Skirentner

Rentner sind eine eigene Spezies, der Begriff erinnert an Rentier und irgendwie haben die beiden Wesen etwas miteinander zu tun. Sie lieben den Schnee, sie sind schnell, es sind Fluchtwesen. Fragt sich, wovor sie flüchten? Gedanken eines Rentners beim Fellen.

20. Januar 2012

bild062Der Parkplatz liegt noch im kalten Schatten, als die Männer ihren geheizten Allradfahrzeugen entsteigen, bärtig und weisshaarig, die Felle sind aufgespannt, das Lawinensuchgerät umgeschnallt. Einschalten, in die Bindung treten, Blick auf die Uhr und dann geht’s los. Noch vor den andern, den jüngern, die auch eben eingefahren sind und natürlich noch die Felle aufkleben müssen und auch sonst herumtrödeln. In Einerkolonne folgt man der Spur, scharf das Tempo gleich zu Beginn, schweigend und verbissen im Zickzack den Hang hinauf. Paul voran wie immer, es ist seine 27ste Skitour diesen Winter und die dritte auf diesen Gipfel, wie alle andern führt er Buch; im Frühling werden es gegen 70 Touren sein, so der Jahresschnitt, in einem Superwinter stand er gar 156 Mal auf den Latten. Er schaut auf die Uhr, heute, mit den andern, gibt’s keine Rekordzeit wie letzte Woche, als er allein nach zwei Stunden, siebzehn Minuten und ein paar Sekunden die Hand ans Gipfelkreuz schlug. Heute ist wenigstens Max nicht dabei, der Bremsklotz. Er müsse im Ferienhäuschen im Tessin was an der Heizung machen, weiss Nobi. Sei ja wohl eine Ausrede, Max merke wohl selber, dass er den andern allmählich zur Last falle. Geht ja auch schon gegen die achtzig. Paul platzierte dann den Witz des Tages: Früher zogen sich die Alten auf einen Berg zurück oder in die Wälder, wenn sie nicht mehr mitkamen. Heute ins Ferienhäuschen im Tessin. Alle lachten, aber eigentlich fanden sie die Bemerkung gar nicht so lustig. Eigentlich ziemlich daneben, typisch Paul eben. Und jetzt, beim Aufstieg, fragt sich der eine oder andere: Und ich? Wann bin ich dran? Und dann beisst er wieder auf die Zähne, denn jetzt tauchen die andern auf, ziemlich dicht schon dran, und Paul legt einen Zacken zu. Die sehen zwar auch schon wie Pensionierte aus, frühpensioniert wohl, dass die unter der Woche losziehen können. Und dann noch mit Frauen dabei. Mein Gott. Früher kamen die Frauen ja auch noch mit auf Tour, aber Alice ist schon länger verstorben, und für die andern war es ja mehr Pflicht. Heute sagen sie, ich bin froh, ist er aus dem Haus, sonst steht er mir nur in der Küche herum. Ja Alice, die hatte noch Charakter. Konnte jassen und in den Hütten war sie immer bei den Letzten, die unter die Decken krochen. Paul hat inzwischen eine neue, eine aus dem fernen Osten. Haushälterin sozusagen. Man spricht nicht darüber, nur als Paul einmal fehlte, meinte Max: Vielleicht kann sie ja Wasserski fahren. Und Nobi nuschelte was von Piz Matratz und so. Na ja. So sind halt die Zeiten. Und die Jungen da hinten drängen, stehen Nobi schon fast auf die Ski, gerade jetzt, wo es noch steiler wird vor der Hütte. Aber zur Seite treten kommt nicht in Frage, überholen links, heisst es ja auch im Verkehr. Der letzte Hang, man riecht schon den Kaffee fertig. Das kämpfen wir noch durch, so wie wir uns durchs Leben gekämpft haben, mit Haken und Ösen. Es ist, als sei einem da hinten das Gerippe auf den Fersen, das mit der Sichel und dem Stundenglas. Als gehe es darum, den letzten Funken Leben zu verteidigen gegen das Unwiederbringliche, das einen doch irgendwann einholt. Wie den Werni letzten Sommer auf dem Weg über den Sardonapass. Das Herz halt. Bei der Hütte lassen wir die andern ziehen, der Kaffee hier gehört zur Tradition. Die zwanzig Minuten werden von der Marschzeit abgezogen, wenn man sie zu Hause einträgt.

