Sonnenlüfte atmen

Beim Wandern spielt der Atem bekanntlich eine grosse Rolle. Wenn es dann gar Sonnenlüfte sind, die einem die Lungen und das Herz füllen, dann befindet man sich in der Ostschweiz. Jedenfalls befand das Meister Hermann Hesse, der in der Gegend Fussabdrücke und literarische Spuren hinterlassen hat. Seinen und jenen von über fünfzig andern Autorinnen und Autoren folgen Christa und Emil Zopfi (bekannt auch als Webmaster von bergliteratur.ch) auf fünfzehn literarischen Pfaden.

29. März 2017

 

„Der nahe Säntis stand mit bläulichen Schatten uns gegenüber, weiter jenseits des Rheintales die Tiroler und Graubündener Berge und das Vorarlberg. Mit Befriedigung sahen wir die ganze Gegend um unseren Wohnort her in trübem Dunst verborgen, während wir, in die Bergklarheit entronnen, schleierlose Fernen sahen und Sonnenlüfte atmeten.“

Wer jetzt noch keine Frühlingslektüre hat, für drinnen oder draussen: Hier ist sie. Das neue literarische Wanderbuch von Christa und Emil Zopfi, diesmal ein paar Schritte fern ihrer Heimat, also nicht Glarnerland, St. Galler und Zürcher Oberland, sondern direkt daran anschliessend die beiden Appenzell und drum herum sankt-gallische Regionen wie das Toggenburg. „Sonnenlüfte atmen“ heisst das jüngste Werk der Zopfis: Was für ein verlockender Titel! Wo sie ihn gefunden haben, steht im Eingangszitat, hier und im Wanderbuch: In den „Reisebilder“ von Hermann Hesse. Ja, er hat nicht nur das Tessin und die Collina d’Oro bei Lugano verewigt, sondern auch Hügel in der Ostschweiz, den Gäbris ob Gais, die Ebenalp im Alpstein. Spuren verstorbener Dichter – und noch lebender – ist das Ehepaar Zopfi gefolgt: Auf der Wanderung von Gais nach Altstetten im Rheintal unten begegnen wir der 88-jährigen Schriftstellerin Helen Meier. Vor ein paar Tagen war bekannt geworden, dass sie den Kulturpreis 2017 des Kantons Appenzell Ausserrhoden erhält; die Preisübergabe findet am 24. Mai an einer öffentlichen Feier in Trogen statt.

Wer jetzt noch keine Frühlingslektüre hat, hier ist sie, und das gleich dreifach. Erstens erfreut es Geist und Gemüt zu erfahren, auf welchen Dichterpfaden Christa und Emil unterwegs waren. Zahlreiche bekannte und vergessene Autoren und Autorinnen haben sie begleitet – und werden uns begleiten: Niklaus Meienberg, Elisabeth Gerter (sie geniesst die Sonne auf dem Titelbild), Thomas Hürlimann, Eveline Hasler, Ulrich Bräker, Angelika Wessels, Robert Walser, um nur ein paar von über 50 zu nennen. Am Schicksal von Landesverrätern und Mördern, Heim- und Waldarbeitern, Bauernfamilien und des Wetterwart-Ehepaars auf dem Säntis nehmen wir lesend teil, dabei auch die Ostschweiz kennenlernend. Zweitens macht uns das 362seitige, klug mit alten und neuen Fotos illustrierte Werk neugierig und gluschtig, Bücher der vorgestellten Dichter endlich oder wieder mal zu lesen: zum Beispiel „Die Molkenkur“ von Ulrich Hegner oder „Die Speiche“ von Friedrich Glauser. Und drittens wissen wir nun, wo wir in diesem Jahr ganz sicher Sonnenlüfte atmen werden: in der Ostschweiz, auf einer der vorgestellten 15 Wanderungen. Alle sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und in einem Tag durchführbar, können aber auch zu mehrtägigen Touren verbunden werden. Dazu gibt es verlockende Tipps zu Einkehr- und Unterkunftsmöglichkeiten. Und dann erleben wir hoffentlich einen Sommerabend, wie ihn Glauser beschreibt:

„Auf dem Abhang, der hinter dem Hôtel zum Hirschen in die Höhe stieg, stand, mitten in der Wiese, eine mächtige Linde. Es war zehn Uhr vorbei, und doch schien es, als fiele es dem Tag schwer, der Nacht zu weichen. Immer noch war die Luft durchsetzt von staubfeinen Lichtteilchen, und eine Wolke überm Bodensee sah aus wie ein dicker Mann, der zur Feier der Sonnenwende eine dunkelrote Weste angelegt hat, die sich faltenlos über seinen Bauch spannt.“

Christa und Emil Zopfi: Sonnenlüfte atmen. Literarische Wanderungen in der Ostschweiz. Appenzell – St. Gallen – Alpstein. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 42.- www.rotpunktverlag.ch

18. Mai 2017, 20 Uhr. Stadtbibliothek Wil SG: Buchpremiere „Sonnenlüfte atmen“ von und mit Christa und Emil Zopfi. 19 Uhr Altstadtführung mit Max Peter Ammann zum Roman „Die Gottfriedkinder“.

Zum Frühwerk von Max Frisch

Der Frisch, der Berg, die Frau. So einfach ist das Frühwerk von Max Frisch wohl nicht zusammenzufassen. Er selbst hat sich ja von einigen Texten aus jener Zeit distanziert, als er noch ein tüchtiger Wanderer und Skitourist und vielleicht auch Kletterer war. Hier liegt nun eine Studie vor, die sich mit jenen Werken befasst, die manche Literaturpäpste auf den Index setzten, die inzwischen aber wieder entdeckt worden sind.

