„ei cool!“ – Von Berschis nach Sargans, obenrum

Es ist Mitte Januar und hat Schnee. Jetzt muss ich mich aufraffen und los auf eine erste Skitour der Saison. Doch wohin? Verbindungen für Züge und Busse im Internet geschaut, so vieles ist möglich… Warum nicht einfach von der Haustüre los? Dort ist zwar keine „offizielle“ Skitour aber Schnee, das entscheidende Kriterium, ist da.

1. März 2017

Morgens liegt Berschis, wo ich derzeit wohne, im Nebel. Hier, auf etwa 450 Meter Meereshöhe, wo mein Nachbar ein Weinbauer ist und eifrige Gartenbesitzer Pälmchen hegen, bin ich auch nach gut einer Woche mit vierzig Zentimetern Schnee und meist Sonne noch der erste, der eine Skispur legt. Ob sie wohl auffällt? „Lueg do“, heisst es vielleicht am späten Vormittag, „einer ist mit den Ski los!“ Wohin der wohl wollte?

Die Spur schlängelt sich in den Wald, bald aus dem Nebel heraus und folgt dem Fahrweg nach Sennis. Auf der tief verschneiten Wegtrasse steigt sie den Südhang überm Seeztal hinauf und überwindet mit ihr die Waldfelswände. Und in den lichten Wäldern, zwischen den Baumgruppen der Alpweiden von Malun, steige ich an der Spitze meiner Spur durch eine stille, glänzende Welt.  Es ist berauschend schön und still. Von manchen Zweigen hängen Eiszapfen, in denen sich das Sonnenlicht zu Farben bricht, und zwischen den Bäumen hindurch öffnen sich immer wieder Blicke auf die Hohen Südwände von Fulfirst und Alvier. Auch sie, die gewöhnlich ihr Winterkleid rasch wieder abstreifen, sind noch tief verschneit. Die abgespaltenen Gauschla, vom Anstieg gegen „D´Muur“ schlank im Profil zu sehen, ist so vereist, dass sie an Kalenderbilder patagonischer Extremgipfel erinnert. Hier kommt jedenfalls hin, wer sich in Berschis der Spur anvertraut, ihr kilometerlang folgt und die Kurven nimmt, die ich ins weite Winterweiss schrieb. Ein Schild müsste man dort aufstellen, denke ich, auf dem „Ins Märchenland“ steht.

Mit dem weniger Werden der Bäume kommt Wind auf, Ostwind, wohl eine Art Bise und scharf, schneidend, Schneefahnem aufnehmend, Schneeströme um meine Beine treibend wie reissende Wasser, die manchmal so tief werden, dass sie mir wie mit kalten Nadeln bis übers Gesicht sprühen. Und sie erodieren den Schnee, fressen tiefe Rinne in die Osthänge und überschütten die Westhänge neu. Häufiger bricht meine Spur in zugewehte Löcher, mühsam wird es. Vielleicht doch besser kein lockendes Schild am Dorfrand…

Über Palfris erreiche ich die Skiroute auf den Tschuggen, lasse aber im Sturmwind, der den Rücken hinauf fast blank gefegt hat, den Gipfel rechts liegen und widme mich sogleich der Abfahrt. Zwischen den vielen Spuren einer Woche finden sich noch immer Inseln für stiebende Schwünge. Weiter unten bleibe ich öfter stehen und halte Ausschau nach einem Abzweig in die Waldränder zur Rechten. Schliesslich will ich nicht mit den Spuren bis nach Azmoos hinab, sondern nach Sargans an den Bahnhof. Die Spur, die ich irgendwann entdecke, ist nur von Fussgängern, und leider fehlt es ihr an Gefälle. Doch sie führt und entlässt mich schliesslich auf Wiesen mit nach unten sich verdichtenden Höfen, von wo aus der Fernbahnhof im Tälerdreieck bereits zu sehen ist.

Als ich zwischen den Höfen das dritte Mal die Zufahrtsstrasse quere, bleibe ich auf ihrer Talseite ratlos stehen. Im Hang unter mir erblicke ich auf den nächsten hundert Metern schon mindestens drei Zäune. Von rechts kommt ein Fahrweg mit hartgepresstem Schnee, der anscheinend zu einem Hof wenig unterhalb führt. Man sieht nicht, ob es eine Sackgasse ist, und zurück hiesse wieder aufsteigen müssen. Unschlüssig überlege ich noch hin und her wie es wohl weitergehen sollte, als zwei Kinder, wohl auf dem Nachhauseweg, den Fahrweg heraufgeschlendert kommen. Das Mädchen, sie ist die ältere, vielleicht sieben, vielleicht neun, bleibt stehen und mustert mich langsam vom Scheitel bis zu den Skispitzen. Als sie dort angelangt ist, entfährt ihr ein strahlendes „ei cool!“ Da bricht das Eis im stundenlangen Einzelgänger und ich traue mich zu fragen, ob denn nach einem Stück  des Fahrweges wieder Wiesen kämen, über die man ins Städtli hinabfahren könne. „Ja klar, geht super!“, ist die begeisterte Antwort. Und tatsächlich, hinter einer Wegbiegung und einem weiteren Hof gleite ich links zaunlos hinab und schliesslich hart an ein paar Reben vorbei bis in die Wohngebiete hinein, bis zwischen gebahnten Strassen, Gartenzäunen und Schneehaufen kein Platz mehr für die Ski zu finden und es zum Bahnhof nur noch ein Katzensprung ist.

