Den Drachen besiegen

Am Balladrum stossen wir unverhofft auf eine Spur des Tessiner Sportkletterpioniers, Bergführers und Autors Luca Sganzini.

19. Juli 2017

Die Sonne heizt schon am Morgen die Wand im Wald unterhalb des Balladrum auf. Nur die linke Kante liegt noch im Schatten. Etwas abdrängend der Einstieg, dann um die Kante, leichter über einen Gneisrücken, ein versteinerter Drachenrücken. Wir haben ihn besiegt! «Sconfiggere il Drago» heisst die Route. Es ist der Titel des einzigen Buchs von Luca Sganzini, der jetzt 65 Jahre alt wäre – im November 1979 ist der Tessiner Jurist, Autor und Bergführer im Hohen Atlas beim Abseilen zu Tode gestürzt. Es war ein Schock für die Tessiner Kletterszene, war doch Luca einer der Pioniere, aktiv vor allem in den Denti della Vecchia bei Lugano, wo er aufgewachsen ist. Aber auch auf schwierigen Routen in den Dolomiten. Er war einer der Ersten, die systematisches Training im Klettersport einführten und darüber publizierte. Als Teilnehmer der ersten Tessiner Himalayaexpedition erreichte er am 18. Oktober 1978 den Gipfel des Pumori. Im September 1979 erhielt er das Diplom als Bergführer.
Freunde gaben nach seinem Tod zur Erinnerung das Buch «Sconfiggere il Drago» heraus (Edizioni Bernasconi. Agno 1983), eröffneten in den Denti eine schwierige Mehrseillängenroute mit diesem Namen. Die Familie unterstützte den Bau einer Schutzhütte in den Denti della Vecchia, die «Baita del Luca».
Unsere Route am Balladrum ist nicht so schwierig, aber vermutlich haben sie die Einrichter 1987 ebenfalls im Andenken an Luca so benannt.
Inzwischen scheint die Sonne auch um die Kante, zu heiss zum Klettern. Wir packen Seile, Expressen, Kletterschuhe und Gürtel in den Rucksack, los geht’s zum Kaffee.

Weiterlesen:
Den Drachen besiegen. In: Emil Zopfi: Dichter am Berg. AS Verlag, Zürich 2010

Plouf!

Die Sommerhitze hat unserem Alpinrezensenten offenbar so heftig zugesetzt, dass er für einmal Literatur für Bade- statt für Bergfreunde bespricht. Wobei: wer macht nach einer heissen Berg- oder Klettertour nicht gern einen Sprung ins kühle Nass! Plouf! So platscht es zum Beispiel am Lac Léman. Und auf geht’s, erfrischt zur nächsten Tour.

17. Juli 2017

«Quin ne connaît pas les vins de St-Saphorin? Mais, qui connaît les Bains Reymond ? Aussi poétiques que le village, en bordure du vignoble omniprésent à St-Saphorin. Les Bains Reymond, on les ‘déguste’, on les ‘savoure’.»

Stellte Gilbert Schopfer vor einem Vierteljahrhundert im Führer «64 Plages autour du Léman» fest. Der Genfer See ist mit 582,36 km2 der grösste See am Rande der Alpen – die Bains Reymond sind wahrscheinlich die kleinste Badi der Schweiz. Eine felsige Plattform, die ins Wasser hinausragt. Platz für vielleicht ein Dutzend Badegäste, wenn sie sich gut mögen. Ein Sprungbrett. Ein Kieselstrand für eine Mutter mit einem Kind. Zwei kleine Umkleidekabinen, halb im Bahndamm drin. Aber zwischen dem Ufer und den Geleisen noch ein kleiner Rebberg. Nicht ganz in Bahnhofsnähe, weil man von der Station St-Saphorin noch knapp zehn Minuten gehen muss.

Direkt bei einer Haltestelle hingegen befindet sich der Plage de Rivaz. Die Unterführung dient nämlich gleichzeitig als Zugang zum Strand. Wir können in den Badekleidern aus dem Zug und in den Léman steigen – und umgekehrt. Und dann zur Station Epesses weiterfahren, wo nochmals zwei offizielle Badeplätze auf uns warten. Richtung Montreux ein Kiesuferplätzli, Richtung Lausanne die Bains de Moratel, die grösste der drei Seebadis von Cully. Kiesig, grasig, grosszügig, mit Pinien wie am Mittelmeer. Warum denn in die Ferne schweifen? Ferienlektüre haben wir auch schon zur Hand: Den Roman «Samuel Belet» von Charles Ferdinand Ramuz: «‘Setzen Sie sich, da ist es angenehm.‘ Und wirklich, es war angenehm. Man sass im feinen Sand, er gab nach wie ein Federkissen. Vor uns war der See; an jenem Tag wehte die Bise, sie trieb die Wellen auf den See hinaus; es schienen gar keine Wellen zu sein, denn man sah nur ihre sanft ansteigende Fläche, erst weiter draussen kamen die Schaumkronen. Das Wasser war so blau, dass es schwarz schien.»

Ein zweites Buch passt ebenso gut: «Plouf! Une histoire de la baignade dans le Léman» von Lionel Gauthier. Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im «Musée du Léman» in Nyon zeichnet schön ausgelegt wie Badetücher (und ebenso farbig!) die Geschichte des Badens im Genfer See nach. Von einst, als baden und waschen noch am gleichen Uferabschnitt stattfand, bis heute, wo das Plaisir mit Action wie dem Flyboard aufgespritzt werden muss. Sonnige (und freilich manchmal auch trübe) Geschichte(n), Aufsehen erregende Illustrationen (und Badekleider) – das Buch bringt uns das Baden näher, im Léman und anderswo. Und macht natürlich Lust, mindestens eine der 121 offiziellen Badeplätze rund um den Leman zu entdecken. Hier schon mal ein paar Begriffe zum Badevokabular: barboter, patauger, faire trempette, boire la tasse, faire la planche, piquer une tête, nager et plonger.