24. März 2017

„Unterdessen bekommen sie auch im Tale langsam die erste Sonne, und im Dörflein unten, dessen braune Hütten sich wie eine Herde um das weiβe Kirchlein scharen, bimmelt es gerade zur Messe; ganz dünn, ganz fein und immer wieder vom Winde vertragen, schwebt der glashelle Klang empor.“

Idyllisch, nicht wahr? Dörflein, Kirchlein, glasheller Klang: Da wird einem wohl ums Herz. Beim Lesen, sicher auch beim Hören, wenn man an einem solch sonnigen Sonntag höher steigt, den Bergen zu. Wie dies auch Balz und Irene in dieser Szene tun, der Oberhornhütte entgegen. Balz und Irene? Moment mal! Das sind doch zwei Figuren, die im „Buch der Woche“ auch schon ihren Auftritt hatten. Stimmt – wir blättern kurz zurück:

„Es ist noch früh, als sie bereits auf einem Gipfel sitzen, die beiden andern, die die Oberhornhütte schon beim ersten Morgengrauen verlassen haben; es ist noch früh und besonders herrlich, wenn noch kein Dunst aus den vielen Tälern gestiegen ist, und alles leuchtet dann so frisch, die Gletscher und Gipfel, die nicht weißer, reiner sein könnten, und die Luft ist noch wie Glas, so hell und kalt, obgleich die Sonne schon spürbar wärmt.“

Uns hat das 1937 publizierte Buch „Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen“ seit der Wiederveröffentlichung im Jahr 2009 auch erwärmt. Hoffe ich wenigstens. Greifbar heute als Suhrkamp Taschenbuch für knapp zwölf Franken. Wer nun mehr zu diesem zweiten Werk von Max Frisch lesen möchte – wie er sich damals dazu geäussert und warum er es später mehr oder weniger verleugnet hat, wie es sich situiert im Gesamtwerk von Frisch, aber auch in der allgemeinen Bergliteratur der Zwischenkriegszeit – kann zu einer Publikation greifen, die das Frühwerk von Max Frisch in neuem Licht erscheinen lässt. Lukas Schmid untersucht in „Reinheit als Differenz. Identität und Alterität in Max Frischs frühem Erzählwerk“ den Romanerstling „Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt“ (1934), die Romanfortsetzung der Reinhart-Geschichte „J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen“ (1943) sowie eben „Antwort aus der Stille“. Nur kurz: Alterität bedeutet nach de.wiktionary.org „Alter Ego, Andersheit, Differenz, Andersartigkeit“.

Eine starke Studie, die Schmid da vorlegt, gerade auch in Sachen Bergliteratur. Denn er kennt sich da bestens aus, zitiert aus Büchern, die normalerweise nicht im germanistischen Seminar stehen. Schmid schüttelt den Rucksack von Balz und Irene und natürlich von Max ganz gehörig aus, findet Neues und Vergessenes, untersucht die Auslegeordnung mit modernen Geräten. Wissenschaftlich gesagt, und ich zitiere hier aus der Verlagsvorschau: „Einem diskursanalytischen Ansatz verpflichtet, befragt die Studie die Frühwerke von Frisch mit dem Analyseinstrumentarium der Gender und Postcolonial Studies nach Entwürfen von Ethnizität, Nationalität, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit.“

Keine Angst: So kompliziert ist der Text zum Bergroman von Max Frisch keineswegs. Kleine Probe gefällig, von Seite 99? „Statt an seiner ‚Partnerin‘ versucht Balz Leuthold, sich am Berg zu bewähren. Mit seinem Kraftakt am Nordgrat, seiner Bergbesteigung, kompensiert er das erotische Erlebnis der Liebesnacht, die nicht stattgefunden hat.“

Lukas Schmid: Reinheit als Differenz. Identität und Alterität in Max Frischs frühem Erzählwerk. Chronos Verlag, Zürich 2016, Fr. 48.-. www.chronos-verlag.ch

Falesia del Gorilla

Wieder mal Frühling in Finale. Diesmal unter anderem in tierischen Gebieten: Falesia dei Tre Porcellini, Falesia del Gorilla. Letztere für uns Neuland.

20. März 2017

Warum diese Wand nach einem Gorilla benannt ist, bleibt schleierhaft. Na ja, irgend einen Namen muss sie ja haben. Der sie eingerichtet hat, heisst übrigens Delfino. Noch so ein Tier. Ein bisschen ängstlich, scheint es. Jedenfalls kann auch der zittrige Grossvater fast jeden zweiten Haken auslassen, so dicht hat sie der Delfin gesetzt. Vielleicht auch aus reiner Menschenliebe, man weiss ja, Delfine sind freundlich mit ihren nahen Verwandten.
Heiss ist es schon hier nachmittags. Wir schon etwas müde in den Armen von einem harten Versuch an der Bastionata di Boragni. Drei junge Italos empfangen uns gleich mit freundlichem «buongiorno» und «scusate», da sie ihr Equipment den ganzen Wandfuss entlang verstreut haben. Woher wir kommen? Sie aus «tutta Italia», Genova, Albenga, Sicilia.
Junges Publikum, da werden die Alten wieder lebendig. Und als Christa einen überhängenden Einstieg mit perfekter Schrägzugtechnik meistert, zollen sie Applaus.
«La signora è settanta», erkläre ich stolz. Die drei Jungs wollen es nicht glauben. Als Christa wieder am Boden ist, kommen sie herbei, wollen das Kletterwunder aus der Nähe betrachten.
Die Wand, ja, sehr nett und griffig. Ein moderates Gebiet, familientauglich. Erst vor zwei Jahren entdeckt, zuvor in dichtem Gehölz versteckt. Für uns habe ich es zufällig in einer Nummer von «Klettern» entdeckt die irgendwo herumlag, in einem Artikel unseres Freundes Marco Tomassini. «Einer der schönsten Klettergärten, die der unermüdliche Giorgio Delfino eingerichtet hat», schreibt er. Und: man sollte 20 Exen dabei haben. Nun, ich hab’s auch mit meinen 14 geschafft.
Der Wandfuss ist tüchtig ausgeholzt, der Zustieg perfekt durchs Gebüsch gebahnt, markiert und wo es ein bisschen steiler wird, hat der unermüdliche Delfino Fixseile gespannt. Beim Abstieg sind wir Alten doch dankbar für die Gehhilfe.
Unten beim Steinbruch erinnern wir uns wie immer, wenn wir hier vorbeikommen, an unseren ersten Besuch in Finale vor 43 Jahren. Mit unserem halbjährigen Claudio, der von der Frau des Bildhauers, der damals im Steinbruch arbeitete, einen Stapel Windeln bekam. Keine Idee davon, dass wir hier dereinst klettern würden, als siebzigjährige Grosseltern. Der Steinbruch ist inzwischen verlassen, schade eigentlich.
Das Auto, an der Strasse parkiert, ist unversehrt. Obwohl Marco im Artikel vor Dieben warnt, die hier schon zugeschlagen hätte. Brösel von Autoscheiben zeugen davon.

