Murgtal

Der Kartier-Sommer des Geologen beginnt in der Stille des Frühlings. Hier bin ich mir so lange selbst überlassen, bis der Alpsommer die Welt herauf bringt und mit ihr die Relation, die sich zuvor in der Wildnis fast verlor, wieder zu Recht rückt.

10. Juli 2017

Im Murgtal komme ich mir bisweilen vor wie Gulliver im Reich der Riesen. Unterhalb der Felswände breiten sich Steinblöcke über den Talboden aus, zwischen denen ich wie eine Maus durch Spalten krieche oder mühsam um sie herumsteige. Sie sind wie Häuser, Hallen oder Türme, ohne Fenster und Türen, wie eine Stadt, die, von einer Flutwelle durcheinander gebracht, ihre Strassen verloren hat. Zwischen ihnen strömt oft Wasser von Bächen, die kein Bett zu haben scheinen und über die Brücken so selten sind, als bedürfe es eigentlich nur eines grossen Schrittes um hinüber zu gelangen. Für mich aber ist keiner von ihnen zu überspringen.

Fichten, Föhren und Arven, Erlen und Ebereschen, Alpenrosen und übermannshoher Farn überwuchern zu tausenden die grossdimensionierten Blöcke, wie Firn die Spalten eines Eisbruches überdeckt. Manchmal breche ich mit einem Bein durch Heidelbeergesträuch in eine überraschende Leere, aus der die Kühle verschütteter Gassen haucht. Dann bewahrt mich ein Fichtenjährling oder ein Föhrenzweig, an den ich mich rasch kralle, vor dem Spaltensturz in die Unterwelt. Das Labyrinth des grünen Eisbruches erscheint mir endlos und die Hitze darin drückend. Schweissüberströmt, pollenverklebt und voller Spinnweben, fluche ich mich hindurch und schöpfe doch Kraft aus der Wildnis.

Verstreut finden sich Alpen auf den Bachschuttkegeln der Seitentäler. Bachlaui, Mornen, Guflen. Noch ist es still auf ihren Triften. Im Mai treffe ich dort die Gämsen in Rudeln und auch einen Steinbock, einen alten Herrn mit riesengrossen Hörnern, der auf einem Buckel über mir steht, wie ein Fabelwesen, und sich dann mit einem Wiegen seines ungeheuer schweren Kopfes wortlos, gelassen abwendet um, über mir aufsteigend, langsam in die Höhe zu wachsen. Etwas weiter, liegt auf Schiefergeröll die Handschwinge eines Adlers, ein Trumm, eine einzelne Feder so lang wie mein ganzer Arm. Fast weckt sie Angst vor einem dunklen, drohenden Schattens über mir, der Maus.

So ist es Tag für Tag und ist doch von einem auf einen anderen plötzlich anders. Schon beim Herauffahren liegen Steine auf dem Strässchen und Kuhdung. Wo ich bisher hallend den leeren Hof der Alpe durchschritt, kläffen mir jetzt die Hunde nach, und wenig oberhalb kommt mir der Älpler entgegen. Ein junger Kerl in dunkelgrünen Gummistiefeln, einen dünnen, knorrigen Stumpen im Mund. Während wir aufeinander zugehen, mustern wir uns fünfzehn Schritte und zehn lange Sekunden lang. Unsere Blicke bohren förmlich, fragen: Was bist du für einer? Ein kurzer Gruss ist alles als unsere Schritte, die keiner von uns innehält, an der Mitte des Weges spiegelnd sich kreuzen und binnen Sekundenbruchteilen die Begegnung, alles Mustern, Bohren und unausgesprochene Fragen, abrupt vorüber ist. Er ist, stelle ich, Gulliver, befriedigt fest, sogar noch ein wenig kleiner als ich.

Nun ist es Sommer geworden im Murgtal. Schellengeläut hat das Wildwasserrauschen verdrängt, Rinder und Kühe weiden auf Guflen, auf Mornen, auf Bachlaui, die Bäche sind abgeschwollen und schmiegen sich in ihre Betten. Von Steinblock zu Steinblock überspringe ich sie, und das Land, wo immer es mir beliebt.

Wanderlust

Das Wandern ist des Müllers Lust, hiess es einst. Inzwischen ist Wandern fast Pflichtübung geworden, von Radio SRG, Pro Senectute und diversen Krankenkassen regelmässig verordnet. Damit man/frau auch weiss, wohin und wie, legt unser Rezensent neuen Wander-Pflichtstoff vor. Man darf auch nur lesen oder Fotos anschauen.

5. Juli 2017

„Where does it start? Muscles tense. One leg a pillar, holding the body upright between the earth and sky. The other a pendulum, swinging from behind. Heel touches down. The whole weight of the body rolls forward onto the ball of the foot.“

So startet das Buch „Wanderlust. A History of Walking“ von Rebecca Solnit aus dem Jahre 2000. Und so starten wir das Gehen, mit dem Anspannen von Muskeln – und mit einem Bein, welches das Gewicht des Körpers trägt. Und so weiter. Wanderlust ist ein deutsches und englisches Wort, bedeutet genau das, also Lust zum Wandern, aber auch Reiselust und Fernweh. All das bietet der Bildband „Wanderlust. Unterwegs auf legendären Wegen“. Er stellt mit prächtigen Fotos, kurzen Texten und zu knappen Infos 32 mehr oder minder berühmte Kurz- und Fernwanderwege auf fünf Kontinenten vor, vom Malerweg in der Sächsischen Schweiz (112 km) über die Besteigung des Mount Sinai (7 km) und das Tongariro Crossing auf Neuseeland (19 km) bis zum Appalachian Trail im Osten der USA (3523 km). Es gibt also einige schöne Kilometer zu erwandern. Oder besser: Mit diesem Bildband starten wir im Liegestuhl zu unseren Traumtouren. Und wem die Western Arthurs Traverse auf Tasmanien dann doch etwas zu weit weg sein sollte, nimmt sich die Haute Route Chamonix – Zermatt vor.

