Matten Horn – Alle Echte Orth

Eime Spannan Wochern: Mit dem Buch „Alle Echte Orth. Geschichten aus Ortsnamen“ und mit den Buchautoren Emil Zopfi, Oswald Oelz und Franz Hohler, die am Donnerstag im Alpinen Museum in Bern 3 x 75 Jahre Berggeschichten erzählen.

22. Mai 2018

Matten Horn
Paar Manner Wil Bergsteig.
Reisen Nack Zermatt:
„Wollmar Staig Auf dem Berge:
Aufen Matten Horn!“

Ob sie es wohl schaffen, die drei Männer aus dem Flachland, die nach Zermatt reisen, um seinen berühmtesten Gipfel zu besteigen? Der Wunsch scheint höher zu sein als das Können, die Ausrüstung nicht durchwegs zweckmässig: Im Rucksack liegen „Chäsundbrot, Wasser Fläsch, Sonnen Krems, Landau Karter, Regenmantel.“ Oder liegt es an der Sprache, dass Zweifel zur geplanten Besteigung des Matterhorns aufkommen?

Aber genau das ist es ja. Die Matterhorntour erzählen Judith Stadlin und Michael von Orsouw nur aus Ortsnamen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. CH-3773 Matten ist ein Stadtteil von Interlaken, Horn gibt es gleich zweimal, mit Postleitzahl 9326 in CH und mit 83329 in Deutschland. Bergsteig (D-78567) liegt in Deutschland, wie Regenmantel (D-15306) ebenfalls. „Alle Echte Orth“ heisst dieses Buch mit 63 „Geschichten aus Ortsnamen“, unterteilt in 11 Kapitel und aufgelockert durch sechs „Werbach Pausin“. Die Matterhorntour stammt aus dem Kapitel „Abentheuer“ (D-55767), angesiedelt zwischen „Strand Lebehn“ und „Schwyz Inn Warmkammer“. Ein höchst amüsantes Buch; „Interlaken“ übrigens kommt im Kapitel „Liepe“ ausführlich zur Sprache, mit den Orten „Schenkelberg“ (D-56244) und „Venusberg“ (D-09430). Und wie war’s auf dem Matterhorn, fragen die Frauen zu Hause die Männer. Ihre nicht ganz aufrichtige Antwort: „Geil!“ (D-24960).

Wahrhaftige Touren an, zu und neben dem Matterhorn werden an diesem Donnerstag im Alpinen Museum in Bern aufgetischt. Emil Zopfi, Oswald Oelz und Franz Hohler, alle zwischen 4. Januar und 1. März 1943 geboren, erzählen aus 225 Jahren alpiner Erlebnisse. Und lesen aus ihren Bergbüchern vor. Hier schon mal drei Zitate zum Berg der Berge:

„Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern und Klirren der Bergsteiger, die zum Matterhorn aufbrechen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt schon im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft.“
Emil Zopfi: FelsenFest. Noch schöner als Fliegen. AS Verlag 2016.

„Peter Schäffler lud mich immer wieder zum Eisklettern ein, er war einer der stärksten Bergführer Vorarlbergs. Wir kletterten stattdessen an der Galerie am Walensee. Peters grösste Freude war das Basejumping, dabei erlitt er eine schwere Fussverletzung. Deshalb benütze er auch Krücken, um zu seinen Absprungplätzen zu kommen. Letztmals sprang er von der Schulter am Matterhorn und schwärmte von seinem geilsten Sprung.“
Oswald Oelz: Orte, die ich lebte, bevor ich starb. AS Verlag 2011.

„Der Berg, auf dem wir stehen [das Weisshorn], ist eine Insel inmitten eines gewaltigen Wolkenmeers, aus dem immer wieder die Gischt zu uns heraufbrandet und die Sonne verschleiert. Einige wenige andere Inseln sind zu sehen, die Dent d‘Hérens und das Matterhorn, auch sie umspült von den Wolkenwogen, die oft so hoch geschleudert werden, dass sie die Gipfel verdecken, und in der Ferne treibt wie ein Eisberg der Mont Blanc.“
Franz Hohler: Immer höher. AS Verlag, 2014.

Judith Stadlin, Michael von Orsouw: Alle Echte Orth. Geschichten aus Ortsnamen. Nagel & Kimche, Zürich 2018, Fr. 28.90, www.nagel-kimche.ch

Alle echte Bergsteiger: 3 x 75 Jahre Berggeschichten. Emil Zopfi, Oswald Oelz und Franz Hohler erzählen aus 225 Jahren alpiner Erlebnisse und blicken gemeinsam in die Zukunft. Lesung und Gesprächsrunde mit anschliessender Signierstunde. Am Donnerstag, 24. Mai, 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. www.alpinesmuseum.ch

Aufs Matterhorn von Elba

Eigentlich heisst dieser Berg an der Nordwestküste von Elba Monte Giove, 855 Meter über Meer. Wie geschaffen für den Einstieg in zwei Wanderwochen auf Napoleons Spuren.

