Moderne Zeiten

«Modern times» sind eigentlich immer, und so ist es doch beruhigend (für Alt und Jung), dass auch die vorgestellten 100 modernen Top-Routen dereinst alt aussehen werden. So sind halt die Zeiten. Also nicht gleich hinlaufen und am Einstieg anstehen. Die Deluxe-Edition im edlen Schuber wird auch der Grossvater noch mit Freude durchblättern und sich erinnern.

7. Januar 2018

„Für Jürg von Känel hat der neue Kletterstil mit dem Bergsteigen im üblichen Sinn nichts mehr zu tun‘. Es ist nicht mehr das Gipfelerlebnis gesucht, sondern man versucht, immer schwieriger zu klettern, die Sturzgrenze immer ein wenig weiter hinauszuschieben. Deshalb werden nur noch Routen geklettert, in denen der Fels absolut fest ist und wo ‚man gut sichern kann‘. Denn in solchen Schwierigkeiten, wo der Kletterer das Gesetz der Schwerkraft aufzuheben scheint, ‚liegt ein Sturz sicher drin…‘“

Ende der 70-er Jahre im letzten Jahrhundert waren neue Zeiten beim Klettern angesagt. Mit „Freier Gang an der Sturzgrenze“ ist mein Artikel vom 31. Oktober 1979 in der „Berner Zeitung“ überschrieben, im Untertitel heisst es: „Der sechste Grad aus ‚ausgedient‘ – ein neuer Kletterstil kommt auf: all free.“ Vor rund 40 Jahren begann beim Klettern ein neues Zeitalter, insbesondere in den Alpenländern. Einer der damaligen Pioniere war der Berner Oberländer Jürg von Känel. 1978 eröffnete er zusammen mit Martin Stettler am Granitpfeiler neben der Gelmerseebahn im Grimselgebiet die Route „Fair Hands Line“. Der Name war und ist Programm: klettern by fair means. „Verzicht auf alle künstlichen Hilfsmittel wie Felshaken, Klemmkeile, Trittleitern, Quergangsseile usw.“, wie in der BZ zu lesen war. „Der Kletterer darf zur Fortbewegung nur noch einsetzen, was er sowieso schon mitbringt: seinen Körper.“

„Fair Hands Line“ gehört zusammen mit den Routen „Dingomaniaque“ in der Verdon-Schlucht und „Schwalbenschwanz“ in der Südwand der Marmolada zu den zweitältesten, die für den druckfrischen Bildbandführer „moderne zeiten. 100 legendäre Freikletterouten in den Alpen“ ausgewählt wurde. Die älteste aber sind die „Pumprisse“ am Fleichbankpfeiler im Wilden Kaiser, 1977 erstmals durchstiegen von Helmut Kiene und Reinhard Karl. Mit dieser Route wurde die starre sechsstufige Schwierigkeitsskala gesprengt und der siebte Grad offiziell eröffnet. Vom neuen Freiklettergeist beflügelt, erschlossen in der Folge Kletterer wie Jürg von Känel schier unzählige Routen: freier, schwerer und anders als das bisher Dagewesene. Moderne Zeiten eben.

Achim Pasold und Ralph Stöhr stellen 100 moderne Routen aus dem ganzen Alpenbogen vor, von den Gorges du Verdon in Südfrankreich bis zum Schneeberg bei Wien. 27 stammen aus der Schweiz, von der „Mamba“ am Miroir d’Argentine bis zur „Rialto“ an der Sulzfluh. Am Eiger wurden gleich zwei Linien ausgewählt: „Märmelibahn“ in der Südostwand und „Deep Blue Sea“ in der Nordwand, „die schwerste Route in diesem Buch“. Die 100 Routen werden jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt: rechts ein ganzseitiges, bestens beleuchtetes Farbfoto des Kletterzieles mit kleinen roten Pfeilen für Ein- und Ausstieg, links ein gezeichnetes Topo mit Routenverlauf und wichtigen Infos; dazu ein locker geschriebener Text und kurze Angaben zu Zustieg, Zeitbedarf etc. Prima gemacht! Damit könnte man gleich einsteigen, vorausgesetzt, man habe den siebten Schwierigkeitsgrad bzw. ein französisches 6b+ locker drauf.

Zwei kleine geografische Fehler haben sich eingeschlichen: der Ofen mit dem „Indianerpfeiler“ im Melchtal steht nicht in den Berner, sondern in den Unterwaldner Alpen, und die berühmte Route „Motörhead“ der Gebrüder Remy im Eldorado am Grimselsee liegt nicht in den Urner, sondern den Berner Alpen. Und wenn wir schon am Mäkeln sind: Die Route vom atemberaubenden Titelbild, nämlich „Unendliche Geschichte“ an der 7. Kirchlispitze im Rätikon, fehlt unter den 100 vorgestellten; wahrscheinlich ist sie die 101. Sicher aber ist: „moderne zeiten“ ist der Nachfolger von „Im extremen Fels“ – der „Pause“ im heutigen Jahrhundert.

Achim Pasold, Ralph Stör: moderne zeiten. 100 legendäre Freikletterrouten in den Alpen. Inklusive Topo-ebook. Panico Alpinverlag, Köngen 2017, Fr. 59.90. Limitierte Deluxe-Edition (777 handnummerierte Exemplare) im edlen Schuber, inklusive zwei Topofächern der 100 Routen, dem Spiel „Kletterreise durch die Alpen“ in Tisch- und Zeltversion, einem Postkartenset und einem Poster; Euro 89.80. www.panico.de

BERG 2018 – Wie tut ein wildes Wandern wohl

Alle Jahre wieder ein sehr lesenswertes Bergbuch ist BERG, das Jahrbuch der Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol. Schwerpunkt für 2018: der Grossglockner. Dazu passt perfekt das Literaturwanderbuch für Nord- und Osttirol. Der Berg mit seinen Bücher ruft halt auch im nächsten Jahr.

