Pic & Bulle – Fashion Altitude

Skiberge im Comic und komische Skimode und das alles in Grenoble, ausgestellt und gedruckt. Hinfahren und anschauen und die Ski nicht vergessen! (Die Redaktion legt Wert auf die Feststellung, dass dieser Beitrag nicht vom Office de Tourisme de Grenoble bezahlt worden ist, sondern vom Autor selber ehrenamtlich verfasst. So wie alle andern Texte in diesem Blog.)

9. Februar 2017

OH! TITINE! COMMENT TE SENS-TU?

PAS TROP BIEN, ET TOI?

J’AI LES JAMBES MOLLES!

QUELLE AVENTURE!

MA DOUÉ! PRIEZ POUR MOI!

ATTENTION! A VOUS!

Der letzte Ausruf tätigt der Skilehrer: „Achtung – an Euch!“ Jetzt gilt es ernst für die vierköpfige Familie Bigorno mit ihrem bretonischen Dienstmädchen: Sie stehen oben am Berg, auf schmalen Latten, bereits für eine erste Abfahrt. Ob das gut kommt? Wohl kaum! Szene aus dem Comic „La Famille Bigorno aux sports d’hiver“ von Aristide Perré, 1951 erschienen – und schon längst vergessen und beim Altpapier gelandet. Nun lassen sich die Vor- und Nachfahrer von Titine und anderen Helden in einer gross angelegten Ausstellung in Grenoble und in einem grossartigen Katalog wieder entdecken: „Pic & Bulle. La montagne dans la BD.“ Bulle ist die Sprechblase in einem Comic, der im Französischen bande dessinée heisst. Und dieses gezeichnete Band erfand ein Schweizer, nämlich der Genfer Rodolphe Töpffer, der 1827 das Werk „Les Amours de Mr Vieux-Bois“ schuf, eine Abfolge von Abenteuern des so romantischen wie grotesken Monsieur Vieux-Bois, der auf der Alp oben seine Angebetete von seiner Liebe und seinen Fähigkeiten als Musiker und Melker überzeugen will. Dabei wird sein Rivale immer wieder geduscht – ein mit dem Zeichnungsstift umgesetzter running gag.

Autrement dit: Bereits im Ur-Comic sind die Berge in Szene gesetzt worden. Und darin immer wieder aufgetaucht, bei „Tintin au Tibet“ über „Astérix chez les Helvètes“ bis zu „Louis au ski“ von Guy Delisle oder „Franky Snow. Snow Révolution“ von Buche. Sie alle gilt es zu entdecken in „Pic & Bulle“, im Buch – und vor Ort. Wenn wir schon nach Grenoble fahren, können wir noch gleich eine andere clevere und coole Exposition besuchen: „Fashion Altitude. Mode & montagne du XVIIIe siècle à nos jours.“ Auch zu dieser Ausstellung gibt es einen ausgezeichneten Katalog, mit ganz schönen Illustrationen sowie klugen Texten und Legenden. Darin hat Schneidermeister Maurice Och seinen Auftritt, der für die Schweizerische Nationalmannschaft die gleichermassen elegante und aerodynamische Keilhose erfand – für die Winterolympiade in St. Moritz 1928. Allerdings nicht direkt für die alpinen Skiläufer, die damals noch nicht starten durften, sondern für die Skispringer. Doch schon bald eroberte le fuseau, so der französische Name für Keilhose, die Pisten der Welt. Und wenn in diesen Tagen der spezielle WM-Rennanzug der Schweizer mit zahlreichen aufgedruckten Selfies zu reden gibt, so gilt für Lara Gut und Beat Feuz doch an erster Stelle: ATTENTION! A VOUS!

Philippe Peter, Nicolas Rouvière: Pic & Bulle. La montagne dans la BD. Éditions Glénat, Grenoble 2016, € 35.-
Die gleichnamige Ausstellung im Musée de l’Ancien Évêché in Grenoble ist bis am 30. April 2017 zu besichtigen; www.ancien-eveche-isere.fr .

Nadine Chaboud, Cécile Dupré et Cécile Parigot: Fashion Altitude. Mode & montagne du XVIIIe siècle à nos jours. Éditions Glénat, Grenoble 2016, € 25.-
Die gleichnamige Ausstellung im Couvent Sainte-Cécile in Grenoble ist bis am 4. März 2017 zu besuchen; www.couventsaintececile.com.

Sans limite – Photographies de montagne

Warum forderten die Berge die ersten Fotografen so heraus, dass sie ihre kiloschweren Apparate stundenlang auf höchste Gipfel schleppten und die wilde Fels- und Eislandschaft schwarzweiss auf Glasplatten zauberten? Vielleicht liefert die besprochene Ausstellung Antworten. Auch auf die Frage, wie die Digitalisierung mit ihren ultraleichten Kameras, uferlosen Speichern und Drohnen die Gebirgsfotografie verändert hat.

2. Februar 2017

„Der Mensch – und sollte er auch ein Clubist sein – ist mehr oder weniger erschöpft, mehr oder weniger im Fieber, wenn er sich an Guffer- und Schneehalden müde geklettert hat. Ist er nach einem durchwachten Bivouak auf einen beliebigen Gipfel oder Grat hinauf gelangt, so wird er sich meist mit allem andern eher abgeben, als mit Photographie. Es braucht alsdann grosse Willenskraft, um den Apparat sorgfältig und flink zu handhaben, mit einem schwarzen Tuche bedeckt, an kleinen Schrauben zu drehen bis man den Focus ganz genau gefunden hat, kurz die Sache so abzumachen, als wäre man in seinem Zimmer oder auf grünem Wiesenplan. Ein heftiger Wind wird auch bei schönstem Wetter alles vereiteln.“