Compris? Verstanden? Teilweise wenigstens. Wer lieber auf Deutsch schwimmt und taucht, hier ein kleiner Hinweis. Unter den Schweizer Outdoor-Publikationen ist ein neues Heft (nicht Hecht!) aufgetaucht: Bergwelten. Für deutsche und österreichische Leser gab es Bergwelten schon. Nun können damit auch die schweizerischen ihr Land neu entdecken. Die zweite Ausgabe vom Sommer 17 mit 150 Seiten widmet sich im Hauptthema dem Wandern am Wasser. 20 Touren führen zu Bergseen und Wasserfällen. Auf bzw. hinein geht’s! Platsch!

 

Lionel Gauthier: Plouf! Une histoire de la baignade dans le Léman. Éditions Glénat Suisse, Morges/Musée du Léman, Nyon, 2017, Fr. 22.90.

Musée du Léman & Aquarium à Nyon: Offen von Dienstag bis Sonntag, April-Oktober 10-17 Uhr, November-März 14-17 Uhr.
Die Ausstellung «Plouf! Une histoire de la baignade dans le Léman» ist noch bis zum 20 September 2018 zu sehen. www.museeduleman.ch
Und das Paléo Festival Nyon beginnt am 18. Juli 2017.

Bergwelten Schweiz ist am Kiosk erhältlich. Das Herbst-Heft wird am 14. September 2017 erscheinen. www.bergwelten.com

Balanceakt hoch über dem Tessin

Im Alter wird Gleichgewicht zum Problem. Sei es am Berg oder auf dem Parkett. Trainingstour für eine Tangotänzerin, 70 Jahre minus 1 Tag alt.

16. Juli 2017

Unser Führer hat seinen Rucksack vergessen. Auch das kommt vor im Alter – oder auch bei Jüngeren. So gibt’s auf der Cima di Sassello genau einen Viertel Salami und einen halben Apfel pro Person, das feine Tessinerbrot gibt’s dann zum Znacht. Nun ja, nach zwei Stunden Aufstieg bei mässiger Hitze genügt das auch für vier sportliche Oldies.

Nun aber folgt das Glanzstück der Tour. Die «Polenmauer», die sich über den Grat gegen die Forcarella hinzieht, einen guten Kilometer lang. Aus tonnenschweren trockenen Gneisplatten gefügt, die schwersten zuoberst, beidseits die Mauer überragend. Wo man diese Brocken hergeholt hat und wie auf die anderthalb Meter hohe Mauer hinaufbefördert, das können wir uns nur schwer vorstellen. Während wir über die Mauer balancieren, Fuss vor Fuss, denken wir an den Bau der Pyramiden oder der Chinesischen Mauer. Stellen uns ein Heer von Sklaven vor, das hier ameisengleich mit Flaschenzügen und Stemmeisen monatelang geschuftet hat, bei Hitze, Kälte, Regen und Sturm. Bewacht und angetrieben von Aufsehern.

Es waren keine Sklaven, sondern internierte polnische Soldaten. Gestrandet auf der Insel Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Sie bauten Strassen (450 Kilometer, unter anderem am Sustenpass), bauten oder renovierten Brücken, rodeten Alpen (zum Beispiel Meerenalp), leisteten auch sonst viel Nützliches. Welchem Nutzen allerdings dieses gewaltige Bauwerk gedient haben könnte, bleibt schleierhaft. Schutzzaun gegen Geissen oder Waldbrände? Zu beidem taugt sie wohl kaum. Vielleicht einfach Arbeitstherapie für Heimwehkranke Fremde, die man in die Einsamkeit der Tessiner Berge verbannt hatte. Alles wäre noch Gegenstand vertiefter Forschung.

Leider ist das spektakuläre Bauwerk da und dort schon am Zerfallen, wer es pflegt ist unklar. Es fehlt auch ein schlichtes Gedenktäfelchen. Das bombastische Gipfelkreuz auf dem Sassariente dient wohl anderem Zweck. Obwohl: die Polen waren ja mehrheitlich katholisch wie die Einheimischen. Unser Führer findet, die Tour sei eine der schönsten kleinen Wanderungen im Tessin. Ein Balanceakt über ein historisches Bauwerk. Manchmal ziehen wir es vor, neben der Mauer zu wandern, doch die meiste Strecke schaffen wir in luftiger Balance, manchmal mit den Händen stützend oder gar rückwärts, wenn es steil wird. Doch der Gleichgewichtstest ist bestanden, wir haben es geschafft. Ob hier schon mal jemand hinuntergefallen ist?

Zum Abschluss geht’s mit Ketten und über Stufen hinauf auf die Spitze des Sassariente, ein kleines Matterhorn mit weiter Aussicht übers Tessin und bis zum Monte-Rosa-Massiv. Dazu nochmals einen Viertel Salametti und einen halben Apfel. Das muss reichen für den steilen und ruppigen Abstieg bis ins nächsten Grotto.

Matterhorn Mania – der innere Berg

Noch ein Matterhornbuch? Hervé Barmasse kennt die «Gran Becca» wie kaum ein anderer, seine Autobiografie ist eines der persönlichsten, einfühlsamsten Bücher zum Berg der Berge – und weit darüber hinaus. Was der Berg auch sonst noch geboren hat, von der Badehose bis zum Parfum, versammelt eine Ausstellung in Sichtweite des berühmten Horns.