Walensee

Winter. Die Seen scheinen durch, als wären sie aus Glas. Zumindest auf den ersten Metern. Wo Himmel aufhört und Wasser beginnt, zeigt sich nur am vereinzelt angewehten Laub, das friedlich Schiffchen fährt. Und am Knick der mittleren Dalbe*.
Au am Walensee, 17. Januar 2012.

* Zugegeben, die Dalbe gehört nicht zu meinem Wortschatz, ich hab sie mit dem Internet gefischt. Obwohl mir der Blick in Seen ausserordentlich gefällt, bin ich weder Seefahrer noch Fischer, kein Kapitän und keine Wasserratte. Mein Verhältnis zu grossen Wasseransammlungen, so faszinierend sie mir auch erscheinen, ist eher vorsichtig. Es sei denn, es handle sich um ein Schneeflockenmeer.

18. Januar 2012

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Frostige Zeiten

Vereinbarte Klettertermine lassen sich ohne triftigen Grund nicht absagen. Das musste ich erfahren, als ich Minusgrade für ein Verschieben angeben wollte. Klettertermine seien Ehrensache, hiess es. Kälte hin oder her.

© Annette Frommherz

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Sein Flehen lässt mich erweichen. Er sei schon über einen Monat nicht mehr in seiner Fallenflue gewesen, sagt er am Telefon. Er, der in der Zwischenzeit eine Expedition auf den höchsten Berg Amerikas, dem Aconcagua, geleitet hat, will sich nicht abschütteln lassen. Ich stelle mir gerne vor, wie er den Hörer zwischen Achsel und Kopf klemmt, auf den Boden kniet und die Hände zum Bitten zusammenlegt. Ich tue, was ich in solchen Situationen sonst nie tue: Ich gebe nach.

Nach der bislang kältesten Nacht in diesem Winter zeigt das Thermometer minus fünf Grad. Zwei Schichten Thermounterwäsche und mehrere Schichten Flies, Faserpelz und Windstopper sollen mich vor dem Erfrieren bewahren. Auf dem Weg Richtung Schwyz warnen die Moderatoren im Radio vor der Kälte; man solle die dicke Jacke nicht vergessen. Danke, zu spät, meine hängt zu Hause im warmen Schrank. Mein Kletterpartner lässt sich nicht abwimmeln, als ich ihn anrufe. Er habe vorgesorgt und zwei dicke Daunenjacken dabei. Und drei dünnere. Als Madame Etoile von einer unstabilen, emotional schwierigen Woche redet, die an unserem Selbstbewusstsein nagen wird, bin ich aufs Äusserste gefasst.

fallenflue-01-2012-81Mit Schneeschuhen gelangen wir an den Rand der Felsen; tief unter uns ruht im Schatten das Muotathal. Wir seilen uns gleichzeitig fünfunddreissig Meter an der Südwand auf das obere Band im Sektor Gülden ab. Die Bise lässt uns die Reissverschlüsse ganz nach oben ziehen. Geschmeidig und lautlos zieht der Falke seine Runden. Wir kennen uns. Schon bald wird er weiter hinten sein Nest bauen, wie jedes Jahr. Die Kletterer werden seine Brutzeit nicht stören; weder wir noch andere. Das ist genauso Ehrensache wie Klettertermine einhalten. Eine Maus huscht schnell in ein Loch im Felsen. Weiss der Teufel, was die hier oben verloren hat.

Wir setzen uns auf das schmale Felsband und ehren diesen Kraftort mit einem Becher Tee. Die Route, die ich klettern wollte, muss ich sein lassen. Oben im Überhang tropfen dicke Eiszapfen, die sich lösen könnten. Viele Varianten für meinen Kletterlevel gibt es in diesem Sektor nicht. Eine 6a+ ist die einzige Alternative, und an dieser werde ich mir die Zähne ausbeissen; auch im Nachstieg. Schon der Einstieg in die Route lässt mich fast verzweifeln. Die Finger der rechten Hand zwängen sich in einen engen Riss, während die linke einen etwas gelungeneren Griff erhält. Für das rechte Bein gibt es einen schwungvollen Auftakt mit einem weiten Tritt, und das linke darf sich ziemlich schnell ein griffiges Absätzchen suchen. Die Sinterstellen im Kalkgestein mehren sich, je weiter ich klettere. Wie feine Nadeln stechen die verhärteten Tropfstellen in meine Fingerbeeren. Mein Kletterpartner genehmigt sich nach meiner kräfteraubenden Kletterpartie ein paar schwerere Routen.fallenflue-01-2012-17

Die Kraft der Sonne lässt bald nach. Unsere Finger sind klamm. Wir blasen zum Rückzug, traversieren über das untere Felsband, indem wir uns am fest montierten Seil mit Karabinern sichern. Ich meide jeden Blick nach unten und konzentriere mich darauf, Fehltritte zu verhindern. Die könnten der Gesundheit schaden.
Mein Selbstbewusstsein ist an diesem Tag – entgegen der Voraussagen – nicht abhanden gekommen, emotional fühle ich mich stabil, der Montag ist gerettet und weder Finger noch Zehen sind erfroren. Madame Etoile hat wohl etwas übertrieben.