Das schreibt Jules Beck (1825–1904) im Artikel „Ueber Photographie in höheren Alpenregionen“, der im vierten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867 auf 15 Seiten abgedruckt ist. Beck gilt als der erste Schweizer Hochgebirgsfotograf. Ein paar seiner Aufnahmen sind in einer neuen Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lausanne zu sehen. „Sans limite. Photographie de montagne“ gibt einen faszinierenden Überblick zur Bergfotografie von einst bis heute, von Jules Beck und Adolphe Braun über Paul Güssfeldt und Elizabeth Main bis Balthasar Burkhard und Iris Hutegger. Dabei stammen mehr als drei Viertel der knapp 300 Exponate aus der museumseigenen Sammlung. Der 250-seitige Katalog seinerseits präsentiert 150 Werke, enthält eine Essay von Kurator Daniel Girardin und ein Interview mit Maurice Schobinger, von dem auch das Cover stammt; es zeigt die Nordostwand der Lenzspitze (4294 m) in der Mischabel. Ein gelungener Wink zu William Frederick Donkin: Seine Panoramaaufnahme „The Nadelgrat from the summit of the Dom”, mit dem gesamten Nadelgrat inklusive Lenzspitze und tief verschneitem Vorgipfel des Doms ist die erste Foto, die das „Alpine Journal“, die erste und älteste Bergzeitschrift, veröffentlicht hat (im Novemberheft 1881).

Der Katalog ordnet die Fotos nach drei hauptsächlichen Prinzipen: Standpunkt, Form und Verbreitung. Bei den „Points de vue“ gibt es fünf Kriterien (frontal, vertikal, horizontal, aus der Luft sowie aus der Distanz), bei den Formen drei (Kegel, Material, Ikone). Welcher Berg als Ikone schlechthin gilt, ist leicht zu erraten: Es ist ein Berg an der Schweizer Grenze, sein deutscher Name beginnt mit einem M, wie Monte Rosa oder Meix Musy. Die Ausstellung ihrerseits gliedert sich in vier inhaltliche Ausrichtungen: wissenschaftliche, touristische, alpinistische und künstlerische Fotografie. Beim Rundgang durch „Grenzenlose Gipfel. Gebirgsfotografien“ (so der deutsche Titel) verbinden sich diese vier Richtungen zunehmend. Daniel Girardin: „Je weiter man sich von den Aufnahmebedingungen einer Fotografie löst, desto freier deutet man sie.“ Jules Beck würde staunen.

Daniel Girardin: Sans limite. Photographies de montagne. Collection Musée de l’Elysée n° 4. Coédition Les Éditions Noir sur Blanc/ Musée de l’Elysée Lausanne, 2017, Fr. 50.-
Die gleichnamige Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lausanne dauert vom 25. Januar bis zum 30. April 2017; www.elysee.ch

Reklamekunst und Reiseträume

Es war das goldene Zeitalter des Schweizer Tourismus, als sich Grafiker mit Rang und Namen um die Plakatgestaltung bemühten. Heute sind die Originale Sammlerobjekte, die von eleganten Damen im Tennisdress und von markigen Alpinisten am Fuss von Bergen im Alpenglühen träumen liessen. Nostalgie pur im Zeitalter der Schneekanonen und von Lautsprechern zugedröhnten Schneebars.

28. Januar 2017

SCHWEIZ
FRÜHJAHRSAISON MÄRZ-MAI

Palace Hôtel 350 Zimmer & Salons
Arrangements von 12 bis 25 Frs.

Grand Hotel 250 Zimmer & Salons
Arrangements von 8 – 20 Frs.

CAUX – über TERRITET-MONTREUX
1100 m.ü.M.

Berlin via Frankfurt Basel 24 St.
Berlin ab 1.50 N. Caux an 2.19 N.

Das sind die Aufschriften auf einem ganz speziellen Plakat aus dem Jahre 1902. Es ist das erste bekannte Schweizer Plakat, das einen Sport treibenden Touristen bildfüllend zur Schau stellt. Weder einen Skifahrer noch eine Eisläufern, und auch keinen Bergsteiger oder Badende – es geht ja um den Frühling. Das in Sepiatönen gemalte Plakat, mit rötlichen und schwärzlichen Buchstaben, zeigt die beiden Luxushotels von Caux, unten das Palace und weiter oben das Grand Hotel, darüber spitzig die Dent de Jaman und wuchtig die Rochers de Naye. Und welche Sportart treibt der junge Mann in Weiss, mit schicken Schuhen, langen Hosen, Hemd und kecker Dächlikappe? Tennis! Die Schweiz als Tennisland – stimmt eigentlich immer noch, nicht wahr Stan & Roger?

Schöpfer dieses stilvollen Plakats ist Anton Reckziegel. Geboren 1865 im böhmischen Gablonz und in Graz zum Maler ausgebildet, war Reckziegel ab 1893 in der Schweiz tätig. 1909 kehrte er nach Österreich zurück, wo er bis zu seinem Tod 1936 als Landschaftsmaler arbeitete. Während seiner Schweizer Jahre wurde er rasch zum bekanntesten Plakatmaler des Landes. Seine Motive zeigen insbesondere eine Welt der elegant gekleideten Paare und Sportler, der schnaubenden Dampfeisenbahnen, der prachtvollen Grand Hotels (waren die günstig, von heute aus betrachtet!). Erstmals warben damals grosse, farbenprächtige Plakate und sorgfältig lithografierte Prospekte mit Panoramen für die neuerschlossenen Reiseziele wie Caux hoch oberhalb des Lac Léman oder die Station Eismeer auf der Bahnstrecke zum Jungfraujoch. Reckziegel schuf aber auch Ansichtskarten und trug dazu bei, dass diese neue Art der Kommunikation damals einen ungeahnten Boom erlebte.

Das grossformatige Buch „Reklamekust und Reiseträume“ stellt nun zum ersten Mal Leben und Werk von Anton Reckziegel im Kontext der Belle Époque umfassend vor und zeichnet seinen Werdegang vom vielseitigen Kunstmaler zum ersten selbstständigen Werbegrafiker der Schweiz nach. Ebenso werden die Entwicklungen im Druckwesen, in der Kunst und im Tourismus im Vorfeld und während Reckziegels Zeit beleuchtet. 315 farbige und 12 schwarz-weisse Abbildungen entführen in die Frühzeit des touristischen Plakats und der Werbegrafik: zu Skifahrern auf der Rigi, zu Alpinisten unter der Jungfrau, zu Schlittschuhläufern in Davos, zum Hirtenbuben bei Brig, zur Bierkellnerin in Rheinfelden – ebenfalls bildfüllend wie der Tennisspieler. Sport gibt bekanntlich Durst.