15. Juli 2017

„Das Matterhorn verführt und stösst ab, bezaubert und verzaubert. Das Matterhorn ist König. Es drückt sich aus, ohne ein Wort auszusprechen, und behütet seine Untertanen, ohne vom Thron zu steigen. Es zieht die Blicke auf sich wie die Cheops-Pyramide und sieht dich heranwachsen, ohne zu urteilen. Vielleicht deswegen schrieb der französische Bergführer Gaston Rébuffat, dass ein Mensch, der vor dem Matterhorn stehe, nie ein gewöhnlicher Mensch sei.
Ah, das Matterhorn! Die Hirten konnten es noch ignorieren, als sie vor 200 Jahren mit ihrem Vieh zu den Alpen hinauf stiegen, und die blumenübersäten Wiesen waren das Höchste, das sie bewohnen, sich vorstellen und wünschen konnten. Das Einzige, was nützlich und sinnvoll war.“

Schreibt einer, der das Matterhorn so gut kennt wie kaum einer. Der alle seine Grat erklettert hat, im Sommer und im Winter, in Seilschaft und alleine. Der zahlreiche neue Routen erschlossen hat, vor allem in der mächtigsten und höchsten seiner Wände, der Südwand. Der fast an seinem Fusse wohnt, im Ortsteil Servaz im Dorf und Tal Valtournanche. Schreibt aber auch einer, der die Berge der Welt kennt, von Pakistan bis Patagonien. Hervé Barmasse, geboren am kürzesten Tag des Jahres 1977, Spross einer Bergführerdynastie, selber Bergführer und Skilehrer. Als Jugendlicher war er ein vielversprechender Skirennfahrer, bis ein fürchterlicher Sturz alle Hoffnungen zerstörte. Ersatz, Trost und Herausforderung fand Hervé am Berg, vor allem an einem: dem Matterhorn, der „Gran Becca“, wie die Einheimischen auf der italienischen Südseite das Horn nennen.

Über sein kurvenreiches Leben hat Hervé Barmasse ein grossartiges Buch verfasst, das Alpinistinnen und Liegestuhlsportler, Leserinnen von Biografien und natürlich Liebhaber des Cervino ebenso anspricht. Vor zwei Jahren erschien es auf Italienisch: „La montagna dentro“. Nun liegt es auch auf Deutsch vor: „Der innere Berg. Zum Matterhorn und darüber hinaus.“ Die perfekte Sommerlektüre, weil der Autor über den Grat hinausblickt, sein Tun in der Vertikalen reflektiert, Abgründe verschiedener Art nicht scheut. Und weil er so einfühlsam die Tour aufs Matterhorn mit seiner Lebensgefährtin Grazia beschreibt.

Am schönsten lesen wir das Werk des mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Hervé Barmasse auf der Fahrt nach Zermatt und weiter hinauf auf den Gornergrat. Denn dort oben eröffnete das Alpine Museum der Schweiz von Bern vor Wochenfrist seine zweite Ausstellung im grossen Aluzelt zwischen Bahnstation und Hotel. Die Ausstellung „Matterhorn Mania“ zeigt eine Auswahl kurioser und überraschender Konsumgüter aus der Schweiz und dem Ausland – von der Männerbadehose aus Italien und der Damenwäsche aus Frankreich über die Bierdose aus Kanada, die Zigarettenmarke aus Malaysia, die Rasiercreme aus den USA bis zum Gin aus Belgien und natürlich zur Schokolade aus der Schweiz. 30 Objekte sind ausgestellt, dazu gibt kurze Begleittexte, die „einen spannenden Einblick in die internationale Marketingseele“ geben, wie das ALPS schreibt. So lesen wir Folgendes von Sa’ood Mota, dem Gründer und Besitzer der Firma Beard Boys, die in Johannesburg das Kölschwasser Matterhorn herstellt: „Zermatt und das Matterhorn waren für mich schon immer ein Sehnsuchtsort. Obwohl manche Kunden vor dem Kauf noch nie vom Matterhorn gehört haben, fühlen sich die Leute vom Namen irgendwie angesprochen. Wonach das Matterhorn riecht? Das ist schwierig in Worte zu fassen. Sobald man den Duft aber riecht, weiss man, dass er den höchsten Gipfel repräsentiert.“

Edward Whymper würde dem sicher zustimmen. Am 1. Juli vor 152 Jahren erreichte er als Erster seiner Siebnerseilschaft den 4478 Meter hohen Gipfel.

Hervé Barmasse: Der innere Berg. Zum Matterhorn und darüber hinaus. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80. www.as-verlag.ch

Matterhorn Mania. Eine Produkteschau. Pop up Ausstellung des Alpinen Museums der Schweiz im grossen Aluzelt auf dem Gornergrat ob Zermatt. 7. Juli bis 15. Oktober 2017, täglich 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei. www.alpinesmuseum.ch

Murgtal

Der Kartier-Sommer des Geologen beginnt in der Stille des Frühlings. Hier bin ich mir so lange selbst überlassen, bis der Alpsommer die Welt herauf bringt und mit ihr die Relation, die sich zuvor in der Wildnis fast verlor, wieder zu Recht rückt.

10. Juli 2017

Im Murgtal komme ich mir bisweilen vor wie Gulliver im Reich der Riesen. Unterhalb der Felswände breiten sich Steinblöcke über den Talboden aus, zwischen denen ich wie eine Maus durch Spalten krieche oder mühsam um sie herumsteige. Sie sind wie Häuser, Hallen oder Türme, ohne Fenster und Türen, wie eine Stadt, die, von einer Flutwelle durcheinander gebracht, ihre Strassen verloren hat. Zwischen ihnen strömt oft Wasser von Bächen, die kein Bett zu haben scheinen und über die Brücken so selten sind, als bedürfe es eigentlich nur eines grossen Schrittes um hinüber zu gelangen. Für mich aber ist keiner von ihnen zu überspringen.