Bold Climbers

Einst gab’s unter den Alpinisten schräge Vögel zuhauf, etwa den Satanisten und Ausnahmekletterer Aleister Crowley. Im Zeitalter von Sponsoring, Hallenklettern und Hochglanzmagazinen sucht man sie vergeblich – obwohl es sie im Versteckten wohl noch gibt. Ein Buch über die Wilden und Wagemutigen. Für alle Frühfranzösisch- und Frühenglisch-Kundigen.

28. Februar 2017

„Bennen advanced; he had made a few steps when we heard a deep, cutting sound. The snow-field split in two about fourteen or fifteen feet above us. The cleft was at first quite narrow, not more than an inch broad. An awful silence ensued; it lasted but a few seconds, and then it was broken by Bennen’s voice, ‘Wir sind alle verloren.’”

Am 28. Februar 1864 passierte das erste tödliche Lawinenunglück, das sich während einer winterlichen Hochtour ereignete. Philipp Gosset, sein Freund Louis Boissonnet, der Führer Johann Joseph Benet (vor allem in der englischen Literatur wird er fälschlicherweise Bennen genannt; Erstbesteiger des Weisshorns und Fasterstbesteiger des Matterhorns) sowie die drei lokalen Führer und Träger Auguste Bevard, Jean Joseph Nance und Frédéric Rebot wollen den stolzen Haut de Cry (2969 m) im Unterwallis besteigen. Wenig unterhalb des Gipfels müssen sie ein triebschneegefülltes Couloir queren. Was dann passierte, schildert Gosset im ersten Band des „Alpine Journal“ von 1863/64; sein „Narrative of the Fatal Accident on the Haut-de-Cry, Canton Valais“ findet später Eingang in John Tyndalls Klassiker „Hours of Exercise“, in Emil Zsigmondys Standardwerk „Die Gefahren der Alpen“ sowie in Edward  Whympers „Scrambles amongst the Alps“. Höchst eindrücklich, wie Gosset diesen Lawinenunfall schildert: das Losbrechen des Schneebrettes, das Versinken in den Schneemassen, die Rettung. Das kann man nur so anschaulich und präzise beschreiben, wenn man drin war – und wieder draussen. Und wenn man schreiben kann. Für Benet und Boissonnet kam die Hilfe zu spät; sie konnten nur noch tot aus dem Lawinenkegel geholt werden.

Nun taucht dieses berühmte Bergunglück in einem modernen Bergbuch wieder auf, darin auch der Haut de Cry besucht wird – zum Glück im Sommer. Whympers Buch inklusive Gossets Bericht bildeten sozusagen den roten Faden – die rote Lawinenschnur! – des Projektes VVV am Master Arts Visuels der Haute école d’art et de design von Genf bzw. der Publikation „Bold climbers. Histoires et expériences d’alpinistes hardis/Experience and aesthetics on the mountain slopes“ mit Jelena Martinović als Hauptbergführerin. Bold heisst keck, kühn, mutig, schwungvoll, frech, gewagt und verwegen, aber auch schroff, abschüssig, steil abfallend. Perfekt passend also für Whymper & Co. Und ebenfalls für Aleister Crowley, einen der schrägsten Alpinisten, besser bekannt als Okkultist und Satanist. Aber er war eben wirklich auch ein bold climber, so am senkrechten Kreidefelsen Beachy Head in Südostengland. In Mexico bestieg Crowley unter dem Pseudonym Chevalier O’Rourke unter anderen Vulkanen den Iztaccíhuatl (5230 m), dessen Gipfelformation mit einer schlafenden Frau assoziiert wird. Der „Mexican Herold“ betitelte 1901 den Bericht über die Besteigung mit „Bold Alpine Climber. Chevalier O’Rourke Succeeds in Attaining Ixtaccihuatl’s Summit“.

Jelena Martinović nennt ihren Beitrag „Aleister Crowley and the white lady“. Maxime Guitton hört sich die „alpine arias in the films of Daniel Schmid“ an. Vincent Barras macht am Monte Rosa und anderswo doppelsinnig auf „(s)peak flow“. Merel van Tilburg betrachtet mit den Kunstkritikern Alois Riegl und Clement Greenberg „Ruhe & Fernsicht. The prospect of a painting“. Und in der Mitte des keck gelayouteten Buches leuchten ein paar kühne Bilder und Collagen; bei derjenigen zur „Deutschen Schule“ verunsichern weder Heckmair noch Messner, dafür Gaston Rébuffat. Doch eins war dieses Urgestein französischer Kletterästhetik ganz bestimmt: ein bold climber.

Jelena Martinović: Bold Climbers. Mit Beiträgen von Jelena Martinović, Maxime Guitton, Vincent Barras und Merel van Tilburg (französisch und englisch). Published by Cordyceps Press, Lausanne 2016. Distribution by Oraibi Books, Genève; oraibi.books@gmail.com. Fr. 35.-

Josef Viktor Widmann

Der Berg und die Liebe. Das Thema ist so alt wie die Alpine Literatur oder wohl noch älter. Schon der Berner Albrecht von Haller erzählt ja vom freien Leben auf den Almen. Und der Berner Joseph Victor Widmann schöpft in seinen Werken offenbar auch aus dem Vollen. Dank Neuauflage können sich auch Zürcher an seinen amüsanten Erzählungen erfreuen. Eventuell auch Basler und der Rest der Welt.

