Dictionnaire amoureux de la Montagne

Die Franzosen lieben Wörterbücher. Die 35 Bände der «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers» erschienen von 1751 bis 1780 mit mehr als 70‘000 Artikeln. 219 Einträge umfasst Frédéric Thiriez’ «Dictionnaire amoureux de la Montagne», vom Duc des Abruzzes bis zu Léon Zwingelstein. Aus der Schweiz wurden ein Tourismusort, drei Gipfel und sieben Persönlichkeiten eingebunden, darunter auch der am 30. April 2017 verunglückte Ueli Steck.

7. Mai 2017

«Le problème des passions absolues, c’est qu’elles sont impossibles à vivre. Zwing, comme beaucoup, en est mort.»

Die Schlusszeilen beim 219. und letzten Stichwort eines 1006-seitigen Wörterbuches zum Berg – ein hartes Fazit. Hier fiel der absoluten (Berg)leidenschaft der Franzose Léon Zwingelstein zum Opfer, der zweimal alleine auf Ski die Alpen durchquerte und der am 13. Juli 1934 zusammen mit seinem Gefährten beim Abstieg vom Olan (3564 m) im Massif des Écrins vom Blitz erschlagen wurde.

Frédéric Thiriez, Jahrgang 1952, hat für die renommierte Reihe „Dictionnaire amoureux“ der Éditions Plon den Band über die Berge und den Alpinismus verfasst. Über 100 Bände umfasst die Kollektion; kürzlich erschien der Band zur Schweiz, und im Mai soll derjenige zum Leben herauskommen. Thiriez, von Hause aus Rechtsanwalt, hat zwei grosse Passionen: Fussball und Alpinismus. Von 2013 bis 2016 war er Präsident der Association des Ligues européennes de football, 1984 nahm er an der von Pierre Mazeaud geleiteten Expedition zum Hidden Peak teil.

219 Einträge umfasst der „Dictionnaire amoureux de la Montagne“, vom Duc des Abruzzes bis eben zu Léon Zwingelstein; dazu zahlreiche Anmerkungen, eine Bibliographie amoureuse sowie eine Inhaltsübersicht; was fehlt, ist ein Register zu allen im Werk erwähnten Personen, Gipfeln, Gebirgen etc. Spannende Einträge sind zu lesen, so – un peu à la française – zum Opinel-Messer, zu den Sentiers de Grande Randonnée, zu Mer et Montagne, wo Thiriez den Schriftsteller Victor Hugo zitiert, der von den Wellen als den Bergen des Ozeans und von den Bergen als den Wellen der Erde sprach. 17 Gipfel erhielten die Ehre eines eigenen Eintrages, darunter aus der Schweiz, nicht ganz überraschend, Eiger, Matterhorn und Jungfrau. Nur drei Tourismusorte der Alpen sind berücksichtigt: Chamonix und Zermatt selbstverständlich, und die Retortenskistation Les Arcs.

89 Personen sind ausführlich beschrieben, davon nur 6 Frauen; immerhin sind unter dem Stichwort „Femmes“ noch weitere Alpinistinnen zu finden. Gut die Hälfte der näher vorgestellten Personen stammen, auch das nicht wirklich eine Surprise, aus Frankreich. Von der Schweiz sind sieben Namen zu nennen: Vier Schriftsteller, ein Skifahrer und zwei Alpinisten. Albrecht von Haller, Jean-Jacques Rousseau, Rodolphe Töpffer, Charles Ferdinand Ramuz sowie Sylvain Saudan, le skieur de l’impossible. Und die beiden Bergsteiger? Einerseits Horace-Bénédict de Saussure, der berühmte (Alpen)forscher aus Genf, Drittbesteiger des Mont Blanc anno 1787, Wegbereiter des Alpinismus. Und andererseits Ueli Steck, eingebettet zwischen den Stichworten „Solitaire“ und „Stephen, Leslie“. Einen besseren Platz hätte Ueli kaum finden können.

Frédéric Thiriez: Dictionnaire amoureux de la Montagne. Éditions Plon, Paris 2016, € 27.- www.plon.fr

Frühjahrsreise

Eine Frühjahrstour hat viele Gesichter. Um ein Bergeck wechselt manchmal die Jahreszeiten und mit dem Wetter die Landschaft. Frühjahrstouren begegnen einem häufig anders als man sie geplant hat, sie sind stiller und länger. So auch kurz vor Ostern, vor und über meiner Haustür.

3. Mai 2017

Nach dem Sichelchamm verbrachten wir die Nacht bei den Tscherler Ahore, hoch über dem Walensee und fern unter den Sternen. Ich lag dort unter dem Dach einer mächtigen Fichte und lauschte noch in der späten Dämmerung dem Gesang der Vögel. Erst irgendwann in der Dunkelheit merkte ich, dass auch sie verstummt waren. Nach und nach hatte jeder von ihnen einen letzten Träller gepfiffen, sich dann geplustert und den Kopf zwischen die Federn gesteckt, irgendwo auf einem Ast, vielleicht auch über mir, im selben Haus der mächtigen Fichte.

Unser Tag war lang gewesen. Über Casalta waren wir mit schwerem Gepäck, langsam aufgestiegen und später schlendernd über den Chnorrengrat zum Gipfel balanciert. Der Himmel war dabei meist bedeckt und es ging ein Wind, der empfindlich kalt war und am Grat in scharfen Böen blies. Zum Abend hatte es aber aufgeklart und der Walensee lag tief unter uns als Band, in dem sich auch im Schatten noch ein violettes Licht vom Abendhimmel spiegelte.