Frauen im Aufstieg

Ein neues Buch zur weiblichen Alpingeschichte auf den Fersen von Bergsteigerinnen, Wissenschaftlerinnen, Wirtinnen und Trägerinnen, die in den Bergen ihr Leben, ihre Leidenschaft oder ihren kargen Lohn fanden. Und ein paar männliche Stimmen dazu von vorgestern.

17. Januar 2012

buch-der-woche-0021„Heute hat sich die Frau einen sehr guten Platz in den meisten Sportarten erobert. Manchmal steht ihre Leistung der des Mannes kaum nach.
Beim Alpinismus ist es anders. Wohl gehen viele Frauen und Mädchen in die Berge, doch nie können sie männlichen Bergsteigern ebenbürtig werden. In ganz seltenen Fällen gab und gibt es Alpinistinnen, die an Können männlichen Bergsteigern nahekommen, die auch imstande sind, selbständig schwierige Fahrten auszuführen.
Doch kommen solche Ausnahmen äußerst selten vor. Es liegt eben nicht im Wesen einer Frau, an der Spitze eines Kampfes zu stehen. Aus diesem Grunde wurde oft die Behauptung aufgestellt:
‚Frauen gehören nicht in die Berge.‘
Diese Ansicht ist falsch. Es ist gar nicht die Aufgabe der Frau, zu führen. Das ist Sache des Mannes. Dagegen sind Frauen oft ausgezeichnete, aufopferungsvolle Gefährten.
Das Bergsteigen hat gerade für Frauen einen sehr großen erzieherischen Wert. Die weibliche Psyche ist für Eindrücke oft viel empfänglicher als die des Mannes. Die Großartigkeit der Hochgebirgswelt hat, als Gegensatz zu ihrem oft recht oberflächlichen, eintönigen Alltagsleben, auf Frauen meist einen ausgezeichneten Einfluß. Und auf Bergfahrten hat so manches Mädchen das gelernt, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war: Selbstzucht, Gehorsam und Kameradschaft. Für Flirt und Hofmachen ist in den Bergen kein Platz.“

buch-der-woche-0041Heute? Eher von gestern, ja von vorgestern ist das, was der Wiener Alpinist und Schriftsteller Kurt Maix (1907-1968) von den Frauen am Berg im 1935 veröffentlichten Buch „Der Mensch am Berg. Von der Freude, dem Kampf und der Kameradschaft der Bergsteiger“ schrieb. Im gleichen Jahr gelang Loulou Boulaz und Raymond Lambert die zweite Durchsteigung der Nordwand der Grandes Jorasses, zwei Tage nach der ersten Durchsteigung dieses sogenannt letzten Problems der Alpen. 1933 hatten Micheline Morin, Nea Morin und Alice Damesme als erste Frauenseilschaft die schwierige Meije im Dauphiné traversiert. Und Damesme hatte mit Miriam O’Brien 1929 die erste „männerlose“ Überschreitung des Grépon in den Aiguilles de Chamonix gemacht. Was den französischen Alpinisten und Schriftsteller Etienne Bruhl zu folgender Aussage bewog: „Den Grépon gibt es nicht mehr, freilich sind noch einige Felsen dort, aber als Klettertour existiert er nicht mehr. Nun da er von zwei Frauen allein begangen wurde, kann kein Mann mit Selbstachtung ihn noch besteigen. Schade, denn es war eine schöne Bergtour.“ Kurt Maix hätte voll Mitgefühl zugestimmt.