20. Februar 2017

„Alpenrosen konnte ich in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes [auf Handeck] wenige Minuten oberhalb des Gasthauses auf dem bereits erwähnten Hügel pflücken, den ich den Zypressenhügel nannte, weil die tiefschwarzen und oben scharf zugespitzten Tannen, die seinen Gipfel krönen, aus einiger Entfernung gesehen an jenen Baum des Südens erinnerten.“

Zum Pflücken von Alpenrosen ist es noch zu früh, die liegen noch gemütlich unter einer dicken Schneedecke. Aber die ersten Schneeglöcklein haben ihre Blüten aus braun-grünen Matten hervor gestreckt. Und in Nizza wetteifern Mimosen und Bougainvilleas darum, wer stärker leuchtet. Doch kehren wir von der Côte d’Azur zurück nach Handeck im Grimselgebiet, zum Zypressenhügel. Dieser 1496 Meter hohe Hügel war von 1993 bis 2013 auf der Landeskarte der Schweiz im Massstab 1:25‘000 als „Widmannshöhe“ verzeichnet; sie war also einer der Namensberge im Land wie Dufour- oder Gertrudspitze. Nun hat man aus welchem Grund auch immer den Namen getilgt. Dabei hat dieser Josef Viktor Widmann (1842-1911) der Gegend und dem Gasthof Handeck ein paar schöne Zeilen gewidmet. Sie sind abgedruckt in der zweiten Auflage von „Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und der Schweiz“, die 1919 herauskam. Und die nun René P. Moor in seinem Verlag Wanderwerk pünktlich zum 175. Geburtstag von Widmann am 20. Februar neu aufgelegt hat, mit einem eigenen Vorwort und mit einigen Ergänzungen, wie eben zur Widmannshöhe.

So klein die Anhöhe, so angesehen ist das Werk des Schweizers Joseph Victor Widmann, Feuilletonredaktor des Berner „Bund“ und selber Schriftsteller (Reiseberichte, Versepen, Erzählungen). Ihm zu Ehren wurde 1914 in Bern ein Brunnen am Hirschengraben errichtet. Für zwei weltberühmte Gipfel schrieb Widmann die ersten erzählerischen Werke. „Die Matterhornbesteigung des Mr. Evertruth“ aus der dritten Auflage von „Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien“ (1896) behandelt die damals schon akute Matterhorn-Besteigungssucht auf eine höchst amüsante Weise, die gerade in unserem virtuellen Zeitalter bestens ankommt. Dem blinden Mr. Evertruth, der um jeden Preis auf diesen Gipfel will, wird eine Besteigung vorgegaukelt, indem er nur auf einen Felsen in Dorfnähe geführt wird, mit allem Drum und Dran wie Anseilen und Hüttenübernachtung, aber ja ohne Kuhgebimmel. In diese phantasievolle Tour vermischt der Erzähler das Buhlen eines Ingenieurs und eines Dichters um Miss Edith. Wem nun Widmann die Hand der bildhübschen Tochter des Matterhorn-Helden überlässt, ist leicht zu erraten. Mit „Der Held des Eiger“ betitelte Widmann eine Story aus den „Touristennovellen“ (1892). Im Glücksgefühl seiner locker vollendeten Eigerbesteigung kehrt der 24jährige Engländer Sir Robert Doll in einem Gasthaus im Lauterbrunnental ein, wo sich eine gemischte Gesellschaft am Gästetisch befindet. Doll verteidigt dort Fräulein Angélique, eine hübsche Französin, gegen die verbalen Angriffe eines deutschen Professors, und zwar so vehement und charmant, dass es zu ganz unterschiedlichen Begegnungen kommt: die eine mit Pistolen, die andere mit Küssen. So atemberaubend kann das Leben sein.
„Du schöne Welt“ macht den Auftakt zum wanderwerkschen Widmann-Jahr. Im Sommer wird „Wilds Hochzeitsreise“ veröffentlicht und im Herbst „Rektor Müslins italienische Reise“. Schauplatz der Hochzeitsreise ist das Lauterbrunnental. In der Standseilbahn Richtung Grütschalp gibt der frisch Verheiratete gegenüber den Mitreisenden die Braut als seine Schwester aus, was bei den männlichen Sommerfrischlern nicht ohne Wirkung bleibt. Was folgt, ist ein amüsanter Schwank in Mürren zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Apropos Mürren: Der Ferienort auf der Sonnenterrasse gegenüber von Eiger, Mönch und Jungfrau ist natürlich auch im Winter eine Reise wert. Zum Beispiel am nächsten Wochenende. Im Rahmen der skisportlichen und -politischen Ausstellung „Good News aus Afghanistan. Das Skiwunder von Bamiyan“ im Hotel Regina halte ich am
Samstag, 25. Februar, um 20.30 Uhr den Vortrag „Von Afghanistan auf den Allmendhubel. Wie Kandahar dem alpinen Skirennsport und Mürren Schwung verlieh.“

Josef Viktor Widmann: Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und der Schweiz. Neu herausgegeben von René P. Moor. Edition Wanderwerk, Burgistein 2017. Fr. 26.–. Erhältlich bei www.wanderwerk.ch.

Infos zu Mürren, Kandahar und Skilauf in Afghanistan unter www.reginamuerren.ch.

Gulmen solo

Die Sonne leckt schon kräftig am Schnee. Ob der Gulmen noch geht? Ein einsamer Versuch.