Die Nacht blieb still und klar bis die Vögel erwachten, die Dunkelheit der Dämmerung wich und wir aufbrachen. Die Birkhähne balzten um uns, mal näher, mal weiter weg und die Sonne überzog die Gipfel im Süden mit ihrem ersten Licht. Der Tag versprach viel. Kurz vor der Grathöhe der Niederi stiegen wir nach links auf die Grasbänder des Tscherler Raupfades, die uns in die Südwände leiteten, in die Welt der Gämsen, Steinböcke und längst verstorbenen Wildheuer.

Das Queren auf dem Raupfad war ein Kurven durch Runsen und um Rippen, stets einige Meter über dem Abbruch der Wand. Das Gras war vom grade erst weggetauten Schnee noch flach gedrückt und mit Erde überronnen und jeder Tritt darauf musste erst gewählt, dann gesetzt und noch vor Belastung entschieden oder verworfen werden. Als wir das wage, steile, noch nicht gewachsene Gras verlassen konnten, stiegen wir über feste, einfache Felsen hinauf und querten dann in einem Bogen weit nach links, um von dort die Wand besser in Augenschein nehmen zu können. Die Sonne war inzwischen zum Lichtspiel geworden. Mal heller, mal dunkler wurde es und mal klarer, mal verschwommener zeichnete sich auch die Wand vor uns ab, Nebel umflogen den Tristencholben.

Am Einstieg war der Fels noch warm von der morgendlichen Sonne, doch mit den Längen wurden die Nebel dichter, die Wand steiler und der Fels kälter. Wind kam auf. Aus der weiten, hohen Wand verschwanden wir in eine kleine Welt, in der es nur uns und steilen Fels gab. An grossen Griffen und Tritten stiegen wir nahe einer stumpfen Kante empor, wie kühne Eindringlinge an einer Festungsmauer, verschnauften auf Simsen und in Fensternischen und waren doch, während das Lichtspiel immer schwächer und das Grau immer dichter wurde, fern von jeglicher Welt.

Am Gipfel war Stille. Wir sassen wie auf einer kleinen Insel aus Steinen und Gras. Das dünne Steiglein, an das ich mich erinnerte, war unter nassem, sehr steilem Schnee verborgen, der unten über die Klippen abbrach. Vom Abseilhaken, an den ich mich ebenfalls erinnerte, war erst nichts zu finden. Auf der Nordseite des Gipfelfelsens gruben wir ihn schliesslich aus dem Schnee, fädelten das Seil hindurch und warfen die Enden in den Nebel hinaus, wie einen Anker in eine trübe See. Zweimaliges Abseilen brachte uns an den Fuss des Gipfelturms und weil uns der feuchte, sehr steile Schnee in der Südschlucht nicht geheuer war, wandten wir uns dem Rücken gegen die Rosenböden zu. Das Weiss, dass nun rundum vollkommen war, wurde manchmal blendend hell, dann wieder matt, als drehe jemand an einem stufenlosen Lichtschalter. Wir folgten den Markierungsstangen eines langsam in sich zusammensinkenden Winterwanderwegs bis zu jener Stelle, wo man nach Norden absteigen kann. Kugeln von etwas hellerem Weiss rollten von unseren Tritten weg durch das mattere Grau und verschwanden. Wir hielten nach rechts und kamen schliesslich in flacheres Gelände, in dem das Vorwärtsstapfen schwerer ging. Im tiefen nassen Schnee, blind und wie durch zähes Wasser schwimmend, mühten wir uns ostwärts, indem wir den Fuss des Hanges durch Ertasten der Neigungen beibehielten. Irgendwann trafen wir auf eine alte Schneeschuhspur, folgten ihr, stiegen auf und traten endlich, wie nach langer Überfahrt, ans Ufer des Schnees, auf den Pass der Niederi. Hier liessen wir uns auf dem trockenen Gras nieder, legten die nassen Garmaschen ab und tranken die letzten Schlucke Wasser.

Die Nebel bildeten eine tiefe Flucht, wenig über unseren Köpfen, als wir den Zickzack des Pfades hinabstiegen, weit hinab. Ab der mächtigen Fichte am Waldrand mit schwerem Gepäck. Jeder Schritt war ein Fallenlassen und ein dumpfes Auffangen, es wurde milder und grüner. Hinab und weiter hinab fielen wir Schritt für Schritt, hinab bis auf den Seeztalboden, der irritierend eben, uns auf einmal nicht mehr weiter fallen liess.

Aus der Nacht waren wir in den sonnigen Morgen gestiegen, über Grasbänder hoch in die Wände hinausgequert, waren von dort in die Stille der Wolkenburgen geklettert und hatten schliesslich durch ein grosses Nichts wieder zurückgefunden in einen milden Frühlingsabend, ins Tal.

Alpen-Blicke

Frisch und frech, munter und mahnend. Und stark, ganz stark. Ein Bildband über die Alpen, einer von vielen und doch ganz anders, wie die begeisterten Adjektive unseres Rezensenten belegen, der schon unzählige Bücher dieses Genres gesehen, begutachtet und besprochen hat. Fotograf Hans-Peter Jost hat lange im Ausland gelebt – vielleicht ein Grund für seinen scharfen und kritischen Blick auf die Alpen.

28. April 2017

Berge sind nicht zum Schmusen da.
Berg ist Berg.
Ende der Durchsage.