Wasserwunder

Ohne Wasser keine Berge, ohne Berge kein Wasser. Das haben wir ja schon in der Schule gelernt. Hier geht’s also bergab, bzw. bachab. Auf dem Rhein oder durchs Küsnachter Tobel und 21 weiter Zürcher Tobels oder Töbeli. Was interessanter ist, muss jeder, jede für sich entscheiden. Oder einfach auf dem Sofa sitzen bleiben und beides per Bildband geniessen. Allenfalls dann noch ins Alpine Museum zur Wasserausstellung am Ufer der Aare.

19. März 2017

„Küsnacht (427 m), grosses schönes Dorf mit 4100 Einw., Kantonales Lehrerseminar, schöner Spazierweg ins wildromantische Küsnachter Tobel.“

So preist „Bürgis Illustr. Reiseführer – Sommer in der Schweiz“, 1910 erstmals und 1913 in dritter erweiterter Auflage erschienen, das Dorf Küsnacht am rechten Ufer des Zürichsees. Dort landen wir nach der Wanderung von der Forch durch das schon damals als wildromantisch angepriesene Küsnachter Tobel. Vorbei am 250 Tonnen schweren, 5 Meter hohen Nagelfluhblock, der am 23. April 2013 aus der Schluchtwand herunterpurzelte und genau zwischen Wanderweg und Dorfbach liegen blieb – besser hätte es dieser sogenannte Ausreisser nicht machen können. Zumal er in Form und Grösse erst noch dem Alexanderstein weiter unten im Tobel gleicht; dieser Felsblock kommt allerdings von weit her, vom Hausstock in den Glarner Alpen, und der Linthgletscher hat ihn in rund 400 Jahren hertransportiert und dann vor rund 15000 Jahren liegengelassen, als er abschmolz. Diesen erratischen Block aus Taveyannaz-Sandstein nannte man früher „Wöschhüslistein“; er erhielt den heutigen Namen zu Ehren des Küsnachter Geologen Alexander Wettstein, der 1887 zusammen mit fünf Gefährten, darunter seinem Bruder, an der Jungfrau verunglückte.

Alpine, ja alpinistische Spuren also im Küsnachter Tobel, an dessen Ausgang 65 nummerierte Blöcke aus Baugruben der Umgebung ausgestellt sind. Mit der Liste vor Ort kann man einen schieferigen Siltstein von einem dichten Kalk mit gelbem Ankerit unterscheiden; die Steine sehen je nach Licht und Bemoosung allerdings ziemlich ähnlich aus. Vorne im Küsnachter Horn, dem vom Dorfbach aufgeschütteten Delta, liegt nochmals ein Findling im Kieselstrand, umspült von den Wellen, welche die Kursschiffe auslösen. Genau dort können wir je nach Jahreszeit ein kaltes oder warmes Bad nehmen, bevor wir dann in der „Sonne“ nebenan auf diese feine Wanderung durch das längste Tobel am Pfannenstiel anstossen.

Und auf ein Buch, das dieses Tobel und zahlreiche andere mit grossartigen Fotos, klugen Texten, präzisen Karten, Profilen und Informationen vorstellt: „Wasserwunder. 22 verwunschene Tobelwanderungen im Kanton Zürich“ von Michel Brunner und Ueli Brunner. So geheimnisvoll und gleichzeitig zu wünschenswert zu jeder Jahreszeit sah man den bevölkerungsreichsten Kanton der Schweiz noch nie. Genau: Dass er eben mehr als Häuser und Hallen, Strassen und Schienen, Flugplätze und Fabriken aufweist, zeigt dieser Bildbandführer. In diesem Fall eine durch das Wasser geprägte Natur, in die wir nun mit diesem Werk eintauchen können, zuerst Seite um Seite, später hoffentlich Schritt für Schritt.

Wenn wir schon grad am Wasser wandern oder weilen: Ein neuer Fotoband widmet sich mit dem schön doppelsinnigen Titel „Bilderstrom“ einem der berühmtesten Flüsse Europas, dem Rhein, kapitelweise von heute bis zu den ersten Aufnahmen des Stromes von Charles Marville mit der Festung Ehrenbreitstein, der Burg Katz, der Ruine Godesburg und dem Siebengebirge dahinter – alles Örtlichkeiten, die den Schweizern in Rheinsachen weniger geläufig sind. Die ausgewählten Werke der 60 Fotografen zeigen den 1232 Kilometer langen Fluss fast ausschliesslich auf seinem deutschen Abschnitt. Immerhin: Die Kölner Fotografin Ruth Hallensleben (1898–1977) ging über den Rheinfall hinaus bis zum jungen Vorderrhein, und Jos Schmid wässerte im letzten Jahr eine Polaroidemulsion der Vorderrheinquelle in derjenigen des Hinterrheins.

Der Fotoband „Bilderstrom“ erschien zur gleichnamigen Ausstellung im LVT-LandesMuseum Bonn. Sie ging im Januar 2017 zu Ende. Wer sich aber für das Thema „Wasser“ interessiert, muss aarewärts nach Bern reisen, ins Alpine Museum zur grossen Ausstellung „Wasser unser“.