19. Februar 2017

Mit Partnerin wäre ich jetzt auf der Galerie. Zwei Autos stehen da, irgendwo hängt ein Freak im Fels. Vielleicht ist es ja doch zu kalt, etwas Dunst liegt über dem Nebel. Beim Fellen Richtung Gulmen beginne ich doch schön zu schwitzen. Die Spur ist schon verkrustet, es tropft von den Scheunendächern. (Diese alten Scheunen oder Ställe von Amden, silbrig verwittert, architektonische Bijous eigentlich, nur weiss es niemand.)
Gelegentlich rauscht mir eine Skifahrerin entgegen. Heute ist offenbar Frauentag. Wie die schwingen im weichen Schnee, so leicht und elegant! Und wie die gut aussehen in ihren bunten Skianzügen und weissen Stirnbändern, welche ihre langen Haare bändigen. Freund X kommt mir in den Sinn, der sich so sehnt nach einer sportlichen Partnerin. Vielleicht sollte er es mal mit dem Gulmen versuchen, statt mit Internet.
Vor dem Schlusshang dope ich mich mit Traubenzucker und Banane und gezuckerten Tee aus der Thermos. Mittendrin im Steilen kämpfen sich vier Menschen etwas umständlich in die Höhe. Frauen, klar doch. Die werde ich noch überholen, nehme ich mir vor. Also los, aber dann stockt mein Elan doch wieder. Endlos einfach, dieser blöde Hang. Mit zwei oder drei Halts zum Atemschöpfen und Traubenzucker einwerfen schaffe ich es dann doch bis zum Kreuz, und weil dort schon ein paar Leute sitzen, auch noch auf den Gipfel. Kurz nach den vier Damen, die Schneeschuhe tragen. Wie kann man nur! Bei diesem Schnee! Ein Mann kommt herauf, in gewöhnlichem Schuhwerk, ohne Probleme. (Wieder mal der lebende Beweis, dass Schneeschuhe die überflüssigste Erfindung der Outdoor-Industrie sind, gleich nach den Wanderstöcken. Sein Begleiter mit Schneeschuhen erzählt, sie hätten sich per Zufall getroffen, nach dreissig Jahren. Wiedersehen auf dem Gulmen. Wir sind ergriffen, gratulieren.
Dann geht das grosse Fotografieren los. Die Männer die Frauen, die Frauen die Männer, schön malerisch neben dem Wegweiser, der den Gipfel ziert. Ich mache ein Selfie, aber das wird dann doch ziemlich schief. Aber ohne Gipfelbeweis geht nichts mehr, seit Ueli Steck ohne Foto von der Annapurna zurückgekommen ist. Seither ist sein Ruf etwas angekratzt. Selbst Messner zweifelt. Also gut, schief oder nicht, ich habe den Beweis.
Kann beruhigt abfahren. Der Hang ist eklig verspurt und verkrustet. Weiter unten dann wunderbar weicher Schnee, fast sulzig. Ich fahre ohne Halt bis zur Bushaltestelle. Sitze da glücklich an der Sonne auf einer Mauer, verspeise mein Brot und trinke meinen Tee. Vielleicht war’s die letzte Skitour dieses Winters.

Foulard delle montagne

Rot und schwarz waren die Foulards, die Erstbesteiger als Gipfelfahnen hissten, die Farben der Revolution und des Anarchismus eigentlich. Das war den braven Alpinisten der Frühzeit wohl nicht bewusst, gilt die Bergsteigergilde doch eher als konservativ bis apolitisch – auch heute noch. Nun, es gab ja auch andere Farben und Foulards, wie wir aus dem besprochenen Buch erfahren. Und nicht alle dienten der Feier eines Gipfelsieges.

16. Februar 2017

„Um 2 Uhr 10 war der Steinmann auf dem Gipfel (4059 m) erreicht. Dort freuten wir uns an der prachtvoll klaren Aussicht, dem Nebelmeer im Tale, dem Jura mit Vogesen und Schwarzwald dahinter, und speisten: Foie gras. Das schwarze Foulard, das wir während des Verweilens als Flagge am Pickel hissten, wurde erst um 3 Uhr heruntergeholt und der Abstieg nach den Gendarmen des Ostgrates angetreten.“

Beneidenswert, was Paul König und Jean Jacques David am 22. Januar 1902 auf dem Grossen Fiescherhorn sahen und assen. Am Vortag waren die beiden schwerbepackt mit Ski und Proviant von Grindelwald zur Berglihütte (3299 m) aufgestiegen. Für das Fiescherhorn liessen sie diese Geräte allerdings in der Hütte; bei den Besteigungen von Mönch und Jungfrau an den folgenden Tagen benützen sie die Ski bis dort, wo diese auch heute in den Schnee gesteckt werden: beim Oberen Mönchsjoch bzw. unter dem Rottalsattel. Über den Aletschgletscher fuhren die Skierstbesteiger schliesslich ins Wallis hinab, das schwarze Foulard sicher im Rucksack verstaut.

Dieses textile Accessoire hat in der Geschichte des Alpinismus durchaus immer wieder eine Rolle gespielt. Zum Beispiel am 17. Juni 1865 bei der Erstbesteigung der Crast’Agüzza (3854 m), jener matterhornähnlichen Felsspitze zwischen Piz Palü und Piz Bernina. Erstbesteiger Johann Jakob Weilenmann im „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1868: „Das Tuch, so ich mitgenommen, um als Fahne zu dienen, findet, obschon in verschiedenen Nuancen der Farbe der Hoffnung prangend, keine Gnade in den Augen meiner Gefährten. Roth, so roth es aufzutreiben, muss es sein und Pöll’s Hosensack fördert das Wahre zu Tage. Da aber für ihn ohne Nastuch keine Existenz, so tritt Freund Specht, der davon Vorrath hat, ihm, dem über den Tausch hochbeglückten, sein seidenes Foulard ab. An das junge Tännchen genagelt, das wir in der Tiefe gehauen, flattert die Fahne lustig in die Welt hinaus.“