Fichten, Föhren und Arven, Erlen und Ebereschen, Alpenrosen und übermannshoher Farn überwuchern zu tausenden die grossdimensionierten Blöcke, wie Firn die Spalten eines Eisbruches überdeckt. Manchmal breche ich mit einem Bein durch Heidelbeergesträuch in eine überraschende Leere, aus der die Kühle verschütteter Gassen haucht. Dann bewahrt mich ein Fichtenjährling oder ein Föhrenzweig, an den ich mich rasch kralle, vor dem Spaltensturz in die Unterwelt. Das Labyrinth des grünen Eisbruches erscheint mir endlos und die Hitze darin drückend. Schweissüberströmt, pollenverklebt und voller Spinnweben, fluche ich mich hindurch und schöpfe doch Kraft aus der Wildnis.

Verstreut finden sich Alpen auf den Bachschuttkegeln der Seitentäler. Bachlaui, Mornen, Guflen. Noch ist es still auf ihren Triften. Im Mai treffe ich dort die Gämsen in Rudeln und auch einen Steinbock, einen alten Herrn mit riesengrossen Hörnern, der auf einem Buckel über mir steht, wie ein Fabelwesen, und sich dann mit einem Wiegen seines ungeheuer schweren Kopfes wortlos, gelassen abwendet um, über mir aufsteigend, langsam in die Höhe zu wachsen. Etwas weiter, liegt auf Schiefergeröll die Handschwinge eines Adlers, ein Trumm, eine einzelne Feder so lang wie mein ganzer Arm. Fast weckt sie Angst vor einem dunklen, drohenden Schattens über mir, der Maus.

So ist es Tag für Tag und ist doch von einem auf einen anderen plötzlich anders. Schon beim Herauffahren liegen Steine auf dem Strässchen und Kuhdung. Wo ich bisher hallend den leeren Hof der Alpe durchschritt, kläffen mir jetzt die Hunde nach, und wenig oberhalb kommt mir der Älpler entgegen. Ein junger Kerl in dunkelgrünen Gummistiefeln, einen dünnen, knorrigen Stumpen im Mund. Während wir aufeinander zugehen, mustern wir uns fünfzehn Schritte und zehn lange Sekunden lang. Unsere Blicke bohren förmlich, fragen: Was bist du für einer? Ein kurzer Gruss ist alles als unsere Schritte, die keiner von uns innehält, an der Mitte des Weges spiegelnd sich kreuzen und binnen Sekundenbruchteilen die Begegnung, alles Mustern, Bohren und unausgesprochene Fragen, abrupt vorüber ist. Er ist, stelle ich, Gulliver, befriedigt fest, sogar noch ein wenig kleiner als ich.

Nun ist es Sommer geworden im Murgtal. Schellengeläut hat das Wildwasserrauschen verdrängt, Rinder und Kühe weiden auf Guflen, auf Mornen, auf Bachlaui, die Bäche sind abgeschwollen und schmiegen sich in ihre Betten. Von Steinblock zu Steinblock überspringe ich sie, und das Land, wo immer es mir beliebt.

Wanderlust

Das Wandern ist des Müllers Lust, hiess es einst. Inzwischen ist Wandern fast Pflichtübung geworden, von Radio SRG, Pro Senectute und diversen Krankenkassen regelmässig verordnet. Damit man/frau auch weiss, wohin und wie, legt unser Rezensent neuen Wander-Pflichtstoff vor. Man darf auch nur lesen oder Fotos anschauen.

5. Juli 2017

„Where does it start? Muscles tense. One leg a pillar, holding the body upright between the earth and sky. The other a pendulum, swinging from behind. Heel touches down. The whole weight of the body rolls forward onto the ball of the foot.“

So startet das Buch „Wanderlust. A History of Walking“ von Rebecca Solnit aus dem Jahre 2000. Und so starten wir das Gehen, mit dem Anspannen von Muskeln – und mit einem Bein, welches das Gewicht des Körpers trägt. Und so weiter. Wanderlust ist ein deutsches und englisches Wort, bedeutet genau das, also Lust zum Wandern, aber auch Reiselust und Fernweh. All das bietet der Bildband „Wanderlust. Unterwegs auf legendären Wegen“. Er stellt mit prächtigen Fotos, kurzen Texten und zu knappen Infos 32 mehr oder minder berühmte Kurz- und Fernwanderwege auf fünf Kontinenten vor, vom Malerweg in der Sächsischen Schweiz (112 km) über die Besteigung des Mount Sinai (7 km) und das Tongariro Crossing auf Neuseeland (19 km) bis zum Appalachian Trail im Osten der USA (3523 km). Es gibt also einige schöne Kilometer zu erwandern. Oder besser: Mit diesem Bildband starten wir im Liegestuhl zu unseren Traumtouren. Und wem die Western Arthurs Traverse auf Tasmanien dann doch etwas zu weit weg sein sollte, nimmt sich die Haute Route Chamonix – Zermatt vor.