«Schau doch auch mal auf die Landschaft und den Weg und nicht nur aufs GPS», mahnt meine Begleiterin. Allerdings, von der Landschaft ist noch wenig zu sehen. Rundum Zwergeichengebüsch, auch mal Kastanien oder Erdbeerbäume oder Totholz mit Efeu überwuchert. Macchia eben. Der Weg ist gut, mit Steinplatten belegt, gesäumt von Trockenmauern. Diente der Bewirtschaftung der Terrassen, die sich hoch hinaufziehen an den Hängen. Überwachsen, verlassen, dem Zerfall geweiht, Relikte einer kargen Landwirtschaft, die der Selbstversorgung der Insel diente. Heute kommt die Nahrung per Lastwagen und Fähre auf die Insel, das Geld aus dem Tourismus. Von uns also.
Schon wieder schaue ich aufs GPS. Zum ersten Mal bin ich mit so einem modernen Orientierungsinstrument unterwegs. Irgendwie habe ich es noch nicht so im Griff, die Einstellungen ändern sich stets, wenn ich es aus dem Hosensack ziehe. Wird sich schon geben, man war ja mal technisch gebildet. In Elba können gelegentlich plötzliche Nebel einfallen, habe ich gelesen, wie sich dann orientieren in diesem botanischen Labyrinth? Ich habe ein Wanderbüchlein gekauft, mit genauen Beschreibungen, die ich auch als Tracks herunterladen konnte. Rote Linien auf dem kleinen Bildschirm mit einem Pfeil, der zeigt, wo wir uns gerade befinden. Dazu Karten, also Orientierungshilfen im Überfluss. Nun sind wir auf gutem Weg, aber der Pfeil zeigt plötzlich neben den Track. Doch wo Track ist, ist kein Weg. Fake News also auch hier? Irgendwann sind wir dann wieder auf Track. Auch die Wegnummern, die gelegentlich auftauchen, stimmen mit denen im Wanderbüchlein nicht überein. Wie wir später erfahren, hat die Verwaltung des Naturparks «Parco Nazionale dell’ Archipelago Toscano» vor Kurzem alle Wege umnummeriert.

Nun ja, um es vorweg zu nehmen: wir haben den Gipfel gefunden und auch ein weiteres Dutzend Wanderwege, gelegentlich sogar dank meines kleinen Geräts, auf das ich nicht immer nur blicke, aber doch gelegentlich. Sicher ist sicher.
Nach einem Aussichtspunkt stossen wir auf den Kreuzweg zum Sanctuario Madonna del Monte mit Kirche, Rastplatz und zu dieser Jahreszeit noch geschlossener Bar. Napoleon hat sich hier wohl mal herumgetrieben, lesen wir auf einer Tafel. In der Nähe gibt’s bizarre Felsgebilde mit ein paar Kletterrouten, die wir zwei Tage später besichtigen, doch bleiben Seil, Klettergürtel und Expressen im Rucksack und das für den ganzen Rest unserer Inselferien. Nicht so unser Stil, finden wir. Zu kurz, zu hart, zu rau für die Finger.
Weiter also, durch Buschwald und Schrofen hinauf aufs Elbaner Matterhorn! Ein schön geformter Doppelgipfel, der eine mit telematischen Metallkonstruktionen bestückt und eingezäunt, der andere in leichter Blockkraxelei zugänglich für einen ersten Höhepunkt unserer Wanderferien. Während wir uns dem in gemächlichem Berglerschritt nähern, ausgerüstet wie für einen Dreitausender in den Alpen (aber wenigstens ohne Wanderstöcke!), überholen uns junge Leute in kurzen Hosen und leichten Schuhen und mit wenig Ballast.
Dann fällt der Blick weit übers Ligurische Meer im Norden, über das wir einen Gruss nach Finale schicken, Korsika im Westen liegt leider im Dunst. Nebenan der Monte Capanne, mit 1018 Metern höchster Gipfel der Insel, auch der bestückt mit viel Antennengerüst, einer Bar mit Aussichtplattform, einer Seilbahnstation für ein lustiges und luftiges Transportmittel mit schmalen Körben, in die zwei Menschen oder – wie wir zwei Tage später feststellen – ein Mensch und ein Hund passen. Sofern der Hund will natürlich.
Monte Capanne und viele andere Ziele liegen also noch vor uns. Schöne historische Wanderwege auch und solche, die vom vielen Wandern und Biken und von wühlenden Wildschweinen zerstört worden sind, von der Erosion ausgewaschen zu zwei Meter tiefen Runsen. Das vielleicht einer der Wermutstropfen während unserer Zeit auf der Insel.
Den Kletteführer haben also nicht gebraucht, und doch hat er uns zu einem Ziel geführt. Der feinen und freundlichen Pensione Da Annamaria in Chiessi an der Costa del Sole im Südwesten, Ausgangspunkt für schöne Wanderungen und allenfalls auch Kletterrouten. Und Ort für feines Essen. Was wieder einmal beweist: Die beste Unterkunft findest du nicht im Wanderbüchlein oder Touristenguide, sondern im Kletterführer.

Majestätische Berge

Am 19. Mai 2018 findet in der St George’s Chapel auf Windsor Castle die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle statt. Hierzulande feiert man mit Publikation und Ausstellung Harry’s Ururururgrossmutter Queen Victoria, die vor 150 Jahren in Luzern logierte und in der Schweizer Bergwelt Ruhe und Erholung fand. Ein zweites Buch widmet sich den doppeldeutigen majestätischen Bergen.

16. Mai 2018

„Bei unserer Rückfahrt leuchtete der Mond über dem Gletscher & die Berge sahen unbeschreiblich wunderbar aus. Hoffmann & der Kutscher jodelten während der Fahrt.“

Hielt Queen Victoria (1819–1901) am 24. August 1868 in ihrem Journal fest. Vom 22. bis 25. August weilte die Königin von England, damals die mächtigste Frau der Welt, in einem bescheidenen Gasthaus auf dem Furkapass oben; in der ersten Nacht betrug die Temperatur in ihrem Raum gut 5° Celsius. Trotzdem: Dank des schönen Wetters, das sich glücklicherweise einstellte, wurden die Tage auf dem Hochalpenpass fast in jeder Hinsicht zum Höhepunkt ihres Aufenthaltes in der Schweiz vom 7. August bis 9. September. Die Monarchin, die als Countess of Kent unterwegs war, wohnte in dieser Zeit mit drei ihrer Kinder in der Pension Wallis auf dem Gütsch ob Luzern. Sie hatte die Reise in Erinnerung an ihren geliebten Gatten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha unternommen, sozusagen als Abschluss der Trauerzeit. In der Schweiz und in den Bergen, abseits des Hofes und der Politik, konnte sich die Ururururgrossmutter von Prinz Harry, der in drei Tagen seine Meghan Markle heiratet, erholen, und Queen Victoria kehrte mit neuer Kraft auf die Insel zurück.