Nun flattern alpin angehauchte Foulards in Turin in die Welt hinaus. Wenigstens mit dem Bildband aus der Reihe „Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna“. Das Buch umfasst 155 Seiten, 170 abgebildete Foulards von 1920 bis heute (sie werden hinten genau beschrieben) und schlaue Texte auf Italienisch und Englisch. Zu sehen sind wunderbar gestaltete und bedruckte, baumwollige und vor allem seidige Tücher, natürlich viel zu schön und zu kostbar, um in einem derbtuchigen Hosensack zu verschwinden oder auf einen Pickel geschnürt zu werden. Im Museo Nazionale della Montagna in Turin können die Kostbarkeiten von Hermes & Co. zudem in echt bewundert werden. Zum Beispiel das Foulard von Geny Spielmann für die Winterolympiade 1948 in St. Moritz, natürlich mit der lachenden Sonne, hier auf rotem Grund. Den Erstbesteigern der Crast’Agüzza hätte es sicher gut gefallen. Und bestimmt auch Alois Kosch, der in „Zwoa Brettl, a gführiger Schnee… Das grosse Ski-Einmaleins“ von 1937 im Kapitel „Was soll ich denn anziehen?“ folgenden Tipp gab: „Daβ der Schal eine luftige, bunte und persönliche Note gibt, ist nur gut und recht. Drum also ruhig bei gegebener Gelegenheit diesen Wimpel der Freude gehiβt.“

Foulard delle montagne. A cura di Aldo Audisio, Laura Gallo e Cristina Natta-Soleri. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 29.50.
Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist bis am 28. Mai 2017 zu sehen.

Hüenerchopf im Schnee

Da ist noch eine Rechnung offen. Tausend Meter Aufstieg auf Fellen. Schaffe ich das noch?

11. Februar 2017

Hüeneri, so nennen ihn die Einheimischen. Ein zahmer Skigipfel, fast lawinensicher. Aufstieg zeitweise durch lichten Wald, etwas steilere Hänge, flachere Alpgelände. Die Churfirsten, Alvier und Gonzen im Rücken. «Lieber die Schneegebirge im Rücken, als die bösen Menschen.» Sowas sagt Wilhelm Tell nach Schiller. Wäre ja ziemlich aktuell heute, aber ich schaue ohnehin nicht zurück (schon wieder ein literarisches Zitat, Ingeborg Bachmann), ich schaue vor mir auf die Spur. Vergesse Trump und Assad und Co. Meine Familie, bzw. ein Teil meiner engeren Familie, zieht in schönem Schritt voran. Steighilfen ausklappen. Andere überholen uns, sind wohl jünger. Macht nichts, kein Leistungsstress (den hatte ich letzte Nacht im Traum). Und doch: ich will diesen Hüeneri diesmal schaffen! Vor zwei Jahren, in gleicher Formation, musste mir Christa den Rucksack abnehmen, für die letzten hundert oder zweihundert Meter, die ich dann nur mit grosser Mühe überhaupt schaffte. Welche Blamage für den grossen Alpinisten! Warum, das fand auch mein Hausarzt nicht heraus. Mal auf mal ab halt. Heut will ich jedenfalls auf den Gipfel. Da oben tummeln sich schon winzige Gestalten unter dem riesigen Kreuz. Oh, das ist noch weit! Lohnt sich das überhaupt?
Nein, lohnt sich nicht. Nebel fällt ein, Schneetreiben, nach dem strahlenden Morgen. Scharfer Wind über den Grat. Ein Steinmann, eine Art Vorgipfel. Die Felle weg, dann in die bodenlose Nebeltiefe getaucht, undeutlichen Spuren nach. Hoffentlich sind wir richtig. Der Schnee ist brettig. Da oben im Steilhang hätte ein Brett abgehen können, ein bisschen Angst hatte ich in der Querung. Aber da war ja eine Spur. Doch letztes Jahr, am Vilan, da war auch eine Spur und dann ging die Lawine trotzdem ab. Fünf Tote.
So Gedanken kommen einem halt einfach. Vielleicht nicht allen, aber mir halt. Nun ja, jetzt sind wir doch schon wieder unten bei der Alp. Sandwich, heisser Tee. Dann weiter. Die Hänge weiter unten ziemlich hoprig, zerfahren, also nicht Pulver pur. Aber immerhin, es geht ganz schön. Und das Gefühl, ich hätte es diesmal ganz sicher geschafft bis auf den Gipfel, bis zum grossen Kreuz, ohne Probleme. Die offene Rechnung von vorletztem Jahr ist beglichen. Das ist auch schön. Und in Sargans gibt’s ein nettes Café mit Konditorei. Noch schöner.

Pic & Bulle – Fashion Altitude

Skiberge im Comic und komische Skimode und das alles in Grenoble, ausgestellt und gedruckt. Hinfahren und anschauen und die Ski nicht vergessen! (Die Redaktion legt Wert auf die Feststellung, dass dieser Beitrag nicht vom Office de Tourisme de Grenoble bezahlt worden ist, sondern vom Autor selber ehrenamtlich verfasst. So wie alle andern Texte in diesem Blog.)

9. Februar 2017

OH! TITINE! COMMENT TE SENS-TU?

PAS TROP BIEN, ET TOI?

J’AI LES JAMBES MOLLES!

QUELLE AVENTURE!

MA DOUÉ! PRIEZ POUR MOI!

ATTENTION! A VOUS!