Und Ende eines Textes in einem aussergewöhnlichen Fotobuch zum Berg. Zum helvetischen Berg. Zum urschweizerischen Gebirge: zu den Alpen. Hans Peter Jost hat sie fotografiert, hält sie fest auf 240 Fotografien. Und wenn wir diese angeschaut, bewundert und verglichen, wenn wir auch die klugen Texte von Mario F. Broggi, Erwin Koch, Helmut Scheben und Emil Zopfi gelesen haben, müssen wir feststellen: Obwohl der Berg schon Berg ist, ist er doch zum Schmusen da. Zum Besteigen und Befahren. Zum Bepflanzen und Bebauen. Zum Beschiessen und Belöchern. Zum Bejodeln und Bewerben. Und zum Fotografieren. Das Titelfoto von Josts „Alpen-Blicke.ch“ zeigt fotografierende und picknickende Touristen auf dem Eggishorn, mit dem Aletschgletscher, der ruhig und quer durch Bild und Landschaft fliesst. Auf der Rückseite blickt eine Kuh verwundert zu zwei Wanderern, die auf der Furkapass-Strasse flanieren – wenigstens scheint es so, denn die Kuh ist aus Kunststoff.

Berg ist also nicht Berg, obwohl das Valentin Sicher, Sicherheitsbeauftragter der Transtec Gotthard, im Text „Der Tunnel, die Widerlegung der Alpen“ behauptet. Aber er hat berufsbedingt einen andern Blick als der Fotograf. Und dieser hat die Alpen der Schweiz draussen und drinnen, im Gebirge selbst, aber auch in der Stadt, bei den Berglern und bei den Bergreisenden, vom Panorama bis zum Detail mit seiner Kamera erfasst. Und legt diese Bestandsaufnahme nun unter den vier Stichworten Heimat, Energie, Freizeit und Tourismus vor. Fröhlich und traurig stimmende Fotos, zum Nachdenken und Schmunzeln anregend, zum Kopfschütteln, aber in beide Richtungen. Stark, ganz stark.

Entstanden ist eine ebenso überraschende wie vielfältige Mischung aus Persönlichem und Umfassendem. Kraftwerk trifft auf Kraftort, Horden auf Heimat, Ökologie auf Ökonomie, Kuh im Hauptbahnhof Zürich auf Kuh am Schlager-Openair „Der Berg bebt“ auf dem Flumserberg. „Man muss sich fragen, ob der Erlebnismarkt noch Grenzen kennt, oder ob der Umbau der Alpen zum Disneyland beschlossene Sache ist.“ Das fragt sich Helmut Scheben zur Gegenwart und Zukunft des urschweizerischen Gebirges. Wie trist aber auch die Vergangenheit sein konnte, schildert Erwin Koch mit einem Porträt der letzten Winterwartin auf dem Pilatus. Und Emil Zopfi blickt mit „Die Kaffetasse im Stausee“ weit über den Horizont.

Augenblick mal! ruft der Bildband „Alpen-Blicke.ch“ von Hans Peter Jost uns zu, frisch und frech, munter und mahnend. Die letzte Foto zeigt den gross angeschriebenen Exit durch Drehkreuze an der Gornergratbahn, jenseits der Sperre warten eine rote Kuh mit Schweizer Kreuzen und Wolli, das Maskottchen von Zermatt, und ganz hinten stehen Dent Blanche und Obergabelhorn, still und stumm. Welcome im Playground of Switzerland!

Hans Peter Jost: Alpen-Blicke.ch. Heimat, Energie, Freizeit, Transit. Mit Beiträgen von Mario F. Broggi, Erwin Koch, Helmut Scheben und Emil Zopfi. Scheidegger & Spiess, Zürich 2017, Fr. 59.-. www.scheidegger-spiess.ch

Buchvernissage von Hans Peter Josts Alpen-Blicke.ch am Samstag, 29. April, um 19 Uhr im Alpinen Museum, Bern, moderiert von Katharina Conradin, Geschäftsleiterin von mountain wilderness Schweiz.

Passend zu diesem Alpen-Blick auf die Schweiz sei auf zwei laufende Ausstellungen hingewiesen. In der Fotostiftung Schweiz in Winterthur ist noch bis am 7. Mai 2017 die Ausstellung „Fremdvertraut. Aussensichten auf die Schweiz“ zu sehen; www.fotostiftung.ch

Das Museum für Gestaltung in Zürich zeigt bis am 9. Juli 2017 „Macht Ferien“ mit Tourismusplakaten zur Schweiz aus der eigenen Sammlung; www.museum-gestaltung.ch

Noch in weiter Ferne, doch der nächste Winter kommt bestimmt bzw. ist Ende April 2017 schon mal bis ins Flachland zurückgekommen:
In BSINTI, dem Ort für Kultur und alpine Fotografie in Braunwald, sind vom 16. Dezember 2017 bis zum 2. April 2018 die „Alpen-Blicke.ch“ von Hans Peter Jost zu sehen; www.bsinti.ch

Der Krallgriff

Alles hat seine Geschichte, selbst ein winziger Griff im Fels. Ein Wieder-Ertasten im steinernen Mikrokosmos.

25. April 2017

Ein Griff ist ein Griff ist ein Griff. Gertrude Stein lässt grüssen (eine Rose ist eine Rose…). Dieser Wand ist aus Stein, doch hier wachsen keine Rosen. Allenfalls Hauswurz oder Habichtskraut. Den Griff hat einst meine Tochter entdeckt, mehr als ein Vierteljahrhundert ist’s her. Wir rangen um die Route und diese Stelle war die Crux. Hoch oben in der Wand der Halbmondgriff, den zu erreichen das Problem darstellte. Höher noch als der Mond am Himmel, so erschien er uns, so unerreichbar. Links ein abschüssiger glitschiger winziger Tritt, auf dem selbst eine Fliege den Halt verlieren würde. Wir versuchten es trotzdem, versuchten es, versuchten es und suchten, suchten. Bis meine Tochter diese winzige scharfe Braue aus Stein entdeckte, das heisst, ertastete, die wir in der Folge Krallgriff nannten. Ihre etwas zierlichen Finger passten in die Vertiefung hinter der steinernen Braue. Ich konnte meine Fingerkuppen auf die feine Kante pressen, so dass es schnitt und schmerzte aber für ein paar Sekunden Halt gab. Gerade so lange, bis ich mit etwas Dynamik hochschnellen, den Halbmond packen und einen kräftigen Seitenzug anschliessen konnte.

