichen. Den Täter vermutet man im Bekanntenkreis, doch das Dorf hüllt sich in kaltes Schweigen. Dreissig Jahre später beginnt der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, der seiner Frau in ihre Heimat gefolgt ist, unangenehme Fragen zu stellen: den Leuten im Dorf – und uns Lesern. Schon bald wird er seine Neugier bereuen. Ein Atem und Schlaf raubender Thriller. Nur: „Die Berge kümmern sich nicht um dich.“ (S. 87)

Tun sie auch nicht anderswo. Den Lärchen von St. Gertraud im Ultental im Südtirol dürfte es egal sein, dass eines Morgens an ihrem Fuss die Leiche eines Mädchens gefunden wird. Nicht so dem einheimischen Commissario Grauner und seinem neapolitanischen Amtskollegen Saltapeppe: In ihrem zweiten Fall nach „Der Tote am Gletscher“ (bergliteratur.ch berichtete darüber) haben sie es in „Die Stille der Lärchen“ wieder mit schweigsamen Dorfbewohnern und eher redseligen Zugezogenen und Touristen zu tun. Auch mit den Schriftstücken ehemaliger Gäste, denn im Ultener Mitterbad kurten einst Sisi, Bismarck, Kafka, Thomas Mann und andere Berühmtheiten. Heute ist das Kurbad verfallen. Um in die Ruine zu gelangen, ist Klettergeschick von den Ermittlern gefragt: „Sie lieβen Seil, Gurt und Karabiner am Fuβe des Baumstammes liegen. Silvia Tappeiner kletterte voran, mit wenigen Griffen und Schritten war sie am Fenster angelangt. Grauner kämpfte sich hinterher.“ (S. 276)

Dass das Leben kein Schleck, sondern eher ein Kampf ist: Das weiss Cesare bestens. Er wohnt in einem piemontesischen Tal unweit der Grenze zu Frankreich. Als sein Kollege Fausto, mit dem er Jahrelang Flüchtlinge von Italien über die Berge ins Nachbarsland geschleust hat, ermordet aufgefunden wird, gilt er sofort als Hauptverdächtiger. Was folgt, ist eine altbewährte Krimikonstellation: Der Verdächtige muss auf eigene Faust ermitteln und kommt der Wahrheit plötzlich gefährlich nahe. Aber das ist in Davide Longos preisgekröntem Roman „Der Steingänger“ nur ein Erzählstrang. Andere sind beispielsweise Landschaft und Leben in einer halbverlassenen Alpengegend: „Der Pfad führte weiter bergauf, vorbei an Mauern, die die Leute im Tal hochgezogen hatten, um dem Wald ein Stück Land zu entreiβen. Seit sich keiner mehr um die Terrassen kümmerte, wuchsen darauf wilde Brombeeren und Brennnesseln.“ (S. 17)

Das Leben in den Bergen gleicht eben manchmal einem Überleben. Wer will schon kümmerliche Terrassenflächen beackern? „Trübe Aussichten“! So lautet der deutsche Titel des Krimis von Francesco Guccini und Loriano Macchiavelli. Der italienische scheint nicht viel heller: „La pioggia fa sul serio“ – der Regen meint es erst. Folge des Dauerregens: ein Erdrutsch. Beim Aufräumen wird die Leiche des Geologen Antonelli gefunden: Missgeschick oder tödliche Missgunst? Marco Gherardini von der italienischen Forstpolizei klärt den Fall des Dorfes Case di Sopra im Appennino tosco-emiliano auf. „Der Apennin ist zwar nicht mit den Alpen oder den Rocky Mountains zu vergleichen, doch wie jedes Gebirge fordert er gelegentlich ein Opfer, das Leben eines Menschen, der sich in einer Anwandlung von Stolz oder Leichtsinn stärker als der Berg wähnt.“ (S. 80)