Der letzte Ausruf tätigt der Skilehrer: „Achtung – an Euch!“ Jetzt gilt es ernst für die vierköpfige Familie Bigorno mit ihrem bretonischen Dienstmädchen: Sie stehen oben am Berg, auf schmalen Latten, bereits für eine erste Abfahrt. Ob das gut kommt? Wohl kaum! Szene aus dem Comic „La Famille Bigorno aux sports d’hiver“ von Aristide Perré, 1951 erschienen – und schon längst vergessen und beim Altpapier gelandet. Nun lassen sich die Vor- und Nachfahrer von Titine und anderen Helden in einer gross angelegten Ausstellung in Grenoble und in einem grossartigen Katalog wieder entdecken: „Pic & Bulle. La montagne dans la BD.“ Bulle ist die Sprechblase in einem Comic, der im Französischen bande dessinée heisst. Und dieses gezeichnete Band erfand ein Schweizer, nämlich der Genfer Rodolphe Töpffer, der 1827 das Werk „Les Amours de Mr Vieux-Bois“ schuf, eine Abfolge von Abenteuern des so romantischen wie grotesken Monsieur Vieux-Bois, der auf der Alp oben seine Angebetete von seiner Liebe und seinen Fähigkeiten als Musiker und Melker überzeugen will. Dabei wird sein Rivale immer wieder geduscht – ein mit dem Zeichnungsstift umgesetzter running gag.

Autrement dit: Bereits im Ur-Comic sind die Berge in Szene gesetzt worden. Und darin immer wieder aufgetaucht, bei „Tintin au Tibet“ über „Astérix chez les Helvètes“ bis zu „Louis au ski“ von Guy Delisle oder „Franky Snow. Snow Révolution“ von Buche. Sie alle gilt es zu entdecken in „Pic & Bulle“, im Buch – und vor Ort. Wenn wir schon nach Grenoble fahren, können wir noch gleich eine andere clevere und coole Exposition besuchen: „Fashion Altitude. Mode & montagne du XVIIIe siècle à nos jours.“ Auch zu dieser Ausstellung gibt es einen ausgezeichneten Katalog, mit ganz schönen Illustrationen sowie klugen Texten und Legenden. Darin hat Schneidermeister Maurice Och seinen Auftritt, der für die Schweizerische Nationalmannschaft die gleichermassen elegante und aerodynamische Keilhose erfand – für die Winterolympiade in St. Moritz 1928. Allerdings nicht direkt für die alpinen Skiläufer, die damals noch nicht starten durften, sondern für die Skispringer. Doch schon bald eroberte le fuseau, so der französische Name für Keilhose, die Pisten der Welt. Und wenn in diesen Tagen der spezielle WM-Rennanzug der Schweizer mit zahlreichen aufgedruckten Selfies zu reden gibt, so gilt für Lara Gut und Beat Feuz doch an erster Stelle: ATTENTION! A VOUS!

Philippe Peter, Nicolas Rouvière: Pic & Bulle. La montagne dans la BD. Éditions Glénat, Grenoble 2016, € 35.-
Die gleichnamige Ausstellung im Musée de l’Ancien Évêché in Grenoble ist bis am 30. April 2017 zu besichtigen; www.ancien-eveche-isere.fr .

Nadine Chaboud, Cécile Dupré et Cécile Parigot: Fashion Altitude. Mode & montagne du XVIIIe siècle à nos jours. Éditions Glénat, Grenoble 2016, € 25.-
Die gleichnamige Ausstellung im Couvent Sainte-Cécile in Grenoble ist bis am 4. März 2017 zu besuchen; www.couventsaintececile.com.

Sans limite – Photographies de montagne

Warum forderten die Berge die ersten Fotografen so heraus, dass sie ihre kiloschweren Apparate stundenlang auf höchste Gipfel schleppten und die wilde Fels- und Eislandschaft schwarzweiss auf Glasplatten zauberten? Vielleicht liefert die besprochene Ausstellung Antworten. Auch auf die Frage, wie die Digitalisierung mit ihren ultraleichten Kameras, uferlosen Speichern und Drohnen die Gebirgsfotografie verändert hat.

2. Februar 2017

„Der Mensch – und sollte er auch ein Clubist sein – ist mehr oder weniger erschöpft, mehr oder weniger im Fieber, wenn er sich an Guffer- und Schneehalden müde geklettert hat. Ist er nach einem durchwachten Bivouak auf einen beliebigen Gipfel oder Grat hinauf gelangt, so wird er sich meist mit allem andern eher abgeben, als mit Photographie. Es braucht alsdann grosse Willenskraft, um den Apparat sorgfältig und flink zu handhaben, mit einem schwarzen Tuche bedeckt, an kleinen Schrauben zu drehen bis man den Focus ganz genau gefunden hat, kurz die Sache so abzumachen, als wäre man in seinem Zimmer oder auf grünem Wiesenplan. Ein heftiger Wind wird auch bei schönstem Wetter alles vereiteln.“

Das schreibt Jules Beck (1825–1904) im Artikel „Ueber Photographie in höheren Alpenregionen“, der im vierten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867 auf 15 Seiten abgedruckt ist. Beck gilt als der erste Schweizer Hochgebirgsfotograf. Ein paar seiner Aufnahmen sind in einer neuen Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lausanne zu sehen. „Sans limite. Photographie de montagne“ gibt einen faszinierenden Überblick zur Bergfotografie von einst bis heute, von Jules Beck und Adolphe Braun über Paul Güssfeldt und Elizabeth Main bis Balthasar Burkhard und Iris Hutegger. Dabei stammen mehr als drei Viertel der knapp 300 Exponate aus der museumseigenen Sammlung. Der 250-seitige Katalog seinerseits präsentiert 150 Werke, enthält eine Essay von Kurator Daniel Girardin und ein Interview mit Maurice Schobinger, von dem auch das Cover stammt; es zeigt die Nordostwand der Lenzspitze (4294 m) in der Mischabel. Ein gelungener Wink zu William Frederick Donkin: Seine Panoramaaufnahme „The Nadelgrat from the summit of the Dom”, mit dem gesamten Nadelgrat inklusive Lenzspitze und tief verschneitem Vorgipfel des Doms ist die erste Foto, die das „Alpine Journal“, die erste und älteste Bergzeitschrift, veröffentlicht hat (im Novemberheft 1881).