31. Dezember 2017

„Drei Weibsleute steigen auf den Glockner. Die erste kommt ganz hinauf, die zweite auch, aber später die dritte kugelt herunter.“

So wenig fröhlich lautet die Prophezeiung des Kalser Hexenmeisters im Roman „Die Groβglocknerin. Roman der Erstbesteigung des Groβglockners durch eine Frau“ des Priesters Sebastian Rieger, als Schriftsteller eher bekannt unter dem Namen Reimmichl. Der Roman erschien erstmals 1947 beim Innsbrucker Tyrolia-Verlag unter dem Titel „Die Glocknermaid“. Die erste Frau am Glocknergipfel war Sidonia Schmidl aus Rojach bei Heiligenblut; ihre Begleiter führten sie aber absichtlich nur auf den Kleinglocknergipfel (3770 m). Die ersten Frauen zuoberst auf dem grossen Glockner (3798 m) waren 1869 die Engländerin Mary Whitehead und kurz darauf die Salzburgerin Anna von Frey.

Alles weitere zum Grossglockner, darunter auch ein ABC von Adlersruhe bis Zirbe, im neuen Alpenvereinsjahrbuch BERG 2018. Gut 60 Seiten sind dem höchsten Berg von Österreich gewidmet. Den zweiten Schwerpunkt bildet das Thema „Bergsport und Gesundheit“, darin zum Beispiel diesen Fragen nachgegangen wird: Warum sterben in den Bergen seit Jahren mehr Männer als Frauen, auch am Grossglockner? Was tun, wenn die Gehwerkzeuge allmählich knirschen und knacken? Wirken die Berge als Anti-Depressivum?

In anderen Rubriken finden sich wie alljährlich im BERG weitere spannende und aktuelle Themen. Was können beispielweise die Alpenvereine dazu beitragen, den gesellschaftlichen Herausforderungen von Flucht und Migration zu begegnen? Wird Biken das neue Skifahren? Warum wollen die neuen Hüttenwanderer immer ihr Duschhandtuch und ihr Smartphone zur Hand haben, und was bedeutet das für die Hütteninfrastruktur? Drei Frauen werden porträtiert: die Deutsche Billi Bierling, Himalaya-Chronistin und Mitarbeiterin der Humanitären Hilfe der Schweiz; die Pakistanerin Hanniah Tariq, „Seilerste in Sache soziale Gerechtigkeit“; die Osttiroler Bergführerin und Extremalpinistin Lisi Steurer.

Tirol im Osten und Norden (und bekanntlich auch im italienischen Süden). Das österreichische Bundesland besteht aus den nicht zusammenhängenden Teilen Nord und Ost (an dessen Ostgrenze sich der Grossglockner erhebt). Für dieses Land hat die Ethnologin und Sprachwissenschaftlerin Christine Zucchelli von Hall in Tirol ein Literaturwanderbuch verfasst, unter dem so strammen wie stimmigen Titel „Wie tut ein wildes Wandern wohl.“ Auszüge aus den Werken von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Epochen und Genres bilden den Rahmen für 22 leichte bis mittelschwierige Wanderungen und eröffnen so neue Zugänge zu Landschaften und Erzählwelten. Unter den Literaten finden wir neben dem oben zitierten Reimmichl und anderen weniger bekannten Namen wie Tatjana Kruse, Lilly von Sauter und Fanny Wibmer-Pedit selbstverständlich auch Berühmtheiten wie Thomas Bernhard, D.H. Lawrence und Jörg Maurer. Mindestens zweimal begegnen wir Erich Kästner: im Zillertal und später noch in Kitzbühel. In diesem Topskiort hat er seinen so humorvollen wie bitterbösen Roman „Drei Männer im Schnee“ angesiedelt.

Und mit Kästner wollen wir auch aufs 2018 anstossen, mit seinem Gedicht „Der Dezember“, erstmals gedruckt in der „Schweizer Illustrierte Zeitung“ vom 7. Dezember 1953. Die sechste und letzte Strophe tönt so:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

BERG 2018. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2017, € 18,90. www.tyrolia.at

Christine Zucchelli: Wie tut ein wildes Wandern wohl. Literarische Wanderungen in Tirol. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 32.- www.rotpunktverlag.ch

Eine touristische Bilderfabrik

Wer noch kein Weihnachtsgeschenkbuch (auch für sich selbst) hat oder nicht weiss, wohin es gehen soll an den nächsten freien Tagen: Andreas Bürgis fulminantes Buch darüber, wie touristische Bedürfnisse geweckt und gestillt werden, hilft, unterhält und klärt auf. Auf zum Löwendenkmal in Luzern! Und vielleicht auch in ein Bergwerk.

22. Dezember 2017

Der Löwe stirbt, erschöpft von seinen Wunden,
Und wie die Erd‘ sein rauchend Blut getrunken,
Ist auch der Nacht Geburt dahingesunken,
Bewundernd hat die Welt den Schlag empfunden.

Diese Strophe leitet kein Weihnachtsgedicht ein, wie vielleicht mit „Nacht“ und „Geburt“ und „Welt“ vermutet werden könnte. Nein, Thema des Sonettes von Franz Fassbind ist das Löwendenkmal in Luzern, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Schweiz; es wird jährlich von weit über einer Million Touristen besucht. Enthüllt und eingeweiht wurde das Denkmal, das einen sterbenden oder ruhenden Löwen in einer Felsgrotte zeigt, am 10. August 1821, auf den Tag genau 29 Jahre nach dem Tuileriensturm in Paris, bei und nach dem knapp tausend Schweizergardisten den Tod fanden. Das Sonett sowie noch ein zweites Gedicht zum vielbesuchten Denkmal finden sich in einem meiner Lieblingsbücher, 1856 in Aarau von Johann Kirchhofer herausgegeben: „Helvetiens Naturschönheiten, oder das Schweizerland, mit seinen berühmtesten Bergen, Thälern, See’n, Flüssen, Wasserfällen und Heilquellen, nebst Anhang über Städte, Schlösser, Denkmale etc.“