Chamonix! Das müssen wir sowieso hin. Der Mont Blanc (4810 m) ruft, höchster Gipfel von Frankreich – und Italien. Die Franzosen (und die Schweizer) sehen das bekanntlich nicht so, auf ihren Karten gehört die Gipfelkuppe alleine zu Frankreich, und der Grenzverlauf macht einen Schlenker – man könnte auch Misstritt sagen – zum Mont Blanc de Courmayeur (4748 m). Auf italienischen Karten hingegen verläuft die Grenze genau über den höchsten Punkt. In seinem Reisebericht „EU-Gipfel. 28 Höhepunkte Europas, auf die man stehen muss“ hält sich Wolfgang Machreich an die italienische Version, womit ein Gipfelziel weniger gemacht werden muss. Genaugenommen sind es ohnehin 26 Wanderungen und Bergtouren, denn der Olympos (1952 m) auf Zypern ist nicht zugänglich, da zuoberst eine britische Radarstation der Royal Air Force steht. Ach ja, und wenn dereinst der Brexit vollzogen sein wird, verschwindet auch der Ben Nevis von der Liste der höchsten EU-Gipfel. Als Wanderbegleiter taugt Machreichs Buch leider nur halbwegs, da die touristischen Infos weitgehend fehlen.

Solche Infos sind in einem andern wanderlustigen Buch bestens zu finden, nicht zuletzt auch wegen den Karten, bei den Wanderungen selbst und herausnehmbar. Mehr noch: Christian Fritz aus Frankfurt a.M. schenkte mir den Führer, versehen mit Anmerkungen wie „Für mich eine der schönsten Etappen“, „Restauration ist gut“ oder „Rund um Koblenz, d.h. Neuwied bis Lahnstein, ist es nicht so schön – man sieht auch den Rhein nicht.“ Was natürlich schon etwas schade ist, denn um diesen Fluss geht es. Der Rheinsteig führt in 17 Etappen von Bonn nach Wiesbaden – ist das nicht eine süffige Idee für eine Wanderreise im Herbst?

 
Eine Flusswanderung gibt es ebenfalls in diesem ganz vorzüglichen Lesewanderbuch: In „Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen“ nimmt uns Günter Liehr auf 12 Exkursionen in das alte und vor allem neue Paris mit, und auf den Spuren von Hausmann und denjenigen der Impressionisten im Seinetal bis zur „Ville nouvelle“ in Marne-la-Vallée und zu den umgewidmeten Industriebrachen in der Plaine Saint-Denis. Und er macht es très bien, notre guide Günter, mit viel Hintergrundwissen, mit starken historischen und aktuellen Fots, mit allen nötigen Wegangaben usw. Ein Buch, das richtig Lust macht zum (Stadt)wandern. Let’s go! Pardon: En marche!

 
Wanderlust. Unterwegs auf legendären Wegen. Herausgegeben von Cam Honan, Robert Klanten und Anja Kouznetsova. Gestalten, Berlin 2017, € 39.90, www.gestalten.com

Wolfgang Machreich: EU-Gipfel. 28 Höhepunkte Europas, auf die man stehen muss. traveldiary.de Reiseliteratur-Verlag, Hamburg 2016, € 14.80, www.traveldiary.de

Klaus und Falco Harnach: Rheinsteig. Kompass Karten, Innsbruck 2017, € 15. www.kompass.de

Günter Liehr: Grand Paris. Eine Stadt sprengt ihre Grenzen – 12 urbane Exkursionen. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 38.- www.rotpunktverlag.ch

Picknick-Zeit

Der Drang des Menschen, im Freien zu speisen, hat etwas Unerklärliches an sich. Steckt wohl in den Genen seit den Höhlenbewohnern, die lieber an der Sonne ihre Hirschkeulen kauten als im feuchten Loch. Eine Ausstellung mit Buch schafft gewiss Klarheit über dieses urmenschliche Verhalten. Auch wenn’s in Frankfurt eher Bockwürste gibt statt Cervelat zum verkosten.

29. Juni 2017

«Nous sommes partis de l‘hôtel le matin, avec un panier de pique-nique plein d’escalopes froides, de sandwiches, d’œufs durs, de bananes et de cidre. C’était chouette.»

Fein, so ein Picknick, nicht wahr? Vielleicht nicht ganz im heutigen Vegitrend mit den kalten Schnitzeln… Aber dieser Picknickkorb wurde ja auch 1962 gepackt und mitgenommen, im Buch «Les vacances du petit Nicolas» von René Goscinny mit den Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé. Ich fand es im offenen Bücherschrank «Nimm eins, bring eins!» auf dem Falkenplatz, eine zum Picknicken geradezu einladende Grünanlage unweit des Berner Hauptbahnhofes.

Und welchen Picknickkorb wollen wir mitnehmen? Zum Beispiel denjenigen mit integriertem Klapptisch für vier Personen, mit Korpus aus Korbgeflecht, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Teekanne und Rechaud aus Kupfer – ein englisches Luxusmodell von 1910. Oder, etwas handlicher, die japanische Picknickkapsel aus Kunststoff, ebenfalls für vier Personen von 1972. Wer nun die von Charlotte Trümpler und Matthias Wagner K herausgegebene Publikation «Picknick-Zeit» zur Hand nimmt, wird noch zahlreiche andere Modelle aus der ganzen Welt und drei Jahrhunderten entdecken. Allerdings braucht es für die Mahlzeit im Freien nicht unbedingt einen extra dafür hergestellten Korb – ein Rucksack tut es auch. Aus dem dann auf dem Gipfel oben die Flaschen gezogen werden, wie dies acht englische Alpinisten und Schweizer Führer am 30. August 1856 auf der Dufourspitze (4634 m) machten: «Out flew a couple of corks, and we drank to the Queen’s health.» Nicht zu viele Flaschen, wie Thomas Woodbine Hinchliff in seinem noch immer erfrischend lesbaren Buch «Summer Months among the Alps: with the Ascent of Monte Rosa» (1857) beschwichtigt, schliesslich brauchten sie einen klaren Kopf für den Abstieg. Die Kopfzeile über der Seite mit der zitierten Zeile lautet: «A PIC-NIC PARTY.»