Michel Brunner, Ueli Brunner: Wasserwunder. 22 verwunschene Tobelwanderungen im Kanton Zürich. AS Verlag, Zürich 2016. Fr. 48.- www.as-verlag.ch

Bilderstrom: Der Rhein und die Fotografie 2016–1853. Herausgegeben von Christoph Schaden. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2016, € 29.80. www.hatjecantz.de

Wasser unser. Sechs Entwürfe für die Zukunft. Sonderausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern vom 27. Oktober 2016 bis 7. Januar 2018. www.alpinesmuseum.ch

„Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“

Wenn es unserem Alpinliteraturexperten den Atem verschlägt, weil er im Schaufenster eines Bücherbrockis eine alpinliterarische Perle entdeckt, die er (sage und schreibe!) noch nicht kennt – dann muss es sich um etwas ganz Besonderes handeln. Polnische Alpinliteratur! Letztes Jahr auf Deutsch erschienen und hoffentlich nicht nur in Brockis erhältlich.

8. März 2017

Matterhorny, Miszabele
chłoną dźwiki własnych słów,
Aletsch, Eiger z Mnichem w parze –

Schwierig, nicht wahr, die Wörter zwischen den Bergnamen zu verstehen. Verständlich, Polnisch ist uns nicht so geläufig. Deshalb hier nun die zweite Strophe im dritten Abschnitt des Gedichtes „Na szczytu Eggishornu“ (Vom Gipfel des Eggishorns) des bedeutenden polnischen Lyrikers Jan Kasprowicz auf Deutsch:

Matterhörner und Mischabels
saugen ein geheimer Worte Klang,
Aletsch, Eiger, mit dem Mönch gepaart –
ihre Körper hat ein Geist in eins geschmiedet –,
Dann die Jungfrau, Erste im Gotteshaus,
wo einst die Prophetenschar sich niederlieβ,
Dann das Finsteraarhorn, unheildrohend,
halb ins Gletschern und in Nebeln halb.

Am 2. September 1895 erschien das Gedicht vom Eggishorn zum ersten Mal in der Zeitschrift „Tydzień“ (Woche). Und nun kann man es und andere lesen in Peter Brangs Übersetzung und Kapitel „Das Wallis als poetisches Gefilde in polnischen Gedichten“. Zu finden im hochspannenden und tiefbekannten Buch „‚Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!‘. Der literarische Blick auf Alpen, Tatra und Kaukasus“. Vier Mitarbeiterinnen des Slawischen Seminars der Uni Zürich gaben das Buch zum 65. Geburtstag von German Ritz heraus, daselbst Professor für polnische und tschechische Literaturwissenschaft.

Auch für Kenner der Bergliteratur und sogar der Geschichte des Alpinismus schlägt die 336-seitige, mit schwarz-weissen Zeichnungen von Nastasia Louveau illustrierte Publikation buchstäblich neue Seiten auf. Beispielsweise mit Antoni Malczewski, der am 4. August 1818 als erster Pole den Mont Blanc bestieg. Am 1. August hatte er mit seinen sechs Führern versucht, den höchsten Berg der Alpen über eine neue Route via den Col du Midi zu erreichen. Dies gelang nicht, dafür kletterten die Pioniere als erste auf den Nordgipfel (3795 m) der Aiguille du Midi. Die Touren beschrieb Malczewski in einem Brief an die Genfer Zeitschrift „Bibliothèque universelle des sciences, belles lettres et arts“ und verarbeitete sie in seiner Verserzählung „Maria“. Zitat daraus: „So konnte man den Genfersee, Neuenburgersee, Murtensee, Bielersee etc. sehen, wie in der Dämmerung ausgebreitete Segel, während die Häuser, die an ihren Ufern liegenden Städte, die Farben und der Glanz einen dunklen Nebel  bildeten […]. Es gibt nichts Prächtigeres und Wilderes als die Sicht vom Mont Blanc.“

Gegensätzlicher Meinung war die polnische Dichterin Kazimiera Iłłakowiczówna gut 100 Jahre später. Was vielleicht auch daran lag, dass sie den Mont Blanc nur von weitem betrachtete, vor allem vom Genfersee aus. In ihren autobiografischen Erinnerungsminiaturen „Trazymeński zając“ (Der trasimenische Hase) wettert sie über die Begeisterung der Genfer Salongesellschaft für den Mont Blanc und findet ihn nur „schrecklich, frostig, unerreichbar, bedrückend“. Und notiert den Satz, der dem neuen Buch zum Titel verhalf: „Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“ Mehr noch, dabei den Mont Blanc ganz traditionell zur Schweiz zählend: „Diese ganze Schweiz mit ihren Gipfeln, denen man nicht entkommen kann, und sie zu erreichen – was für eine Anstrengung…“.

Schön, dass wir nun auszugsweise das lesen können, was slawische Autoren über die Schweiz, die Alpen, aber eben auch andere Gebirge wie die Tatra oder den Kaukasus schrieben. So ebenfalls Texte von zeitgenössischen Autoren. Persönlich würde ich am liebsten die Erzählungen und Novellen des Schriftstellers und Kunstmalers Rafał Malczewski lesen, die in der Zwischenkriegszeit in Zakopane und in der Tatra spielen und vom Skifahren und Bergsteigen, von Tourengehern und Ausflüglern handeln. Im Frühling, so schrieb Malczewski, versammeln sich in der Tatra „alle, die auf Skiern stehen können und Zeit haben.“ 1928 veröffentlichte der Künstler den Erzählband „Narkotyk gór“. Auf Deutsch übersetzt: Die Droge der Berge.

Gianna Frölicher, Małgorzata Gerber, Sylvia Sasse und Nina Seiler (Hg.): „Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“. Der literarische Blick auf Alpen, Tatra und Kaukasus. Mit Collagen von Nastasia Louveau; aus dem Polnischen übersetzt von Nina Seiler; aus dem Russischen übersetzt von Olga Bronnikowa. Edition Schublade, Zürich 2016, Fr. 35.40.