Reklamekunst und Reiseträume. Anton Reckziegel und die Frühzeit des Tourismusplakats. Herausgegeben vom Alpinen Museum der Schweiz. Mit Beiträgen von Urs Kneubühl sowie von Agathon Aerni, Roland Flückiger-Seiler, Beat Hächler, Hans Hirt-Tenger und Christian Jaquet. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, Fr. 59.-

Die Publikation begleitet die Ausstellung „Reklamekunst und Reiseträume. Anton Reckziegel und die Frühzeit des Tourismusplakats“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern (27. Januar bis 23. April 2017). Ein Gemeinschaftsprojekt des ALPS und der Hochschule der Künste Bern, für das sich 19 junge Gestalterinnen und Gestalter mit Reckziegel und den veränderten Anforderungen an die zeitgenössische Tourismuswerbung auseinandergesetzt haben. Die Vernissage fand am Freitag, 27. Januar 2017, um 19 Uhr im ALPS statt.

Vierwaldstättersee und Gotthard

Dieses Buch bzw. dieser Schuber ist nötig. Wie wir Vierwaldstättersee und Gotthard noch nie gesehen haben! Gerade jetzt, wo wir noch weniger sehen, wenn wir durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt rasen. Nicht mal das Kilcheli bzw. die Kirche von Wassen. Und was sonst noch? Fliegende Drachen über dem Pilatus? Haben wir auch noch nie gesehen. Also bitte, zugreifen, wahrscheinlich mit beiden Händen.

21. Januar 2017

„Es kamen langsam, in weiten wallenden grauen Talaren, die Nebelgeister herauf gewallt aus den unergründlich tiefen Schluchten des Gebirgs, umspannten den Verwegenen, der es gewagt, ihr Revier zu betreten, mit ihren trügerischen Schleiern, bis sein strauchelnder Fuss […] hinaustrat in’s Leere, und Ross und Reiter zerschellend auf’s unsichtbare Felsenbette hinunterstürzten.“

Oh heiliger Schrecken! War eine Winterreise über den Gotthard wirklich so schrecklich, ja tödlich, wie die Unterhaltungszeitschrift „Gartenlaube“ 1862 behauptete? Ganz sicher war sie weniger gemütlich als heute, wenn wir in 20 Minuten durch den Basistunnel rasen. Diese Zeit wird nicht reichen, um eine ganz und gar aussergewöhnliche Publikation vollumfänglich zu würdigen und zu geniessen. Nein, in 20 Minuten werden wir grad mal die neue Box ausgepackt und ihren Inhalt oberflächlich angeschaut haben. Aber die Reise von Luzern Richtung Gotthard dauert ja immer noch eine anständige Zeit. Also, packen wir aus, was Christiane Franke, Christina Ljungberg, Barbara Piatti und Yvonne Rogenmoser gemeinsam ausgeheckt, ausgearbeitet und eingepackt haben.

Ein Schuber aus Karton: 22,5 cm hoch, 18,5 cm tief und 5,5 breit. Titel: Vierwaldstättersee & Gotthard. Wie Du diese Landschaft noch nie gesehen hast. Auch in englischer Übersetzung. Darüber der Verlag: Imaginary Wanderings Press – ein vielversprechender Name. Wie das Programm auch, denn auf dem Schuberrücken steht eine 1. Und was ist denn drin? Das verrät der Schuber auch: „Eine Box wie eine Wunderkammer. Zwölf Tableaux voller Spezialeffekte und ein Essayband machen unsichtbare Kulturgeschichte sichtbar: fliegende Drachen über dem Pilaus, wilde Erzählungen aus dem Inneren des Gotthards, Zeitreisen im Hammetschwandlift, utopische und verschwundene Architektur rund um den Vierwaldstättersee und vieles mehr. Entdecke und staune!“

Das tun wir: eine geniale Sache, diese handliche Wunderkammer. In meiner Bibliothek stehen ja zwei, drei Bücher, auch ein paar besondere, auch im Schuber. Schöne Bücher, vorzüglich geschrieben, faszinierend illustriert, überlegt gestaltet. Die Box gehört zu ihnen – und ist doch mehr. Ein analoges Gesamtkunstwerk, ein bibliophiles Designobjekt für Kulturinteressierte und Reisefreudige, für Neugierige und Fingerbastler, für Grosse und Kleine. Die vier Ladies wollten ausprobieren, „wie sich die Kulturgeschichte einer Landschaft auf neuartige Weise erzählen lässt – spielerisch, taktil, interaktiv“, wie es im Begleitbrief heisst. Die Probe ist geglückt, und wie!

Und wir brauchen das beigelegte Tuch im Tableau „Schrecken“ nicht vor die Augen zu halten, wenn wir mit dem walisischen Geistlichen Adam de Usk im Winter 1402 durch die Schöllenenschlucht reisen: „Ich ging […] auf den St. Gotthard und zum Hospiz auf seinem Gipfel – wohin ich in einem Ochsenkarren gebracht wurde, fast zu Tode erfroren im Schnee, und mit verbundenen Augen, um die Schrecknisse der Reise nicht sehen zu müssen.“

Christiane Franke, Christina Ljungberg, Barbara Piatti, Yvonne Rogenmoser: Vierwaldstättersee & Gotthard. Wie Du diese Landschaft noch nie gesehen hast – Lake Lucerne & Gotthard. Like you have never seen this landscape before. Imaginary Wanderings Press, Meggen 2016, Fr. 88.-, www.imaginary-wanderings.com.