Chamonix! Das müssen wir sowieso hin. Der Mont Blanc (4810 m) ruft, höchster Gipfel von Frankreich – und Italien. Die Franzosen (und die Schweizer) sehen das bekanntlich nicht so, auf ihren Karten gehört die Gipfelkuppe alleine zu Frankreich, und der Grenzverlauf macht einen Schlenker – man könnte auch Misstritt sagen – zum Mont Blanc de Courmayeur (4748 m). Auf italienischen Karten hingegen verläuft die Grenze genau über den höchsten Punkt. In seinem Reisebericht „EU-Gipfel. 28 Höhepunkte Europas, auf die man stehen muss“ hält sich Wolfgang Machreich an die italienische Version, womit ein Gipfelziel weniger gemacht werden muss. Genaugenommen sind es ohnehin 26 Wanderungen und Bergtouren, denn der Olympos (1952 m) auf Zypern ist nicht zugänglich, da zuoberst eine britische Radarstation der Royal Air Force steht. Ach ja, und wenn dereinst der Brexit vollzogen sein wird, verschwindet auch der Ben Nevis von der Liste der höchsten EU-Gipfel. Als Wanderbegleiter taugt Machreichs Buch leider nur halbwegs, da die touristischen Infos weitgehend fehlen.

Solche Infos sind in einem andern wanderlustigen Buch bestens zu finden, nicht zuletzt auch wegen den Karten, bei den Wanderungen selbst und herausnehmbar. Mehr noch: Christian Fritz aus Frankfurt a.M. schenkte mir den Führer, versehen mit Anmerkungen wie „Für mich eine der schönsten Etappen“, „Restauration ist gut“ oder „Rund um Koblenz, d.h. Neuwied bis Lahnstein, ist es nicht so schön – man sieht auch den Rhein nicht.“ Was natürlich schon etwas schade ist, denn um diesen Fluss geht es. Der Rheinsteig führt in 17 Etappen von Bonn nach Wiesbaden – ist das nicht eine süffige Idee für eine Wanderreise im Herbst?

 
Eine Flusswanderung gibt es ebenfalls in diesem ganz vorzüglichen Lesewanderbuch: In „Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen“ nimmt uns Günter Liehr auf 12 Exkursionen in das alte und vor allem neue Paris mit, und auf den Spuren von Hausmann und denjenigen der Impressionisten im Seinetal bis zur „Ville nouvelle“ in Marne-la-Vallée und zu den umgewidmeten Industriebrachen in der Plaine Saint-Denis. Und er macht es très bien, notre guide Günter, mit viel Hintergrundwissen, mit starken historischen und aktuellen Fots, mit allen nötigen Wegangaben usw. Ein Buch, das richtig Lust macht zum (Stadt)wandern. Let’s go! Pardon: En marche!

 
Wanderlust. Unterwegs auf legendären Wegen. Herausgegeben von Cam Honan, Robert Klanten und Anja Kouznetsova. Gestalten, Berlin 2017, € 39.90, www.gestalten.com

Wolfgang Machreich: EU-Gipfel. 28 Höhepunkte Europas, auf die man stehen muss. traveldiary.de Reiseliteratur-Verlag, Hamburg 2016, € 14.80, www.traveldiary.de

Klaus und Falco Harnach: Rheinsteig. Kompass Karten, Innsbruck 2017, € 15. www.kompass.de

Günter Liehr: Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen – 12 urbane Exkursionen. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 38.- www.rotpunktverlag.ch

Picknick-Zeit

Der Drang des Menschen, im Freien zu speisen, hat etwas Unerklärliches an sich. Steckt wohl in den Genen seit den Höhlenbewohnern, die lieber an der Sonne ihre Hirschkeulen kauten als im feuchten Loch. Eine Ausstellung mit Buch schafft gewiss Klarheit über dieses urmenschliche Verhalten. Auch wenn’s in Frankfurt eher Bockwürste gibt statt Cervelat zum verkosten.

29. Juni 2017

«Nous sommes partis de l‘hôtel le matin, avec un panier de pique-nique plein d’escalopes froides, de sandwiches, d’œufs durs, de bananes et de cidre. C’était chouette.»

Fein, so ein Picknick, nicht wahr? Vielleicht nicht ganz im heutigen Vegitrend mit den kalten Schnitzeln… Aber dieser Picknickkorb wurde ja auch 1962 gepackt und mitgenommen, im Buch «Les vacances du petit Nicolas» von René Goscinny mit den Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé. Ich fand es im offenen Bücherschrank «Nimm eins, bring eins!» auf dem Falkenplatz, eine zum Picknicken geradezu einladende Grünanlage unweit des Berner Hauptbahnhofes.

Und welchen Picknickkorb wollen wir mitnehmen? Zum Beispiel denjenigen mit integriertem Klapptisch für vier Personen, mit Korpus aus Korbgeflecht, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Teekanne und Rechaud aus Kupfer – ein englisches Luxusmodell von 1910. Oder, etwas handlicher, die japanische Picknickkapsel aus Kunststoff, ebenfalls für vier Personen von 1972. Wer nun die von Charlotte Trümpler und Matthias Wagner K herausgegebene Publikation «Picknick-Zeit» zur Hand nimmt, wird noch zahlreiche andere Modelle aus der ganzen Welt und drei Jahrhunderten entdecken. Allerdings braucht es für die Mahlzeit im Freien nicht unbedingt einen extra dafür hergestellten Korb – ein Rucksack tut es auch. Aus dem dann auf dem Gipfel oben die Flaschen gezogen werden, wie dies acht englische Alpinisten und Schweizer Führer am 30. August 1856 auf der Dufourspitze (4634 m) machten: «Out flew a couple of corks, and we drank to the Queen’s health.» Nicht zu viele Flaschen, wie Thomas Woodbine Hinchliff in seinem noch immer erfrischend lesbaren Buch «Summer Months among the Alps: with the Ascent of Monte Rosa» (1857) beschwichtigt, schliesslich brauchten sie einen klaren Kopf für den Abstieg. Die Kopfzeile über der Seite mit der zitierten Zeile lautet: «A PIC-NIC PARTY.»