„ei cool!“ – Von Berschis nach Sargans, obenrum

Es ist Mitte Januar und hat Schnee. Jetzt muss ich mich aufraffen und los auf eine erste Skitour der Saison. Doch wohin? Verbindungen für Züge und Busse im Internet geschaut, so vieles ist möglich… Warum nicht einfach von der Haustüre los? Dort ist zwar keine „offizielle“ Skitour aber Schnee, das entscheidende Kriterium, ist da.

1. März 2017

Morgens liegt Berschis, wo ich derzeit wohne, im Nebel. Hier, auf etwa 450 Meter Meereshöhe, wo mein Nachbar ein Weinbauer ist und eifrige Gartenbesitzer Pälmchen hegen, bin ich auch nach gut einer Woche mit vierzig Zentimetern Schnee und meist Sonne noch der erste, der eine Skispur legt. Ob sie wohl auffällt? „Lueg do“, heisst es vielleicht am späten Vormittag, „einer ist mit den Ski los!“ Wohin der wohl wollte?

Die Spur schlängelt sich in den Wald, bald aus dem Nebel heraus und folgt dem Fahrweg nach Sennis. Auf der tief verschneiten Wegtrasse steigt sie den Südhang überm Seeztal hinauf und überwindet mit ihr die Waldfelswände. Und in den lichten Wäldern, zwischen den Baumgruppen der Alpweiden von Malun, steige ich an der Spitze meiner Spur durch eine stille, glänzende Welt.  Es ist berauschend schön und still. Von manchen Zweigen hängen Eiszapfen, in denen sich das Sonnenlicht zu Farben bricht, und zwischen den Bäumen hindurch öffnen sich immer wieder Blicke auf die Hohen Südwände von Fulfirst und Alvier. Auch sie, die gewöhnlich ihr Winterkleid rasch wieder abstreifen, sind noch tief verschneit. Die abgespaltenen Gauschla, vom Anstieg gegen „D´Muur“ schlank im Profil zu sehen, ist so vereist, dass sie an Kalenderbilder patagonischer Extremgipfel erinnert. Hier kommt jedenfalls hin, wer sich in Berschis der Spur anvertraut, ihr kilometerlang folgt und die Kurven nimmt, die ich ins weite Winterweiss schrieb. Ein Schild müsste man dort aufstellen, denke ich, auf dem „Ins Märchenland“ steht.

Mit dem weniger Werden der Bäume kommt Wind auf, Ostwind, wohl eine Art Bise und scharf, schneidend, Schneefahnem aufnehmend, Schneeströme um meine Beine treibend wie reissende Wasser, die manchmal so tief werden, dass sie mir wie mit kalten Nadeln bis übers Gesicht sprühen. Und sie erodieren den Schnee, fressen tiefe Rinne in die Osthänge und überschütten die Westhänge neu. Häufiger bricht meine Spur in zugewehte Löcher, mühsam wird es. Vielleicht doch besser kein lockendes Schild am Dorfrand…

Über Palfris erreiche ich die Skiroute auf den Tschuggen, lasse aber im Sturmwind, der den Rücken hinauf fast blank gefegt hat, den Gipfel rechts liegen und widme mich sogleich der Abfahrt. Zwischen den vielen Spuren einer Woche finden sich noch immer Inseln für stiebende Schwünge. Weiter unten bleibe ich öfter stehen und halte Ausschau nach einem Abzweig in die Waldränder zur Rechten. Schliesslich will ich nicht mit den Spuren bis nach Azmoos hinab, sondern nach Sargans an den Bahnhof. Die Spur, die ich irgendwann entdecke, ist nur von Fussgängern, und leider fehlt es ihr an Gefälle. Doch sie führt und entlässt mich schliesslich auf Wiesen mit nach unten sich verdichtenden Höfen, von wo aus der Fernbahnhof im Tälerdreieck bereits zu sehen ist.

Als ich zwischen den Höfen das dritte Mal die Zufahrtsstrasse quere, bleibe ich auf ihrer Talseite ratlos stehen. Im Hang unter mir erblicke ich auf den nächsten hundert Metern schon mindestens drei Zäune. Von rechts kommt ein Fahrweg mit hartgepresstem Schnee, der anscheinend zu einem Hof wenig unterhalb führt. Man sieht nicht, ob es eine Sackgasse ist, und zurück hiesse wieder aufsteigen müssen. Unschlüssig überlege ich noch hin und her wie es wohl weitergehen sollte, als zwei Kinder, wohl auf dem Nachhauseweg, den Fahrweg heraufgeschlendert kommen. Das Mädchen, sie ist die ältere, vielleicht sieben, vielleicht neun, bleibt stehen und mustert mich langsam vom Scheitel bis zu den Skispitzen. Als sie dort angelangt ist, entfährt ihr ein strahlendes „ei cool!“ Da bricht das Eis im stundenlangen Einzelgänger und ich traue mich zu fragen, ob denn nach einem Stück  des Fahrweges wieder Wiesen kämen, über die man ins Städtli hinabfahren könne. „Ja klar, geht super!“, ist die begeisterte Antwort. Und tatsächlich, hinter einer Wegbiegung und einem weiteren Hof gleite ich links zaunlos hinab und schliesslich hart an ein paar Reben vorbei bis in die Wohngebiete hinein, bis zwischen gebahnten Strassen, Gartenzäunen und Schneehaufen kein Platz mehr für die Ski zu finden und es zum Bahnhof nur noch ein Katzensprung ist.

Bold Climbers

Einst gab’s unter den Alpinisten schräge Vögel zuhauf, etwa den Satanisten und Ausnahmekletterer Aleister Crowley. Im Zeitalter von Sponsoring, Hallenklettern und Hochglanzmagazinen sucht man sie vergeblich – obwohl es sie im Versteckten wohl noch gibt. Ein Buch über die Wilden und Wagemutigen. Für alle Frühfranzösisch- und Frühenglisch-Kundigen.