Skitour auf den Züriberg

Mikroabenteuer ist ein ultimativ-urbaner Trend. Warum also in die Ferne schweifen? – Das Abenteuer beginnt gleich hinter dem Haus. Nicht der Montblanc ist mein Ziel, sondern der Züriberg.

19. Januar 2017

Also los, weg aus dem Schaukelstuhl, mit dem Lift in den Keller, die Felle auf die Ski gezogen, gleich hinterm Haus in die Bindung getreten, den Hang hinauf und durch den Friedhof. Zwei Friedhofsarbeiter winken mir zu, lachen. Ich begehe also keinen Frevel, wenn ich meine Spur den Grabfeldern entlang ziehe. Dann das Rupperweglein hoch, wo Christa als Kind schon schlittelte. Man nannte es so, weil es so ruppig rüttelte mit dem Schlitten über die den gefrorenen Höcker hinweg. Auch heute vergnügen sich ein paar Mütter mit Kindern. Schön ist es doch, dass wieder einmal Schnee liegt bis in die Stadt. Die Ziegelhütte rechts liegen gelassen, die Hüttenkopfstrasse hinauf bis zum Gedenkstein für den Sturmwind Lothar, der hier gewütet hat, 1999. 200 Jahre zuvor wüteten in diesem Wald russische, österreichische, französische Truppen.
Doch jetzt ist alles friedlich, eine Frau mit Hund, ein Jogger in buntem Outfit, zwei rüstige Damen in strammem Schritt. Schwarzweiss die Welt, durch die ich hinaufsteige auf Waldstrassen, die mit Buchennüssen übersät sind. «Reiner weisser Schnee o schneie …» Das Gedicht von Gottfried Keller fällt mir ein. Vielleicht ist es ihm auf einem Spaziergang am Züriberg eingefallen. «Decke beide Gräber zu…», heisst es da. Hier sind es mehr als zwei, es sind tausende, Tausende Namenloser haben hier ihr Leben gelassen haben in den Schlachten bei Zürich. Wozu? Für nichts als die Machtspiele von Mächtigen. Die Welt hat nichts gelernt.
«Letziweg», «Batteriestrasse», «Massénastrasse». Namen erinnern an das Schlachten, an den französischen General, der die Koalition der Russen und Österreicher mit Kriegslist besiegte. Ich kehre ein Stück vor dem grossen Schlachtendenkmal um, bei einem Gedenkstein, der auch einem General gilt, einem schweizerischen, der nie eine Schlacht geschlagen hat. Adolf Hanslin, mein General, abgestürzt mit dem Helikopter, als ich in seiner Truppe diente, vor allem mit Jassen in irgend einer Landbeiz.
Ich ziehe die Felle ab, fotografiere den Gedenkstein. Ein in Gedanken versunkener Wanderer ganz in Schwarz lächelt mir zu. «Skitour auf den Züriberg», sage ich.
«Ja, man muss es benutzen, wenn’s schon mal Schnee hat.»
Früher war’s noch anders. Auch Max Frisch vergnügte sich auf Brettern am Züriberg, einfach auf der andern Seite, auf der «besseren». Die Ski, die ich von meinem Vater übernommen hatte, sahen genau gleich aus, richtige Bretter noch aus Eschenholz, keine Kanten, die Gleitfläche rot lackiert. Ich war mit ihnen immerhin auf dem Gemsfairen, meiner zweite Skitour. Bin also bescheidener geworden, altersbedingt. Aber den Gemsfairen würde ich wohl noch immer schaffen. Wer weiss?
Jetzt sause ich einfach mal die Waldstrassen hinab, schwinge im schönsten Tangotakt, manchmal sogar im Pulverschnee neben der festgefahrenen Piste. Die Mütter mit Kindern sind verschwunden, es ist schon etwas dämmrig geworden als ich durch den Friedhof kurve und den letzten Hang hinab bis vors Haus.
«A microadventure is an adventure that is short, simple, local, cheap – yet still fun, exciting, challenging, refreshing and rewarding», erklärt mir das Netz. Alastair Humphreys, ein britischer Autor und Abenteurer soll den Begriff geprägt haben, sein Buch «Microadventures» soll ein Bestseller sein. Ich brauche es nicht zu lesen, ich weiss ja, wie es geht.
Nach einer Stunde sitze ich wieder in der warmen Stube im Schaukelstuhl bei Tee und Birnbrot.

Der Grünten im Allgäu

Jetzt, nach tagelangem Schneefall fast überall, vergisst man rasch, dass noch zum Jahreswechsel wenig winterliche Stimmung war. Der tief verschneite Wald, durch den mein Nachmittagsspaziergang heute führte, weckte die Erinnerung an eine kleine Tour vor einem Jahr, als der erste Schnee um dieselbe Zeit gekommen war. Und zwar ausgerechnet an jenem Tag, als ich den Freund, der im Oberbayrischen lebt, zu einer Tour auf halbem Wege traf.

18. Januar 2017

P1050679Es schneite. In Sonthofen und in Burgberg schippten die Leute die Gehwege und warfen Häufen auf, während Christoph und ich, vom Bahnhof kommend, an ihnen vorbeispazierten, dem Grünten zu. Ich war ohne Anspruch an das Ziel und weil das Wetter an diesem Samstag schlecht war, würden wir einfach sehen wie weit und wohin wir gingen. Hauptsache war, dass wir uns zusammengefunden hatten, um einen Tag lang draussen zu sein.