Eines der höchsten Picknicks in den Alpen. Weiter unten und mit fester Nahrung liegen Picknicks natürlich auch drin, zum Beispiel in den Allgäuer Alpen. Ausschnitt aus «Himmelhorn» (2016), dem zehnten Kluftiger-Fall der Kultkrimi-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr: «Der Kommissar nahm seinen Rucksack vom Rücken, wühlte ein bisschen darin herum und fischte schlieβlich ein Paar Wiener, etwas Käse, einen Kanten Bauernbrot und eine Flasche Bier heraus. Ungläubig beobachtete ihn der Doktor dabei: ,Wenn Sie das alles essen, werden Sie keinen Meter mehr weiterfahren können.‘»

Kann Klufti selbstverständlich. Und wir ebenfalls. Vor allem müssen wir nach Frankfurt am Main fahren. Denn im dortigen Museum für angewandte Kunst hat Kuratorin Charlotte Trümpler das ganz grosse Picknick angerichtet. Ihre Ausstellung beschäftigt sich umfassend mit dem Phänomen Picknick und folgt der Faszination des Speisens unter freiem Himmel quer durch verschiedene Zeiten und Kulturkreise. Auf über 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erzählen Picknick-Utensilien unterschiedlichster Form, Machart und Herkunft, zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien (zum Beispiel diejenigen von Barbara Klemm), Filme (unvergesslich das Picknick von Grace Kelly und Cary Grant im Cabriolet hoch über den Dächern von Nizza) und Comics vom Variantenreichtum einer beliebten Tätigkeit.

Auf der Fahrt aber zum Frankfurter Picknick – oder beim Picknick auf dem Berner Falkenplatz – geniessen wir lesend die «Picknick-Zeit». So beispielsweise den satt machenden Beitrag von Volker M. Heins mit dem Titel «Die Revolution ist ein Picknick, keine Dinner Party». Bon appétit et à votre santé!

Charlotte Trümpler, Matthias Wagner K: Picknick-Zeit. Buchhandlung Walter König, Köln 2017, € 32.-

Die Ausstellung „Picknick-Zeit“ im museum angewandte kunst in Frankfurt am Main ist bis am 17. September 2017 zu sehen. Vielfältiges Rahmenprogramm, so am 1. August das Schweizer Picknick mit Raclette und Alphornklängen im Metzlerpark.
www.museumangewandtekunst.de/de/museum/ausstellungen/picknick-zeit.html

Ein Sommerabend auf dem Balkon

Der Balkon ist wohl zweihundert Meter lang, zwanzig breit. Phantastischer Blick auf die Berge und den See. Was will man mehr? Kleine Reise in die Vergangenheit.

27. Juni 2017

Wir sind dem Wasser entstiegen, wie einst das Leben. Kühl, trotz grosser Hitze. Schon beim Schwimmen haben wir hinaufgeschaut, hoch oben der Balkon, an die gelbgraue Wand geklebt, noch immer im Sonnenglast. Übermorgen ist der längste Tag. Und ich wollte das noch einmal erleben. Einen Sommerabend auf der Galerie. Wie damals, wie in unvergesslichen Tagen.
Das Thermometer bei den Eisenklammern am Zustieg zeigt noch immer dreissig Grad. (Wer hat das eigentlich an die Wand geklebt?) Kein Mensch zu sehen, ist ja wohl klar. Bei dieser Hitze! Trotzdem wundern wir uns, gab es doch eine Zeit, wo «mann/frau» sich traf, an Sommerabenden nach der Arbeit oder dem Baden. Damit es sich anfühlt wie damals, haben wir ein Auto gemietet. Sonst kommen wir im Sommer am Morgen, wenn der Balkon noch im Schatten liegt, die Wand dahinter ausgekühlt. Nur selten Kletterer am Werk. «Triathlon» nennen wir solche Expeditionen. Wir kommen mit dem Bus, wandern die Strasse hinab, klettern, wandern weiter zum Seeufer, Lago Mio, Sprung ins Wasser. Wandern, klettern, schwimmen.
Heute jedoch sind wir aus dem Wasser gekommen, während der ersten Route sind unsere Körper noch frisch. Dann staut sich die Hitze. Trotz Schatten. Roter Kopf, schweissige Hände. Wir bleiben allein. Ein Spinner wohl, der nicht anders kann. Läuft dem Vergangenen hinterher, mit seiner geduldigen Begleiterin. Engelsgeduldig. Doch alles muss stimmen. Und stimmt doch nicht. «Die alten Strassen noch …» Wir denken an die Freunde, Freundinnen, die jetzt anderswo sind. In einer Hütte, hoch im Gebirge vielleicht. Der Mürtschenstock im Abendlicht gegenüber, er steht wie immer. Bleibt uns treu, bleibt uns verbunden. Ein Satz fällt mir ein. «Melancholie ist die Schwester der Nostalgie.»
Dann wandern wir durch den Wald hinab, die Luft noch immer drückend, schwül. Hoffentlich keine Zecken, diesmal! Das Bad im See frischt auf. Dann noch eine winzige Enttäuschung. Die Küche im Lago Mio ist geschlossen, keine Bratwurst mehr auf dem Grill. Ein letzter Nussgipfel noch zum Bier, nicht ganz stilecht und schon ein bisschen trocken. Nochmals schwimmen, Kaffee. Dann ins Auto, heimwärts.

Gipfelziele

Es gibt Leute, die sammeln Gipfel wie andere Briefmarken. Viertausender die einen, Hügel die andern (zum Beispiel Pedro Lenz). Dabei geht es weder um Höhenmeter noch um Sinnfragen. Der Weg ist das Ziel. Virtuellen Gipfelstürmern genügt es auch, die Routenbeschreibung zu lesen und die Bilder zu betrachten.