Eines der höchsten Picknicks in den Alpen. Weiter unten und mit fester Nahrung liegen Picknicks natürlich auch drin, zum Beispiel in den Allgäuer Alpen. Ausschnitt aus «Himmelhorn» (2016), dem zehnten Kluftiger-Fall der Kultkrimi-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr: «Der Kommissar nahm seinen Rucksack vom Rücken, wühlte ein bisschen darin herum und fischte schlieβlich ein Paar Wiener, etwas Käse, einen Kanten Bauernbrot und eine Flasche Bier heraus. Ungläubig beobachtete ihn der Doktor dabei: ,Wenn Sie das alles essen, werden Sie keinen Meter mehr weiterfahren können.‘»

Kann Klufti selbstverständlich. Und wir ebenfalls. Vor allem müssen wir nach Frankfurt am Main fahren. Denn im dortigen Museum für angewandte Kunst hat Kuratorin Charlotte Trümpler das ganz grosse Picknick angerichtet. Ihre Ausstellung beschäftigt sich umfassend mit dem Phänomen Picknick und folgt der Faszination des Speisens unter freiem Himmel quer durch verschiedene Zeiten und Kulturkreise. Auf über 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erzählen Picknick-Utensilien unterschiedlichster Form, Machart und Herkunft, zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien (zum Beispiel diejenigen von Barbara Klemm), Filme (unvergesslich das Picknick von Grace Kelly und Cary Grant im Cabriolet hoch über den Dächern von Nizza) und Comics vom Variantenreichtum einer beliebten Tätigkeit.

Auf der Fahrt aber zum Frankfurter Picknick – oder beim Picknick auf dem Berner Falkenplatz – geniessen wir lesend die «Picknick-Zeit». So beispielsweise den satt machenden Beitrag von Volker M. Heins mit dem Titel «Die Revolution ist ein Picknick, keine Dinner Party». Bon appétit et à votre santé!

Charlotte Trümpler, Matthias Wagner K: Picknick-Zeit. Buchhandlung Walter König, Köln 2017, € 32.-

Die Ausstellung „Picknick-Zeit“ im museum angewandte kunst in Frankfurt am Main ist bis am 17. September 2017 zu sehen. Vielfältiges Rahmenprogramm, so am 1. August das Schweizer Picknick mit Raclette und Alphornklängen im Metzlerpark.
www.museumangewandtekunst.de/de/museum/ausstellungen/picknick-zeit.html

Ein Sommerabend auf dem Balkon

Der Balkon ist wohl zweihundert Meter lang, zwanzig breit. Phantastischer Blick auf die Berge und den See. Was will man mehr? Kleine Reise in die Vergangenheit.

27. Juni 2017

Wir sind dem Wasser entstiegen, wie einst das Leben. Kühl, trotz grosser Hitze. Schon beim Schwimmen haben wir hinaufgeschaut, hoch oben der Balkon, an die gelbgraue Wand geklebt, noch immer im Sonnenglast. Übermorgen ist der längste Tag. Und ich wollte das noch einmal erleben. Einen Sommerabend auf der Galerie. Wie damals, wie in unvergesslichen Tagen.
Das Thermometer bei den Eisenklammern am Zustieg zeigt noch immer dreissig Grad. (Wer hat das eigentlich an die Wand geklebt?) Kein Mensch zu sehen, ist ja wohl klar. Bei dieser Hitze! Trotzdem wundern wir uns, gab es doch eine Zeit, wo «mann/frau» sich traf, an Sommerabenden nach der Arbeit oder dem Baden. Damit es sich anfühlt wie damals, haben wir ein Auto gemietet. Sonst kommen wir im Sommer am Morgen, wenn der Balkon noch im Schatten liegt, die Wand dahinter ausgekühlt. Nur selten Kletterer am Werk. «Triathlon» nennen wir solche Expeditionen. Wir kommen mit dem Bus, wandern die Strasse hinab, klettern, wandern weiter zum Seeufer, Lago Mio, Sprung ins Wasser. Wandern, klettern, schwimmen.
Heute jedoch sind wir aus dem Wasser gekommen, während der ersten Route sind unsere Körper noch frisch. Dann staut sich die Hitze. Trotz Schatten. Roter Kopf, schweissige Hände. Wir bleiben allein. Ein Spinner wohl, der nicht anders kann. Läuft dem Vergangenen hinterher, mit seiner geduldigen Begleiterin. Engelsgeduldig. Doch alles muss stimmen. Und stimmt doch nicht. «Die alten Strassen noch …» Wir denken an die Freunde, Freundinnen, die jetzt anderswo sind. In einer Hütte, hoch im Gebirge vielleicht. Der Mürtschenstock im Abendlicht gegenüber, er steht wie immer. Bleibt uns treu, bleibt uns verbunden. Ein Satz fällt mir ein. «Melancholie ist die Schwester der Nostalgie.»
Dann wandern wir durch den Wald hinab, die Luft noch immer drückend, schwül. Hoffentlich keine Zecken, diesmal! Das Bad im See frischt auf. Dann noch eine winzige Enttäuschung. Die Küche im Lago Mio ist geschlossen, keine Bratwurst mehr auf dem Grill. Ein letzter Nussgipfel noch zum Bier, nicht ganz stilecht und schon ein bisschen trocken. Nochmals schwimmen, Kaffee. Dann ins Auto, heimwärts.