28. Februar 2017

„Bennen advanced; he had made a few steps when we heard a deep, cutting sound. The snow-field split in two about fourteen or fifteen feet above us. The cleft was at first quite narrow, not more than an inch broad. An awful silence ensued; it lasted but a few seconds, and then it was broken by Bennen’s voice, ‘Wir sind alle verloren.’”

Am 28. Februar 1864 passierte das erste tödliche Lawinenunglück, das sich während einer winterlichen Hochtour ereignete. Philipp Gosset, sein Freund Louis Boissonnet, der Führer Johann Joseph Benet (vor allem in der englischen Literatur wird er fälschlicherweise Bennen genannt; Erstbesteiger des Weisshorns und Fasterstbesteiger des Matterhorns) sowie die drei lokalen Führer und Träger Auguste Bevard, Jean Joseph Nance und Frédéric Rebot wollen den stolzen Haut de Cry (2969 m) im Unterwallis besteigen. Wenig unterhalb des Gipfels müssen sie ein triebschneegefülltes Couloir queren. Was dann passierte, schildert Gosset im ersten Band des „Alpine Journal“ von 1863/64; sein „Narrative of the Fatal Accident on the Haut-de-Cry, Canton Valais“ findet später Eingang in John Tyndalls Klassiker „Hours of Exercise“, in Emil Zsigmondys Standardwerk „Die Gefahren der Alpen“ sowie in Edward  Whympers „Scrambles amongst the Alps“. Höchst eindrücklich, wie Gosset diesen Lawinenunfall schildert: das Losbrechen des Schneebrettes, das Versinken in den Schneemassen, die Rettung. Das kann man nur so anschaulich und präzise beschreiben, wenn man drin war – und wieder draussen. Und wenn man schreiben kann. Für Benet und Boissonnet kam die Hilfe zu spät; sie konnten nur noch tot aus dem Lawinenkegel geholt werden.

Nun taucht dieses berühmte Bergunglück in einem modernen Bergbuch wieder auf, darin auch der Haut de Cry besucht wird – zum Glück im Sommer. Whympers Buch inklusive Gossets Bericht bildeten sozusagen den roten Faden – die rote Lawinenschnur! – des Projektes VVV am Master Arts Visuels der Haute école d’art et de design von Genf bzw. der Publikation „Bold climbers. Histoires et expériences d’alpinistes hardis/Experience and aesthetics on the mountain slopes“ mit Jelena Martinović als Hauptbergführerin. Bold heisst keck, kühn, mutig, schwungvoll, frech, gewagt und verwegen, aber auch schroff, abschüssig, steil abfallend. Perfekt passend also für Whymper & Co. Und ebenfalls für Aleister Crowley, einen der schrägsten Alpinisten, besser bekannt als Okkultist und Satanist. Aber er war eben wirklich auch ein bold climber, so am senkrechten Kreidefelsen Beachy Head in Südostengland. In Mexico bestieg Crowley unter dem Pseudonym Chevalier O’Rourke unter anderen Vulkanen den Iztaccíhuatl (5230 m), dessen Gipfelformation mit einer schlafenden Frau assoziiert wird. Der „Mexican Herold“ betitelte 1901 den Bericht über die Besteigung mit „Bold Alpine Climber. Chevalier O’Rourke Succeeds in Attaining Ixtaccihuatl’s Summit“.

Jelena Martinović nennt ihren Beitrag „Aleister Crowley and the white lady“. Maxime Guitton hört sich die „alpine arias in the films of Daniel Schmid“ an. Vincent Barras macht am Monte Rosa und anderswo doppelsinnig auf „(s)peak flow“. Merel van Tilburg betrachtet mit den Kunstkritikern Alois Riegl und Clement Greenberg „Ruhe & Fernsicht. The prospect of a painting“. Und in der Mitte des keck gelayouteten Buches leuchten ein paar kühne Bilder und Collagen; bei derjenigen zur „Deutschen Schule“ verunsichern weder Heckmair noch Messner, dafür Gaston Rébuffat. Doch eins war dieses Urgestein französischer Kletterästhetik ganz bestimmt: ein bold climber.

Jelena Martinović: Bold Climbers. Mit Beiträgen von Jelena Martinović, Maxime Guitton, Vincent Barras und Merel van Tilburg (französisch und englisch). Published by Cordyceps Press, Lausanne 2016. Distribution by Oraibi Books, Genève; oraibi.books@gmail.com. Fr. 35.-

Josef Viktor Widmann

Der Berg und die Liebe. Das Thema ist so alt wie die Alpine Literatur oder wohl noch älter. Schon der Berner Albrecht von Haller erzählt ja vom freien Leben auf den Almen. Und der Berner Joseph Victor Widmann schöpft in seinen Werken offenbar auch aus dem Vollen. Dank Neuauflage können sich auch Zürcher an seinen amüsanten Erzählungen erfreuen. Eventuell auch Basler und der Rest der Welt.

20. Februar 2017

„Alpenrosen konnte ich in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes [auf Handeck] wenige Minuten oberhalb des Gasthauses auf dem bereits erwähnten Hügel pflücken, den ich den Zypressenhügel nannte, weil die tiefschwarzen und oben scharf zugespitzten Tannen, die seinen Gipfel krönen, aus einiger Entfernung gesehen an jenen Baum des Südens erinnerten.“

Zum Pflücken von Alpenrosen ist es noch zu früh, die liegen noch gemütlich unter einer dicken Schneedecke. Aber die ersten Schneeglöcklein haben ihre Blüten aus braun-grünen Matten hervor gestreckt. Und in Nizza wetteifern Mimosen und Bougainvilleas darum, wer stärker leuchtet. Doch kehren wir von der Côte d’Azur zurück nach Handeck im Grimselgebiet, zum Zypressenhügel. Dieser 1496 Meter hohe Hügel war von 1993 bis 2013 auf der Landeskarte der Schweiz im Massstab 1:25‘000 als „Widmannshöhe“ verzeichnet; sie war also einer der Namensberge im Land wie Dufour- oder Gertrudspitze. Nun hat man aus welchem Grund auch immer den Namen getilgt. Dabei hat dieser Josef Viktor Widmann (1842-1911) der Gegend und dem Gasthof Handeck ein paar schöne Zeilen gewidmet. Sie sind abgedruckt in der zweiten Auflage von „Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und der Schweiz“, die 1919 herauskam. Und die nun René P. Moor in seinem Verlag Wanderwerk pünktlich zum 175. Geburtstag von Widmann am 20. Februar neu aufgelegt hat, mit einem eigenen Vorwort und mit einigen Ergänzungen, wie eben zur Widmannshöhe.