Wie gesagt: Das war gestern. Heute gibt es das Buch „Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte“ von Ingrid Runggaldier aus Bozen, Publizistin, Filmerin, Übersetzerin und Kulturreferentin des Alpenvereins Südtirol. Sie hat sich nicht bloss an die Fersen von Bergsteigerinnen geheftet, welche mit oder ohne männliche Begleitung auf die Gipfel stiegen, sondern sich ebenfalls auf die Fährten von Wissenschaftlerinnen, Wirtinnen und Trägerinnen begeben, welche in den Bergen ihr Leben, ihre Leidenschaft oder vielleicht auch nur ihren kargen Lohn fanden. Bevor das angeblich schwache Geschlecht starke Bergtouren wie den Grépon oder die Dachstein-Südwand unternehmen konnte, musste zuerst der Schritt aus dem textilen und gesellschaftlichen Korsett gewagt werden. Wie das die Frauen und Mädchen schafften, davon erzählt die Autorin mit vielen Beispielen. Und lässt die Protagonistinnen zu Wort kommen – sofern diese überhaupt schrieben oder schreiben durften. Manchmal auch nur unter dem Namen des Ehemanns oder des Neffen, wie Margaret Anne Jackson und Meta Brevoort. Spannend auch die Geschichte zu den Frauenalpenclubs und alpinen Schriftstellerinnen. Sehenswert all die klug ausgewählten Illustrationen. Zudem eine Fundgrube, gut erschlossen durch Bibliografie, Anmerkungen und Personenregister.

„Frauen im Aufstieg“ deckt die weibliche Alpingeschichte von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg ab, mit dem Schwergewicht in den Dolomiten, wo die Frauen in Sachen Können, Geschicklichkeit und Mut beim Klettern den Männern schon bald ebenbürtig waren. Was Kurt Maix, der sich in den Ostalpen ja gut auskannte, eigentlich hätte wissen müssen, als er über Frauen am Berg schrieb.

Ingrid Runggaldier: Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte. Edition Raetia, Bozen 2011. Fr. 86.-

Starkes Team

Die Weissenberge gehören den Glarnern. Und ein bisschen auch mir. Denn sie erzählen Geschichten, wie sie mir dort begegnen.

© Annette Frommherz

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16. Januar 2012

Fünfundachtzig sei er schon, sagt er, und seine Frau auch. Sie seien halt nicht mehr so schnell, meint er, als müsste er sich entschuldigen, als ich ihn bergauf überhole. Sie müssen ja nicht pressieren, sage ich, das haben Sie bestimmt genug in Ihrem Leben. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie nun mehr zur Verfügung haben als unsereins.
Seine Frau ist hinter ihm geblieben. Er wartet auf sie. Mit gekrümmtem Rücken und einer geduldigen Achtsamkeit setzt sie einen Fuss vor den anderen. Die roten Schneeschuhe sehen an ihr fremd aus. Nun hat sie aufgeholt.

Die Weissenberge heissen auch im Sommer so, wenn sie grün sind. Winterthur besteht ja auch den Sommer durch. Genau wie Finstersee an keinem solchen See liegt, schon gar nicht an einem finsteren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das Dorf Matt im engen Sernftal liegt schon bald im Schatten. Mit Sonne sind sie winters nicht verwöhnt, die Mattmer oder Mattener oder wie sie sich nennen mögen. Weiter oben finden die Sonnenanbeter nicht nur mildere Temperaturen, sondern auch Routen, auf denen sich die Masse breit verteilen kann. Die einen zieht es Richtung Leidplangge, die anderen zum Zindelchopf oder Fuggstock.

Schön, sage ich zu meiner Verbündeten, der Sonne. Sie scheint unbeteiligt. Alleine unterwegs zu sein hat auch seine Vorteile. Schnell kommt man mit anderen Artgenossen ins Gespräch. Noch versuche ich herauszufinden, ob es Mitleid ist, das dazu bewegt, mich anzusprechen – ich könnte als sozial verkümmert angesehen werden -, oder weil es einfacher ist, als Zweisamkeit zu stören.

Oben, unweit des Stäfeli, setze ich mich und schreibe und lese. Der Mann und die Frau mit den roten Schneeschuhen kommen bald dazu. Sie setzen sich und trinken Tee. Schön, gäll, sagt der Mann, und tätschelt seiner Frau das Knie. Er ist schwerhörig, sagt sie zu mir, Sie müssen laut zu ihm reden. Früher, sagt er, ohne mich anzuschauen, früher sind wir oft in die Berge. Ich sage laut zu ihm: Da haben Sie sicher viel zu erzählen. Aber er hat es nicht gehört. Er schaut in die andere Richtung, hinüber zum Garten des Vreneli, und ich wünschte mir, die Beiden seien dort oben auch schon gewesen.
Er hilft ihr mit den Schneeschuhen, bietet ihr nochmals Tee an, sie bricht ihm ein Stück Schokolade ab. In ihren Worten, in ihren Bewegungen liegt Vertrautheit. Ich kann mich kaum satt sehen an den Beiden, die wohl mehr als ihr halbes Leben Seite an Seite verbracht haben und noch immer so sorgsam miteinander umgehen.