Gipfelziele

Es gibt Leute, die sammeln Gipfel wie andere Briefmarken. Viertausender die einen, Hügel die andern (zum Beispiel Pedro Lenz). Dabei geht es weder um Höhenmeter noch um Sinnfragen. Der Weg ist das Ziel. Virtuellen Gipfelstürmern genügt es auch, die Routenbeschreibung zu lesen und die Bilder zu betrachten.

21. Juni 2017

??.06.16
1st in 2016!
or, more likely, first who
could get the pen to work

Eintrag von R. B. (die ganze Unterschrift ist kaum lesbar) im Gipfelbuch des Nufenenstock (2866 m) in den westlichsten Tessiner Alpen, vielleicht genau heute vor einem Jahr geschrieben. Das vollständige Datum ist nicht mehr zu entziffern: Kleine „Gipfelbewohner“ konnten am Buch nagen, da der Gipfelbuchbehälter Löcher aufweist. Ich selbst trug mich am 22. August 2016 ein – eine Erkundungstour für die Neuauflage meines ersten Wanderführers „Gipfelziele im Tessin“, die Thomas Bachmann und ich gemeinsam erwandert und erarbeitet haben.

336 Seiten, 266 Farbfotos, 178 Gipfel, 88 Touren, 77 Hütten, 36 Routenskizzen, 11 Kapitel, 4 Jahreszeiten, 2 Autoren, 1 Sehnsucht. Gibt zusammengezählt 999 – also tausend Mal das Tessin. Von oben halb im Urnerland bis ganz unten zum südlichsten Gipfel und Ristorante der Schweiz. Von ganz links am Walliser Rand bis rechts gegen Italien. Vom höchsten Hoger, dem Rheinwaldhorn, bis zum tiefsten, dem Burghügel mitten in Bellinzona. Dieses Wanderbuch stellt mit viel Hintergrund und allen nötigen Infos Traumwege und -ziele in Helvetiens Sonnenstube vor. Damit wir dem auf der Alpennordseite doch immer wieder vermissten Himmelsgestirn etwas näher kommen, gibt es bei jeder Tour eben mindestens einen Höhepunkt zu erwandern. Anders gesagt: Vor der Pizza auf der Piazza immer noch ein Pizzo! Aber auch wer einzig am Lido von Ascona hocken oder gar nur vom Ticino träumen will, kommt mit diesem handlichen Führer weiter.

Der Schweizer Alpen-Club geht fremd. Zum ersten Mal in seiner 154-jährigen Geschichte veröffentlicht der SAC einen Führer für eine Region ausserhalb der Schweiz. Der neue Alpinwander-Führer „Ossola“ stellt 50 überaus lohnende Ein- und Mehrtagestouren im Dreieck Nufenenpass, Monte Rosa und Centovalli vor, mit der Stadt Domodossola als Angelpunkt. Die beiden bestens bekannten Autoren Remo Kundert und Marco Volken beschreiben vor allem Gipfel und Pässe, aber auch Schluchten und Hütten im wilden Stück Piemont zwischen den Kantonen Wallis und Tessin. Ein Terrain par excellence für wunderbar würzige Alpinwanderungen in den Schwierigkeiten T2+ bis T6-, präsentiert mit allen wichtigen Infos und wuchtigen Farbfotos. Und mit Hintergrundgeschichten zu Blumen und Walsern, zum Nationalpark Val Grande und Eiskessel des Monte Rosa, zu heiligen Bergen und vergessenen Transitrouten zwischen der Schweiz und Italien. Nichts wie los ins Ossola, das ja vor der Haustüre liegt – nur 1 Stunde und 38 Minuten braucht der Zug von Bern nach Domodossola. Mehr noch: Das Ossola verbindet den tiefsten und den höchsten Punkt der Schweiz – den Lago Maggiore und die Dufourspitze.

Auf sein Urteil ist Verlass! Auf Leslie Stephen, Erstbesteiger des Blüemlisalphorns, Verfasser des wegweisenden Alpenbuches „The Playground of Europe“ (1871) und Vater von Virginia Woolf: „Weder Chamonix noch Zermatt können sich, meiner Meinung nach, mit der Grossartigkeit und Genialität des Entwurfes des Berner Oberlandes messen.“ Und er dachte dabei natürlich an Eiger, Mönch & Schreckhorn. Aber zwischen Sanetsch- und Sustenpass erheben sich noch ein paar andere markante Gipfel. Das auf dem Beatenberg wohnende Führerpaar Sabine und Fredy Joss stellen im handlichen Alpinwander-Führer „Berner Oberland“ 40 meist unbekannte Gipfelzieltouren vor, mit Kärtchen, genauen Infos und tollen Fotos. Und im Anhang mit Hintergrundinfos zu Natur und Kultur. Aber aufgepasst: Wer schon beim Aufstieg zum Schloss Thun mit Atem- und Schwindelbeschwerden zu kämpfen hat, wird die hochspannenden, oft auch schwierigen Ausflüge aufs Spitzhorn bei Gsteig und aufs Spitzhorn bei Lauterbrunnen, auf den Roten Totz, das Rothorn oder den Rotstock nicht wirklich geniessen können.