Im Gepäck hatte sie nicht nur ihr Journal, sondern auch zahlreiche Bilder. Denn Königin Victoria war eine sehr talentierte Zeichnerin und Aquarellistin (wie Prinzessin Louise übrigens auch). Das königliche Aquarell vom Rhonegletscher ist schlicht (und) grossartig. Zu bewundern ist es im Buch „Queen Victoria in der Schweiz“, das zum 150. Jubiläum ihrer Reise und zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum in Luzern erschienen ist. Anhand von Tagebucheinträgen und Originalbriefen beschreibt die Publikation die Umstände der Reise. Und die Folgen für die Schweiz: So hiess der 1870 vom Stapel gelassene Dampfer auf dem Lake Lucerne natürlich Victoria, und zahlreiche Hotels mit diesem Namen wurden eröffnet. Nur schade, dass hierzulande kein Gipfel der Berge, die die Queen doch so liebte und die ihr so gut taten, nach ihr benannt wurde. In Belize hingegen steht der Victoria Peak (1120 m), in Neuseeland gibt’s gleich zwei Mount Victoria.

Doch zurück in die Alpen. Nicht zufällig zeitgleich zu Buch und Ausstellung von Queen Victoria ist im gleichen Verlag eine ebenfalls sehr lesenswerte Publikation erschienen, die einerseits die Beziehung der britischen, italienischen und österreichischen Monarchien zu den Alpen beleuchtet und andererseits zeigt, wie sich das Alpenbild im 19. Jahrhundert wandelte, von der philhelvetischen Alpenbegeisterung der Aufklärung bis zum majestätischen Alpenbild der Belle Époque. In „Majestätische Berge. Die Monarchie auf dem Weg in die Alpen 1760–1910“ hat natürlich auch Queen Victoria ihren Auftritt, genauso wie die Regina Margherita, die vom 18. auf den 19. August 1893 in „ihrer“ Hütte auf der Punta Gnifetti/Signalkuppe (4554 m) übernachtete. Dieser Gipfel, der vierthöchste der Schweiz, gehört zum Monte Rosa, auch bekannt als Königin der Alpen. Passend dazu heisst es im Schlusswort: „Die Majestät der Gipfel entsprach auch der Majestät der Herrscher.“

Peter Arengo-Jones, Christoph Lichtin: Queen Victoria in der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2018, Fr. 39.-

Jon Mathieu, Eva Bachmann, Ursula Butz: Majestätische Berge. Die Monarchie auf dem Weg in die Alpen. Hier und Jetzt, Baden 2018, Fr. 39.- www.hierundjetzt.ch

Ausstellung „Queen Victoria in der Schweiz 1868“ im Historischen Museum Luzern (bis am 16. September 2018); https://historischesmuseum.lu.ch/ausstellungen/Ausstellung_Queen_Victoria

Am Donnerstag, 17. Mai 2018 um 18.30 Uhr, findet im Historischen Museum Luzern an der Pfistergasse 24 die Podiumsdiskussion „Der Adel in den Alpen“ mit den BuchautorInnen statt. Eintritt frei. Im Anschluss kann die Ausstellung besucht werden.

Ferdinand Hodler und der Genfersee

Auf an den Lac Léman! In Pully bei Lausanne zeigt das dortige Kunstmuseum die Ausstellung „Ferdinand Hodler und der Genfersee. Meisterwerke aus Schweizer Privatsammlungen.“ Wer sie verpasst, kann sich mit dem feinen Katalog trösten.

26. April 2018

„Die Ferne ist blau. Übrigens ist Blau eine Farbe, die mir zu sagen scheint, was, wie der Himmel, wie der See, jenseits des Alltags, ungreifbar, herrlich ist.“

Das soll Ferdinand Hodler 1917 mit Blick auf den Genfersee gesagt haben. Auf seinen liebsten See. Im Landschaftswerk des am 15. März in Bern geborenen Malers nehmen Seelandschaften ein gutes Drittel ein, und davon zeigt mehr als die Hälfte den Lac Léman (und ein Drittel den Thunersee). 110 Gemälde sind in unmittelbarer Nähe zum Genfersee entstanden, bei 93 kommt zudem der Name im Titel vor. Der Léman war das Lieblingsmotiv des Künstlers, vom 1872 entstandenen Aquarell „Yvoire am Genfersee“ bis zu dem im März 1918 gemalten Werk „Genfersee mit Mont-Blanc und rosa Wolken.“ Am 19. Mai 1918 starb Ferdinand Hodler in Genf; Gertrud Dübi-Müller fotografierte den berühmten Schweizer am Vortag beim Spazieren am Quai du Mont-Blanc in Genf.

Ihre Fotos und 53 Werke sind bis zum 3. Juni 2018 in einer wunderbaren Ausstellung an einem ebensolchen Ort zu bewundern. Das Musée d’art de Pully bei Lausanne zeigt „Ferdinand Hodler und der Genfersee. Meisterwerke aus Schweizer Privatsammlungen.“ Bilder also, die man sonst kaum oder nicht zu sehen bekommt. Und Hodler hat den Lac Léman so grossartig gemalt wie kein anderer. Zur Ausstellung ist ein 208-seitiger Katalog publiziert worden, der mit Beiträgen von „Eisenbahn und Panorama: Ferdinand Hodlers Ansichten des Genfersee“ bis „Der letzte Spaziergang“ aufwartet und dabei die oft gemalten Berge Salève und Grammont besonders hervorhebt. Eine Chronologie dokumentiert die Beziehung des grossen Landschaftsmalers zum grössten See der Schweiz.