Im Wald, wo wir von der Strasse abzweigten, war bereits eine Spur und unsere Gespräche mussten nicht durch Routensuche unterbrochen werden. So wurde der Wald um uns steiler und der Schnee tiefer. Das pulvrige liebliche Weiss wurde auch deshalb tiefer, weil es weiter und immer weiter schneite. Auf der Veranda des geschlossenen Grüntenhauses hielten wir Mittagsrast und zogen dann, nun spurenlos, eine eigene Trasse ins grosse Weiss tretend, den Hang gegen den Grat hinauf. Dort standen wieder Bäume, die von Schnee und Raureif vollkommen erstarrt waren, die unseren Blicken aber wieder so lange einen Halt gaben, bis die Häuser und Antennen der Sendestation aus den schneienden Nebeln auftauchten. Der Wegweisser zum Übelhorn, hier wegen einer grossen, zu Ehren der Gefallenen errichteten Steinsäule stets nur als Jägerdenkmal benannt, führte unter der Seilbahn hindurch ins Nichts eines steilen Nordhanges, von dem nur zehn Quadratmeter gepressten Schnees zu sehen waren. Schneebrettgefahr? Unsere Alternativroute leitete uns schliesslich über das Dach des Hauses, das beidseits über angehäuften Schnee erreichbar war, direkt unter den Gitterturm der Funkantenne und weiter tastend den schmalen Grat entlang, der von dort wie ein dünner Steg in den Nebel zog. Rundum vollkommene Weisse. Christoph, der voranging, meldete: „Hier ist eine Felsstufe“. Sie liess sich einfach abklettern. Später brach eine Wechte unter seinem rechtem Fuss und verschwand lautlos, zwanzig Meter weiter nochmal dasselbe. Es zeigte uns immerhin, dass wir noch dem Grat folgten. Dieser wurde alsbald wieder breiter und Bäume tauchten auf, dann Felsen, die aus dem Schnee wie Klippen aus dem Sand einer wandernden Düne schauten. Das alles war aber auch still, fast windstill, denn obwohl es hier vor kurzem noch, wie wohl fast immer bei schlechtem Wetter, stürmte, so fiel jetzt auch am Gipfel einfach nur noch Schnee durch Nebel.

Im Abstieg war der Schnee wunderbar. Federleicht, Millionen kleinster Sterntaler, die der Welt, die uns geschenkt wurden. Sie wirbelten um uns wie Glücksgefühle. Und immer mehr von ihnen fielen und segelten herab auf die weichen, weissen Betten der Lichtungen zwischen den Tannen, auf die Hauben der Baumstümpfe, die Geländer laubloser Äste im Bergwald. Auf einmal brach plötzlich die Sonne durch ein kleines, zufälliges Wolkenloch irgendwo anders am Himmel und erhellte die eingewinterte Welt ganz zauberhaft, denn plötzlich fingen für Minuten, in denen wir gebannt stehen blieben, die den Luftraum füllenden weissen Flocken zu leuchten an.

Dann nahmen wir noch den Weg durch die Starzlachklamm. Felswände umgaben uns hier und Wasserrauschen. Die Stege führten unter Reihen scharfer, langer Eiszapfen hindurch, zwischen denen wir uns duckend und windend vorwärts arbeiteten, kleine brachen und wie Buben im Mund zerkauten. An der Eingangshütte sassen wir in einem Unterstand und verzehrten die wieder herabgetragene Gipfelschokolade. Es schneite erneut dichter, und ich hatte das Gefühl, auch friedlicher denn je. Wir verliessen den Wald zur Dämmerung der Nacht und spazierten hinaus zu den Menschen, die schippten, Häufen aufwarfen, warme Lichter in den Stuben entzündeten, welche dann durch die Fenster zu uns heraus leuchteten. Eine friedliche, eine verspätete Weihnachtstour.

Skilust

Jetzt ist auch der Schwarzwald weiss und wer es noch nicht weiss, erfährt es hier historisch und wissenschaftlich und touristisch: Auch jenseits des Rheins kann man skifahren. Es muss ja nicht immer Gstaad sein, auch wenn scheint’s Sartre mal dort philosophischen Winterurlaub verbrachte. Was weiter noch in dieser geballten Ladung Skiliteratur? Eine Gebrauchsanweisung fürs Skifahren, zu der unser Rezensent auch noch eine Gebrauchsanweisung für korrekte Faktenrecherche mitliefert. Aber wir sind grosszügig, schliesslich ist das post-faktische Zeitalter angebrochen.

14. Januar 2017

„Noch vor wenigen Jahrzehnten wuβte man bei uns nur wenig davon, welches Frohgefühl eine Fahrt durch den winterlichen Wald in dem verzärtelten Groβstädter auszulösen vermag, und daβ ein Tag auf den verschneiten Bergen uns für Wochen entschädigt, die uns durch den Zwang der täglichen Arbeit an die dumpfe Stube fesselten.“

Cover Ski 1 BrettlehupferDie ach so wahren Worte konnte man am 30. Januar 1909 in „Die Woche. Moderne Illustrierte Zeitschrift“ lesen. Und jetzt wieder in einem gross angelegten Geschichtsbuch eben genau darüber, wie es dazu kam, dass die Städter plötzlich die Freuden des Skifahrens in verschneiten Wäldern und auf den Bergen mit Schnee entdecken. Dass die Bergler sich auch darüber freuten, wenn die Touristen nun auf einmal auch im Winter kamen. Ja, dass die Schreiner und die Druckereien ebenfalls froh über frische Arbeit waren. 516 Seiten dick ist das Buch „Brettlehupfer. Die Frühphase des Skilaufens im Hochschwarzwald (1890–1930)“ von Constanze N. Pomp: ein ebenso grossangelegtes wie grossartiges Werk, das am Beispiel des Schwarzwaldes zum ersten Mal wirklich ganz detailliert zeigt, wie sich der Skilauf in Mitteleuropa entwickelt hat, von den Pionieren mit den von Norwegen importierten Ski über die Rolle der Skiclubs bis zum Massenskilauf auf dem Feldberg. Wie Postkartenschreiber, Journalisten, Schriftsteller und Werbetexter zur Verbreitung des Skilaufs beitrugen, wie die Frauen davon profitierten, beispielsweise mit der Bekleidung – in Hosen liessen sich Kristianias einfach besser in den Schnee zaubern als in langen Röcken. Klar, es ist ein wissenschaftliches Buch, keine lockere Lektüre vor dem knisternden Chemineefeuer in der Skihütte, nach einem fröhlichen Tag auf den schmalen Brettern. Illustriert ist „Brettlehupfer“ mit 57 schwarz-weissen und farbigen Abbildungen.