Genau das tut Perez sicher nicht. Der Delikatessenschmuggler und Lebemann Perez ist der ungeübteste Fussgänger der gesamten Côte Vermeille, also jener südfranzösischen Küste, wo die Pyrenäen steil ins Mittelmeer abfallen – oder sich aus diesem empor wuchten, um dann zwischen Frankreich und Spanien wild gezackt dem Atlantik entgegen zu streben. Yann Sola hat um den gehfaulen Privatermittler zwei Krimis verfasst – perfekte Ferienlektüre, zum Beispiel für die Auffahrtstage. Während „Gefährliche Ernte“ nur nach dem Genuss von viel Banjuls als Bergkrimi bezeichnet werden kann, ist „Tödlicher Tramontane“ durchaus bergsportlich angehaucht, so mit dem Chemin Walter Benjamin zum Torre de Querroig. Perez macht den Weg allerdings lieber mit dem Auto, mais bien-sûr! Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen ihm und seiner Mitfahrerin: „Bist du ein Krimineller?“, fragte sie frech. „Wenn man seine Geschäfte in den Bergen macht, dann stimmt doch was nicht. Ich frag ja nur…“ (S. 154)

In alphabetischer Reihenfolge:
Peter Beck: Korrosion. Emons Verlag, Köln 2017, € 12.-
Luca D’Andrea: Der Tod so kalt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, € 15.-
Tony Dreher: Gletschertod. Gmeiner Verlag, Messkrich 2017, € 13.-
Nicola Förg: Das stille Gift. Piper Verlag, München 2016, € 10.-
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Abfahrt in den Tod. Emons Verlag, Köln 2017, € 11.-
Francesco Guccini, Loriano Macchiavelli: Trübe Aussichten. btv-Verlag, München 2016, € 10.-
Volker Klüpfel, Michael Kobr: Himmelhorn. Kluftingers neuer Fall. Droemer Verlag, München 2016, € 20.-
Lenz Koppelstädter: Die Stille der Lärchen. Ein Fall für Commissario Grauner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, € 10.-
Davide Longo: Der Steingänger. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Rheinbeck bei Hamburg 2016, € 10.-
Jörg Maurer: Schwindelfrei ist nur der Tod; Im Grab schaust du nach oben. Fischer Scherz Verlag, Frankfurt aM 2016 bzw. 2017, je € 15.-
Miroslaw Nemec: Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall. Knaus Verlag, München 2016, € 20.-
Yann Sola: Tödlicher Tramontane. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, € 10.-

Literarisches Reisefieber

Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Goethe schaffte es zu Fuss, aber wer sich das nicht antun will, und trotzdem auf literarischen Pfaden wandern, findet gegenwärtig eine schöne Auswahl an Wanderführern für alle Gegenden des Landes. Hier zwei aktuelle Werke mit Routen von dies- und jenseits des Röstigrabens.

16. Mai 2017

„Meine neue Wohnung ist mit einem Balkon versehen, auch schreib ich hier an einem veritablen Schreibtisch, mal was ganz Neues.“

Und wie Robert Walser schrieb an seinen insgesamt 15 Adressen in Bern: über 1600 Prosastücke, Gedichte und dramatische Szenen. In der Länggasse wohnte Walser während seiner Berner Jahre von 1921 bis 1929 nur gerade einmal, nämlich vom Mai bis Oktober 1924 an der Fellenbergstrasse 10 bei der Pauluskirche. In Zukunft werde ich in dieser Strasse immer zum Balkon hinaufschauen.

Literaturstadt Bern: Da sind noch zahlreiche andere Namen zu nennen. Paul Nizon ebenfalls in der Länggasse und etwas weiter weg am Wohlensee, Friedrich Dürrenmatt im Obstbergquartier, Verena Stefan beim Bärengraben, Mani Matter auf der Bundesterrasse, Elio Pellin am Gäbelbach, Peter Bichsel „Im Hafen von Bern im Frühling“, Franz Hohler am „Rand von Ostermundigen“. Druckfrisch erschien „Aaregeflüster“ von Desirée Scheidegger. Ebenfalls streckenweise an den Aare spielend und kaum aus dem Druck gekommen: der Wander- und Veloführer „Literarisches Reisefieber“ von Ursula Kohler. Darin wenden wir uns, in Worb startend, der Aare zu und suchen zuletzt den Meret-Oppenheim-Brunnen in der Berner Innenstadt auf. Meret Oppenheim war nämlich nicht nur eine bildende Künstlerin, sondern auch eine Dichterin.

Die Sprachwelt von Oppenheim auf der Wanderung von Worb nach Bern: Eine der zwanzig Touren, auf die uns Ursula Kohler in die ganze Schweiz mitnimmt, mit viel literarischem Hintergrund und allen touristischen Informationen. Vom Aroser Weisshorn des „Sportdichters“ Hans Roelli bis ins Zürich der Heidi-Erfinderin Johanna Spyri. Mit Max Frisch durchs Erlenbacher Tobel, mit Laure Wyss durch die Twannbachschlucht und mit Lisa Wenger durch die Gorges du Pichoux. Otto Frei begegnen wir am Bodensee, Henri-Frédéric Amiel am Genfer See.