Und wie gelangen wir ins Musée d’art de Pully? Zu Fuss, mais bien-sûr! Von Ouchy alles dem Ufer entlang bis Port de Pully und hinauf in den alten Dorfkern. Vielleicht setzen wir uns unterwegs auf eine Bank oder einen Stein und nehmen ein Buch hervor. Zum Beispiel „Sissi will ein Junge sein“ von Margrit Kollmar, 1996 in der Mädchenbuch-Reihe „Das Internat am Genfer See“ erschienen: „Langsam schlenderten sie am Ufer entlang. Es war ein Bilderbuchtag: Auf dem blauen Wasser tanzten weisse Segel, und in der Ferne erhoben sich mächtig die Berge.“

Oder, dem Museumsbesuch mehr entsprechend, den Roman „Samuel Belet“ von Charles Ferdinand Ramuz: „,Setzen Sie sich, da ist es angenehm.‘ Und wirklich, es war angenehm. Man sass im feinen Sand, er gab nach wie ein Federkissen. Vor uns war der See; an jenem Tag wehte die Bise, sie trieb die Wellen auf den See hinaus; es schienen gar keine Wellen zu sein, denn man sah nur ihre sanft ansteigende Fläche, erst weiter draussen kamen die Schaumkronen. Das Wasser war so blau, dass es schwarz schien.“

Ferdinand Hodler und der Genfersee. Meisterwerke aus Schweizer Privatsammlungen. Herausgegeben von Diana Blome und Niklaus Manuel Güdel. Hatje Cantz/Musée d’art de Pully/Archiv Jura Brüschweiler, 2018, Fr. 48.- (mit Ticket der Hodler-Ausstellung Fr. 33.-).

Musée d’art de Pully am Chemin Davel 2. Die Ausstellung „Hodler et le Léman“ ist noch bis am 3. Juni 2018 zu besuchen. Das Museum ist offen von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr;am Donnerstag bis 20 Uhr. Am Pfingstmontag bleibt es geschlossen; www.museedartdepully.ch Auch in Genf selbst wird Hodler in verschiedenen Gebäuden bis zum 27. Februar 2019 präsentiert; www.mah-geneve.ch. Und falls am letzten April-Wochenende Genf angesagt ist: Vom 25. zum 29. findet der Salon du livre statt, unter anderem mit den Éditions du Mont-Blanc.

Illegal am Everest

Das Buch «Illegal am Everest – Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück» erzählt das hochspannende Leben des Schweizers Hans-Peter Duttle. Am Dach der Welt fand er das Glück nicht. Aber nur hat er es gefunden, am Rande des Ostermundigenberges.

22. April 2018

„Der Gipfel des Everest ist noch in unwirklicher Ferne. Der Monsun steht mit seiner ungeheuren Wolkenwand vor uns, und ich bin besorgt um den Rückmarsch. Wegen unsorgfältiger Seilhandhabung stürzen Roger und Woodrow einen Eishang hinab. Roger erleidet eine Gehirnerschütterung; die Nacht verbringen sie in einem Biwak. Trotzdem wollen sie weiter. Ich muss die Amerikaner bewundern: mit verbissener Zähigkeit sind sie bisher vorgegangen, klug berechnend und organisierend. Nun wollen sie nicht aufgeben. Ich helfe ihnen noch ein Stück weiter hinauf, verbringe dann aber die folgenden vier Tage untätig auf dem Nordsattel im Zelt. Mich plagt ein stechendes Zahnweh, das ich mit dem Taschenmesser erfolglos zu beheben suche.

Etwa 500 m weiter oben stürzt Woodrow wieder, kann sich aber beim Vorbeisausen am Zelt festkrallen. Sein Arm ist schwer aufgeschürft. Erst jetzt gibt er sich geschlagen. Beim Abstieg vom Nordsattel stürzt er noch zweimal ab, schlittert über offene Spalten und kommt davon. Ich eile ihm zu Hilfe, lasse aber meinen Rucksack an einem Eishaken hangen. Woodrow taumelt nur noch, die folgende Nacht verbringen wir im Freien. Am nächsten Tag eile ich allein bis zur Moräne des Ost-Rongphu-Gletschers und hoffe, dadurch meine Kameraden nachzuziehen. Aber mein Rucksack bleibt am Nordsattel, und meine Kameraden erscheinen nicht. Irgendwo muss ein Proviantlager sein; doch ich finde es nicht. Nun muss ich mich auf eine zweite Freinacht vorbereiten, ohne jede Ausrüstung. Mit knurrendem Magen baue ich aus Steinen und chinesischen Brettern eine winzige Zelle und verbringe die erste gute Nacht seit langer Zeit. Am nächsten Tag helfe ich Woodrow hinunter. Auf dem zweiwöchigen Rückmarsch trage ich seinen Rucksack, sein Zelt und die 16-mm-Filmkamera, da ich meine eigene Ausrüstung nicht mehr holen kann.“

Dass der Schweizer Hans-Peter Duttle 1962 den Weg zum und vor allem vom Everest überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Nicht dass er mit seinen drei amerikanischen Gefährten ohne Erlaubnis den höchsten Berg der Erde anging, ist das wirklich Erstaunliche. Sondern wie Duttle, Woodrow Wilson Sayre, Norman Hansen und Roger Hart im Alpinstil und ohne grosse Erfahrung im Höhenbergsteigen eine solch gefährliche und meilenweite Route wählten, um zum Ziel ihrer geheimen Wünsche zu gelangen und eine Höhe von 7500 Metern erreichten. „Ein erfahrener Bergsteiger und Himalayamann kann es kaum begreifen, dass diese ‚Helden‘ mit dem Leben davongekommen sind“, schimpfte der Himalaya-Chronist Günter Oskar Dyhrenfurth 1962 in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“; eigentlich befürchtete er aber, dass die Behörden der geplanten und bewilligten US-Everest-Expedition seines Sohnes Norman nun plötzlich Steine in den Weg legen könnten, weil Amerikaner illegal am Everest unterwegs waren.