Cover Ski 2 Ski BuchWer in Fotos vom Skilauf in all seine Facetten schwelgen möchte, von Tiefschneeabfahrten über Lifestyle und Mode bis zu den schönsten Chalets und Champions, sollte zum jüngsten Buch von Gabrielle Le Breton greifen: „Das ultimative Ski Buch – Legenden, Resorts, Lifestyle & mehr“. Auf dem Cover lächeln Jean-Claude Killy und Annie Famose bei den Alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Portillo, Chile 1966; er mit den Ski Dynamic VR17, sie mit Rossignol Strato – Legenden auch sie. Ein Bildband zum Sich-Erinnern, zum Schmökern und Träumen. Dass nicht jede der meist grossformatigen 146 Farb- und Schwarz-Weiss-Fotografien ein Frohgefühl auslöst, ist verständlich. Aber dass die doppelseitige Foto mit Mönch und Jungfrau Zermatt als eines der ausgewählten weltbesten Skigebiete illustriert, ist dann doch ein böser Kantenfehler.

Cover Ski 3 GebrauchsanweisungDass Stürze zum Gleiten durch Schnee gehören, merken alle, die sich an die Gleitgeräte gebunden haben. Das ist auch bei der „Gebrauchsanweisung fürs Skifahren“ von Antje Rávic Strubel nicht anders. Drei Beispiele: Arnold Lynn schreibt sich Lunn, Chamonix kann nicht als Wiege des modernen Wintertourismus bezeichnet werden, und Alberto Tomba schied 1994 in Lillehammer im Riesenslalom nicht „schon im zweiten Lauf“ aus – wenn schon, dann im ersten… Trotzdem: Dieser winterliche Band aus Pipers Gebrauchsanweisungen liest sich flott und interessant. Auch wer sich mit dem Skifahren schon näher befasst hat, lernt viel Neues kennen.
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Cover Ski 4 GlisseDas gilt selbstverständlich ebenfalls für Band 75 der gediegenen Revue trimestrielle „L’Alpe“. Das Thema diesmal: „Glisse – La grande aventure.“ Comme toujours: eine kluge, erfrischende und überraschende Präsentation in Wort und Bild. Diesmal beispielsweise Jean-Paul Sartre als Skifahrer: „l’être et le ski“. Man kann sich den französischen Existenzialisten irgendwie nicht auf den schmalen Latten vorstellen. Aber er und seine Frau Simone de Beauvoir sollen in den 1930er Jahren in Gsteig bei Gstaad Skiferien verbracht haben. Quelle aventure! Gleichfalls sehr lesenswert im neuen Heft: „Abécédaire amoureux de la glisse.“

Cover Ski 5 SchwarzwaldUnd dann sind wir auch schon fast am Ende der heutigen Lese(ski)fahrt. Nur noch dieser Hinweis: Jetzt, wo der Schnee bis in die Niederungen gefallen ist, könnten wir doch tiefere Gebirge aufsuchen als die Alpen. Wie wär’s eben mit den Hügeln dort, wo der Skilauf am Ende des vorletzten Jahrhunderts Fahrt aufnahm? Als neuer Rother Skitourenführer liegt seit ein paar Wochen „Schwarzwald mit Vogesen“ von Matthias Schopp vor. Nach einer der Touren auf den Feldberg, den höchsten Gipfel des Schwarzwaldes, könnten wir doch vom Feldberger Hof eine SMS verschicken, mit ähnlichem Wortlaut wie auf einer Ansichtskarte vom 9. Februar 1907:

„Bin für eine Woche hier oben; treibe viel Sport. Kannst Du es nicht einrichten hierauf zu kommen? Ich würde mich sehr freuen Dich hier begrüssen zu können. Bringe Deine Skier mit, wenn Du keine hast, kannst Du sie hier erhalten. Also sei kein Frosch & komme. Du wirst Dich hier sicher amüsieren!“

Constanze N. Pomp: Brettlehupfer. Die Frühphase des Skilaufens im Hochschwarzwald (1890–1930). Mainzer Beiträge zur Kulturanthropologie/Volkskunde. Waxmann Verlag, Münster 2016, € 44.90, www.waxmann.com.

Gabriella Le Breton: Das ultimative Ski Buch – Legenden, Resorts, Lifestyle & mehr. Vorwort von Franz Klammer. teNeues Media, Kempen 2016, € 49,90, www.teneues.com.

Antje Rávic Strubel: Gebrauchsanweisung fürs Skifahren. Piper Verlag, München/Berlin 2016, € 15.- www.piper.de.

L’Alpe n° 75, Hiver 2017: Glisse – La grande aventure. Éditions Glénat, € 18.-, www.lalpe.com.

Matthias Schopp: Schwarzwald mit Vogesen. Rother Skitourenführer, München 2017, € 14.90, www.rother.de

Reisekarten der Schweiz

Wenn einer eine Reise tut – dann braucht er eine Karte. Schon die Römer orientierten sich damit in ihrem Reich und Pilger fanden Santiago de Compostela mit der Landkarte in der Hand (heute nicht mehr nötig, einfach der Ameisenstrasse folgen). Auch die Skirouten hat man inzwischen auf dem Smartphone, trotzdem: wer sich für Kartengeschichte interessiert, findet hier eine interessante Publikation.

6. Januar 2017

bildschirmfoto-2017-01-06-um-11-58-31„Worauf es ankam, das waren das Wetter, die Schneeverhältnisse, die Schnelligkeit unserer ‚Bretter‘, Verbesserungsmöglichkeiten einer falschen Technik, Karten mit neuen Abfahrten, die Gleichmäβigkeit des Brauns auf unserer sonnenverbrannten Haut, das unsere Zähne so weiβ und die bunten Farben unseres Halstuches so leuchtend machte!“

Königlich, nicht wahr? Passend zum heutigen Tag, mehrfach passend: Dreikönigstag, blauer Himmel, Schnee bis in die Niederungen. Und morgen ein ganz berühmtes Skirennen: der Männer-Riesenslalom am Chuenisbärgli. Aber geschrieben hat den Text zu dem, worauf es ankam, eine Frau: die Genferin Ella Maillart (1903–1997), Reiseschriftstellerin, Fotografin und Sportlerin. Anfangs der 1930er Jahre war sie Mitglied der Schweizer Skinationalmannschaft. Das Zitat findet sich im Kapitel „Lob des Skilaufs“ im 1952 publizierten Buch „Leben ohne Rast. Eine Frau fährt durch die Welt“; der Originaltitel lautet „Cruises and caravans“ und war 1944 in London erschienen.