Weit hinten ist Mehl am Horizont gestreut, die Dimensionen verblassen zum Einerlei. Mir ist kalt geworden. Später überhole ich nach meiner Rundtour die Beiden wieder. Ihre Schritte sind langsam. Wir begrüssen uns wie alte Bekannte. Mögen sie, denke ich, noch lange zusammen unterwegs sein.

Den Alltag verloren

So unbeschwert wie heute geben sich die Tage selten. Amden bettet sich behaglich auf die Sonnenterrasse. Durchaus: der Blick nach oben zu Mattstock und Gulmen lässt mich anerkennend nicken. Die Natur posiert ganz selbstbewusst.

© Annette Frommherz

15. Januar 2012

weissenberge-01-2012-5Behutsam lasse ich den Alltag fallen. Heute bin ich alleine unterwegs; mit mir und meinen Gedanken. Es ist ein selten gewordenes Stelldichein, und ich geniesse es. Mir fehlt es an nichts, ausser dass ich einem Mitläufer gerne gesagt hätte, wie blumig der Rosentee mit Honig schmeckt und wie vollkommen er in diese paradiesische Umgebung passt.

Es knirscht unter meinen Schneeschuhen. Kaum habe ich die Piste mit den Skifahrern und Snowboardern hinter mir gelassen, liegt der Schnee unberührt und die Weite vor mir. Millionen von Diamanten sind hier grosszügig gestreut worden und funkeln in der Mittagssonne. Tannen beugen sich mit schwerer Last. Tierspuren kreuzen sich. Ich bleibe stehen und lausche. Es ist die Sehnsucht nach Stille. Die Lautlosigkeit, in der selbst der Tinnitus, der üble Bursche, sich still ergibt und mich für einmal höflich in Ruhe lässt.

Ich will die Zeit geniessen, die uns noch bleibt bis zum prophezeiten Weltuntergang. Was uns Mahner und Weissager auch verkünden: Es ist gut, daran erinnert zu werden, dass wir nicht unendlich auf diesem Planeten weilen dürfen. Wonach wir streben, wer und was uns wichtig ist, was wir nicht wiederholen mögen: darüber nachzudenken lohnt sich. Hier ist der ideale Platz, um meine Gedanken fliessen zu lassen, kreuz und quer durch die Gezeiten meines Lebens. Schnee rieselt von einem Ast in meinen Nacken und kühlt. Ein Seufzer, der unbemerkt nach draussen flüchtet, lässt mich aufhorchen. Es ist, als wärs die letzte Sorge, die aus meinem Innersten entweicht. Eine verirrte Wolke hängt zwischen den Tannenwipfeln und sucht vergeblich nach seinesgleichen. So blau der Rest des Himmels ist, so rein ist nun mein Atem. Der Alltag liegt tief begraben unter dem Schnee, vielleicht sogar im Innern der Erdkugel. Ich mag ihn nicht ausgraben. Ich mag nach überhaupt nichts graben. Ausser nach mir selbst. Die Sonne wärmt weich mein Gesicht.

Walter Kuster 1912-1943. Fotograf, Filmer, Skispringer

Walter Kuster – nie gehört! Ein Werk ist zu bestaunen, von dem man bisher kaum Kenntnis hatte, im Tal-Museum Engelberg und in einem schön gemachten und geschriebenen Bildband.

9. Januar 2012

walter-kuster-003„In Ortisei in den Dolomiten fand kürzlich eine internationale Sprungkonkurrenz statt, an der sich hauptsächlich italienische und österreichische Springer beteiligten. Die Schweizer Springer hatten keine Lizenz zur Teilnahme an dieser Sprungkonkurrenz erhalten, weil die Schanze in Ortisei nicht den schweizerischen Normen über Sprungschanzen entspricht. Der Engelberger Springer Walter Kuster, der sich in Ortisei befand, konnte deshalb nur ausser Konkurrenz springen. Dabei erzielte er die ausserordentliche Sprunglänge von 81 m, eine Länge, die auf italienischen Sprungschanzen bis anhin noch niemals erreicht worden war. Walter wurde, wie italienische Blätter berichten, von dem zahlreichen Publikum, das der Sprungkonkurrenz beiwohnte, stürmisch gefeiert und von dem ebenfalls anwesenden italienischen Kronprinzen Umberto wegen seiner hervorragenden Leistung persönlich beglückwünscht.“