Damals entwickelte ich eine ganz neue Beziehung zum Fels, zum Stein. Statt den grossen Linien, den Graten und Pfeilern und Wänden begann mich der Mikrokosmos zu interessieren, die Feinstruktur, die beim Klettern zur Partitur wird. Melodie, Musik, Rhythmus, Tanz. Den Griffen und Tritten einer Crux Namen geben, hat einmal ein Kletterdidaktiker empfohlen. So kann man sich die Abläufe einprägen, die Partituren. Die Wand wird zum Text, zur Notenschrift aus Stein.

Wie oft habe ich diesen Krallgriff schon ertastet, mich an ihn gekrallt, jedes Mal wohl an meine Tochter gedacht, die jetzt gerade mit ihrem Partner und ihrem kleinen Mädchen nach Sardinien fliegt. Nein, nicht zum Klettern. So, wie das Leben halt spielt.

Ich nun spiele das Spiel an der Wand. Die Partitur, Krallgriff, abschüssiger Tritt, Dynamo, Halbmond, Seitenzug, Untergriff und dann an die Schuppe. Man hat mich gefilmt, fotografiert auf dieser Route. Doch vor einigen Wochen, da war es so weit, dass ich den Krallgriff nicht mehr krallen mochte. Es ging nicht, ich brach einen Fingernagel. Es half nichts. Der Anfang vom Ende, dachte ich. Ich schaffte die Route nicht mehr. Hatte wochenlang Alpträume, stellte mir in schlaflosen Nächten vor, wie ich da stehen würde, nochmals den Griff ertasten, nochmals versuchen den Halbmond zu erreichen, nochmals scheitern. Einmal ist es so weit, unweigerlich, es ist unvermeidlich. Der Himmel ist zu hoch für dich geworden.

Jetzt taste ich nach der Kante und sie will mir noch kleiner, noch feiner vorkommen als je. Unmöglich, denke ich, vielleicht ist da etwas abgebrochen oder gebröckelt. Ich taste nach der besten Stelle, drücke die Finger hinein, dass ich fast schreie vor Schmerz, aber ich gebe nicht auf, strecke mich, halte den Halbmond, den Untergriff, die Schuppe. Noch geht es, es geht noch. Bis zum nächsten Mal.

Pellegrina delle Alpi

Liebe auf den ersten Blick am Mer de Glace. Was nach einer Alpenschnulze à la Louis Trenker klingt, ist der Beginn einer Ehe und Seilpartnerschaft eines der stärksten (und vielleicht auch schönsten) Kletterpaare der Alpingeschichte. Da kann man nur hoffen, dass die Bücher von und über Gabriele Boccalatte und Ninì Pietrasanta bald auch auf Deutsch erscheinen. Sonst einfach wie der Blitz Italienisch lernen!

„Piccoli rifugi di fortuna incustoditi, baracche sepolto, d’inverno, sotto una coltre di neve, io non posso senza una certa tenerezza ricordarmi di quando m’accoglieste alla vigilia d’un’ascensione pericolosa, o al ritorno da un’impresa superata.”

So beginnt Ninì Pietrasanta das Hütten-Kapitel in ihrem 1934 erstmals veröffentlichten Buch „Pelligrina delle Alpi“ – die Pilgerin der Alpen gehörte in den 1930er Jahren zur italienischen Kletterelite und war eine der wenigen Alpinistinnen, die über das Bergsteigen schrieben. Und nicht nur über grosse Tage am Berg, sondern auch über kleine Hütten, die Geborgenheit verschaffen am Abend vor einer gefährlichen Tour oder bei der Rückkehr einer solchen, „come una buona madre“. 1937 war Ninì Pietrasanta (1909–2000) selbst Mutter des kleinen Lorenzo geworden, und so begleitete sie ihren Mann Gabriele Boccalatte (1907–1938; Absturz in der Südwand der Aiguille de Triolet) nicht mehr auf den schwierigsten Fahrten, wie beispielsweise die Erstdurchsteigung der Südwand der Aiguille Noire de Peuterey am 1. August 1935. Am 18. Juli des gleichen Jahres hatte das Paar gar einen Versuch am noch unbegangenen Walkerpfeiler der Grandes Jorasses gewagt, doch ein Wettersturz zwang sie zum Rückzug ins kleine Refuge de Leschaux.

Also in diese Hütte, mit der ihre Liebe begonnen hatte. Am 9. Juli 1932 war Boccalatte mit Renato Chabod ins Refuge de Leschaux aufgestiegen, um die Nordwand der Grandes Jorasses anzugehen, damals eines der letzten drei Probleme der Alpen, neben den Nordwänden des Matterhorns und des Eigers. Aber schlechtes Wetter verhinderte einen ernsthaften Einstieg. Am 14. Juli stiegen die beiden zwecks Proviantnachschub nach Chamonix ab. Dort trafen sie ihren Tourengefährten Pietro Ghiglione, der von Turin mit zwei Frauen angereist war, mit Ninì Pietrasanta und einer Freundin von ihr. Zum gemeinsamen Mittagessen gesellten sich noch weitere italienische Bergsteiger, so Giusto Gervasutti und Piero Zanetti. Anderntags kehrten die Männer in die Leschaux-Hütte zurück, während die Frauen nach Montenvers gingen, den berühmten Aussichtspunkt über dem Mer de Glace. Auf einer kleinen Tour am 17. Juli verletzte sich Gabriele am Kopf; um verarztet zu werden, stieg er nach Montenvers ab – wo er Ninì trifft, die ihm einen Verband anlegt. Et voilà! Chabod wird in sein Tourenbuch notieren: „Fra la Ninì e Gabriele vi è stato il classico coup de foudre.“ Am 18. Juli wandern die Zwei zusammen ins Refuge de Leschaux. Und am 19. Juli machen sie zusammen mit Chabod, Ghiglione und Zanetti die erste Besteigung einer Granitnadel im gezackten Kamm der Périades gegenüber der Leschaux-Hütte – seither heisst die Nadel Pointe Nini (3455 m).