21. Juni 2017

??.06.16
1st in 2016!
or, more likely, first who
could get the pen to work

Eintrag von R. B. (die ganze Unterschrift ist kaum lesbar) im Gipfelbuch des Nufenenstock (2866 m) in den westlichsten Tessiner Alpen, vielleicht genau heute vor einem Jahr geschrieben. Das vollständige Datum ist nicht mehr zu entziffern: Kleine „Gipfelbewohner“ konnten am Buch nagen, da der Gipfelbuchbehälter Löcher aufweist. Ich selbst trug mich am 22. August 2016 ein – eine Erkundungstour für die Neuauflage meines ersten Wanderführers „Gipfelziele im Tessin“, die Thomas Bachmann und ich gemeinsam erwandert und erarbeitet haben.

336 Seiten, 266 Farbfotos, 178 Gipfel, 88 Touren, 77 Hütten, 36 Routenskizzen, 11 Kapitel, 4 Jahreszeiten, 2 Autoren, 1 Sehnsucht. Gibt zusammengezählt 999 – also tausend Mal das Tessin. Von oben halb im Urnerland bis ganz unten zum südlichsten Gipfel und Ristorante der Schweiz. Von ganz links am Walliser Rand bis rechts gegen Italien. Vom höchsten Hoger, dem Rheinwaldhorn, bis zum tiefsten, dem Burghügel mitten in Bellinzona. Dieses Wanderbuch stellt mit viel Hintergrund und allen nötigen Infos Traumwege und -ziele in Helvetiens Sonnenstube vor. Damit wir dem auf der Alpennordseite doch immer wieder vermissten Himmelsgestirn etwas näher kommen, gibt es bei jeder Tour eben mindestens einen Höhepunkt zu erwandern. Anders gesagt: Vor der Pizza auf der Piazza immer noch ein Pizzo! Aber auch wer einzig am Lido von Ascona hocken oder gar nur vom Ticino träumen will, kommt mit diesem handlichen Führer weiter.

Der Schweizer Alpen-Club geht fremd. Zum ersten Mal in seiner 154-jährigen Geschichte veröffentlicht der SAC einen Führer für eine Region ausserhalb der Schweiz. Der neue Alpinwander-Führer „Ossola“ stellt 50 überaus lohnende Ein- und Mehrtagestouren im Dreieck Nufenenpass, Monte Rosa und Centovalli vor, mit der Stadt Domodossola als Angelpunkt. Die beiden bestens bekannten Autoren Remo Kundert und Marco Volken beschreiben vor allem Gipfel und Pässe, aber auch Schluchten und Hütten im wilden Stück Piemont zwischen den Kantonen Wallis und Tessin. Ein Terrain par excellence für wunderbar würzige Alpinwanderungen in den Schwierigkeiten T2+ bis T6-, präsentiert mit allen wichtigen Infos und wuchtigen Farbfotos. Und mit Hintergrundgeschichten zu Blumen und Walsern, zum Nationalpark Val Grande und Eiskessel des Monte Rosa, zu heiligen Bergen und vergessenen Transitrouten zwischen der Schweiz und Italien. Nichts wie los ins Ossola, das ja vor der Haustüre liegt – nur 1 Stunde und 38 Minuten braucht der Zug von Bern nach Domodossola. Mehr noch: Das Ossola verbindet den tiefsten und den höchsten Punkt der Schweiz – den Lago Maggiore und die Dufourspitze.

Auf sein Urteil ist Verlass! Auf Leslie Stephen, Erstbesteiger des Blüemlisalphorns, Verfasser des wegweisenden Alpenbuches „The Playground of Europe“ (1871) und Vater von Virginia Woolf: „Weder Chamonix noch Zermatt können sich, meiner Meinung nach, mit der Grossartigkeit und Genialität des Entwurfes des Berner Oberlandes messen.“ Und er dachte dabei natürlich an Eiger, Mönch & Schreckhorn. Aber zwischen Sanetsch- und Sustenpass erheben sich noch ein paar andere markante Gipfel. Das auf dem Beatenberg wohnende Führerpaar Sabine und Fredy Joss stellen im handlichen Alpinwander-Führer „Berner Oberland“ 40 meist unbekannte Gipfelzieltouren vor, mit Kärtchen, genauen Infos und tollen Fotos. Und im Anhang mit Hintergrundinfos zu Natur und Kultur. Aber aufgepasst: Wer schon beim Aufstieg zum Schloss Thun mit Atem- und Schwindelbeschwerden zu kämpfen hat, wird die hochspannenden, oft auch schwierigen Ausflüge aufs Spitzhorn bei Gsteig und aufs Spitzhorn bei Lauterbrunnen, auf den Roten Totz, das Rothorn oder den Rotstock nicht wirklich geniessen können.

Sommerzeit = Hochtourenzeit. Bei diesen Temperaturen wie jetzt während der Sommersonnenwende locken die ganz hohen Gipfel der Alpen erst recht, auch wenn die Nullgradgrenze über 4000 Meter steigt. Aber 0° ist nicht 30°, und am sehr frühen Morgen, wenn der über Nacht gefrorene Firn vielleicht gar noch unter den Steigeisen knirscht, wird man froh um Windjacke, Handschuhe und Mütze sein. Wie man nun am besten, sichersten und auch am gäbigsten auf über 4000 Meter hohe Gipfel kommt, zeigt uns Caroline Fink mit „Leichte 4000er Alpen. Die Normalwege auf 35 hohe Gipfel vom Dôme de Neige bis zum Piz Bernina“. Faszinierende Fotos, hautnah recherchierte Hintergrundtexte, meter- und minutengenaue bergtouristische Infos, Detailkarten und Höhenprofile machen den Führer zum idealen Begleiter für all die kühlen Höhen von A wie Aletschhorn (4193 m) bis Z wie Zumsteinspitze (4562 m). 35 hohe Gipfelziele werden vorgestellt, das sollte reichen für diesen Sommer. Und wenn nicht, dann können einige von ihnen im Frühling auch bestens mit Ski bestiegen werden.