Sommerzeit = Hochtourenzeit. Bei diesen Temperaturen wie jetzt während der Sommersonnenwende locken die ganz hohen Gipfel der Alpen erst recht, auch wenn die Nullgradgrenze über 4000 Meter steigt. Aber 0° ist nicht 30°, und am sehr frühen Morgen, wenn der über Nacht gefrorene Firn vielleicht gar noch unter den Steigeisen knirscht, wird man froh um Windjacke, Handschuhe und Mütze sein. Wie man nun am besten, sichersten und auch am gäbigsten auf über 4000 Meter hohe Gipfel kommt, zeigt uns Caroline Fink mit „Leichte 4000er Alpen. Die Normalwege auf 35 hohe Gipfel vom Dôme de Neige bis zum Piz Bernina“. Faszinierende Fotos, hautnah recherchierte Hintergrundtexte, meter- und minutengenaue bergtouristische Infos, Detailkarten und Höhenprofile machen den Führer zum idealen Begleiter für all die kühlen Höhen von A wie Aletschhorn (4193 m) bis Z wie Zumsteinspitze (4562 m). 35 hohe Gipfelziele werden vorgestellt, das sollte reichen für diesen Sommer. Und wenn nicht, dann können einige von ihnen im Frühling auch bestens mit Ski bestiegen werden.

Aber der Schweizer Schriftsteller Pedro Lenz wird wohl weder die Ski noch die Steigeisen an die Schuhe schnallen werden. Der Zeitschrift „Made in Bern“, die der „SonntagsZeitung“ vom 18. Juni 2017 beilag, verriet er: „Ich bin eher der Hügel- als der Bergtyp. Viertausender machen mich unruhig.“

Daniel Anker, Thomas Bachmann: Gipfelziele im Tessin. 88 Wanderungen zwischen Gotthard und Generoso. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 42.-

Marco Volken, Remo Kundert: Alpinwandern Ossola. Zwischen Lago Maggiore, Nufenenpass und Monte Rosa. SAC Verlag, Bern 2017, Fr. 49.-

Sabine und Fredy Joss: Alpinwandern/Gipfelziele Berner Oberland. Vom Saanenland bis zum Sustenpass. SAC Verlag, Bern 2017, Fr. 49.-

Caroline Fink: Leichte 4000er Alpen. Die Normalwege auf 35 hohe Gipfel vom Dôme de Neige bis zum Piz Bernina. Bruckmann Verlag, München 2017, Fr. 26.90.

Rund um den Mürtschen

Der Mürtschen ist unser Kailash, immer mal wieder wandern wir rundum. Ob’s zur Erleuchtung reicht, ist nicht sicher. Bestimmt aber zur Erbauung und Ermüdung.

19. Juni 2017

«Nach der 13. Umrundung des Kailash bekommt der Pilger Zutritt zur inneren Kora. Vorgebliches Ziel jedes Buddhisten sei es, den Kailash 108-mal zu umrunden. Wer dies schafft, der erlangt nach buddhistischer Lehre die unmittelbare Erleuchtung.» (Wikipedia.)
Wir sind keine Buddhisten und glauben an keine Heiligen, doch der Berg, an dessen Fuss wir 21 Jahre lang lebten (also heilige 3 mal 7 Jahre), ist und doch so etwas wie heilig geworden. Mindestens einmal im Jahr hinauf und einmal rundum, damals. Heute mit einem Freund aus Kolumbien, der gut zu Fuss ist. Seine tägliche Trainingsstrecke im 2640 Meter hohen Bogotà beträgt 400 Höhenmeter.
Durch Obstalden und rasch an unserem ehemaligen Haus vorbei, ein Blick in den Garten, der gepflegt erscheint und für Kinder mit allerhand Spielgerät ausgestattet, aber verlassen wie der Rest des Dorfes. Sonntagmorgen, schon wird es heiss. Der Aufstieg zum Glück zum Teil durch Wald, fällt auch leicht durch Gespräche, Erinnerungen. Lange Geschichten verbinden uns.
Im Beizli auf dem Hüttenberg meldet sich auch niemand auf unser Rufen, gern hätten wir Steffi begrüsst. Die Wähe steht bereit und duftet, eine Tafel verkündet, das Beizli sei offen ab irgendwann bis 18 Uhr. Vielleicht ist sie am Heuen in den Hängen oben, wo eine Mähmaschine rattert und wir einst unsere Schwünge in den Pulverschnee zogen.
Kleiner historischer Exkurs auf der Meerenalp für Damen aus Konstanz, deren Führer auch nicht weiss, dass hier Internierte Dienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg rodeten und Kartoffeln pflanzten. Staunend betrachten sie die eingemeisselte Inschrift auf einem Felszacken, wundern sich auch über den Fehler in der Rechtschreibung: Alprhodung.
Statt der Geschichte widmen wir uns dann der Botanik. Wie unterscheidet man Germer und gelben Enzian? Sie blühen noch nicht, dafür viel Knabenkraut und blauer Enzian und viel Weiteres, Buntes rund um den Robmen. Wie unterscheiden sich Arven und Föhren? Das ist später, gegen Obermürtschen, die Frage. Zur Mürtschenfurggel hin, dem höchsten Punkt der Wanderung, interessieren uns Gesteine. Kalk, Karst, Urgestein, Verrucano.
Die Wanderung rund um den Mürtschen ist ein Gang durch Naturwunder, eine Anbetung der Schöpfung in ihrem eigenen Namen, ohne Priester oder Heilige. Die Erleuchtung ist das Erlebnis selbst.
Nun also bergab, die Knie spüren es, doch die Stöcke bleiben im Rucksack. Wir schaffen das noch immer. Wir bewundern eine vielfarbige Viehherde, schwarz, braun, weiss, gross und klein, bunt gemischt, ein Symbol friedlicher Koexistenz. Unser freund filmt und freut sich am klingenden Konzert der Kuhglocken. Wenn den Auslandschweizer in Bogotà das Heimweh übermannt, wird er zum Smarthphone greifen und dem Glockengeläut der friedlichen Schweizer Kühe lauschen.
Kurze Rast im Beizli am Talsee, wo wir auch Susanne noch begrüssen können, die Mutter der Wirtin. Die mir auch noch das Du anbietet, eine Ehre für den Zu- und wieder Wegzüger. Der nun wieder wegzieht, mit dem Bus nach Näfels hinab, wo es im Kiosk feine einheimische Glacé gibt.