Was im Winter natürlich bestens passt, sind Karten mit neuen oder auch alten Abfahrten: Skitourenkarten, in denen die lohnendsten Routen eingetragen sind. „Eine mit den genauen Routen versehene Karte ist wertvoller als die genaueste Beschreibung,“ schrieb der Skipionier, Führerautor und Alpinhistoriker Marcel Kurz im „Ski-Führer durch die Walliser Alpen. Band II: Vom Col de Collon bis zum Monte Rosa“ von 1924. Die ersten Skitourenkarten für die Schweiz waren 1912 auf den Markt gekommen; ab 1920 nahm ihre Zahl rapide zu und erreichte mit über 100 Exemplaren vor dem Zweiten Weltkrieg den Höhepunkt.

Aber es gab und gibt nicht nur Skikarten. Diese zeigen nur einen Aspekt der sogenannten Reisekarten. Zu dieser besonderen Gattung gehören auch Pilger-, Strassen-, Postrouten-, Schifffahrts-, Eisenbahn-, Velo-, Auto-, Wander- und Exkursionskarten. Die von Hans-Uli Feldmann geleitete Zeitschrift „Cartographica Helvetica“ widmet sich in ihrer jüngsten Ausgabe den Reisekarten der Schweiz: ein sehr informatives und wunderbar illustriertes Heft. Das erste Beispiel einer Reisekarte ist die streifenförmige Tabula Peutingeriana aus dem 12. Jahrhundert. Sie zeigt das Strassennetz im spätrömischen Reich von den Britischen Inseln über den Mittelmeerraum und den Nahen Osten bis nach Indien und Zentralasien. Aber erst am Ende des 15. Jahrhunderts lagen die ersten Pilgerkarten mit geographisch richtiger Orientierung vor; das Heilige Jahr 1500 und das mit ihm verbundene Bedürfnis zu einer Reise nach Rom förderte die Herausgabe solcher Karten in Mitteleuropa, und dabei bildete die Schweiz ein wichtiges Durchgangsland.

Eine Schweiz ohne Landeskarte, das können wir uns so wenig vorstellen wie eine Schweiz ohne Berge und Banken, Uhren und Schokolade, Skipisten und SBB. Wo kämen wir sonst hin? Genau das ist: Mit den Karten kommen wir voran. Im neuen Jahr erst recht.

Reisekarten der Schweiz. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Cartographica Helvetica, Heft 53, Murten 2016; Format A4, 64 Seiten mit 90 farbigen Abbildungen, Fr. 25.-; info@cartographica-helvetica.ch, www.kartengeschichte.ch.

Mattstock

Letzte Wanderung dieses Winters und erste des neuen Jahres. Auf den Ammler Hausberg – ein Kunstspaziergang der besonderen Art.

3. Januar 2017

20170102_124708Ein hässlicher Berg, dieser Mattstock. Warum also hinaufsteigen, steile tausend Meter? Wegen dem Training? Wegen der Sonne überm Nebel? Weil man all die schönen Tage zuvor mit geschwollenem Fuss durch die Wohnung humpelte und dann auch noch auf dem Sofa herumlag mit Magengrippe, geplagt vom Virus Nummer 7? Zum Sylvester gab’s nur Züriwasser, keinen Champagner, zum Neujahr Haferschleimsuppe. Aber nun ist kein Halten mehr. Hinauf, hinauf. Der Mattstock ruft. Drunten bei der Galerie sind frierende Gestalten in Daunenjaken im Nebel herumgestanden, Klettern ist also heute keine Alternative. Auch der Fuss ist noch zu schonen, die Schmerzen die Altlast eines Sturzes eben dort unten und vor ziemlich genau 24 Jahren. Sprunggelenk gebrochen. Sowas prägt sich ein.
20170102_125108Und schon sind wir hoch oben am Berg, leichtfüssig trotz allem. Nur das mit der Sonne will nicht so recht, Schleierwolken filtern die Wärmestrahlung und ein scharfer Biswind tut das Seine. Wenigstens habe ich ausnahmsweise Handschuhe und Stirnband dabei. Jetzt kommen wir in den Bereich der Lawinenverbauungen, riesige Gatter aus rostigen Stahlträgern, zwischen denen sich der Weg durchschlängelt. «In Stahlgewittern» kommt einem in den Sinn, der Roman von Ernst Jünger aus dem Ersten Weltkrieg, und man fühlt sich fast wie vor Verdun oder am Hartmannsweilerkopf zwischen stählernen Verhauen, statt am friedlichen Mattstock.
Und eigentlich, so wandert der Gedanke beim Steigen. Ist der Berg mit diesem stählernen Schmuck eigentlich nicht wirklich hässlich. Sie schmiegen sich an den Hang, folgen seinen Strukturen und dienen schliesslich einem Zweck: Schutz des Sonnendorfes und seinem architektonischen Wildwuchs vor Lawinen. «Form follows function» lautete ja auch ein Grundsatz von gutem Design. Und wenn da unten eine Tafel verkünden würde, diese Stahlgebilde seien das Werk eines renommierten Künstlers, etwa Cristo oder Tinguely, dann würde die internationale Kunstwelt hierherpilgern. Im Heli wahrscheinlich. Schönheit ist eben relativ. Einen eigenartigen Kunstspaziergang mit bekannten Künstlerinnen und Künstlern gibt’s übriges in Amden weiter unten auch noch und bequemer erreichbar: www.atelier-amden.ch.
20170102_130517Mit diesen Gedanken finden wir den Mattstock schliesslich ganz schön, spektakulär jedenfalls, ganz besonders, und das findet auch der Herr, der uns mit Stirnband, Stöcken und gewichtigem Rucksack überholt. Wir kennen uns und wünschen uns «ä guäts Nüüs», er hat uns drüben überm See, wo wir einst ein stolzes Haus besassen, Sanitäres installiert und geflickt. Bei der Werkhütte macht er Halt, wir steigen weiter, bald beschwingt durch die Klänge des zusammenlegbaren Alphorns aus Carbon, das der sanitäre Klangkünstler aus dem Rucksack geholt hat. High-Tech und Heimatstil. Auch auf dem Gipfel, den wir nach ein paar Drahtseilzügen erreichen. Das obligate Kreuz, überragt vom Mast einer Wetterstation, ein Geländer gegen den Abgrund und ein Ruhebänklein. Aber ruhen mögen wir nicht, der Wind bläst uns eisig ins Gesicht. Also hinab, vorsichtig über eisige Stellen und später auf dem vor Trockenheit stiebenden Wanderweg. Wolken ziehen auf. An diesem Abend fällt der erste Schnee.