„Alles begann mit dem Löwen und nur dank ihm. Bertel Thorvaldsens Monument ist das berühmteste Denkmal der Schweiz und zugleich das vielschichtigste.“ So leitet der Literatur- und Kulturhistoriker Andreas Bürgi sein gross und genau angelegtes Werk ein, das sich mit der Tourismusmeile im Wey-Quartier in Luzern beschäftigt: „Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz, 1850-1914.“ Zuerst das Löwendenkmal, dann Gletschergarten, Alpentiermuseum, Bourbaki-Panorama, Dioramen landschaftlicher Sehenswürdigkeiten wie Rheinfall und Berner Alpen, alles geschickt und immer wieder aktuell arrangiert und inszeniert, dazu Souvenirläden, Fotoateliers, Konzertbühnen und natürlich Gastwirtschaften: In der Luzerner Tourismusmeile wurde es weder den Touristen aus aller Welt noch den Einheimischen je langweilig. Da gab es immer wieder Neues zu erleben – und Neues auszuprobieren. Damit der Rubel rollt, und er tut es bis heute, dem Löwen sei Dank.

Fazit von Andreas Bürgi in seinem reich und fein illustrierten Buch: „Die Tourismusindustrie von Luzern machte mit grossem Erfolg vor, wie man eine Alpenregion globalisierte und sie den Fremden zugleich als typisch schweizerisch verkaufte. Und so brachte just dieses Zentrum der politisch und gesellschaftlich konservativen Innerschweiz ein Stück jener kommerziellen Moderne ins Land, dessen Flair man sonst in den Metropolen des Kontinentes suchte.“

Apropos Löwe: Ein Löwendenkmal befindet sich auch in Zürich, und zwar beim Hafen Enge. Der sitzende und stolze Züri-Leu wurde für die kantonale Gewerbeausstellung von 1895 geschaffen. Kopien des Luzerner Löwen hingegen finden sich auf dem Oakland Cemetery in Atlanta, Georgia (dort als Lion of the Confederacy) sowie im Quarzsand-Bergwerk Krähstel in Buchs ZH. Dort wurde um die vorletzte Jahrhundertwende der Rohstoff für die ehemalige Glashütte in Bülach gewonnen, die das bekannte grüne Bülachglas produzierte. Im Bergwerk aber wurden nicht einfach Quarzsandschichten abgebaut, sondern auch Skulpturen aus dem Gestein herausgemeisselt. Also Bilder zum Besichtigen fabriziert, wie das eben erschienene Heft „Minaria Helvetica“ der Schweizerischen Gesellschaft für Historische Bergbauforschung eindrücklich zeigt. Im Stollenlabyrinth begegnet man dem Löwen von Luzern (mit Teich wie beim Original), Rotkäppchen und Schneewittchen, Adam und Eva, dem Erzengel Gabriel und der heiligen Maria. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten.

Andreas Bürgi: Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz, 1850-1914. Chronos Verlag, Zürich 2016, Fr. 48.- www.chronos-verlag.ch

Minaria Helvetica 38/2017: Das Bergwerk im Krähstel. Fr. 25.- www.sghb.ch – Bestelladresse bei Über uns/Kontakt. Das Bergwerk kann besucht, im dazugehörigen Restaurant getafelt werden: www.bergwerk-buchs.ch

Durch die Stille

Ich musste einmal wieder einen Tag hinaus. Nur wohin? Es hatte frisch und viel geschneit und ich hatte keine Begleitung, ausser einem Buch. Da mir die Lawinengefahr nicht geheuer war, wählte ich einen anderen Weg. Nicht auf die Berge hinauf, sondern dazwischen hinein.

21. Dezember 2017

Hinter Bad Ragaz öffnet sich im Berg ein tiefer Spalt. Er mag oft düster wirken, doch heute gab ihm der Schnee etwas Helles. Keine Spur war zu sehen, nur ein geschlossener Schlagbaum, ein Schild „gesperrt!“. Und dennoch nahm der breite Weg mich auf und mit hinein. Es wurde still und der Schnee rasch höher, der weich war wie eine Sommerwiese, indem er  jeden Schritt federte und an den Beinen bis zum Knie hinauf reichte. Als die Schlucht sich einmal etwas weitete und zwischen Tamina und Weg Platz für eine Gruppe bewegungsloser Bäume liess, sass dort, den Kopf eingezogen, ein Bussard auf verschneitem Ast. Ich hielt nicht inne, schaute nicht hin, sagte nur, er brauche nicht aufzufliegen, lautlos, weil er es so vielleicht besser versteht. Da tat er es doch, strich ab in den Wald und war in der winterlichen Reglosigkeit verschwunden. Weil sich so gar nichts bewegte, sah ich später das kleine Flattern an der Felswand sofort. Ein Mauerläufer ging dort auf und ab, Silbern, rot und schwarz. Der Klettervogel! Sein Erscheinen, seinen Gruss zur Weihnachtszeit, nahm ich als Verheissung für das kommende Jahr.

Nach einer Ewigkeit des Stapfens, eine gute Stunde nachdem ich die Schlucht betreten hatte, war ich beim alten Bad Pfäfers. Das stattliche, glänzend renovierte Haus mit den roten Fenstern im weissen Putz und den Wappensteinen der Bischöfe, auch die angebaute Kapelle, waren stumm und tief verschneit. Keine Spuren führten von einer der Türen weg, oder zu einer anderen hin, nur meine lagen bald ringsum, wie suchend, zu wirren Schleifen geflochten im Schnee, und leiten einen später vielleicht fragenden Blick noch ein Stück weiter, bis zum Ende des Weges. Hier, wo die Wände so nahe zusammentreten, dass nichts als Wasser zwischen ihnen Platz findet, sass ich unter einem grossen Felsüberhang, an seine Rückwand gelehnt und las im mitgebrachten Buch. Es war still bis auf das Murmeln, nicht rauschen, der Tamina. Ein paar Schneeflocken, die einst hereingeweht waren, lagen auf den Steinen wie Staub und ich konnte sie wegpusten bevor ich mich setzte. Mir war kalt, doch ich fror nicht, las im Buch vom Roten Ritter, der durch einen Spalt im Berg zog, mitten hindurch, und an ein kaltes Haus kam, der, als er floh, ahnungslos auf eine Schlucht zu galoppierte und das Pferd, dass versuchte darüber zu setzen, verlor, weil es in den Abgrund stürzte, an dessen Zweigen er selbst sich hielt und wieder emporzog.