Diese schöne Geschichte findet sich im prächtig mit zeitgenössischen Fotos illustrierten Buch „Oltre la vetta. Vita e imprese di Gabriele Boccalatte e Ninì Pietrasanta“ von Dante Colli. Und wo findet man die zwei Bücher von bzw. über Ninì? In Milano zum Beispiel, in der Libreria Monti in città am südlichen Rand der Innenstadt unweit der Porta Romana. Es lohnt sich, diese kleine Bergbuchhandlung voller Bücher, Zeitschriften und Karten zu besuchen. Mehr noch: Es gibt auch ausgesuchte Weine aus dem Gebirge zu kaufen. Ein feiner Tropfen kann den Abend in einem piccolo Rifugio noch gemütlicher machen.

Ninì Pietrasanta: Pellegrina delle Alpi. Club Alpino Italiano, Milano 2011, € 22.- Faksimile der Erstausgabe von 1934.

Dante Colli: Oltre la vetta. Vita e imprese di Gabriele Boccalatte e Ninì Pietrasanta. Nuovi Sentieri Editore, Belluno 2016, € 35.-

Libreria Monti in città, Viale Monte Nero 15 in Milano. A due passi da Porta Romana, rund 25 Min. zu Fuss südöstlich des Duomo. www.libridimontagna.net

Die Alpen – whatsalp

In einem «Weckruf» plädiert Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, für die «Wiederentdeckung heimischer Wildnis». Stopp der Vielfliegerei im UNO-Jahr des nachhaltigen Tourismus. Da kommt der besprochene Bildband gerade recht, lenkt er doch unseren Blick wieder einmal auf die gewaltige Naturschönheit vor unserer Haustür. Die man auch noch zu Fuss durchqueren kann: whatsalp, von Wien bis Nizza.

14. April 2017

„Vor den Alpen, die in der Entfernung von einigen Stunden hieherum sind, stehe ich immer noch betroffen, ich habe wirklich einen solchen Eindruck nie erfahren, sie sind eine wunderbare Sage aus der Heldenjugend unserer Mutter Erde und mahnen an das alte bildende Chaos, indes sie niedersehn in ihrer Ruhe, und über ihrem Schnee in hellerem Blau die Sonne und die Sterne bei Tag und Nacht erglänzen.“

Schön gesagt von Friedrich Hölderlin. Ist ja auch schon ein paar Jahrzehnte her, dass er die Alpen erblickt hat. Aber seine Betroffenheit ist immer noch verständlich und nachvollziehbar, ob man jetzt die Alpen eher von fern oder nah erlebt. Am Gründonnerstag zum Beispiel, auf dem Winterhorn über dem Gotthardpass, dieses blendende Weiss noch fast ringsum, all diese Gipfel zwischen Mönch und Torent Alto, wo der südlichste Gletscher des Tessin dahinschmilzt. Und zu Füssen das schwarze Band des berühmtesten Passes über die Alpen, noch gesperrt für die Autofahrer, aber die ersten Radfahrer durchmessen Landschaft und Geschichte, sausen hinunter nach Hospental, wo die letzten Skifahrer, ihre Gleitgeräte auf den Rucksack gepackt, über die alte Steinbrücke dem Gasthaus St. Gotthard zustreben.

Die Alpen! Naturerlebnis, Kulturgut, Sehnsuchtsort. So lautet der Untertitel des Bildbandes von Detlev Arens über die Alpen, in dem ich das Zitat von Friedrich Hölderlin fand. Andere stammen von Ludwig Hohl, von Arthur Schopenhauer. Das grossformatige Werk schildert die Alpen (fast) in ihrer ganzen Vielfalt, in den drei grossen Kapiteln Alpennatur (mit Geologie, Seen und Flüsse, Fauna und viel Flora), Alpengeschichte (vom Ötzi bis zum Gotthard-Basistunnel) sowie Die Alpen heute – Faszination und Gefährdung (Verstädterung, Architektur, Alpwirtschaft, Wasserkraft, Nationalparks, Tourismus und Alpinismus). Das alpine Chaos, sauber geordnet, schön illustriert; Schwerpunkte da, Vernachlässigung dort – verständlich, denn die ganze Vielfalt lässt sich nicht in ein Buch pressen. Nur bei der Bildlegende zur Semmering-Bahn ist ein Unglück passiert: Die Foto zeigt das Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn. Nun, beide Linien gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und: Obwohl ein Buch eines deutschen Autors in einem deutschen Verlag, hören die Alpen nicht hinter dem Mont Blanc auf – die französischen Alpen und die italienischen Westalpen werden schon auch berücksichtigt. Der Alpenbogen erstreckt sich ja bekanntlich von Wien bis Nizza.

Und genau diese Strecke wird in diesem Jahr erwandert – wieder erwandert. Von Juni bis September 2017 durchquert nämlich die Wandergruppe „whatsalp“ die Alpen von Ost nach West. Vor 25 Jahre ist die Wandergruppe „TransALPedes“ von Wien nach Nizza marschiert und hat dabei den Zustand der Alpenregionen dokumentiert – mehr noch: diese untereinander vernetzt. Nun will „whatsalp“ sichtbar und erfahrbar machen, wie sich die Alpen seit dieser Zeit verändert und welche Spuren Menschen und Naturereignisse in der Landschaft hinterlassen haben. Als Projektpartner begleiten CIPRA International und die Alpeninitiative die Reise. Über die Erlebnisse und Begegnungen auf der Wanderung wird fortlaufend auf www.whatsalp.org und www.cipra.org berichtet.