Das konnte man 1934 unter dem Titel „Ein Engelberger Skispringer in Italien“ lesen. Und nun ist die Zeitungsnotiz abgedruckt in einem Buch über diesen weit springenden Engelberger, das zur neu eröffneten Ausstellung im Tal Museum Engelberg erschienen ist: „Walter Kuster 1912 – 1943. Fotograf, Filmer, Skispringer.“ Walter Kuster? Nie gehört, nicht wahr. Einerseits sozusagen ein Vorspringer von Walter Steiner und Simon Ammann. Einer, der immer weiter fliegen wollte, wenn es die damaligen Schanzen nur erlaubt hätten. 1935 stellte Kuster auf der Mammutschanze von Ponte di Legno in der lombardischen Provinz Brecia mit 91 Metern einen neuen Rekord auf, und wieder hatte er ausser Konkurrenz springen müssen, weil ihm der Schweizer Verband die Lizenz verweigert hatte.

Die lieben Verbände und Behörden! Auch als Filmer hatte Kuster damit zu kämpfen. 1942 erhielt er von der Schweizerischen Zentrale für Verkehrsförderung (heute Schweiz Tourismus) Auftrag und Geld, einen Film über die Schweizer Bergbahnen zu drehen. Die herrschende Militärzensur verunmöglichte jedoch viele Aufnahmen, weil das Militär befürchtete, auf den Aufnahmen könnten auch militärische Stellungen und Objekte zu sehen sein. Der Film blieb unvollendet, am 23. November 1943 starb Walter Kuster an den zu spät diagnostizierten Folgen einer Verletzung, die er sich beim Skispringen zugezogen hatte.

Nun ist das Lebenswerk von Walter Kuster, seine Filme, Fotos, Sprünge und Ideen, aus der Versenkung geholt worden. Ida Kuster hatte den Nachlass ihres Bruders dem Tal Museum Engelberg übergeben. Und wieder ist einmal ein Werk zu bestaunen, von dem man bisher kaum Kenntnis hatte, im Museum selbst sowie in einem schön gemachten und geschriebenen Bildband. „Das wilde Leben zwischen gestern und übermorgen“: So ist einer der Beiträge überschrieben, die Leben und Werk eines Mannes würdigen, der nicht nur mit den Ski an den Füssen abgehoben hat.

Und was war vorgestern? Da gewann die 24-jährige Sabrina Wildmüller aus Sargans das Weltcup-Skispringen in Hinterzarten im Hochschwarzwald mit einem Sprung auf genau 100 Metern. Das Springen am Samstag war erst das zweite mit diesem Status gewesen, vorher hatte es noch keine Weltcup-Konkurrenzen für Frauen gegeben. Auf die zweite Weltcupprüfung in Hinterzarten aber habe Sabrina Windmüller, die sich in Magglingen zur Sportlehrerin ausbilden lässt, gestern Sonntag verzichten müssen, schreibt der „Tages-Anzeiger“ in der Rubrik „Überraschung des Wochenendes“ von heute Montag: „In Andermatt begann ein Schneesportkurs, Swiss-Ski hatte sich vergeblich um eine Dispens für den ersten Tag bemüht…“

Walter Kuster 1912-1943. Fotograf, Filmer, Skispringer. Mit Texten von Matthias Christen, Nicole Eller Risi, Lea-Maria Infanger, Klaus Merz und Christoph Schwyzer. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2012, Fr. 45.-
Ausstellung im Tal-Museum Engelberg: bis 15. April und vom 30. Mai bis 9. September 2012; www.talmuseum.ch

Mein Wille geschehe

Wenn nicht im Himmel, so doch in den Bergen. Oder in den Bärgen, wie mir gerne ein Freund schreibt, der Berge mit Gipfeln bevorzugt, die mit einer Bahn zu erreichen sind und die oben ein möglichst annehmliches Gasthaus vorweisen können.