Auch mein Weg führte irgendwann die Schluchtwand hinauf, doch war er breit und zeichnete sich auch unter dem hohen Schnee noch ab. Treppenstufen leiteten an den Felsen entlang und ich brauchte die Hände nicht ein einziges Mal aus den Taschen zu nehmen. Im Hier und Jetzt gehen wir leichter durch Schluchten als die Ritter der Fabel. Wir setzen auch gelassen hinüber, in makellosem Schwung aus federleichtem Beton, unter dem ich das zweite trockene Plätzchen heute fand. Hier, unter der Taminabrücke, wehte aber der Wind herein und ich legte das Buch bald wieder weg. Mein kalter Störenfried trieb auch den Dampf zur Seite, der von der Tasse aufstieg, die ich mit beiden Händen vor den Lippen hielt. So fiel mein Blick über den heissen Tee hinweg auf eine, durch die Ingenieurskunst zur Symmetrie gewordene Landschaft. Bis wieder Vögel darin auftauchten, irgendwo weit draussen, man sah sie sofort, stets schwarz auf weissem Grund. Wie zufällig flog hier mal einer, mal dort eine kleine Schar, und brach so den Bann der Symmetrie. Nein, die Welt war nicht erstarrt.

Auch ich ging weiter, zurück nach Hause. Und als ich dort ankam, es früh und noch vor dem Abend dämmerte, da war ich nicht nur im Buch einige Seiten weiter gekommen, sondern auch im Leben einen Weg mehr gegangen.

Lausanne promenades littéraires

Prächtigste Bäume am Ufer des Flon und in Parkanlagen. Zwei Panoramahügel in der Olympiakapitale. Ein Rosenfenster aus dem 13. Jahrhundert in der gotischen Kathedrale. Tolle Museen, Läden und Restaurants. Und überall Spuren von literarischem Schaffen. Ihnen geht ein neues Buch nach. Viel Vergnügen auf den promenades littéraires in Lausanne.

16. Dezember 2017

„Manchmal (…) träumte ich davon, wie hübsch dieses kleine Tal einst gewesen sein muβ, als der Flon friedlich dahinfloβ, bevor man ihn zudeckte, um darauf die Rue Centrale zu bauen, die den grünen Hügel in eine Betonwüste verwandelte. Ich frage mich, ob man damals durch das offene Fenster meines Hauses, das viel älter ist als die Rue Centrale, das Zwitschern der Vögel hören konnte, die nachts vom Geräusch des Windes in den Zweigen geweckt wurden…“

Ein Ausschnitt aus dem Lausanne-Krimi „Herz aus Eisen“ von Anne Cuneo. Le Flon: der Stadtfluss von Lausanne, der einem lebendigen Quartier den Namen gegeben hat, beginnt im düsteren Wald des Jorat oben, unweit des Chalet à Gobet. Einst ein Ort zum Verweilen, als hier noch die Postkutschen auf dem Weg von Lausanne nach Bern gewechselt wurden; heute eine lärmige Hauptstrasse. Also nichts wie weg und eintauchen in eine der grünen Lungen von Lausanne. Tannen rauschen, Eichhörnchen flitzen. Wo wir den Flon zum ersten Mal überschreiten, ist er noch ein braver Bach. Wir steigen auf einem Pfad zu ihm hinab und folgen ihm, möglichst wassernah, bis nach Lausanne. Wie er sprudelt und gurgelt, verweilt und fliesst! Lausanne ist weg, weit weg. Und trotzdem nähern wir uns der Stadt mit jedem Schritt. Nur merken wir es nicht, bis wir zum Signal de Sauvabelin (644 m) hinaufspurten. Was es da alles gibt: einen künstlichen See, ein Wäldchen, einen Minizoo, einen Spielplatz für Kinder, einen Aussichtsturm. Und Restaurants natürlich. Wir entscheiden uns fürs Chalet Suisse. Und für die „soupe des brigands du Jorat“. Oder wie wär‘s mit einem Waadtländer Teller? Was man dazu trinkt, ist klar. Weder Fendant noch Dôle. Nein: einheimisches Gewächs.
Und was man dazu liest, ist auch klar. Ein Buch, das in Lausanne spielt. Ein Buch, das dort geschrieben wurde. Ein Buch, das von einem/r Schriftsteller/in verfasst wurde, der/die in Lausanne lebt(e) oder die Stadt besuchte. Ein paar weitere Namen gefällig? Charles Ferdinand Ramuz, Schöpfer klassischer Bergromane wie „Derborance“ und „Das große Grauen in den Bergen“; Corinna Bille, die 1944 in Lausanne das (uneheliche) Kind von Maurice Chappaz zur Welt bringen musste – im Wallis wäre das nicht möglich gewesen, also in jenem Land, das in ihren Werken immer wieder thematisiert wurde; Lord Byron, Verfasser des Dramas „Manfred“, das für die Schweiz und ihre Berge Reklame machte wie Schillers „Wilhelm Tell“.
Ihnen allen, natürlich auch Anne Cuneo, begegnen wir im Buch „Lausanne promenades littéraires.“ Unter der Leitung von Daniel Maggetti und Stéphane Pétermann machten sich sieben Autoren/Autorinnen auf literarische Spurensuche in der Léman-Stadt. Zwanzig Spaziergänge zu einzelnen Autoren wie Ramuz und Simenon, zu literarischen Themen wie Lyriker und Krimischriftsteller, Besucher und Herausgeber, zu besonderen Orten wie Cafés, Kirchen und Gärten, und eine Promenade auch zu Comics, die in Lausanne spielen. Alles hübsch arrangiert mit Erklärungen, Zitaten und Routenbeschreibungen, mit Zeichnungen und alten Fotos, mit biografischen Notizen, einem Personen- und Ortsindex sowie mit den „lieux du livre à Lausanne.“ Kurz: Wander- und Lesebuch, Fundgrube und Nachschlagwerk in einem.
Gestärkt mit so viel literarischem Wissen machen wir uns auf die zweite Hälfte der Tour. Gleich unterhalb des Signal de Sauvabelin die Fondation de l’Hermitage mit ihren tollen Ausstellungen. Dann die Cathédrale Notre-Dame mit dem Rosenfenster: ebenfalls ein Muss. Freiwillig ist jedoch das Hochkeuchen der 160 Stufen ins Arbeitszimmer des Turmwächters, der jede Nacht zwischen 22 und 2 Uhr die Stunden ausruft. 160 Stufen weisen übrigens auch die gedeckten Escaliers du Marché auf, über die wir in die untere Altstadt hinuntertrippeln. Bevor wir dann unterhalb des Bahnhofs unseren zweiten Gipfel erklimmen. Das Wort mag übertrieben sein. Doch der Crêt de Montriond ist ein Berg, ein ganz kleiner. Der tiefste über dem Lac Léman, bloss 447 Meter hoch. Die Aussicht allerdings, die ist gross. Etwas weniger weitreichend als vom Signal de Sauvabelin, aber immer noch fast der gesamte See vom Schloss Chillon, das Byron besang, bis zum Jet d’eau von Genf. Stundenlang könnten wir dort oben verweilen. Der See freilich, der lockt. Und auf dem Weg nach Ouchy, dem quirligen Hafen von Lausanne, wollen noch das Photographiemuseum und Musée Olympique besichtigt werden. Ein volles Programm, mon Dieu!