Entlang der Route finden zahlreiche Veranstaltungen zu aktuellen Themen und Treffen mit Menschen vor Ort statt. Auf Initiative des Jugendbeirats der CIPRA und weiterer Partner bekommt die Wandergruppe mit dem Projekt „whatsalp-youth“ jugendliche Verstärkung. Mehr noch: Interessierte Personen, Institutionen und Organisationen sind dazu eingeladen, sich entlang der Wanderroute mit „whatsalp“ zu treffen, ein Stück des Weges mitzuwandern und Veranstaltungen zu initiieren. Über die Auf- und Abstiege und die Weglängen gibt der Routenplan auf www.whatsalp.org Auskunft. Auch das Buch von Arens regt zum Mitwandern an; zum Mitnehmen ist es allerdings zu gross und zu schwer.

Detlev Arens: Die Alpen. Naturerlebnis, Kulturgut, Sehnsuchtsort. Edition Fackenträger Köln 2016, Fr. 54.-

Weltgeschichte in 500 Wanderungen

Wer die 500 Wanderungen dieses Buches schafft, darf sich sicher in der SAC-Zeitschrift «Die Alpen» in der Rubrik «Berg verrückt» verewigen. Jedes grosse Unternehmen beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt: Vielleicht auf dem Heidiweg bei Maienfeld. Den Rest kann man ja auch im Sofa lesend noch nachholen. In Englisch, Französisch oder Italienisch. Man hat ja nie ausgelernt.

8. April 2017

Un circuito di 6,5 km ispirato alle avventure immaginarie della ragazzina di montagna narrate da Johanna Spyri nell’omonimo romanzo del 1881.

Der Heidiweg in Maienfeld ist die 374. Wanderung, die Sarah Baxter in ihr Buch „History of the World in 500 Walks“ aufgenommen hat, und zwar im fünften Kapitel, das Fusstouren aus dem und zum 19. Jahrhundert beschreibt und auflistet. Genau das ist das Spannende und Überzeugende an diesem 400-seitigen, mit Fotos und Kartenskizzen illustrierten Werk. Natürlich wurde der Heidiweg als solcher erst im 20. Jahrhundert erfunden, als es darum ging, die Geschichte von Heidi auch im Ort zu vermarkten, wo der weltberühmt gewordene Roman von Johanna Spyri spielt. Das tut er aber 1881 – deshalb platzierte ihn Sarah Baxter auf Seite 301. Begleitet wird er dort vom 172 km langen GR 21 in der Normandie, der sich von Le Tréport bis Le Havre erstreckt, also bis in den Hafen, wo Claude Monet 1872 sein epochales Gemälde „Impression soleil levant“ schuf. Ebenfalls auf dieser Seite: der 270 km lange William Wordsworth Way im englischen Cumbria und die Hochtour zum Snaefellsjökull auf Island, wo Jules Verne 1864 die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ansetzte.

Kurz: In diesem Buch geht es um mehr als ums Nur-Wandern. Und das auf der ganzen Welt, vom Cerro Roraima im Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana (Nr. 1) über den Monte Tiscali in Sardinien (Nr. 77), den Gemmipass (Nr. 160) und den 2012 geschaffenen Peaks of the Balkans Trail zwischen Albanien, Kosovo und Montenegro (Nr. 491) bis zum Sentiero Mamang im Parco nazionale del fiume Fitzgerald, Australia Occidentale (Nr. 500). Dass ich den Heidiweg aus der italienischen Ausgabe zitiere, liegt daran, dass ich Sarah Baxters Buch am vergangenen Mittwoch in der Libreria La Feltrinelli an der Via Roma in Cagliari entdeckte.

Und: Wer schon auf dem Heidiweg zu stark ins Keuchen kommt, kann sich auf den 22. Juni 2017 freuen. An diesem Tag erscheint Baxters „History of the World in 500 Railway Journeys”.

Sarah Baxter: History of the World in 500 Walks. Aurum Press, London 2016. Storia del mondo in 500 camminate. Rizzoli, Milano 2017. L’histoire du monde en 500 marches. Arthaud, Paris 2017.

Sonnenlüfte atmen

Beim Wandern spielt der Atem bekanntlich eine grosse Rolle. Wenn es dann gar Sonnenlüfte sind, die einem die Lungen und das Herz füllen, dann befindet man sich in der Ostschweiz. Jedenfalls befand das Meister Hermann Hesse, der in der Gegend Fussabdrücke und literarische Spuren hinterlassen hat. Seinen und jenen von über fünfzig andern Autorinnen und Autoren folgen Christa und Emil Zopfi (bekannt auch als Webmaster von bergliteratur.ch) auf fünfzehn literarischen Pfaden.