Immerhin durfte Hans-Peter Duttle 1966 unter dem Titel „Everest Nordsattel 1962“ dann in der Clubzeitschrift selber die wagemutige Kleinexpedition schildern, mit einer Warnung von Seiten der Redaktion allerdings: „Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen von unsern Lesern lediglich als wahrheitsgetreue Erzählung eines Erlebnisses aufgenommen werden.“

Aber Duttle hat noch mehr zu erzählen, viel mehr. Nun ist nämlich das Buch zu seinem Leben erschienen, das Reto Winteler nach langen Gesprächen mit Duttle geschrieben hat. Liest man schon nur die Orts- und Ländernamen des Inhaltsverzeichnisses, wird es einem schier schwindlig: Beirut, Bern, La Paz, Lima, Zermatt, Maisprach im Baselland, Eskimo Point und Port Burwell in Kanada, Peru/Bolivien, Andermatt, Pangnirtung (Kanada), Avrona im Unterengadin, Bern, Rongbuk. Und 1962 eben Nepal/Tibet – Everest, der mit Abstand höchste und gefährlichste Wegabschnitt von Duttle auf der Suche nach dem Glück. Aber es ist nicht nur die Geschichte dieses Abenteuers, die das Buch so lesenswert und spannend macht, auch für Nicht-Bergsportler. Es geht um einen Menschen, der (s)einer Idee von Glück mutig und geradlinig nachgeht. Am Schluss sagt er: „Am Ideal des einfachen Lebens halte ich fest. Die Arktis oder das Tibet braucht es nicht dazu. Gümligen ist gerade recht.“

Was für ein Weg! Am 28. März 2018 ist Hans-Peter Duttle 80 Jahre alt geworden.

Hans-Peter Duttle mit Reto Winteler: Illegal am Everest. Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück. Wörterseh, Gockhausen 2018, Fr. 34.90. www.woerterseh.ch

Am Mittwoch, 25. April 2018 um 19 Uhr, findet im Alpinen Museum der Schweiz in Bern die Vernissage statt. Durch die Veranstaltung führt Frank Baumann; zu seinen Gästen gehören Abenteurer Duttle und Autor Winteler. Platzzahl beschränkt: Anmeldung an anmeldung@woerterseh.ch, Tel. 044 368 33 68.

Wanderwelt Val Müstair

Im östlichsten Zipfel der Schweiz liegt ein sonnenverwöhntes Tal – das Val Müstair. Ein Naturjuwel für alle Jahreszeiten, wie ein neuer Wanderführer eindringlich zeigt.

17. April 2018

„Während Tausende und aber Tausende auf den groβen Verkehrswegen nach Anleitung der rothen Bücher die Schweiz durchzogen, begab ich mich meiner Gewohnheit nach auf Abwege, nicht aus Menschenscheu, an der ich nicht leide, sondern um einen Theil der Schweiz kennen zu lernen, der vom Touristenschwarm noch gänzlich gemieden und verschont ist. Einsame Pässe führen dahin.“

Stimmt immer noch es bitzeli, auch wenn der Touristenschwarm das Val Müstair in den vergangenen 150 Jahren schon erreicht hat. Als der deutsch-schweizerischer Kriminalrechts- und Rechtswissenschaftler sowie Reiseschriftsteller Eduard Osenbrüggen (1809–1879) das Münstertal besuchte und darüber im vierten Kapitel seines zweiten Bandes der „Wanderstudien aus der Schweiz“ von 1869 berichtete, muss das Tal jenseits des Ofenpasses wirklich noch kaum bekannt gewesen sein. Es war auch ein sehr weiter Weg dorthin; noch heute dauert die Reise von Bern nach Müstair Posta 4 Std. 47 Min., mit Umsteigen in Zürich, Landquart, Saglians und Zernez. Aber dann sind wir da – und schon fast aus der Schweiz heraus; nur ein paar Schritte weiter weg beginnt Italien mit dem Vinschgau.

Auf der Fahrt dorthin könnten wir auf books.google.ch den Text von Osenbrüggen lesen. Insgesamt sind sechs Bände mit Wanderstudien erschienen, der letzte zwei Jahre nach seinem Tod, herausgegeben von Pfarrer Ernst Buss. Darin findet sich ein Bericht von Pfarrer Ernst Müller, Erstbesteiger des Oeschinenhorns an der Blüemlisalp. Und dieses Horn wiederum ist auf dem Titelbild von Osenbrüggens Prachtsband „Das Hochgebirge der Schweiz“ abgebildet. Aber ich schweife ab. Eigentlich soll es ja ins Münstertal gehen, und zwar zum Wandern, zum richtigen. Mit dem Herrn Rechtsprofessor (seit 1875 übrigens Ehrenbürger der Stadt Zürich) und seinen Büchern nämlich kommen wir mehr zum Studieren und kaum zum Wandern. Anders hingegen mit dem jüngsten Band aus der Naturpunkt-Reihe des Zürcher Rotpunktverlages, der auf seine Art das Vorstellen von bekannten und unbekannten Regionen der Schweiz fortsetzt.

Anfang April erschien der Naturpunkt-Wanderführer „Wanderwelt Val Müstair“ von Daniel Fleuti und Andrea Kippe. Das mit zahlreichen Farbfotos ausgestattete Buch stellt 20 Wanderungen, 6 Schneeschuhtouren und 4 Winterwanderungen in der Region zwischen Ofenpass und Glurns vor. Kartenskizzen, genau wandertouristische Infos, ein umfangreicher Serviceteil sowie Hintergrundartikel zu Natur, Kultur und Geschichte machen den Führer zum unverzichtbaren Begleiter für einen Besuch dieser Tal- und Berglandschaft am östlichen Rand der Schweiz. Tour 17 führt auf ihren östlichsten Gipfel, auf den Piz Chavalatsch (2762 m); eine happige Sache, doch unbedingt lohnend für Leute, die je 1600 Höhenmeter im Auf- und Abstieg locker bewältigen. Schon Eduard Osenbrüggen stand dort oben: „Die Aussicht vom Piz soll bei der günstigsten Beleuchtung bis nach Wien reichen, welche Angabe ich weder bestätigen noch bestreiten kann, aber doch bezweifle.“

Daniel Fleuti, Andrea Kippe: Wanderwelt Val Müstair. Wanderungen und Schneeschuhtouren zwischen Ofenpass und Glurns. Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 38.- www.rotpunktverlag.ch

Am Dienstag, 17. April 2018 um 19.30, präsentieren die Autoren ihren Wanderführer an der Buchtaufe in der Buchhandlung am Hottingerplatz in Zürich, inkl. Apéro mit Münstertaler Spezialitäten; www.buchah.ch. Am Samstag, 16. Juni 2018, findet die Buchvernissage mit Wanderung im Val Müstair statt.