Daniel Maggetti, Stéphane Pétermann (coordination), Fanny Vaucher (dessins): Lausanne promenades littéraires. Les Éditions Noir sur Blanc, Lausanne 2017, Fr. 32.50, www.leseditionsnoirsurblanc.fr

Leichtigkeit

Wenn mit den Blättern von den Bäumen endgültig auch die Farben gefallen sind und die kahlen Äste grau in den grauen Hochnebelhimmel ragen, dann zehre ich so manches Mal von der Erinnerung an vergangene Leichtigkeit. Zum Beispiel an einen Sommertag, an dem alles Spiel und alles perfekt war.

10. Dezember 2017

Damals stiegen wir mit dem ersten Tageslicht kurz ein Tal entlang, dann nach links abzweigend, stille, da bereits verlassene Alpweiden empor. Eine blockige Rinne brachte uns in die Scharte am Beginn des Nordgrates, auf der sich der Blick in die ostseitige Tiefe auftat, und auf der uns die Sonne begrüsste. Nun ging es an grossen Rissen über eine erste Stufe und dann fast beliebig steigend oder verspielt kletternd weiter, mal im Licht, mal im Schatten, stets am Fels. Zwei Stunden nach unserem Aufbruch standen wir am Gipfel des Kleinen Widdersteins, angesichts einer weiten Aussicht ins morgendliche Alpenvorland auf der einen, und schroffer Nah- und Tiefblicke auf der anderen Seite. Der Weiterweg windet sich ziemlich herum, hinab in eine Scharte, hinüber in die Nordflanke, hinauf auf den Südgipfel und über eine steile Rippe wieder hinab ins grasige Karlstor.

Tor ist der treffende Ausdruck für diesen Ort. Nach Norden und Süden streben Felspfeiler empor, nach Osten und Westen sinken Geröllkare ins Tal, umgekehrt liegt der Torbogen im Bergleib. Mit Schwung kamen wir seinen nördlichen Pfeiler herab, durchliefen sein Bogenrund ohne zu halten, und rollten im Süden noch ein ganzes Stück wieder hinauf, ehe wir die Rucksäcke absetzten. Wir zogen die Klettergurte an, blickten aber etwas unschlüssig auf das Kommende, wägten und beschlossen dann, das Seil im Rucksack zu lassen. Wer will schon steigen, stehen, warten und steigen, stehen, warten, wenn der Fluss der Bewegung zu fliessen drängt und kein Grund dazu besteht, einen Anker zu werfen. Der Fels in den folgenden Verschneidungen fühlte sich an wie rauer Samt und trug uns leicht, als wären wir Luftwesen in die Höhe. Nach einem plattigen Rücken in Pfeilermitte steilte sich das Gelände nochmals auf. Braungraue Kanten aneinander gelehnter Platten, bildeten Orgelpfeifenartige Strukturen, an denen wir mal neben, mal übereinander kletterten, mal miteinander redend, mal still, jeder seinem Spiel vertrauend, das viel zu schnell zu Ende war.

Über den mit grossen Blöcken bedeckten Rücken des horizontalen Stückes im Ostgrat, kamen wir zu einer kleinsplittrigen Scharte, die wir schleichend durchquerten, und in der ich es war, der den einzigen Stein des Tages lostrat. Dann aber wurde der Fels wieder fest und der Grat steilte auf. Nahe dem Abbruch zur Nordwand segelten wir steigend, gleitend und wie in gutem Aufwind höher und dem Gipfel näher, den wir jederzeit hinter dem nächsten Absatz erwarteten. Doch dann stoppte ich überrascht vor einer Scharte, einem Einriss, gut zehn Meter tief. Wie eine Erinnerung an die Erdenschwere tauchte der Begriff „Seil“ in meinem Kopf auf. Verschwunden schienen die Flügel, die mich eben noch getragen, und die mir doch wieder wuchsen, als ich versuchsweise auf einen Absatz hinab kletterte. Bald konnte ich gegen die jenseitige Wand spreizen und las, schliesslich unten stehend, Aikko die Gedenktafel vor, die hier, so weit weg jeder Aufmerksamkeit, am Fels angebracht ist; während er, vom Kletterer, der in den Sechzigerjahren vom Blitz erschlagen wurde erfahrend, mich oben herum überholte, indem er mit weitem Schritt über den Einschnitt spreizte und an der von horizontalen Rissen durchzogenen Wand nach links um die Ecke verschwand. Ich folgte ihm auf die Gratfortsetzung, auf der nur wenig später, plötzlich ein Mann vor uns sass, etwas weiter zwei junge Frauen auftauchten und Dohlen um rastende Berggänger kreisten, sich wenige Meter neben ihnen auf eine noch freie Zinne setzten, etwas fallengelassenes aufpickten und wieder über die Köpfe in die Höhe schossen.