29. März 2017

 

„Der nahe Säntis stand mit bläulichen Schatten uns gegenüber, weiter jenseits des Rheintales die Tiroler und Graubündener Berge und das Vorarlberg. Mit Befriedigung sahen wir die ganze Gegend um unseren Wohnort her in trübem Dunst verborgen, während wir, in die Bergklarheit entronnen, schleierlose Fernen sahen und Sonnenlüfte atmeten.“

Wer jetzt noch keine Frühlingslektüre hat, für drinnen oder draussen: Hier ist sie. Das neue literarische Wanderbuch von Christa und Emil Zopfi, diesmal ein paar Schritte fern ihrer Heimat, also nicht Glarnerland, St. Galler und Zürcher Oberland, sondern direkt daran anschliessend die beiden Appenzell und drum herum sankt-gallische Regionen wie das Toggenburg. „Sonnenlüfte atmen“ heisst das jüngste Werk der Zopfis: Was für ein verlockender Titel! Wo sie ihn gefunden haben, steht im Eingangszitat, hier und im Wanderbuch: In den „Reisebilder“ von Hermann Hesse. Ja, er hat nicht nur das Tessin und die Collina d’Oro bei Lugano verewigt, sondern auch Hügel in der Ostschweiz, den Gäbris ob Gais, die Ebenalp im Alpstein. Spuren verstorbener Dichter – und noch lebender – ist das Ehepaar Zopfi gefolgt: Auf der Wanderung von Gais nach Altstetten im Rheintal unten begegnen wir der 88-jährigen Schriftstellerin Helen Meier. Vor ein paar Tagen war bekannt geworden, dass sie den Kulturpreis 2017 des Kantons Appenzell Ausserrhoden erhält; die Preisübergabe findet am 24. Mai an einer öffentlichen Feier in Trogen statt.

Wer jetzt noch keine Frühlingslektüre hat, hier ist sie, und das gleich dreifach. Erstens erfreut es Geist und Gemüt zu erfahren, auf welchen Dichterpfaden Christa und Emil unterwegs waren. Zahlreiche bekannte und vergessene Autoren und Autorinnen haben sie begleitet – und werden uns begleiten: Niklaus Meienberg, Elisabeth Gerter (sie geniesst die Sonne auf dem Titelbild), Thomas Hürlimann, Eveline Hasler, Ulrich Bräker, Angelika Wessels, Robert Walser, um nur ein paar von über 50 zu nennen. Am Schicksal von Landesverrätern und Mördern, Heim- und Waldarbeitern, Bauernfamilien und des Wetterwart-Ehepaars auf dem Säntis nehmen wir lesend teil, dabei auch die Ostschweiz kennenlernend. Zweitens macht uns das 362seitige, klug mit alten und neuen Fotos illustrierte Werk neugierig und gluschtig, Bücher der vorgestellten Dichter endlich oder wieder mal zu lesen: zum Beispiel „Die Molkenkur“ von Ulrich Hegner oder „Die Speiche“ von Friedrich Glauser. Und drittens wissen wir nun, wo wir in diesem Jahr ganz sicher Sonnenlüfte atmen werden: in der Ostschweiz, auf einer der vorgestellten 15 Wanderungen. Alle sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und in einem Tag durchführbar, können aber auch zu mehrtägigen Touren verbunden werden. Dazu gibt es verlockende Tipps zu Einkehr- und Unterkunftsmöglichkeiten. Und dann erleben wir hoffentlich einen Sommerabend, wie ihn Glauser beschreibt:

„Auf dem Abhang, der hinter dem Hôtel zum Hirschen in die Höhe stieg, stand, mitten in der Wiese, eine mächtige Linde. Es war zehn Uhr vorbei, und doch schien es, als fiele es dem Tag schwer, der Nacht zu weichen. Immer noch war die Luft durchsetzt von staubfeinen Lichtteilchen, und eine Wolke überm Bodensee sah aus wie ein dicker Mann, der zur Feier der Sonnenwende eine dunkelrote Weste angelegt hat, die sich faltenlos über seinen Bauch spannt.“

Christa und Emil Zopfi: Sonnenlüfte atmen. Literarische Wanderungen in der Ostschweiz. Appenzell – St. Gallen – Alpstein. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 42.- www.rotpunktverlag.ch

18. Mai 2017, 20 Uhr. Stadtbibliothek Wil SG: Buchpremiere „Sonnenlüfte atmen“ von und mit Christa und Emil Zopfi. 19 Uhr Altstadtführung mit Max Peter Ammann zum Roman „Die Gottfriedkinder“.

Zum Frühwerk von Max Frisch

Der Frisch, der Berg, die Frau. So einfach ist das Frühwerk von Max Frisch wohl nicht zusammenzufassen. Er selbst hat sich ja von einigen Texten aus jener Zeit distanziert, als er noch ein tüchtiger Wanderer und Skitourist und vielleicht auch Kletterer war. Hier liegt nun eine Studie vor, die sich mit jenen Werken befasst, die manche Literaturpäpste auf den Index setzten, die inzwischen aber wieder entdeckt worden sind.

24. März 2017

„Unterdessen bekommen sie auch im Tale langsam die erste Sonne, und im Dörflein unten, dessen braune Hütten sich wie eine Herde um das weiβe Kirchlein scharen, bimmelt es gerade zur Messe; ganz dünn, ganz fein und immer wieder vom Winde vertragen, schwebt der glashelle Klang empor.“

Idyllisch, nicht wahr? Dörflein, Kirchlein, glasheller Klang: Da wird einem wohl ums Herz. Beim Lesen, sicher auch beim Hören, wenn man an einem solch sonnigen Sonntag höher steigt, den Bergen zu. Wie dies auch Balz und Irene in dieser Szene tun, der Oberhornhütte entgegen. Balz und Irene? Moment mal! Das sind doch zwei Figuren, die im „Buch der Woche“ auch schon ihren Auftritt hatten. Stimmt – wir blättern kurz zurück:

„Es ist noch früh, als sie bereits auf einem Gipfel sitzen, die beiden andern, die die Oberhornhütte schon beim ersten Morgengrauen verlassen haben; es ist noch früh und besonders herrlich, wenn noch kein Dunst aus den vielen Tälern gestiegen ist, und alles leuchtet dann so frisch, die Gletscher und Gipfel, die nicht weißer, reiner sein könnten, und die Luft ist noch wie Glas, so hell und kalt, obgleich die Sonne schon spürbar wärmt.“