Aber der Schweizer Schriftsteller Pedro Lenz wird wohl weder die Ski noch die Steigeisen an die Schuhe schnallen werden. Der Zeitschrift „Made in Bern“, die der „SonntagsZeitung“ vom 18. Juni 2017 beilag, verriet er: „Ich bin eher der Hügel- als der Bergtyp. Viertausender machen mich unruhig.“

Daniel Anker, Thomas Bachmann: Gipfelziele im Tessin. 88 Wanderungen zwischen Gotthard und Generoso. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 42.-

Marco Volken, Remo Kundert: Alpinwandern Ossola. Zwischen Lago Maggiore, Nufenenpass und Monte Rosa. SAC Verlag, Bern 2017, Fr. 49.-

Sabine und Fredy Joss: Alpinwandern/Gipfelziele Berner Oberland. Vom Saanenland bis zum Sustenpass. SAC Verlag, Bern 2017, Fr. 49.-

Caroline Fink: Leichte 4000er Alpen. Die Normalwege auf 35 hohe Gipfel vom Dôme de Neige bis zum Piz Bernina. Bruckmann Verlag, München 2017, Fr. 26.90.

Rund um den Mürtschen

Der Mürtschen ist unser Kailash, immer mal wieder wandern wir rundum. Ob’s zur Erleuchtung reicht, ist nicht sicher. Bestimmt aber zur Erbauung und Ermüdung.

19. Juni 2017

«Nach der 13. Umrundung des Kailash bekommt der Pilger Zutritt zur inneren Kora. Vorgebliches Ziel jedes Buddhisten sei es, den Kailash 108-mal zu umrunden. Wer dies schafft, der erlangt nach buddhistischer Lehre die unmittelbare Erleuchtung.» (Wikipedia.)
Wir sind keine Buddhisten und glauben an keine Heiligen, doch der Berg, an dessen Fuss wir 21 Jahre lang lebten (also heilige 3 mal 7 Jahre), ist und doch so etwas wie heilig geworden. Mindestens einmal im Jahr hinauf und einmal rundum, damals. Heute mit einem Freund aus Kolumbien, der gut zu Fuss ist. Seine tägliche Trainingsstrecke im 2640 Meter hohen Bogotà beträgt 400 Höhenmeter.
Durch Obstalden und rasch an unserem ehemaligen Haus vorbei, ein Blick in den Garten, der gepflegt erscheint und für Kinder mit allerhand Spielgerät ausgestattet, aber verlassen wie der Rest des Dorfes. Sonntagmorgen, schon wird es heiss. Der Aufstieg zum Glück zum Teil durch Wald, fällt auch leicht durch Gespräche, Erinnerungen. Lange Geschichten verbinden uns.
Im Beizli auf dem Hüttenberg meldet sich auch niemand auf unser Rufen, gern hätten wir Steffi begrüsst. Die Wähe steht bereit und duftet, eine Tafel verkündet, das Beizli sei offen ab irgendwann bis 18 Uhr. Vielleicht ist sie am Heuen in den Hängen oben, wo eine Mähmaschine rattert und wir einst unsere Schwünge in den Pulverschnee zogen.
Kleiner historischer Exkurs auf der Meerenalp für Damen aus Konstanz, deren Führer auch nicht weiss, dass hier Internierte Dienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg rodeten und Kartoffeln pflanzten. Staunend betrachten sie die eingemeisselte Inschrift auf einem Felszacken, wundern sich auch über den Fehler in der Rechtschreibung: Alprhodung.
Statt der Geschichte widmen wir uns dann der Botanik. Wie unterscheidet man Germer und gelben Enzian? Sie blühen noch nicht, dafür viel Knabenkraut und blauer Enzian und viel Weiteres, Buntes rund um den Robmen. Wie unterscheiden sich Arven und Föhren? Das ist später, gegen Obermürtschen, die Frage. Zur Mürtschenfurggel hin, dem höchsten Punkt der Wanderung, interessieren uns Gesteine. Kalk, Karst, Urgestein, Verrucano.
Die Wanderung rund um den Mürtschen ist ein Gang durch Naturwunder, eine Anbetung der Schöpfung in ihrem eigenen Namen, ohne Priester oder Heilige. Die Erleuchtung ist das Erlebnis selbst.
Nun also bergab, die Knie spüren es, doch die Stöcke bleiben im Rucksack. Wir schaffen das noch immer. Wir bewundern eine vielfarbige Viehherde, schwarz, braun, weiss, gross und klein, bunt gemischt, ein Symbol friedlicher Koexistenz. Unser freund filmt und freut sich am klingenden Konzert der Kuhglocken. Wenn den Auslandschweizer in Bogotà das Heimweh übermannt, wird er zum Smarthphone greifen und dem Glockengeläut der friedlichen Schweizer Kühe lauschen.
Kurze Rast im Beizli am Talsee, wo wir auch Susanne noch begrüssen können, die Mutter der Wirtin. Die mir auch noch das Du anbietet, eine Ehre für den Zu- und wieder Wegzüger. Der nun wieder wegzieht, mit dem Bus nach Näfels hinab, wo es im Kiosk feine einheimische Glacé gibt.