Apropos Genf: Ebenfalls frisch ab Presse ein anderes literarisches Wanderbuch, wobei hier der Fokus mehr auf dem Wort und weniger auf der konkrete Route liegt – „Regards croisés sur Genève. Promenade littéraire“. 21 zeitgenössische Autoren und Autorinnen mit Genfer Wurzeln oder Bezug beschreiben in komischen, tragischen, träumerischen und ganz alltäglichen Geschichten einen Teil ihrer Stadt. So Daniel de Roulet über „Rousseau et le grand magasin“ oder Alain Bagnoud über „La rue des bars“. Im Vorwort bringt Darius Rochebin den ersten Literaten auf den Plan, der Genf in einem seinen Werke einen wichtigen Platz einräumte: Julius Cäsar mit „De bello Gallico“. Darin findet sich der Ausdruck „maximis itineribus“, was so viel heisst wie „in möglichst grossen Märschen“ oder „in Eilmärschen“. Eine Tätigkeit, die Robert Walser alles andere als fremd war. Marschieren, wandern, spazieren, gehen. In der 1917 erschienenen Erzählung „Der Spaziergang“ schrieb er:

„Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“

Ursula Kohler: Literarisches Reisefieber. Kreuz und quer durch die Schweiz – zu Fuss und mit dem Velo. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80, www.as-verlag.ch

Regards croisés sur genève. Promenade littéraire. Illustrations et couverture de Pierre Wazem. Préface de Darius Rochebin. Éditions Slatkine, Genève 2017, Fr. 25.- www.slatkine.com

Die Buchvernissage von „Literarisches Reisefieber“ findet statt am Freitag, 9. Juni 2017, um 18 Uhr im Travel Book Shop am Rindermarkt 20 in 8001 Zürich. Anmeldung an info@as-verlag.ch.

Vom 18. bis 21. Mai 2017 in Bern: «Spazieren muss ich unbedingt». Robert Walser und die Kultur des Gehens. Veranstalter dieser internationalen Tagung sind die Pädagogische Hochschule Bern und das Zentrum Paul Klee. Am Donnerstag Nachmittag, Freitag und Samstag hochspannende Vorträge, so zum Beispiel zu „Walsers Tempi und Gangarten im Zeitalter der Beschleunigung“; am Sonntag Morgen dann eine Stadtwanderung vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee. www.robertwalser.ch

Und noch ein literarisch-touristischer Hinweis: www.literatur-karten.ch ermöglicht Streifzüge durch das Land der Dichtung. Die Literaturlandkarten der Schweiz führen von Achim von Arnim über Robert Walser und Emil Zopfi bis Stefan Zweig.

Der Traum von Heilung

Dieses Buch ist 60 Jahre zu spät erschienen. Denn auch der Vater des Webmasters träumte damals von Heilung von der Tuberkulose durch einen Jahresaufenthalt in einer Höhenklinik. Doch der «Mythos der Höhenkur» war nur Marketing, erfahren wir nun. Vielleicht war auch Thomas Manns Roman «Zauberberg» gesponsert von cleveren Davoser Gesundheitstouristikern.

11. Mai 2017

„Früher hätten im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt. Da habe ‚unser Humorist‘ mit unbestechlichem Scharfblick erkannt, daβ dieser Miβstand nichts als die Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daβ, wenigstens soweit sein Institut in Frage komme, die sommerliche Kur nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die Leute zu bringen gewuβt, habe populäre Artikel darüber verfaβt und sie in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie im Winter. ‚Genie!‘ sagte Settembrini. ‚In-tu-i-tion!‘ sagte er. Und dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte auf beiβende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber.“

Wir lassen Settembrini noch ein bisschen weiterhecheln über die Heilanstalten von Davos. Über das Sanatorium „Berghof“, das den fiktiven Hauptschauplatz im Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann bildet. Allerdings hielt sich der Autor durchaus an bestehende Kliniken. So diente das 1909/11 erbaute Waldsanatorium als eine der Vorlagen für die inneren Räumlichkeiten des „Berghofs“. Hier war Manns Frau Katia 1912 ein halbes Jahr zur Kur; Thomas besucht sie vom 15. Mai bis zum 12. Juni, und fast wäre er – wie sein Romanheld Hans Castorp – länger geblieben, als Professor Friedrich Jessen einen kranken Punkt in der Lunge feststellte. Doch auf Anraten seines Hausarztes kehrte Mann ins Flachland zurück und begann an der „Davoser Novelle“ zu arbeiten. Aber die Erzählung  wuchs sich zum Roman aus, den Mann – mit dem Unterbruch des Weltkrieges – im September 1924 beendete. Zwei Monate später erschien „Der Zauberberg“.