Bernd Arnold – Ein Grenzgang

Eine biografische Dokumentation über den besten und bekanntesten ostdeutschen Kletterer, über seine Heimat und über den Fast-Todessturz am Fuss der Trango Towers im Karakorum. Ein schön gemachtes Buch mit einem mehrdeutigen Titel.

13. April 2018

„Kurz vor Weihnachten fahre ich noch einmal nach Hohnstein, um Bernd zu interviewen, Material zu sichten und Informationen zu sammeln. Da ich keinen Stress will, sitze im Zug, die Strecke von Berlin nach Dresden kommt mir wie eine Reise durch eine eisgraue Taiga vor, es gibt offenbar keinen Ort, für den sich der Halt eines Eurocity-Zuges lohnte. Ab Pirna drücke ich wie ein Kind die Nase an die Scheibe und zähle, beginnend mit dem Postakegel, leise all die Gipfel auf, an denen ich vorbeifahre. Es sind viele.“

Der Besucher kennt sie. Obwohl er nicht dort wohnt, sondern im westdeutschen Hildesheim. Der Besuchte kennt sie alle, bestens sogar. Er wurde 1947 im ostdeutschen Hohnstein geboren, wohnt immer noch dort und ist seit gar 2006 gar Ehrenbürger der Stadt in der Sächsischen Schweiz, auch bekannt als Elbensandsteingebirge. Und in diesem Gebirge hat es schier unzählige Gipfel; Nadel, Türme, Wände aus Sandstein. Ein Klettereldorado, vielleicht gar das Eldorado. Die Sächsische Schweiz gilt als eine der Wiegen des Felskletterns. Und Bernd Arnold hat schier unzählige neue Routen erschlossen, schwierigste und allerschwierigste Wege. Einfach der beste ostdeutsche Kletterer seiner Generation. Über ihn hat Peter Brunnert eine sehr schöne und sehr lesenswerte biografische Dokumentation geschaffen, mit dem vielsagenden Titel „Ein Grenzgang“.

Ein Grenzgang, klar, beim Klettern. Wenn man das Limit am Fels so pusht wie Bernd Arnold, dann ist das logischerweise ein vertikaler Gang an der Grenze. Dann war da die politische Grenze, die sich nicht überklettern liess. Obwohl er häufig Einladungen zu Kletterreisen in den Westen bekam, liess man ihn nie ausreisen. 41 Jahre alt war Arnold im Sommer 1988 und auf dem Zenit seines Klettervermögens. Durch die Fürsprache seiner Freunde Kurt Albert und Wolfgang Güllich ergab sich eine neuerliche Einladung zu einer Expedition des Deutschen Alpenvereins an die Trangotürme im Karakorum. Mit einem konstruierten Verwandtschaftsverhältnis nutze er die Einladung zu einer Silberhochzeit in München zu einer „Beurlaubung“ in den Westen, die ein halbes Jahr dauern sollte. Ein Grenzgang nur für ihn – und auch für Ehefrau Christine zu Hause, die unter behördlichen Schikanen zu leiden hatte, während der Mann zahlreiche schwierige Alpentouren unternahm. Dann eben die Expedition zu den gut 6000 Meter hohen Trango Towers, eine gewaltige Sache, Kletterei auf höchstem Niveau, in jeder Hinsicht. Nur das gute Wetter ist nicht mit von Partie. So scheitern die Deutschen am „Norwegerpfeiler“ am Grossen Trangoturm; dafür gelingt die erste Rotpunkt-Begehung der „Jugoslawenroute“ am Nameless Tower. Niederlage und Sieg. Zuletzt noch fast ein Todesopfer: Beim Materialrücktransport fällt Arnold in eine Spalte – Rettung und Rehabilitation werden nicht nur für ihn zum schmerzlichen Grenzgang, eindringlich beschrieben von Peter Brunnert. Ein Wunder, dass Bernd noch lebt – und wieder klettern kann.

Und so endet das Buch – und einer der Besuche von Brunnert in der Sächsischen Schweiz, natürlich mit Erkletterung von ein paar Gipfeln und mit hochspannenden Dialogen zu Gegenwart und Zukunft in diesem weltberühmten Klettergebiet:

„Inzwischen haben wir Hohnstein erreicht. Am Hoftor in der Max-Jacob-Straβe frage ich Bernd:
‚Und was hast du heute noch vor?‘
‚Ich werde mich jetzt erst mal in die Badewanne begeben, meine Knochen ins warme Wasser legen und froh sein, dass ich über nichts mehr nachdenken muss.‘“

Peter Brunnert: Bernd Arnold – Ein Grenzgang. Eine biografische Dokumentation. Panico Alpinverlag, Köngen 2017, Fr. 39.60, www.panico.de, www.peter-brunnert.de, www.sandsteinblogger.de

Grimsel

Das Buch „Grimsel“ zur Biwak-Ausstellung «Baustelle Fortschritt. Emil Zbinden und der Staumauerbau Grimsel-Oberaar» (bis 19. August 2018) im Alpinen Museum in Bern zeigt grösstenteils bisher unveröffentlichte Bilder und Fotografien der Grossbaustelle im Berner Oberland. Der Blick liegt dabei auf technischen ebenso wie auf sozialhistorischen Aspekten des Baustellenbetriebs.