Uns hat das 1937 publizierte Buch „Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen“ seit der Wiederveröffentlichung im Jahr 2009 auch erwärmt. Hoffe ich wenigstens. Greifbar heute als Suhrkamp Taschenbuch für knapp zwölf Franken. Wer nun mehr zu diesem zweiten Werk von Max Frisch lesen möchte – wie er sich damals dazu geäussert und warum er es später mehr oder weniger verleugnet hat, wie es sich situiert im Gesamtwerk von Frisch, aber auch in der allgemeinen Bergliteratur der Zwischenkriegszeit – kann zu einer Publikation greifen, die das Frühwerk von Max Frisch in neuem Licht erscheinen lässt. Lukas Schmid untersucht in „Reinheit als Differenz. Identität und Alterität in Max Frischs frühem Erzählwerk“ den Romanerstling „Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt“ (1934), die Romanfortsetzung der Reinhart-Geschichte „J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen“ (1943) sowie eben „Antwort aus der Stille“. Nur kurz: Alterität bedeutet nach de.wiktionary.org „Alter Ego, Andersheit, Differenz, Andersartigkeit“.

Eine starke Studie, die Schmid da vorlegt, gerade auch in Sachen Bergliteratur. Denn er kennt sich da bestens aus, zitiert aus Büchern, die normalerweise nicht im germanistischen Seminar stehen. Schmid schüttelt den Rucksack von Balz und Irene und natürlich von Max ganz gehörig aus, findet Neues und Vergessenes, untersucht die Auslegeordnung mit modernen Geräten. Wissenschaftlich gesagt, und ich zitiere hier aus der Verlagsvorschau: „Einem diskursanalytischen Ansatz verpflichtet, befragt die Studie die Frühwerke von Frisch mit dem Analyseinstrumentarium der Gender und Postcolonial Studies nach Entwürfen von Ethnizität, Nationalität, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit.“

Keine Angst: So kompliziert ist der Text zum Bergroman von Max Frisch keineswegs. Kleine Probe gefällig, von Seite 99? „Statt an seiner ‚Partnerin‘ versucht Balz Leuthold, sich am Berg zu bewähren. Mit seinem Kraftakt am Nordgrat, seiner Bergbesteigung, kompensiert er das erotische Erlebnis der Liebesnacht, die nicht stattgefunden hat.“

Lukas Schmid: Reinheit als Differenz. Identität und Alterität in Max Frischs frühem Erzählwerk. Chronos Verlag, Zürich 2016, Fr. 48.-. www.chronos-verlag.ch

Falesia del Gorilla

Wieder mal Frühling in Finale. Diesmal unter anderem in tierischen Gebieten: Falesia dei Tre Porcellini, Falesia del Gorilla. Letztere für uns Neuland.

20. März 2017

Warum diese Wand nach einem Gorilla benannt ist, bleibt schleierhaft. Na ja, irgend einen Namen muss sie ja haben. Der sie eingerichtet hat, heisst übrigens Delfino. Noch so ein Tier. Ein bisschen ängstlich, scheint es. Jedenfalls kann auch der zittrige Grossvater fast jeden zweiten Haken auslassen, so dicht hat sie der Delfin gesetzt. Vielleicht auch aus reiner Menschenliebe, man weiss ja, Delfine sind freundlich mit ihren nahen Verwandten.
Heiss ist es schon hier nachmittags. Wir schon etwas müde in den Armen von einem harten Versuch an der Bastionata di Boragni. Drei junge Italos empfangen uns gleich mit freundlichem «buongiorno» und «scusate», da sie ihr Equipment den ganzen Wandfuss entlang verstreut haben. Woher wir kommen? Sie aus «tutta Italia», Genova, Albenga, Sicilia.
Junges Publikum, da werden die Alten wieder lebendig. Und als Christa einen überhängenden Einstieg mit perfekter Schrägzugtechnik meistert, zollen sie Applaus.
«La signora è settanta», erkläre ich stolz. Die drei Jungs wollen es nicht glauben. Als Christa wieder am Boden ist, kommen sie herbei, wollen das Kletterwunder aus der Nähe betrachten.
Die Wand, ja, sehr nett und griffig. Ein moderates Gebiet, familientauglich. Erst vor zwei Jahren entdeckt, zuvor in dichtem Gehölz versteckt. Für uns habe ich es zufällig in einer Nummer von «Klettern» entdeckt die irgendwo herumlag, in einem Artikel unseres Freundes Marco Tomassini. «Einer der schönsten Klettergärten, die der unermüdliche Giorgio Delfino eingerichtet hat», schreibt er. Und: man sollte 20 Exen dabei haben. Nun, ich hab’s auch mit meinen 14 geschafft.
Der Wandfuss ist tüchtig ausgeholzt, der Zustieg perfekt durchs Gebüsch gebahnt, markiert und wo es ein bisschen steiler wird, hat der unermüdliche Delfino Fixseile gespannt. Beim Abstieg sind wir Alten doch dankbar für die Gehhilfe.
Unten beim Steinbruch erinnern wir uns wie immer, wenn wir hier vorbeikommen, an unseren ersten Besuch in Finale vor 43 Jahren. Mit unserem halbjährigen Claudio, der von der Frau des Bildhauers, der damals im Steinbruch arbeitete, einen Stapel Windeln bekam. Keine Idee davon, dass wir hier dereinst klettern würden, als siebzigjährige Grosseltern. Der Steinbruch ist inzwischen verlassen, schade eigentlich.
Das Auto, an der Strasse parkiert, ist unversehrt. Obwohl Marco im Artikel vor Dieben warnt, die hier schon zugeschlagen hätte. Brösel von Autoscheiben zeugen davon.