Auch wir landeten am Gipfel des Grossen Widdersteins, setzten uns auf ein noch freies Plätzchen, assen, was Essbares im Rucksack war und unterhielten uns über die Berge, die man sah, und über ihre Wege. Ein unerschöpfliches Thema, ein nicht enden wollender Stoff, Ahnung vieler noch möglicher Tage voll Leichtigkeit, mit der wir den Abstieg verplauderten, und die noch monateweit bis in den grauen Hochnebel reicht.

Uli Wiesmeier und Peter Mathis

Von zwei Altmeistern der Bergfotografie liegen neue, überzeugende Werke vor. Perfekt für stille Abende in der warmen Stube, ohne oder mit Weihnachtskerzen.

8. Dezember 2017

„Auf den Auslöser einer Kamera habe ich zum ersten Mal mit 14 Jahren gedrückt. Im Fokus: ein Berg. Der Berg war der Kofel in den Ammergauer Alpen und die Kamera eine alte, defekte Praktica meines Vaters, die ich mir ausgeborgt hatte, ohne zu fragen.“

So beginnt eines der schönsten, grössten, schwersten und vielfältigsten Bergbücher, das ich in diesem Jahr in den Händen hielt, anschaute und las. Das sind doch einig und bestimmt mehr als diejenigen, die ich dann unter „Ankers Buch der Woche“ vorstelle. „Berg…“ heisst dieses Buch ganz einfach, Berg mit drei Pünktchen. Diese stehen für siebzehn Begriffe, von …bild und …bahn über …steiger und …strasse bis …tod und …blume. Zu jedem der Begriffe fotografierte der deutsche Fotograf Uli Wiesmeier, Jahrgang 1959, seine so präzise wie poetisch inszenierten Bilder, zu fast jedem gibt es einen klugen Textdialog mit dem gleich alten deutschen Alpinschriftsteller und -filmer Stefan König. Der achtzehnte Begriff steht für Bergwelt und fasst die ein- bis doppelseitigen Einschaltbilder zusammen, die den Bildband strukturieren; das letzte zeigt einen Wintereinbruch in herbstlicher Landschaft auf dem Gruberhof in der Südtiroler Gemeinde Lüsen, wo Uli Wiesmeier heute lebt.

Was das hochformatige Buch heraushebt aus dem Haufen gebirgiger Bildbände, ist diese fotografische Interpretation der Begriffe. Beispiel Bergbauer. Auf zehn Doppelseiten jeweils links das Porträt eines Bergbauers, einer Bergbäuerin, und rechts sein bzw. ihr Arbeitsgerät, freigestellt auf weissem Hintergrund, dazu kurze Angaben zu Person, Ort und Zeitpunkt. Auf der ersten Doppelseite jeweils eine ältere Person mit ihrem Hilfsmittel, wie Melkschemel; auf der zweiten eine jüngere mit der heutigen Ausrüstung, also Melkmaschine/Zitzenbecher. Genial. Genauso wie die Luftaufnahmen von Bergseen mit ähnlichen Formen, die Uli Wiesmeier auf seinen Gleitschirmflügen fotografiert: links die künstlichen Speicherseen für das „winterliche Kunstschneebombardement“ (König), rechts die natürlichen. Echt stark. Ein sehr empfehlenswertes Weihnachtsgeschenk.

Das gilt ebenso für den neuen Bildband des österreichischen Fotografen Peter Mathis, Jahrgang 1961. „Alpen“ heisst das quadratformatige Buch und zeigt 100 grandiose Schwarzweissaufnahmen aus dem ganzen Alpenbogen, eingeleitet durch den cleveren Essay „Die Eroberung des Abstands“ von Jan Kirsten Biener und aufgelockert durch Einschübe von Mathis selbst zu seinen Touren nach dem perfekten Bild. So eines ist das Cover, ein frisch verschneiter Gipfel mit markanten Rippen und Rinnen, Schneefahnen am Gipfelgrat oben, Berg pur, ein unbekannter Alpengipfel, wild und abweisend, vielleicht gar unerobert. Ist das Distlighorn (3716 m) in der Aletschhorn-Gruppe der Berner Alpen ja nicht; seine Erstbesteigung fand allerdings erst spät statt, 1892 durch den Engländer Thomas Porter Hatt Jose mit den Führern Clemenz Zurbriggen und Anton Walden. Auf der neuen 50-Franken-Note verdeckt das leicht höhere Schinhorn das Distlighorn. So viele Euro kosten die Mathis’chen „Alpen“, also ein Geschenk par excellence für Bergfreunde und Fotokünstler.

Mit der doppelseitigen Foto „Niesen- und Stockhorn-Ketten, Berner Voralpen“ musste ich mich minutenlang beschäftigen. Erstens: eine unglaublich stimmungsvolle Aufnahme mit einem Nebelmeer auf rund 2000 Meter, aus dem dick verschneite Gipfel wie urweltliche Inseln herausragen. Zweitens: So müssen die Alpen in der grossen Eiszeit ausgesehen haben. Drittens: Oben rechts das Stockhorn, dann weiter links meine Heimatberge vom Gantrisch zum Ochsen; in der Mitte rechts der Niesen und links abgetrennt seine Nachbarn Fromberghorn und Drunengalm; aber vorne rechts bildbestimmend ein wunderbarer weisser Gipfel, den ich – ich geb’s mich schämend zu – nicht gleich benennen konnte. Nun weiss ich es: Es ist der Dreispitz im Kiental. Grossartig. Wie das Buch von Peter Mathis, in dem er seinen Auftritt hat.