Thomas Mann entzog sich also dem „Mythos der Höhenkur“. Der Ausdruck findet sich in der ersten Zeile eines neuen Buches, das sich, so der Untertitel, mit der „Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose“ befasst. Christian Schürer nimmt darin den von Settembrini bzw. Mann geäusserten Gedanken auf, „dass Davos und später andere Orte in den Schweizer Alpen – anders als in der Fachliteratur häufig beschrieben – nicht wegen eines der Natur innewohnenden Heilfaktors zu berühmten Luftkurorten wurden, sondern weil sie sich clever als Orte der Gesundheit vermarkteten.“ Schürer beweist anhand eines hohen Berges von ausgewertetem Material, dass die Tuberkulose, noch vor 100 Jahren die häufigste krankheitsbedingte Todesursache, nicht zwingend in der Höhe und in der schweizerischen Alpenluft hätte kuriert werden müssen (wenn eine Heilung überhaupt möglich war). Aber diejenigen Kliniken und Ärzte und Tourismusverantwortlichen, die ein finanzielles und soziales Interesse an ganzjährig verweilenden Kurenden und Patienten hatten, sahen das natürlich ganz anders. Durch die Behandlung der Lungentuberkulose wurden verarmte Bergtäler – und allen voran das Hochtal von Davos – zu Goldgruben.

Das im Buch abgebildete Plakat, das Otto Morach kurz nach der Veröffentlichung von Manns „Der Zauberberg“ im Auftrag des Verkehrsvereins Davos schuf, sagt es in grünen und roten Grossbuchstaben: „DER WEG ZUR KRAFT u. GESUNDHEIT FÜHRT ÜBER DAVOS.“

Christian Schürer: Der Traum von Heilung. Eine Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2017, Fr. 59.- www.hierundjetzt.ch

Dienstag, 23. Mai 2017, 20 Uhr im Medizinmuseum Davos, Promenade 43, 7270 Davos Platz. Der Traum von Heilung: Barbara Gassler (Davoser Zeitung) im Gespräch mit Autor Christian Schürer und Peter Flury, Präsident Stiftung Medizinmuseum Davos.

Dictionnaire amoureux de la Montagne

Die Franzosen lieben Wörterbücher. Die 35 Bände der «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers» erschienen von 1751 bis 1780 mit mehr als 70‘000 Artikeln. 219 Einträge umfasst Frédéric Thiriez’ «Dictionnaire amoureux de la Montagne», vom Duc des Abruzzes bis zu Léon Zwingelstein. Aus der Schweiz wurden ein Tourismusort, drei Gipfel und sieben Persönlichkeiten eingebunden, darunter auch der am 30. April 2017 verunglückte Ueli Steck.

7. Mai 2017

«Le problème des passions absolues, c’est qu’elles sont impossibles à vivre. Zwing, comme beaucoup, en est mort.»

Die Schlusszeilen beim 219. und letzten Stichwort eines 1006-seitigen Wörterbuches zum Berg – ein hartes Fazit. Hier fiel der absoluten (Berg)leidenschaft der Franzose Léon Zwingelstein zum Opfer, der zweimal alleine auf Ski die Alpen durchquerte und der am 13. Juli 1934 zusammen mit seinem Gefährten beim Abstieg vom Olan (3564 m) im Massif des Écrins vom Blitz erschlagen wurde.

Frédéric Thiriez, Jahrgang 1952, hat für die renommierte Reihe „Dictionnaire amoureux“ der Éditions Plon den Band über die Berge und den Alpinismus verfasst. Über 100 Bände umfasst die Kollektion; kürzlich erschien der Band zur Schweiz, und im Mai soll derjenige zum Leben herauskommen. Thiriez, von Hause aus Rechtsanwalt, hat zwei grosse Passionen: Fussball und Alpinismus. Von 2013 bis 2016 war er Präsident der Association des Ligues européennes de football, 1984 nahm er an der von Pierre Mazeaud geleiteten Expedition zum Hidden Peak teil.