Der Katalog ordnet die Fotos nach drei hauptsächlichen Prinzipen: Standpunkt, Form und Verbreitung. Bei den „Points de vue“ gibt es fünf Kriterien (frontal, vertikal, horizontal, aus der Luft sowie aus der Distanz), bei den Formen drei (Kegel, Material, Ikone). Welcher Berg als Ikone schlechthin gilt, ist leicht zu erraten: Es ist ein Berg an der Schweizer Grenze, sein deutscher Name beginnt mit einem M, wie Monte Rosa oder Meix Musy. Die Ausstellung ihrerseits gliedert sich in vier inhaltliche Ausrichtungen: wissenschaftliche, touristische, alpinistische und künstlerische Fotografie. Beim Rundgang durch „Grenzenlose Gipfel. Gebirgsfotografien“ (so der deutsche Titel) verbinden sich diese vier Richtungen zunehmend. Daniel Girardin: „Je weiter man sich von den Aufnahmebedingungen einer Fotografie löst, desto freier deutet man sie.“ Jules Beck würde staunen.

Daniel Girardin: Sans limite. Photographies de montagne. Collection Musée de l’Elysée n° 4. Coédition Les Éditions Noir sur Blanc/ Musée de l’Elysée Lausanne, 2017, Fr. 50.-
Die gleichnamige Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lausanne dauert vom 25. Januar bis zum 30. April 2017; www.elysee.ch

Reklamekunst und Reiseträume

Es war das goldene Zeitalter des Schweizer Tourismus, als sich Grafiker mit Rang und Namen um die Plakatgestaltung bemühten. Heute sind die Originale Sammlerobjekte, die von eleganten Damen im Tennisdress und von markigen Alpinisten am Fuss von Bergen im Alpenglühen träumen liessen. Nostalgie pur im Zeitalter der Schneekanonen und von Lautsprechern zugedröhnten Schneebars.

28. Januar 2017

SCHWEIZ
FRÜHJAHRSAISON MÄRZ-MAI

Palace Hôtel 350 Zimmer & Salons
Arrangements von 12 bis 25 Frs.

Grand Hotel 250 Zimmer & Salons
Arrangements von 8 – 20 Frs.

CAUX – über TERRITET-MONTREUX
1100 m.ü.M.

Berlin via Frankfurt Basel 24 St.
Berlin ab 1.50 N. Caux an 2.19 N.

Das sind die Aufschriften auf einem ganz speziellen Plakat aus dem Jahre 1902. Es ist das erste bekannte Schweizer Plakat, das einen Sport treibenden Touristen bildfüllend zur Schau stellt. Weder einen Skifahrer noch eine Eisläufern, und auch keinen Bergsteiger oder Badende – es geht ja um den Frühling. Das in Sepiatönen gemalte Plakat, mit rötlichen und schwärzlichen Buchstaben, zeigt die beiden Luxushotels von Caux, unten das Palace und weiter oben das Grand Hotel, darüber spitzig die Dent de Jaman und wuchtig die Rochers de Naye. Und welche Sportart treibt der junge Mann in Weiss, mit schicken Schuhen, langen Hosen, Hemd und kecker Dächlikappe? Tennis! Die Schweiz als Tennisland – stimmt eigentlich immer noch, nicht wahr Stan & Roger?

Schöpfer dieses stilvollen Plakats ist Anton Reckziegel. Geboren 1865 im böhmischen Gablonz und in Graz zum Maler ausgebildet, war Reckziegel ab 1893 in der Schweiz tätig. 1909 kehrte er nach Österreich zurück, wo er bis zu seinem Tod 1936 als Landschaftsmaler arbeitete. Während seiner Schweizer Jahre wurde er rasch zum bekanntesten Plakatmaler des Landes. Seine Motive zeigen insbesondere eine Welt der elegant gekleideten Paare und Sportler, der schnaubenden Dampfeisenbahnen, der prachtvollen Grand Hotels (waren die günstig, von heute aus betrachtet!). Erstmals warben damals grosse, farbenprächtige Plakate und sorgfältig lithografierte Prospekte mit Panoramen für die neuerschlossenen Reiseziele wie Caux hoch oberhalb des Lac Léman oder die Station Eismeer auf der Bahnstrecke zum Jungfraujoch. Reckziegel schuf aber auch Ansichtskarten und trug dazu bei, dass diese neue Art der Kommunikation damals einen ungeahnten Boom erlebte.

Das grossformatige Buch „Reklamekust und Reiseträume“ stellt nun zum ersten Mal Leben und Werk von Anton Reckziegel im Kontext der Belle Époque umfassend vor und zeichnet seinen Werdegang vom vielseitigen Kunstmaler zum ersten selbstständigen Werbegrafiker der Schweiz nach. Ebenso werden die Entwicklungen im Druckwesen, in der Kunst und im Tourismus im Vorfeld und während Reckziegels Zeit beleuchtet. 315 farbige und 12 schwarz-weisse Abbildungen entführen in die Frühzeit des touristischen Plakats und der Werbegrafik: zu Skifahrern auf der Rigi, zu Alpinisten unter der Jungfrau, zu Schlittschuhläufern in Davos, zum Hirtenbuben bei Brig, zur Bierkellnerin in Rheinfelden – ebenfalls bildfüllend wie der Tennisspieler. Sport gibt bekanntlich Durst.