© Annette Frommherz

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5. Januar 2012

Weshalb er Bärge schreibt, weiss ich nicht. Ich sollte ihn danach fragen. Ist es sein Stil? Will er sich von der grauen Masse abheben? Verwendet er dieses Wort nur, wenn er mit mir korrespondiert? Oder ist es sein Hang, das hohe Deutsch gerne in die mundige Art abgleiten zu lassen? Ich zweifle. Kenne ich ihn nicht gut genug, dass ich ihn danach fragen muss? Ich sinniere. Bärg liest sich wild und rau wie ein Bär. Ausgesprochen tönt es nach Geplärr. Bärg. So herablassend. So, als würde Lakritze zwischen den Zähnen kleben bleiben.
Den Freund kenne ich seit siebzehn Jahren. Erst in der letzten Zeit haben wir angefangen, über Berge zu reden. Er schickt mir alles, was ihm an Artikeln in die Finger gerät, und das ist hie und da etwas, denn er ist Journalist. Wenn ich darüber nachdenke, was es bedeuten könnte, fällt mir auf, dass sein Ton ab und an ironisch tönt. Denn der Freund ist einer, der gerne von ‚Sport ist Mord’ redet und sein süsses Bäuchlein so trägt, wie Männer mit Bauch es tun: mit dem Hemd über der Hose. Kann er meiner Leidenschaft, auf Berge zu steigen, nichts abgewinnen? Ich denke weiter. Nein, Ironie kann es nicht sein. Oft lesen sich seine Zeilen nämlich, als sei er stolz, eine gute Freundin zu haben, die sich in den Bergen herumtreibt. Er kennt mich gut, der Freund. Er weiss immer, was ich mir wünsche. Keine Gelegenheit lässt er aus, mich zu beschenken. In der Zwischenzeit erhalte ich von ihm Bücher über Berge, Berge von Büchern. Er trifft es gut, ausser ich besitze das Buch bereits.
Berge. Ich würde dieses Wort nie verfälschen. Zu sehr liegt mir die Sprache am Herzen. In Ausnahmesituationen gestatte ich mir höchstens einen Abstecher mit Wortspielereien aus der Mundart. Ich werde den Freund nach seinen Beweggründen fragen. Ich will es wissen; ein Motiv muss er haben. Und Freunde darf man alles fragen, sonst wären sie keine.

Übrigens: meine Aussage war nicht richtig. Mein Wille geschieht weder im Himmel noch in den Bärgen.

Wieder einmal Ponte Brolla

Die Sonnenstube der Schweiz einmal ohne Sonne im Fels – eine eigenartige Mischung von Melancholie und Glück zum Beginn eines schwierigen Jahres.

3. Januar 2012

bild057Tessin grau, obwohl die Wetterschwätzer auf Radio DRS Sonne versprochen haben, aber vielleicht haben wir uns in dem Wortschwall verhört. Jedenfalls weht uns schon in Bellinzona auf dem Bahnsteig kühle Luft ins Gesicht und weiter im Süden dräut dunkles Gewölk. Tessin grau, das ist Melancholie, und sie steigert sich im Bus, der am Friedhof Solduno vorbeifährt, wo die Asche meines Vaters in einem Fach lag, inzwischen wohl längst entsorgt. Die Tessiner Felsen so grau und düster, beinahe schwarz, steigern die Melancholie an den Rand der Depression. Es ist der erste Tag eines neuen Jahres, das gemäss Tagesbefehl der Regierung mit Zuversicht beginnen sollte – Welt- und Finanzlage zum Trotz – und nun streikt schon das Wetter, auch wenn die Wetterprahler Zuversicht versprüht haben. Im Norden, denkt man, wedeln sie jetzt hoch über dem Nebel durch Pulverschneehänge und trotzen der Lawinengefahr. Dann fällt mir auch noch ein, dass uns vor genau zwanzig Jahren am ersten eines neuen Jahres ein horribler Kletterunfall mit bizarrer Rettungsaktion an der Falesia del Silenzio einige bange und chaotische und kalte Stunden bescherte und schliesslich auch ein literarisches Werk: «Finale». Melancholie, so haben wir vor zwei Tagen an einer Annemarie-Schwarzenbach-Lesung erfahren, ist eine Quelle von Poesie. Siebzig Jahre ist’s her, dass die Schöne vom Fahrrad gefallen und bald darauf gestorben ist.
Aber jetzt sind wir in Ponte Brolla, erfahren erst später, dass zwei Freunde oben auf dem obersten Band, zu dem wir uns an den Ketten hochhangeln, von Finale her gekommen sind. Dort soll das Wetter noch grauer sein. Vorerst treffen wir auf frierende Gestalten, die in Daunenjacken und mit Handschuhen klettern – wir haben bloss T-Shirt und Faserpelz, im Vertrauen auf die Wetterschmöcker von Meteoschweiz und Radio DRS. Aber es geht dann doch, und ein bisschen drückt sogar die Sonne durch den Graufilter, und dann treffen wir auf alte Bekannte, hallo, hallo, das motiviert und alles ist wieder gut und das Leben nur Glück und Augenblick, frei nach Goethe. Der blieb bekanntlich auf dem Gotthard stecken, hatte noch kein GA wie wir, und das ist ja der Grund, dass wir so oft in Ponte Brolla klettern: bestens erreichbar mit ÖV, im Zug gibt’s Kaffee und Gipfeli und lesen kann man auch, nicht Goethe sondern Altherrenlektüre: Nabokov, Lolita.
Ja, Marcel ist da, der liebe Marcel. Letztmals trafen wir ihn mit einem Baby im Traggestell auf der Galerie, jetzt hat das Ex-Baby, seine Tochter, grad die Matura bestanden, und der jüngere Sohn ist schon Schweizermeister im Speedklettern. Mein Gott, das Leben. Also Goethe folgen, den Augenblick geniessen und Routen wie «Anarchia sotto l’albero di natale». Marcel legt wert auf der vollen Namen, der aus einer Zeit stammt, als Routennamen noch Poesie waren oder Politik oder beides.
Und dann pfeift schon das Züglein in der Tiefe, noch eine Route liegt drin, und die Sonne wärmt schon ein bisschen, bevor sie dann hinter den düsteren Tessiner Hügeln verschwindet und wir den kalten Ketten entlang wieder hinabtauchen und hoffen, in Locarno reiche es noch für einen Blitzbesuch im Café oder wenigstens für qualcosa di dolce. Buon Anno, arrivederci Ponte Brolla.