Alpine Journal 2016 & BERG 2017

Als Leser der Zeitschrift des SAC «Die Alpen» kann man nur erblassen vor Neid, wenn man hier erfährt, wie spannend, tiefgründig und welthaltig ein «Alpine Journal» des Londoner Alpine Club oder «BERG 2017» des DAV, OeAV und AVS daherkommen. Doch eigentlich liest man die «Alpen» ja gar nicht mehr und zum Glück gibt es Alternativen wie die besprochenen. Um mit dem Titel einer Reportage auszurufen: «Geht doch!» Nun, das neue Jahr ist im Anzug – vielleicht bringt es ja Überraschendes auch in der CH-alpinen Publizistik. (Die Redaktion.)

29. Dezember 2016

cover-alpine-journal-2016„Storm or sun I want to be in the mountains, peering around corners that hide small truths, always searching for bigger corners. Whether I reach the top or not means a lot less to me than seeing what lies in the middle.“

Schön, was da Ben Silvestre geschrieben hat, sehr schön! Um die Ecken schauen, um Neues zu entdecken, kleine Wahrheiten auf dem Weg zum Gipfel. Aber nicht er ist das Hauptziel, sondern der Weg dorthin. Was das neue Jahr bringen wird, wissen wir (zum Glück) nicht, aber wir gucken gwundrig um den Grat herum, bei Sturm – und bei Sonne sowieso.

Silvestres Wunsch zum Unterwegsein in den Bergen – und im Leben doch auch – findet sich in der jüngsten Ausgabe des ältesten und berühmtesten Bergsteigerjahrbuches der Welt. Im Untertitel von „The Alpine Journal“ heisst es: „A record of mountain adventure and scientific observation“. Sport und Wissenschaft in den Bergen: Das gilt seit 1863 unverändert, als der erste Alpinismusverein, der 1857 gegründete britische Alpine Club, zum ersten Mal seine Zeitschrift herausgab. Nun liegt der 120. Band vor, und noch immer macht es Freude, in den diesmal 457 Seiten zu blättern und zu lesen. Ein paar Highlights: Ben Silvestres Bericht „The Trouble with Happiness“ über die erste Durchsteigung der 1200 Meter hohen Ostwand des Jezebel East Summit (2880 m) in den fürchterlich abgelegenen Revelation Mountains in Alaska. Oder Derek Buckles Fazit einer Expedition in Korlomshe Tokpo Valley im Zanskar, wo die Erstbesteigung eines Matterhorn genannten Berges kurz unterhalb des 6050 Meter hoch geschätzten Gipfels scheiterte; rund 20 unbestiegene Berge soll es dort hinten noch geben – das wär doch ein Ziel fürs nächste Jahr! Ebenfalls spannend zu lesen: die Entwicklung der Sohle von Hadows wenig rutschfesten Schuhen bei der Erstbesteigung des Matterhorns zu den clever konzipierten Stiefeln von Mallory und Hillary am Everest. Und dann ist da noch der Überblick über die schottische Wintersaison 2015-16, mit dem Exploit eines Schweizers: „Dani Arnold’s repeat of Anubis is undoubtedly the most difficult Scottish ascent ever achieved by an overseas visitor.“

cover-berg-2017Auch in einem andern alpinistischen Jahrbuch geht es um Spitzenleistungen, um die jüngsten, aber auch um frühere. So beantwortet Nicholas Mailänder die Fragen, ob das Elbensandsteingebirge die Wiege des Freikletterns ist und wie weit Fritz Wiessner das amerikanische Free Climbing beeinflusst hat. Wie immer zeigt das Alpenvereinsjahrbuch BERG, das die Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol gemeinsam herausgeben, eine grosse Themenvielfalt. Der BergWelten-Schwerpunkt gilt diesmal dem Skitourenparadies Sellrain, einer bei uns kaum bekannten Talschaft im Westen von Innsbruck. In der Rubrik BergMenschen werden die grossen Alpinisten Voytek Kurtyka aus Polen und Rolando Garibotti aus Argentinien porträtiert. BergFokus widmet sich den Wegen und Steigen: Wie entstehen Wege im Gebirge, wann vergehen sie, warum gibt es immer wieder Clinch um Wegerechte und was macht eigentlich gutes Gehen aus. Unbedingt lesen: Die Reportage von Axel Klemmer über unser Unterwegssein zwischen Premiumwegen und No-go-Areas – Titel: „Geht doch!“

Genau, das machen wir. Vorerst vom 2016 ins 2017. Mit oder ohne Schnee, im Sturm oder an der Sonne. In diesem Sinne: Happy New Year!

The Alpine Journal 2016. Volume 120. Edited by Ed Douglas. The Alpine Club, London 2016, Fr. 45.-. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

BERG 2017. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2016, € 18,90.