Reklamekunst und Reiseträume. Anton Reckziegel und die Frühzeit des Tourismusplakats. Herausgegeben vom Alpinen Museum der Schweiz. Mit Beiträgen von Urs Kneubühl sowie von Agathon Aerni, Roland Flückiger-Seiler, Beat Hächler, Hans Hirt-Tenger und Christian Jaquet. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, Fr. 59.-

Die Publikation begleitet die Ausstellung „Reklamekunst und Reiseträume. Anton Reckziegel und die Frühzeit des Tourismusplakats“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern (27. Januar bis 23. April 2017). Ein Gemeinschaftsprojekt des ALPS und der Hochschule der Künste Bern, für das sich 19 junge Gestalterinnen und Gestalter mit Reckziegel und den veränderten Anforderungen an die zeitgenössische Tourismuswerbung auseinandergesetzt haben. Die Vernissage fand am Freitag, 27. Januar 2017, um 19 Uhr im ALPS statt.

Vierwaldstättersee und Gotthard

Dieses Buch bzw. dieser Schuber ist nötig. Wie wir Vierwaldstättersee und Gotthard noch nie gesehen haben! Gerade jetzt, wo wir noch weniger sehen, wenn wir durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt rasen. Nicht mal das Kilcheli bzw. die Kirche von Wassen. Und was sonst noch? Fliegende Drachen über dem Pilatus? Haben wir auch noch nie gesehen. Also bitte, zugreifen, wahrscheinlich mit beiden Händen.

21. Januar 2017

„Es kamen langsam, in weiten wallenden grauen Talaren, die Nebelgeister herauf gewallt aus den unergründlich tiefen Schluchten des Gebirgs, umspannten den Verwegenen, der es gewagt, ihr Revier zu betreten, mit ihren trügerischen Schleiern, bis sein strauchelnder Fuss […] hinaustrat in’s Leere, und Ross und Reiter zerschellend auf’s unsichtbare Felsenbette hinunterstürzten.“

Oh heiliger Schrecken! War eine Winterreise über den Gotthard wirklich so schrecklich, ja tödlich, wie die Unterhaltungszeitschrift „Gartenlaube“ 1862 behauptete? Ganz sicher war sie weniger gemütlich als heute, wenn wir in 20 Minuten durch den Basistunnel rasen. Diese Zeit wird nicht reichen, um eine ganz und gar aussergewöhnliche Publikation vollumfänglich zu würdigen und zu geniessen. Nein, in 20 Minuten werden wir grad mal die neue Box ausgepackt und ihren Inhalt oberflächlich angeschaut haben. Aber die Reise von Luzern Richtung Gotthard dauert ja immer noch eine anständige Zeit. Also, packen wir aus, was Christiane Franke, Christina Ljungberg, Barbara Piatti und Yvonne Rogenmoser gemeinsam ausgeheckt, ausgearbeitet und eingepackt haben.

Ein Schuber aus Karton: 22,5 cm hoch, 18,5 cm tief und 5,5 breit. Titel: Vierwaldstättersee & Gotthard. Wie Du diese Landschaft noch nie gesehen hast. Auch in englischer Übersetzung. Darüber der Verlag: Imaginary Wanderings Press – ein vielversprechender Name. Wie das Programm auch, denn auf dem Schuberrücken steht eine 1. Und was ist denn drin? Das verrät der Schuber auch: „Eine Box wie eine Wunderkammer. Zwölf Tableaux voller Spezialeffekte und ein Essayband machen unsichtbare Kulturgeschichte sichtbar: fliegende Drachen über dem Pilaus, wilde Erzählungen aus dem Inneren des Gotthards, Zeitreisen im Hammetschwandlift, utopische und verschwundene Architektur rund um den Vierwaldstättersee und vieles mehr. Entdecke und staune!“

Das tun wir: eine geniale Sache, diese handliche Wunderkammer. In meiner Bibliothek stehen ja zwei, drei Bücher, auch ein paar besondere, auch im Schuber. Schöne Bücher, vorzüglich geschrieben, faszinierend illustriert, überlegt gestaltet. Die Box gehört zu ihnen – und ist doch mehr. Ein analoges Gesamtkunstwerk, ein bibliophiles Designobjekt für Kulturinteressierte und Reisefreudige, für Neugierige und Fingerbastler, für Grosse und Kleine. Die vier Ladies wollten ausprobieren, „wie sich die Kulturgeschichte einer Landschaft auf neuartige Weise erzählen lässt – spielerisch, taktil, interaktiv“, wie es im Begleitbrief heisst. Die Probe ist geglückt, und wie!

Und wir brauchen das beigelegte Tuch im Tableau „Schrecken“ nicht vor die Augen zu halten, wenn wir mit dem walisischen Geistlichen Adam de Usk im Winter 1402 durch die Schöllenenschlucht reisen: „Ich ging […] auf den St. Gotthard und zum Hospiz auf seinem Gipfel – wohin ich in einem Ochsenkarren gebracht wurde, fast zu Tode erfroren im Schnee, und mit verbundenen Augen, um die Schrecknisse der Reise nicht sehen zu müssen.“

Christiane Franke, Christina Ljungberg, Barbara Piatti, Yvonne Rogenmoser: Vierwaldstättersee & Gotthard. Wie Du diese Landschaft noch nie gesehen hast – Lake Lucerne & Gotthard. Like you have never seen this landscape before. Imaginary Wanderings Press, Meggen 2016, Fr. 88.-, www.imaginary-wanderings.com.