Oberaargau

Geografie ist ein schwieriges Fach. Literatur kann da gelegentlich Lücken füllen, etwa zum Oberaargau, der nicht im Aargau liegt, sondern im Hinterluzern, bzw. Kanton Bern, aber auf der Landeskarte zu finden unter Solothurn. Einer der höchsten Gipfel heisst Ankehubel, 1085 Meter über Meer.

oberaargau„Chäs, Nidle, Milch u Anke,
hei uf em Bärg mir de;
da chöi mir nid erchranke,
hei keiner Sorge meh!“

Brauchen wir mehr im neuen Jahr? Laut dem Berner Wanderbuch „Oberaargau“ von 1956 jedenfalls nicht. Den Vierzeiler fand ich bei der Tour auf den Ankehubel (nicht Ankerhubel…), einem vorzüglichen Aussichtspunkt (1085 m) in der Südflanke des Hällchöpfli (1230 m), des höchsten Gipfels des Oberaargauer Juras, ja des ganzen Oberaargau. Der Ahorn (1139 m) am Rande der Emmentaler Alpen ist ja schon etwas tiefer. Zwischen diesen beiden Högern erstreckt sich der Oberaargau.

oberaargau-1Warum heisst diese bernische Region überhaupt so? Ober-Aargau! Und nicht Nordostbern? Oder gar Hinterluzern, Untersolothurn? Schliesslich liegt sie im Hinterland von Luzern, und auf der Landkarte unter dem Kanton Solothurn. Das fragt sich der in Langenthal wohnende und arbeitende Hans-Jürg Schmied im „Oberaargauer Lesebuch“. Es umfasst Texte von 27 Autoren aus dem Oberaargau, von der 1915 geborenen Senta Simon bis zu Urs Mannhardt und natürlich Pedro Lenz, dessen Beitrag schlicht und treffend „Mein Oberaargau“ heisst. Wer an seinem in der Oberaargauer Mundart geschriebenen (und gelesenen!) Roman „Der Goalie bin ig“ Gefallen gefunden hat, dürfte ebenfalls Verständnis und Freude für das schön gemachte und vorzüglich illustrierte Buch des langjährigen Langenthaler Geografielehrers Valentin Binggeli aufbringen. Es heisst „Hügelland“ im Haupt- und „Der Oberaargou i sir Sprooch. E bäärndütschi Geografii“ im Untertitel. Keine Angst: Nicht alles ist in Mundart geschrieben, weder das Kapitel „Der Hodler z Langetu“ noch diejenigen über Cuno Amiet, Robert Walser oder Gerhard Meier.

Gerhard Meier: „Gschribe het er Schriftdütsch, aber gredt het er das unverkennbaare Bipper Bärndütsch, es Oberaargouerdütsch wo starch is Soloduurnische ine geit.“ In Niderbipp lebte Meier ein Leben lang; in seinen Büchern heisst das Dorf Amrain. Es liegt am Fuss des Ankehubels.

Brauchen wir mehr in diesem Jahr als Käse, Rahm, Milch und Butter? Vielleicht ab und zu ein gutes Buch…

Oberaargauer Lesebuch. Herausgegeben von Daniel Gaberell. Kulturbuchverlag Herausgeber.ch, Bern 2011, Fr. 34.-
Valentin Binggeli: Hügelland. Der Oberaargou i sir Sprooch. E bäärndütschi Geografii. Herausgeber.ch, Bern 2011, Fr. 27.-