Klausenpass

Pässe verbinden, man weiss es. Täler, Siedlungen, Kulturen. Über Pässe wird gestritten, gewandert, gerast, geradelt. Der Klausenpass, man darf es wohl sagen (z.B. als Glarner), ist etwas Besonderes. Ein schönes Buch wert also, auch das verbindet: Geschichte und Gegenwart einer einzigartigen alpinen Landschaft.

16. Juni 2017

„Mittwoch, 17. Juli 1946:
Die erste Tour de Suisse nach dem Weltkrieg führt über den Klausen und den Gotthard.
Die 5. Etappe der Tour de Suisse führt von Zug nach Lugano (215 km) erstmals über den Klausen und zum wiederholten Male wieder über den Gotthard. Auf beiden Pässen erscheint als erster Gino Bartali, der auch Etappe und Gesamtwertung gewinnt.“ Ist unter http://www.urikon.ch/UR_Sport zu lesen.

Die Tour de Suisse des Jahres 2017 führt weder über Klausen noch Gotthard, aber Alpenpässe sind natürlich einige zu meistern, vorgestern Mittwoch der Simplon, gestern Donnerstag San Bernardino und Albula. Wer mit dem Rad gerne Pässe befährt, wird um den Klausenpass (1948 m) zwischen Linthal und Altdorf keine Kurve machen können, und wer dies lieber motorisiert mit zwei bzw. vier Rädern tut, erst recht nicht. Die langen Geraden auf beiden Seiten, viel mehr aber noch die kunstvollen Kurven auf der Glarner Seite der im Jahre 1900 eröffneten Passstrasse fordern zum rassigen Fahren geradezu heraus. Doch bis das möglich war, dauerte es mehrere Jahrzehnte. Da hatten die Bergbauern, vor allem die aus dem Urnerland, mit ihren Vierbeinern schon längst, nämlich seit dem Mittelalter, von den saftigen Weiden zwischen Schächentaler Windgällen und Clariden Besitz ergriffen.

„Die Klausenstrasse gehört zu den technisch anspruchsvollsten Alpenpassstrassen der Schweiz und erschliesst eine atemberaubend schöne Landschaft. Die Besonderheit der Klausenstrasse liegt in der fast durchgängigen Besiedlung und der Nutzung als Bergrennstrecke von 1922 bis 1934“, schreibt Marion Sauter in ihrem geschichtlichen Bildband zur Erschliessung des Klausenpasses. „Saumpfad – Lini – Speedway“ lautet der Haupttitel dieses tiefgründig getexteten, wunderbar mit alten und neuen Schwarzweissfotos bebilderten und sorgfältig editierten Buches. Urner Alpwirtschaft, Glarner Textilindustrie, Tourismusgeschichte, Militärstrategie – all das hat Platz im querformatigen Buch. Eine Augenweide sind die historischen Aufnahmen von Michael Aschwanden, oft gespiegelt mit aktuellen des Urner Fotografen F.X. Brun. Das Gasthaus zur Post in Spiringen zum Beispiel: links noch ungeteert die Passstrasse beim Gasthaus, Personen, wohl die Wirtsfamilie, sitzend an zwei weiss gedeckten Tischen unter einem mächtigen Baum; rechts das heutige Gasthaus, hinter kleinen Bäumen wohl der Garten, draussen an der breiten Asphaltstrasse drei Schilder: „Seniorenmenu 17.-“, „Feine Zuger Kirschtorte“ und „Biker Herzlich Willkommen.“

Irgendwie amüsant auch die Geschichte des Grenzsteins zwischen den Kantonen UR und GL auf dem Urnerboden. Aschwandens Foto von 1900 zeigt den Stein freistehend neben der Strasse, nebenan zwei Bergbewohner, die sich die Hand geben, vielleicht ein Urner und ein Glarner; eine Lawinen riss das Monument jedoch 1917 mit. Der Stein wurde auf die andere Strassenseite gezügelt und mit einer Stützmauer geschützt. In Sauters Buch sehen wir ihn auf einer Postkarte mit Rennauto: Speedway eben. Tempi passati. Umso schöner, dass solche Publikationen Geschichte und Gegenwart gekonnt verbinden und aufleben lassen.

Marion Sauter: Saumpfad – Lini – Speedway. Die Erschliessung des Klausenpasses. Edition Typundso, Emmenbrücke 2016. Fr. 69.- Bestellung unter: klausenbuch@edition-typoundso.ch

In der Pfalz

Heisse Tage im sagenhaften Sandsteinfelsenland. Auf Himmelsleitern hoch über weiten Wäldern.