So klein die Anhöhe, so angesehen ist das Werk des Schweizers Joseph Victor Widmann, Feuilletonredaktor des Berner „Bund“ und selber Schriftsteller (Reiseberichte, Versepen, Erzählungen). Ihm zu Ehren wurde 1914 in Bern ein Brunnen am Hirschengraben errichtet. Für zwei weltberühmte Gipfel schrieb Widmann die ersten erzählerischen Werke. „Die Matterhornbesteigung des Mr. Evertruth“ aus der dritten Auflage von „Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien“ (1896) behandelt die damals schon akute Matterhorn-Besteigungssucht auf eine höchst amüsante Weise, die gerade in unserem virtuellen Zeitalter bestens ankommt. Dem blinden Mr. Evertruth, der um jeden Preis auf diesen Gipfel will, wird eine Besteigung vorgegaukelt, indem er nur auf einen Felsen in Dorfnähe geführt wird, mit allem Drum und Dran wie Anseilen und Hüttenübernachtung, aber ja ohne Kuhgebimmel. In diese phantasievolle Tour vermischt der Erzähler das Buhlen eines Ingenieurs und eines Dichters um Miss Edith. Wem nun Widmann die Hand der bildhübschen Tochter des Matterhorn-Helden überlässt, ist leicht zu erraten. Mit „Der Held des Eiger“ betitelte Widmann eine Story aus den „Touristennovellen“ (1892). Im Glücksgefühl seiner locker vollendeten Eigerbesteigung kehrt der 24jährige Engländer Sir Robert Doll in einem Gasthaus im Lauterbrunnental ein, wo sich eine gemischte Gesellschaft am Gästetisch befindet. Doll verteidigt dort Fräulein Angélique, eine hübsche Französin, gegen die verbalen Angriffe eines deutschen Professors, und zwar so vehement und charmant, dass es zu ganz unterschiedlichen Begegnungen kommt: die eine mit Pistolen, die andere mit Küssen. So atemberaubend kann das Leben sein.
„Du schöne Welt“ macht den Auftakt zum wanderwerkschen Widmann-Jahr. Im Sommer wird „Wilds Hochzeitsreise“ veröffentlicht und im Herbst „Rektor Müslins italienische Reise“. Schauplatz der Hochzeitsreise ist das Lauterbrunnental. In der Standseilbahn Richtung Grütschalp gibt der frisch Verheiratete gegenüber den Mitreisenden die Braut als seine Schwester aus, was bei den männlichen Sommerfrischlern nicht ohne Wirkung bleibt. Was folgt, ist ein amüsanter Schwank in Mürren zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Apropos Mürren: Der Ferienort auf der Sonnenterrasse gegenüber von Eiger, Mönch und Jungfrau ist natürlich auch im Winter eine Reise wert. Zum Beispiel am nächsten Wochenende. Im Rahmen der skisportlichen und -politischen Ausstellung „Good News aus Afghanistan. Das Skiwunder von Bamiyan“ im Hotel Regina halte ich am
Samstag, 25. Februar, um 20.30 Uhr den Vortrag „Von Afghanistan auf den Allmendhubel. Wie Kandahar dem alpinen Skirennsport und Mürren Schwung verlieh.“

Josef Viktor Widmann: Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und der Schweiz. Neu herausgegeben von René P. Moor. Edition Wanderwerk, Burgistein 2017. Fr. 26.–. Erhältlich bei www.wanderwerk.ch.

Infos zu Mürren, Kandahar und Skilauf in Afghanistan unter www.reginamuerren.ch.

Gulmen solo

Die Sonne leckt schon kräftig am Schnee. Ob der Gulmen noch geht? Ein einsamer Versuch.

19. Februar 2017

Mit Partnerin wäre ich jetzt auf der Galerie. Zwei Autos stehen da, irgendwo hängt ein Freak im Fels. Vielleicht ist es ja doch zu kalt, etwas Dunst liegt über dem Nebel. Beim Fellen Richtung Gulmen beginne ich doch schön zu schwitzen. Die Spur ist schon verkrustet, es tropft von den Scheunendächern. (Diese alten Scheunen oder Ställe von Amden, silbrig verwittert, architektonische Bijous eigentlich, nur weiss es niemand.)
Gelegentlich rauscht mir eine Skifahrerin entgegen. Heute ist offenbar Frauentag. Wie die schwingen im weichen Schnee, so leicht und elegant! Und wie die gut aussehen in ihren bunten Skianzügen und weissen Stirnbändern, welche ihre langen Haare bändigen. Freund X kommt mir in den Sinn, der sich so sehnt nach einer sportlichen Partnerin. Vielleicht sollte er es mal mit dem Gulmen versuchen, statt mit Internet.
Vor dem Schlusshang dope ich mich mit Traubenzucker und Banane und gezuckerten Tee aus der Thermos. Mittendrin im Steilen kämpfen sich vier Menschen etwas umständlich in die Höhe. Frauen, klar doch. Die werde ich noch überholen, nehme ich mir vor. Also los, aber dann stockt mein Elan doch wieder. Endlos einfach, dieser blöde Hang. Mit zwei oder drei Halts zum Atemschöpfen und Traubenzucker einwerfen schaffe ich es dann doch bis zum Kreuz, und weil dort schon ein paar Leute sitzen, auch noch auf den Gipfel. Kurz nach den vier Damen, die Schneeschuhe tragen. Wie kann man nur! Bei diesem Schnee! Ein Mann kommt herauf, in gewöhnlichem Schuhwerk, ohne Probleme. (Wieder mal der lebende Beweis, dass Schneeschuhe die überflüssigste Erfindung der Outdoor-Industrie sind, gleich nach den Wanderstöcken. Sein Begleiter mit Schneeschuhen erzählt, sie hätten sich per Zufall getroffen, nach dreissig Jahren. Wiedersehen auf dem Gulmen. Wir sind ergriffen, gratulieren.
Dann geht das grosse Fotografieren los. Die Männer die Frauen, die Frauen die Männer, schön malerisch neben dem Wegweiser, der den Gipfel ziert. Ich mache ein Selfie, aber das wird dann doch ziemlich schief. Aber ohne Gipfelbeweis geht nichts mehr, seit Ueli Steck ohne Foto von der Annapurna zurückgekommen ist. Seither ist sein Ruf etwas angekratzt. Selbst Messner zweifelt. Also gut, schief oder nicht, ich habe den Beweis.
Kann beruhigt abfahren. Der Hang ist eklig verspurt und verkrustet. Weiter unten dann wunderbar weicher Schnee, fast sulzig. Ich fahre ohne Halt bis zur Bushaltestelle. Sitze da glücklich an der Sonne auf einer Mauer, verspeise mein Brot und trinke meinen Tee. Vielleicht war’s die letzte Skitour dieses Winters.