Uli Wiesmeier, Stefan König: Berg… Knesebeck Verlag, München 2017, € 75.- www.knesebeck-verlag.de

Peter Mathis: Alpen. Prestel Verlag, München 2017, € 50.- www.prestel.de

Der 11. Dezember ist der Internationale Tag der Berge. Dazu findet im Alpinen Museum der Schweiz in Bern um 19 Uhr folgende Veranstaltung statt: Pecha Kucha mit Klopfen, Käsen, Klöppeln. Zu Wort kommen Expertinnen und Experten, die sich mit Löchern auskennen: der Kantonsarchäologe von Graubünden, eine Klöpplerin aus dem Lötschental, ein Höhlenforscher, eine Käserin – und eine Slam Poetin, die unsere Fantasie löchert. Pecha Kucha ist ein unterhaltsames Format mit klaren Regeln: Die Vortragenden zeigen 20 Bilder, von denen jedes während genau 20 Sekunden erscheint. Für die Zwischentöne sorgt die Jodlerin Barbara Berger. www.alpinesmuseum.ch

Bonatti, Gervasutti & Co.

Wir Eidgenossen haben doch das Gefühl, dass die Alpen uns gehören: Liegt nicht hinter dem Mont Blanc, der dummerweise grad nicht mehr in der Schweiz steht, das Mittelmeer, und beginnt nicht hinter der Silvretta schon bald die Puszta? Solchem Irrglauben sei eine Zahl entgegengesetzt: 15 Prozent. So klein ist der schweizerische Anteil am Alpenbogen zwischen Nizza und Wien. Eine zweite Zahl ist noch schlimmer: Erzfeind Österreich besitzt doppelt so viel. Auch Italien und Frankreich haben mehr Alpenanteil als die Schweiz, nämlich 28 bzw. 20%. Svizzera povera! Und dass neue grosse Bergbücher von bella Italia stammen, ist irgendwie auch kein Trost. Dafür aber höchst spannend – buona lettura!

30. November 2017

„Ich sinke in die Knie und weine.“

22. Februar 1965, 15.12 Uhr: Walter Bonatti erreicht das Gipfelkreuz auf dem italienischen Gipfel des Matterhorns. In vier Tagen ist er alleine durch die Nordwand geklettert, auf einer neuen, direkten Route. „Le plus grand alpiniste du monde“: So bejubelte der „Paris Match“ den Italiener in einer 26-seitigen Exklusivreportage. Mit dieser Tour setzte Bonatti seiner Karriere die Krone auf, um sich gleich danach im Alter von 35 Jahren überraschend vom Spitzenalpinismus zu verabschieden und sich grossen Reisereportagen zu widmen. Nun ist ein grossartiger Bildband erschienen, der sein alpinistisches Leben beleuchtet: „Walter Bonatti. Il sogno verticale. Cronache, immagini et taccuini inediti di montagna.” Aus dem Nachlass, der im Museo della Montagna di Torino aufbewahrt ist, ist unter der Führung von Angelo Ponta das vielschichtige Werk „Der vertikale Traum“ entstanden, das mit unveröffentlichten Fotos, Zeitungsausschnitten, Briefen, Topos und Tourenbücherkopien Bonattis Wege und Umwege, Erfolge und Erschütterungen nachzeichnet. Von der „Geburt eines Alpinisten“ bis zum „nachvollziehbaren Abenteuer“ liegt da Seite um Seite die Karriere eines ganz grossen Bergsteigers vor uns ausgebreitet vor.

In Italien wird ein anderer Alpinist fast ebenso verehrt wie Bonatti: Giusto Gervasutti. 1909 im Friaul geboren, am 16. September 1946 beim Rückzug an einem undurchstiegenen Granitpfeiler des Mont Blanc de Tacul ums Leben gekommen; der Pfeiler trägt heute seinen Namen. „Il fortissimo“ (der Stärkste): Unter diesem Spitznamen ist Gervasutti noch heute bekannt. So heisst auch die Zweitausgabe seiner alpinistischen Schriften, die übersetzt als „Bergfahrten“ in der Reihe „Alpine Klassiker“ 1992 erschienen sind. Was aber bisher fehlte, war eine Biografie des legendären Alpinisten, der bei der Lösung der letzten Probleme der Alpen (wie an den Grandes Jorasses) in den 1930er Jahren mitmachte. Enrico Camanni, Journalist und Buchautor, hat diese Aufgabe mit Bravour gelöst. Von den ersten Kletterversuchen bis zur letzten Fahrt (und zur letzten Foto) zeichnet Camanni das Bild eines starken Alpinisten nach, dem die Abenteuer in Fels und Eis mehr zusagten als diejenigen im Alltag und in der Politik.

Und da wären wir mitten in einen Schneesturm geraten, der eigentlich schon lange vorbei sein sollte, aber immer noch nachhallt – und der vor allem auch noch nie wirklich aufgearbeitet wurde. Thema ist die politische Auseinandersetzung um die Schutzhütten in Südtirol: Die Hütten waren und sind begehrte Objekte, um die sich die Länder und ihre Vereine fast so heftig stritten wie um den Boden, auf dem sie gebaut wurden. Südtirol eben: einst österreichisch, heute italienisch; Erster und Zweiter Weltkrieg; Faschismus und bombenüberschattete Nachkriegszeit. Zum Beispiel die Hallesche Hütte im Ortler-Cevedale-Massiv, 1897 von der Sektion Halle des Deutschen Alpen-Vereins erbaut, im Januar 1911 von drei Schweizern während der ersten Ski-Umrundung des Ortlers besucht, im Ersten Weltkrieg von der italienischen Artillerie unter Beschuss genommen und 1918 abgebrannt. Sie ist auf dem Titelbild der grundlegenden Studie von Stefano Morosini zu sehen: „Il meraviglioso patrimonio. I rifugi alpini in Alto Adige/Südtirol come questione nazionale (1914–1972).” Bergsteigen und erst recht der Bau und Unterhalt von Hütten und Häusern für Bergsteiger finden halt nicht im luftleeren Raum statt.