13. Juni 2017

«Ich geh in mei Palz un trink Wei.» Ich erinnere mich nicht, woher ich dieses Lied kenne, aber es geht mir dauern durch den Kopf. Doch wir sind nicht wegen dem Pfälzer Wein hergekommen, sondern wegen den Felsen, den bizarr geformten rötlichen Sandsteingebilden, die da und dort aus den Wäldern ragen, die sich über die Hügel dahinziehen. Manchmal ist es Kein Fels, sondern ein Schloss oder Fels und Burg in einem, wie beim Drachenfels, an dem wir am Morgen kletterten.
Nachmittags klettern wir am Heidenpfeiler, mit 60 Metern höchste Wand des Gebiets, ziemlich direkt der brennenden Sonne ausgesetzt. Hie und da ein kühler Lufthauch. Muss ja sein, auf einer Route, die Himmelsleiter heisst, ein «Pflichtklassiker» gemäss Führerbuch. Das ist so dick wie ein Altes Neues Testament zusammen. Hunderte Routen also und keine leichte darunter, sagt Robert.
Die erste Seillänge der Himmelsleiter ist weder Leiter noch himmlisch, ziemlich vermoost, wird wohl kaum mehr geklettert, trotz Pflicht. Zu deren Erfüllung genügen offenbar die zwei oberen Seillängen, wo es dann immer luftiger wird. Die erste zu Beginn auch noch moosig, Griffe und Tritte jedoch geputzt – hoffentlich keine seltenen Moose! Dann steilt sich die Sache auf, wird krass überhängend und ausgesetzt und streng. Es scheint, dass in der Pfalz alle Routen mit unmöglichen Überhängen enden durch Risse führen, die einem schon beim Hinschauen Angst machen. Gut ist Freund Robert ein in zig Bigwalls erfahrener Friend- und Keileleger. Das geht so schnell, ich kann kaum zuschauen, wie er die Geräte setzt. Muss dann auch nicht vorsteigen, da ich immer die Ausrede finde, die Sicherungen herausholen gehe im Nachstieg besser.
Während wir also auf der Felsenleiter dem Himmel zustreben, wacht am Wandfuss Roberts Hund über unsere Rucksäcke und verbellt von Zeit zu Zeit Räuber und friedliche Kletterer oder Wanderer. Zur Strafe muss ihm Robert am Abend ein paar Dutzend Zecken aus dem Fell holen – wir sind zum Glück verschont geblieben.
Verbellt wurde übrigens auch Robert am Morgen, nicht von einem Hund, sondern von einem Kletterer, der auf sein Magnesiasäcklein zeigte: «Magnesia ist hier nicht erlaubt!»
«Also verboten?»
«Nein, nicht verboten, doch nicht erlaubt.»
Ein juristisch komplexes Problem also. Der strenge Felspolizist – Robert stufte ihn als Oberlehrer ein, und da er selber den Titel «Studiendirektor» trägt, kann er nicht weit daneben liegen. Der Mann kontrollierte nun tatsächlich den Inhalt von Roberts Magnesiasäcklein. Es war leer. Robert benutzt flüssiges Magnesia, aber das sei ein noch schlimmeres Vergehen, befand der grimmige Oberkletterer. Die Griffe würden auf ewige Zeiten zugepappt. Er wiederholte das, bis ihn seine Partnerin sanft zum Weitergehen aufforderte.
Also gut, wir haben beim Klettern viele Magnesiaspuren angetroffen und uns an offenbar zugepappten Griffen ganz gut festgehalten. Und uns an der Anekdote mit dem Pfälzer Felspolizisten bei echtem Pfälzer «Wei» auch noch köstlich amüsiert. Nicht nur illegal Magnesia verwendet, sondern auch auf einem illegalen Zeltplatz übernachtet. So wie einst die echten Räuber in diesem Land, die man dann auch auf echte Himmelsleitern geschickt hat, nämlich auf Schafott.

Peaks of the Balkans

Noch sind die Grenzen offen, aber wer weiss. Vor wenigen Jahren herrschte auf dem Balkan noch Krieg, vor Monaten wurden Stacheldrahtzäune hochgezogen. Zeit also, den Frieden zu nutzen für eine Wanderung durch eine noch fast unberührte Landschaft.

8. Juni 2017

„Bis heute ganz klar die schönste Etappe: von der Szenerie, den Wegen, der Abwechslung, dem Wetter und der Geschichte. Diese Kalkzinnen links und rechts im: Engelhörner und Dru gleichzeitig, vielleicht noch unbestiegen. Das Ropojana-Tal: jahrzehntelang Sperrgebiet zwischen Albanien und Jugoslawien. Unten der umgestürzte Grenzstein, oben die kaputten Bunker von Enver Hoxha. Ohne diese Überreste würde man den Grenzübertritt von Montenegro ins Nachbarland gar nicht merken. Oder doch? In Albanien sind die Wegmarkierungen wie in der Schweiz, weiss-rot-weiss.“

Das notierte ich am 8. Juni 2016 in mein Tourenbuch. Auf der vierten Etappe unserer achttägigen Wanderung auf dem Peaks of the Balkans Trail kamen wir aus dem Ropojana Valley über den Pejës-Pass (1707 m) nach Thethi im Shala-Valley, ins Herz des Prokletije-Gebirges. Seit 2012 führt der insgesamt 192 Kilometer lange Weitwanderweg durch die drei Länder Kosovo, Montenegro und Albanien. Er wurde geschaffen, um Grenzen zu überwinden, den Tourismus zu fördern – und um Bergbewunderern die Augen für andere europäische Gebirge und Gesellschaften zu öffnen.

Die Mischung von nah und fern, bekannt und unbekannt ist, in einmalig und überwältigend zugleich. Waren unsere Alpen auch so, bevor sie vom Tourismus fast ganz in Beschlag genommen wurden? Diese ursprüngliche Schönheit nachhaltig nutzen, das ist das Ziel des Balkan-Peace-Park-Projekts. Der Wandertourismus soll den Einheimischen in den abgelegenen Tälern der drei Länder nach dem Kosovokrieg von 1998/99 neue Perspektiven aufzeigen – und uns Fussreisenden neue Erlebnisse in einer beinahe unberührten Natur ermöglichen. Ein natur- und sozialverträglicher Tourismus soll es sein. Einer, der auf lokalen Ressourcen aufbaut. Einer, der die einst vorhandenen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Regionen wieder in Gang setzt.