5. April 2018

„Wir gingen hin, schauten uns um und beschlossen gemeinsam, dem Wachsen dieses Riesenwerkes beizuwohnen, zu versuchen, es festzuhalten in allen seinen Phasen und sozusagen von allen Seiten.“

Das Vorhaben der drei Berner Kunstmalerkollegen Eugen Jordi, Rudolf Mumprecht und Emil Zbinden gelang gut. So gut, dass die Kulturzeitschrift „Du“ ihnen im Mai 1954 das ganze Heft widmete. Ihnen und den Fotografen, die von 1950 bis 1953 den Bau der gigantischen Staumauer Oberaar im Grimselgebiet festhielten. Mehr: Eine Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern und die Publikation „Grimsel“ befassen sich jetzt wieder eindringlich mit dem Thema „Kunst und Bau“. Nicht Kunst am Bau: Eine Staumauer ist eine Staumauer: gross, mächtig, unübersehbar. Und wichtig natürlich auch: ein verlässlicher Energielieferant. Damals und heute erst recht.

Wenn so eine Staumauer gebaut ist, dann steht sie da. Wie sie aber gebaut wurde, von wem und unter welchen Bedingungen: Das ging oft vergessen. Und genau das zeigen nun Buch und Ausstellung. Wie die drei Künstler und die Fotografen Heinz Bysätz, Anita Niesz, Hans Tschirren und Jakob Tuggener den Bau je auf ihre Art dokumentieren, fasziniert mächtig: Die riesigen Betontürme und die Berglandschaft hier, die Arbeiter mit der Bohrmaschine und in der Baracke dort – mal farbig skizziert und aquarelliert, mal schwarz-weiss gestochen scharf. Nochmals Jordi, Mumprecht und Zbinden im „Du“-Heft: „Wir möchten diesen wesentlichen Teil unserer Zeit zeigen: die Technik. Die Technik in Verbindung mit unserer Landschaft, die nun einmal die Berge sind, die Ameise Mensch darin, die Arbeit, die sie physisch und psychisch, planend und ausführend leistet.“ Anders gesagt: Schöne Berg(werk)e.

Grimsel. Staumauerbau im Bild. Werke von Emil Zbinden, Eugen Jordi, Heinz Bysäth, Anita Niesz, Hans Tschirren und Jakob Tuggenert. Mit Texten von Beat Hächler, Anne-Catherine Schröter, Jürg Spichiger, Andrea Tognina und Etienne Wismer. Herausgegeben vom Förderverein Emil Zbinden. Edition eigerArt, Verlag X-Time, Bern 2018, Fr. 25.- www.edition-eigenart.ch

Die Buchvernissage von „Grimsel“ findet am Freitag, 6. April, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz statt. Dort ist als Biwak #21 die Ausstellung „Baustelle Fortschritt“ Zeichnungen und Fotos vom Bau der Staumauer Grimsel-Oberaar zu sehen (bis am 19. August 2018). Zudem gibt es spannende Veranstaltungen zum Thema, im Museum selbst und in der Grimselregion: www.alpinesmuseum.ch Der Kunstraum Grand Palais (an der Thunstrasse 3, ein paar Schritte vom Museum entfernt) zeigt noch bis 15. April die passende Installation „Le Grand Dehors“; www.grandpalais.ch

Philosophische Betrachtungen über die Alpen

Der Berg ruft seit (mindestens) 232 Jahren. Damals in einer 32-seitigen Schrift. Heute in Europas grösster Ausstellungshalle, im Gasometer Oberhausen, fern der Berge.

28. März 2018

„So hören wir oft unter uns die bittern Klagen über die nachbarlichen Alpen, wenn unsre Sommer im Verhältnisse zu unsrer südlichen Lage nicht so heiβ, nicht so anhaltend, unsre Nächte nicht so warm sind, als in andern Gegenden, wenn an unsern Hügeln nicht der feurige Wein wächst, wie auf den Gebürgen am Rhein, der Mosel, und der Aar: oder wann der Winter mit verdoppeltem Froste uns härter überfällt, als das übrige nördlichere Deutschland, oder wann ein später Frost unsere Blüthen versenget, oder ein Hagelwetter die Hoffnung des Sommers zernichtet, oder die früher zurückkehrende Kälte die Früchten des Herbstes drückt, dann kömmt all das Unheil von den bösen Nachbarn, den Alpen.“

Schön beschrieben, sehr schön. Ganz nah am Leben erfasst, mit guten Beispielen aus dem Alltag. Es ist ja auch ein Vortrag, aus dem hier zitiert wird. Einer, der heute vor genau 232 Jahren gehalten und der dann gedruckt wurde von Anton Franz, kurfürstlich Hof-Akademie u. Landschaftsdrucker. 32 Seiten, von denen ich bis vor kurzem nichts wusste. Vom Autor auch nichts. Er heisst Stephan von Stengel, mit vollem Name Stephan Christian Freiherr von Stengel (1750–1822), „ein pfälzisch-bayerischer Aufklärer, liberaler Finanz- und Wirtschaftsfachmann im Dienst des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern, Staatsrat und Generalkommissar der Landesdirektion Bamberg, Radierer und Zeichner sowie Mäzen und Kunstsammler“, wie ich auf Wikipedia lese. Und Schriftsteller, müsste noch ergänzt werden. 1775 regte von Stengel, so erfährt man weiter in der digitalen Enzyklopädie, „die Gründung der Deutschen Gesellschaft an, um die Erkenntnisse in Kunst und Wissenschaft einer breiten Leserschaft zu vermitteln und die Schriftsprache zu verbessern“. Nun, diese Sprache beherrschte der Freiherr, schriftlich und eben mündlich.