Foulard delle montagne

Rot und schwarz waren die Foulards, die Erstbesteiger als Gipfelfahnen hissten, die Farben der Revolution und des Anarchismus eigentlich. Das war den braven Alpinisten der Frühzeit wohl nicht bewusst, gilt die Bergsteigergilde doch eher als konservativ bis apolitisch – auch heute noch. Nun, es gab ja auch andere Farben und Foulards, wie wir aus dem besprochenen Buch erfahren. Und nicht alle dienten der Feier eines Gipfelsieges.

16. Februar 2017

„Um 2 Uhr 10 war der Steinmann auf dem Gipfel (4059 m) erreicht. Dort freuten wir uns an der prachtvoll klaren Aussicht, dem Nebelmeer im Tale, dem Jura mit Vogesen und Schwarzwald dahinter, und speisten: Foie gras. Das schwarze Foulard, das wir während des Verweilens als Flagge am Pickel hissten, wurde erst um 3 Uhr heruntergeholt und der Abstieg nach den Gendarmen des Ostgrates angetreten.“

Beneidenswert, was Paul König und Jean Jacques David am 22. Januar 1902 auf dem Grossen Fiescherhorn sahen und assen. Am Vortag waren die beiden schwerbepackt mit Ski und Proviant von Grindelwald zur Berglihütte (3299 m) aufgestiegen. Für das Fiescherhorn liessen sie diese Geräte allerdings in der Hütte; bei den Besteigungen von Mönch und Jungfrau an den folgenden Tagen benützen sie die Ski bis dort, wo diese auch heute in den Schnee gesteckt werden: beim Oberen Mönchsjoch bzw. unter dem Rottalsattel. Über den Aletschgletscher fuhren die Skierstbesteiger schliesslich ins Wallis hinab, das schwarze Foulard sicher im Rucksack verstaut.

Dieses textile Accessoire hat in der Geschichte des Alpinismus durchaus immer wieder eine Rolle gespielt. Zum Beispiel am 17. Juni 1865 bei der Erstbesteigung der Crast’Agüzza (3854 m), jener matterhornähnlichen Felsspitze zwischen Piz Palü und Piz Bernina. Erstbesteiger Johann Jakob Weilenmann im „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1868: „Das Tuch, so ich mitgenommen, um als Fahne zu dienen, findet, obschon in verschiedenen Nuancen der Farbe der Hoffnung prangend, keine Gnade in den Augen meiner Gefährten. Roth, so roth es aufzutreiben, muss es sein und Pöll’s Hosensack fördert das Wahre zu Tage. Da aber für ihn ohne Nastuch keine Existenz, so tritt Freund Specht, der davon Vorrath hat, ihm, dem über den Tausch hochbeglückten, sein seidenes Foulard ab. An das junge Tännchen genagelt, das wir in der Tiefe gehauen, flattert die Fahne lustig in die Welt hinaus.“

Nun flattern alpin angehauchte Foulards in Turin in die Welt hinaus. Wenigstens mit dem Bildband aus der Reihe „Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna“. Das Buch umfasst 155 Seiten, 170 abgebildete Foulards von 1920 bis heute (sie werden hinten genau beschrieben) und schlaue Texte auf Italienisch und Englisch. Zu sehen sind wunderbar gestaltete und bedruckte, baumwollige und vor allem seidige Tücher, natürlich viel zu schön und zu kostbar, um in einem derbtuchigen Hosensack zu verschwinden oder auf einen Pickel geschnürt zu werden. Im Museo Nazionale della Montagna in Turin können die Kostbarkeiten von Hermes & Co. zudem in echt bewundert werden. Zum Beispiel das Foulard von Geny Spielmann für die Winterolympiade 1948 in St. Moritz, natürlich mit der lachenden Sonne, hier auf rotem Grund. Den Erstbesteigern der Crast’Agüzza hätte es sicher gut gefallen. Und bestimmt auch Alois Kosch, der in „Zwoa Brettl, a gführiger Schnee… Das grosse Ski-Einmaleins“ von 1937 im Kapitel „Was soll ich denn anziehen?“ folgenden Tipp gab: „Daβ der Schal eine luftige, bunte und persönliche Note gibt, ist nur gut und recht. Drum also ruhig bei gegebener Gelegenheit diesen Wimpel der Freude gehiβt.“

Foulard delle montagne. A cura di Aldo Audisio, Laura Gallo e Cristina Natta-Soleri. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 29.50.
Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist bis am 28. Mai 2017 zu sehen.