Wer möchte da nicht mitmachen? Täglich vier bis acht Stunden auf alten Wegen durch eine überraschend grossartige Natur und Kultur gehen, in Dörfern und Hütten übernachten, Slow Food der etwas andern Art geniessen. Als Währung auf dem ganzen Trekking dient der Euro, auch in Albanien, obwohl nicht zur Eurozone gehörend. Und sich verständigen tut man sich meistens in Englisch. Nur unser Bergführer und Wanderleiter, der 33jährige Enis Shehu aus Albaniens Hauptstadt Tirana, wo er in einer Boulderhalle arbeitet, bevorzugt als zweite Sprache das Italienische, weil er es von klein auf mit italienischen TV-Programmen gelernt hat. Muttersprache Albanisch hat auch unser zweiter Begleiter, Rhahim Tërnava, 39 Jahre alt, Chef des Tour-Operators Traveks aus Kosovos Hauptstadt Priština. Wie er im Juni 2016 alles organisierte, da ein Lastpferd, um unsere Rücken zu entlasten, dort ein Minibus, um uns abzuholen oder in ein besonderes Restaurant zu fahren – schlicht grandios. Und weil er am ersten Abend in Priština gemerkt hatte, dass die Schweizer Wanderer auch gern mal ein Glas Wein oder zwei trinken, trug er extra gekaufte Flaschen über den ersten Gipfel, den Hajla (2403 m).

Ein Prost also nicht nur auf diesen Gipfel und auf unsere Begleiter auf dem Peaks of the Balkans Trail, sondern auch auf den neuen, sehr gut gemachten Führer zu diesem Dreiländerrundeweg, der mit einer Fülle höchst nützlicher Infos auch abseits der Trails aufwartet.

Max Bosse, Kathrin Steinweg: Peaks of the Balkans. Albanien, Kosovo und Montenegro. Dreiländerrundweg und Tageswanderungen. Rother Wanderführer 2016, € 14.90.

www.peaksofthebalkans.com www.balkanspeacepark.org
www.traveks.com/tours/peaks-of-balkan

Die unterirdische Schweiz

Die Schweiz ist doch grösser als man meint! Fast 4000 Kilometer Stollen durchlöchern unsern Grund und Boden und das Gebirge. Platz für Forschungslabors, Atombunker, Hotels und noch viel mehr. Dass wir von Höhlenbewohnern abstammen, wussten wir. Die besprochene Literatur zeigt: wir sind es noch immer.

31. Mai 2017

„Alle theoretisch begehbaren unterirdischen, künstliche angelegten Tunnels, Kavernen, Schutzräume, Spitäler, Bahnhöfe, Einkaufszentren, Bunker und Stollen in der Schweiz ergäben heute aneinandergereiht eine Röhre von Zürich bis Teheran, 3750 Kilometer lang. Das ist weltrekordverdächtig, in der Relation zur Landesfläche unerreicht.“

Schreibt Jost Auf der Maur, der seit Jahren „Die Schweiz unter Tag“ erforscht und sie nun unter diesem Buchtitel ans Tageslicht hervorgeholt hat. Vom Urnerloch über die befahrenen und nie benutzen Eisenbahntunnels mit ihren Dörfern bis zu den Bundesratsbunkern und dem (untauglichen) Atomschutzbunker in der Autobahnröhre: Die Schweiz als Emmentaler ist viel löchriger als angenommen. Dieses hochspannende und tiefschürfende Buch erhellt die meist unbekannte unterirdische Schweiz. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus, und der Schnauf geht einem in der feuchten Kellerluft schier aus. Nochmals ein Zitat zur Schweiz, die seit Jahrhunderten ihr angestammtes Territorium meist in den Bergen, aber auch im Mittelland unter der Oberfläche vergrössert: „Das gesamte herausgebrochene Material würde einen Güterzug von mehr als 10000 Kilometern Länge füllen. Wäre der Zug mit 60 km/h unterwegs, bliebe die Barriere eines Bahnübergangs sieben Tage lang geschlossen.“

Die künstlich gebaute unterirdische Schweiz ist vielerorts überraschend gut zugänglich – der Autor gibt 18 Tipps für Ausflüge in die helvetische Unterwelt, von Zürich bis Biasca, von Genf bis Sargans. Taschenlampe nicht vergessen, und ein Helm ist vielleicht auch ganz nützlich.

Das gilt sicher ebenfalls für diejenigen, die auf eigene Faust Wege im schweizerischen Untergrund erkunden möchten. Zum Beispiel in alten Bergwerken. Doch aufgepasst auf morsche Balken und Böden! Sicherer ist es, wenn man an einer Exkursion der Schweizerischen Gesellschaft für historische Bergbauforschung teilnimmt. Die SGHB gibt aber auch die Zeitschrift „Minaria Helvetica“ heraus, die sich mit fundierten Beiträgen Themen und Regionen widmet. Heft 37 stellt den „Erzbergbau im Gental“ vor. Bereits um 1350 wurde an der steilen Bergflanke der Planplatte im Gental Eisenerz gewonnen und über den Erzweg in den Talboden nach Bürglen bei Meiringen transportiert, wo die erste Schmelzhütte im Oberhasli stand. Tempi passati. Doch die Löcher im Berg sind noch vorhanden. Aufsuchen kann man sie auch. Aber vor dem Hineinkriechen bitte zur heiligen Barbara beten!

Jost Auf der Maur: Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise. Echtzeit Verlag, Basel 2017, Fr. 32.-, www.echtzeit.ch

Minaria Helvetica, Heft 37/2016: Erzbergbau im Gental. Schweizerische Gesellschaft für historische Bergbauforschung, Fr. 25.-, www.sghb.ch

Karin Steinbach Tarnutzer (Text), Robert Bösch (Fotos): Schauplatz Schweiz – Hightech aus dem Berginnern. Eine Reportage aus dem ehemaligen Bergwerk Sargans. Geo, Juni 2017.

Lesung und Gespräch mit Jost Auf der Maur zu „Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise“ am Donnerstag, 8. Juni 2017, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.