219 Einträge umfasst der „Dictionnaire amoureux de la Montagne“, vom Duc des Abruzzes bis eben zu Léon Zwingelstein; dazu zahlreiche Anmerkungen, eine Bibliographie amoureuse sowie eine Inhaltsübersicht; was fehlt, ist ein Register zu allen im Werk erwähnten Personen, Gipfeln, Gebirgen etc. Spannende Einträge sind zu lesen, so – un peu à la française – zum Opinel-Messer, zu den Sentiers de Grande Randonnée, zu Mer et Montagne, wo Thiriez den Schriftsteller Victor Hugo zitiert, der von den Wellen als den Bergen des Ozeans und von den Bergen als den Wellen der Erde sprach. 17 Gipfel erhielten die Ehre eines eigenen Eintrages, darunter aus der Schweiz, nicht ganz überraschend, Eiger, Matterhorn und Jungfrau. Nur drei Tourismusorte der Alpen sind berücksichtigt: Chamonix und Zermatt selbstverständlich, und die Retortenskistation Les Arcs.

89 Personen sind ausführlich beschrieben, davon nur 6 Frauen; immerhin sind unter dem Stichwort „Femmes“ noch weitere Alpinistinnen zu finden. Gut die Hälfte der näher vorgestellten Personen stammen, auch das nicht wirklich eine Surprise, aus Frankreich. Von der Schweiz sind sieben Namen zu nennen: Vier Schriftsteller, ein Skifahrer und zwei Alpinisten. Albrecht von Haller, Jean-Jacques Rousseau, Rodolphe Töpffer, Charles Ferdinand Ramuz sowie Sylvain Saudan, le skieur de l’impossible. Und die beiden Bergsteiger? Einerseits Horace-Bénédict de Saussure, der berühmte (Alpen)forscher aus Genf, Drittbesteiger des Mont Blanc anno 1787, Wegbereiter des Alpinismus. Und andererseits Ueli Steck, eingebettet zwischen den Stichworten „Solitaire“ und „Stephen, Leslie“. Einen besseren Platz hätte Ueli kaum finden können.

Frédéric Thiriez: Dictionnaire amoureux de la Montagne. Éditions Plon, Paris 2016, € 27.- www.plon.fr

Frühjahrsreise

Eine Frühjahrstour hat viele Gesichter. Um ein Bergeck wechselt manchmal die Jahreszeiten und mit dem Wetter die Landschaft. Frühjahrstouren begegnen einem häufig anders als man sie geplant hat, sie sind stiller und länger. So auch kurz vor Ostern, vor und über meiner Haustür.

3. Mai 2017

Nach dem Sichelchamm verbrachten wir die Nacht bei den Tscherler Ahore, hoch über dem Walensee und fern unter den Sternen. Ich lag dort unter dem Dach einer mächtigen Fichte und lauschte noch in der späten Dämmerung dem Gesang der Vögel. Erst irgendwann in der Dunkelheit merkte ich, dass auch sie verstummt waren. Nach und nach hatte jeder von ihnen einen letzten Träller gepfiffen, sich dann geplustert und den Kopf zwischen die Federn gesteckt, irgendwo auf einem Ast, vielleicht auch über mir, im selben Haus der mächtigen Fichte.

Unser Tag war lang gewesen. Über Casalta waren wir mit schwerem Gepäck, langsam aufgestiegen und später schlendernd über den Chnorrengrat zum Gipfel balanciert. Der Himmel war dabei meist bedeckt und es ging ein Wind, der empfindlich kalt war und am Grat in scharfen Böen blies. Zum Abend hatte es aber aufgeklart und der Walensee lag tief unter uns als Band, in dem sich auch im Schatten noch ein violettes Licht vom Abendhimmel spiegelte.

Die Nacht blieb still und klar bis die Vögel erwachten, die Dunkelheit der Dämmerung wich und wir aufbrachen. Die Birkhähne balzten um uns, mal näher, mal weiter weg und die Sonne überzog die Gipfel im Süden mit ihrem ersten Licht. Der Tag versprach viel. Kurz vor der Grathöhe der Niederi stiegen wir nach links auf die Grasbänder des Tscherler Raupfades, die uns in die Südwände leiteten, in die Welt der Gämsen, Steinböcke und längst verstorbenen Wildheuer.