„Philosophische Betrachtungen über die Alpen. Als die bairische Akademie der Wissenschaften das Andenken ihres glorwürdigsten Stifters Maximilian des Dritten, und den Tag ihrer Stiftung feyerte, in einer öffentlichen Versammlung vorgetragen von Stephan von Stengel, der Akademie ordentlichem Mitgliede, den 28sten März 1786.“ So lautet der vollständige Titel dieser Schrift, die man auch auf https://books.google.ch lesen kann. Ich erhielt sie von Christoph Schwarzenbach vom Buchantiquariat Hegnauer an der Münstergasse in Bern. Eine Pretiose, die einen Platz neben Gottlieb Sigmund Gruners „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“ erhalten wird. Ein Werk, so die Fussnote l), das Stephan von Stengel durchaus kannte.

Von den bösen Alpen spricht/schreibt der Freiherr in bayerischen Diensten nur auf den ersten Seiten. Dann zählt er all die Vorzüge der Alpen auf: Wie sie die vom Meer anwehenden Wolken abhalten, wie sie das Wasserschloss für halb Europa sind, wie es mitten in den Bergen wärmer sein kann als am Rande, wie die Luft dort oben rein ist, wie das Vieh auf den Bergrücken Nahrung findet und den Seuchen des Tieflandes entrückt ist, wie die Menschen in den Alpen gesünder und stärker sind. Kurz: Die Alpen „sind die Freunde des Menschengeschlechts“ (Seite 31).

Und: Stephan von Stengel reiste bestimmt in diesem Jahr ins nördlichere Deutschland. Dort, im riesigen Gasometer von Oberhausen, wurde am 16. März die Ausstellung „Der Berg ruft“ eröffnet. Sie, so lese ich auf der Website, „zeigt die Vielfalt der Berge und erzählt von der ewigen Faszination, die diese imposanten Welten in kargen Höhen und dünner Luft auf uns Menschen ausüben. Die Ausstellung lässt ihre Besucher teilhaben an den legendären Erstbesteigungen der berühmtesten Gipfel der Erde, sie berichtet von großartigen Triumphen und dramatischen Niederlagen. Und sie erzählt von der jahrtausendealten Ehrerbietung, mit der Menschen den Bergen begegnen; denn sie waren stets auch Orte religiöser Verehrung, der Zuflucht und Besinnung in Abgeschiedenheit, voller Mythen und Geheimnisse.“ Und über allem wacht ein verkehrt aufgehängtes Matterhorn.

Stephan von Stengel: Philosophische Betrachtungen über die Alpen. München 1786.

Der Berg ruft in Bern: www.hegnauer-antiquariat.ch
Der Berg ruft im Ruhrgebiet: www.gasometer.de/de/ausstellungen/der-berg-ruft

Letzter Versuch

«Herr es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.» Es ist zwar kein Herbsttag, wie in Rilkes Gedicht. Frühling ist es, aber Herbst im übertragenen Sinn. Ein Abschied.

26. März 2018

Nach dem dritten Haken ist Ende. Ich weiss genau, wie das hier geht, doch Wissen allein ist nicht Macht, wie eine Redensart glauben macht. Ich weiss es genau. Hundertmal geschafft. Vielleicht auch nur siebenundsiebzig oder sechsundfünfzig. Das letzte Mal vor acht Jahren: 17. Juni 2010. Ich weiss das, weil mich Marco Volken fotografiert hat. Pizza Buch, die Kultroute. Jeden Griff, jeden Tritt kenne ich im Schlaf. Stelle ich mir vor, wenn ich nicht einschlafen kann. Und jetzt das. Ich weiss genau, wie es geht, aber es geht einfach nicht. Ich kann den Griff nicht halten, es fehlt die Kraft. Die Freunde feuern mich an. Es hat keinen Zweck – das hat Klettern ja ohnehin nicht – und ist man überfordert, erst recht nicht. Es wäre so schön gewesen. Noch einmal wie einst, so leicht und beschwingt und im Bewusstsein: es geht, es geht wie immer. Doch ein Immer gibt es nicht, wie man weiss, aber nicht wahrhaben will.
Es gibt Menschen, die wissen genau, wann es Zeit ist für den Abschied. So wie Rilke in dem wunderbaren Gedicht schreibt. «Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren. Und auf den Fluren lass die Winde los.» Es gibt Menschen, die den Herbst geniessen können. Befreit von allen Zwängen. Ich gehöre offenbar nicht dazu. Ich hadere und weiss doch, dass das alles nur schwerer macht. Es wäre so schön gewesen. Die Bedingungen bestens. Zwei gute Freunde, die Haken sind eingehängt, was alles einfacher macht. Ich fühlte mich gut in Form, obwohl, schon eigentlich zu viel geklettert an dem Tag. Ich wusste, wenn es einen Moment gegeben hat, während den letzten Jahre, dann ist es dieser. Zwei oder drei Versuche hatte ich noch gemacht im Lauf der Zeit, bin zum Schlüsselzug gekommen, gescheitert. Heute kein Hauch einer Chance, auch nur den zu erreichen, zwei Haken weiter oben. Den Zangengriff, den Untergriff, das Zweifingerloch. Die Griffe und Tritte, die sind wie alte Bekannte, Stationen eines Wegs, den man immer wieder gegangen ist. Real und noch viel mehr in Gedanken, in Träumen.
«Die Route ist schwerer geworden», trösten mich die guten Freunde, «abgespeckt, rutschig». Sie schaffen das noch immer leicht, obwohl auch nicht mehr die Jüngsten. Guter Trost ist teuer. Ich weiss doch genau, älter werden ist ein unablässiger Abschied. Heute, morgen, jeder Tag. Viele Abschiede sind mir leichter gefallen. Ein Haus verkauft, eine Arbeitsstelle aufgegeben, einen Beruf verlassen, ein eigenes Unternehmen beendet, Manuskripte in die Schublade gesteckt,eine Mulde mit Möbeln, Geräten, mit Alltagsgegenständen eines langen Lebens gefüllt. Warum mir gerade dieser Abschied so schwer fällt, ist mir letztlich ein Rätsel. Es ist das Irrationale, das mich in diese seltsame felsige Welt treibt, diese tiefe Sehnsucht, deren eigentlicher Grund mir verschlossen bleibt. Für immer wohl.

(Foto Marco Volken)