Das Queren auf dem Raupfad war ein Kurven durch Runsen und um Rippen, stets einige Meter über dem Abbruch der Wand. Das Gras war vom grade erst weggetauten Schnee noch flach gedrückt und mit Erde überronnen und jeder Tritt darauf musste erst gewählt, dann gesetzt und noch vor Belastung entschieden oder verworfen werden. Als wir das wage, steile, noch nicht gewachsene Gras verlassen konnten, stiegen wir über feste, einfache Felsen hinauf und querten dann in einem Bogen weit nach links, um von dort die Wand besser in Augenschein nehmen zu können. Die Sonne war inzwischen zum Lichtspiel geworden. Mal heller, mal dunkler wurde es und mal klarer, mal verschwommener zeichnete sich auch die Wand vor uns ab, Nebel umflogen den Tristencholben.

Am Einstieg war der Fels noch warm von der morgendlichen Sonne, doch mit den Längen wurden die Nebel dichter, die Wand steiler und der Fels kälter. Wind kam auf. Aus der weiten, hohen Wand verschwanden wir in eine kleine Welt, in der es nur uns und steilen Fels gab. An grossen Griffen und Tritten stiegen wir nahe einer stumpfen Kante empor, wie kühne Eindringlinge an einer Festungsmauer, verschnauften auf Simsen und in Fensternischen und waren doch, während das Lichtspiel immer schwächer und das Grau immer dichter wurde, fern von jeglicher Welt.

Am Gipfel war Stille. Wir sassen wie auf einer kleinen Insel aus Steinen und Gras. Das dünne Steiglein, an das ich mich erinnerte, war unter nassem, sehr steilem Schnee verborgen, der unten über die Klippen abbrach. Vom Abseilhaken, an den ich mich ebenfalls erinnerte, war erst nichts zu finden. Auf der Nordseite des Gipfelfelsens gruben wir ihn schliesslich aus dem Schnee, fädelten das Seil hindurch und warfen die Enden in den Nebel hinaus, wie einen Anker in eine trübe See. Zweimaliges Abseilen brachte uns an den Fuss des Gipfelturms und weil uns der feuchte, sehr steile Schnee in der Südschlucht nicht geheuer war, wandten wir uns dem Rücken gegen die Rosenböden zu. Das Weiss, dass nun rundum vollkommen war, wurde manchmal blendend hell, dann wieder matt, als drehe jemand an einem stufenlosen Lichtschalter. Wir folgten den Markierungsstangen eines langsam in sich zusammensinkenden Winterwanderwegs bis zu jener Stelle, wo man nach Norden absteigen kann. Kugeln von etwas hellerem Weiss rollten von unseren Tritten weg durch das mattere Grau und verschwanden. Wir hielten nach rechts und kamen schliesslich in flacheres Gelände, in dem das Vorwärtsstapfen schwerer ging. Im tiefen nassen Schnee, blind und wie durch zähes Wasser schwimmend, mühten wir uns ostwärts, indem wir den Fuss des Hanges durch Ertasten der Neigungen beibehielten. Irgendwann trafen wir auf eine alte Schneeschuhspur, folgten ihr, stiegen auf und traten endlich, wie nach langer Überfahrt, ans Ufer des Schnees, auf den Pass der Niederi. Hier liessen wir uns auf dem trockenen Gras nieder, legten die nassen Garmaschen ab und tranken die letzten Schlucke Wasser.

Die Nebel bildeten eine tiefe Flucht, wenig über unseren Köpfen, als wir den Zickzack des Pfades hinabstiegen, weit hinab. Ab der mächtigen Fichte am Waldrand mit schwerem Gepäck. Jeder Schritt war ein Fallenlassen und ein dumpfes Auffangen, es wurde milder und grüner. Hinab und weiter hinab fielen wir Schritt für Schritt, hinab bis auf den Seeztalboden, der irritierend eben, uns auf einmal nicht mehr weiter fallen liess.

Aus der Nacht waren wir in den sonnigen Morgen gestiegen, über Grasbänder hoch in die Wände hinausgequert, waren von dort in die Stille der Wolkenburgen geklettert und hatten schliesslich durch ein grosses Nichts wieder zurückgefunden in einen milden Frühlingsabend, ins Tal.