Das weiss natürlich ebenfalls der Architekt Antonio De Rossi, Direktor des Istituto di Architettura montana am Polytechnikum von Turin. Nach seinem ersten, preisgekrönten Band „La costruzione delle Alpi. Immagini e scenari del pittoresco alpino (1773–1914)” ist der Nachfolgeband herausgekommen: „La costruzione delle Alpi. Il Novecento e il modernismo alpino (1917–2017)”. Ein gigantisches Werk darüber, wie der Mensch im 20. Jahrhundert – vom Aufbruch in die Moderne nach dem Ende der Belle Epoque über die Bauhaus-Epoche bis heute – die Alpen gestaltet und umgestaltet hat. Aus dem 656-seitigen, mit 181 Abbildungen illustrierten Meisterwerk seien nur ein paar Kapitelüberschriften notiert, um einen Eindruck davon zu erhalten, was Antonio De Rossi detailliert, mit vielen Fussnoten und Literaturhinweisen unter die Lupe nimmt: „Una civilizzazione d’alta quota?“, „L’epopea delle Hochalpenstraβen“, „Spazialità ed estetica dello sci da discesa“ oder „Chalet du skieur e Sporthotel.“ Nur schon damit ist ersichtlich, dass De Rossi weit über den Rand der italienischen Alpen hinausgeschaut hat. Klar, Sestriere, Baronecchia und Cervinia, diese „Baustellen der alpinen Moderne“, werden vertieft behandelt. Auch Walter Bonatti tritt zweimal auf, so mit seiner alleine geglückten Erstdurchsteigung des Südwestpfeilers des Petit Dru vom 17. zum 22. August 1955: „una tappa fondamentale nella storia dell’alpinismo.“

Angelo Ponta (a cura di): Walter Bonatti. Il sogno verticale. Cronache, immagini e taccuini inediti di montagna. Rizzoli, Milano 2016, € 35.- www.rizzoli.eu

Enrico Camanni: Il desiderio di infinito. Vita di Giusto Gervasutti. Editori Laterza, Bari 2017, € 19.- www.laterza.it

Stefano Morosini: Il meraviglioso patrimonio. I rifugi alpini in Alto Adige/Südtirol come questione nazionale (1914–1972). Fondazione Museo storico del Trentino, Trento 2016, € 20.- www.museostorico.it

Antonio De Rossi: La costruzione delle Alpi. Il Novecento e il modernismo alpino (1917–2017). Donzelli editore, Roma 2016, € 42.- www.donzelli.it

UmZug

Wer „Umzug Bedeutung“ googelt, erhält diese Antwort: „1. ein Zug von Menschen auf der Straße, der besonders zu Festen oder Veranstaltungen stattfindet; ‚ein festlicher Umzug zum Jubiläum der Stadt‘. 2. Wohnungswechsel; ‚ein Umzug in eine neue Wohnung‘.“ Der Wanderwerker René P. Moor hat nun noch eine dritte Bedeutung gefunden.

23. November 2017

„Der Kanton Zug ist der offiziellen Reihenfolge nach der achte, nach der Bevölkerung der zweitletzte und nach der Grösse der letzte Kanton der Schweiz; er ist im Jahre 1352 derselben beigetreten.“

Auf das „Geographische Lexikon der Schweiz“ war und ist einfach Verlass. Es erschien in Neuenburg im Verlag der Gebrüder Attinger von 1902 bis 1910. Der sechste und letzte Band ist mit 1328 Seiten der dickste und umfasst die Einträge von Tavetsch bis Zybachsplatte sowie das Supplement und letzte Ergänzungen. Die oben zitierten Zeilen leiten den gut 20-seitigen Eintrag zum Kanton Zug ein, darin teilweise auch schon die Stadt Zug behandelt wird. Diese wird dann auf weiteren drei Seiten vorgestellt, bevor Zugerberg und Zugersee behandelt werden, auch diese mit Zeichnungen, Fotos und Karten.

Nach der Grösse ist der Kanton Zug mit 239 km2 immer noch der letzte der Schweiz, wenn man die sechs Halbkantone als drei Ganzkantone nimmt; sonst ist natürlich Basel-Stadt mit nur 37 km2 flächenmässig der kleinste. Bevölkerungsmässig hat sich der Kanton Zug in den letzten 100 Jahren aber tüchtig emporgearbeitet und hat Kantone wie Glarus, Schaffhausen oder Appenzell überholt. Gleich lang ist aber die Grenze geblieben: 88,5 km. Ihr entlang führt ein neues Wander- und Geschichtenbuch von René P. Moor: „UmZug. Zu Fuss um den Kanton Zug.“

Schon einmal ist der im Gürbetal lebende Verleger und Wanderer, Schreiber und Fotograf um einen Kanton herumgewandert, nämlich um den Kanton Aargau in den Jahren 2012/13. Und jetzt also um den Kanton Zug, in sieben Etappen von Walchwil im Gegenuhrzeigersinn herum zurück zu diesem Dorf am Zugersee, „dem zugerischen Nizza und gleichsam südlichsten Dorf des Kantons“. Seine Wegstrecke ist deutlich länger als die Grenze, weil er dieser im Zugersee nicht per Boot entlang ruderte, sondern um den See herumging und so noch die Hauptstadt besuchte. Was sich lohnt, ebenfalls für uns, die wir dem UmZug nur auf dem Sofa oder auch per pedes folgen.

Auf www.wanderwerk.ch hat René P. Moor ein paar Fragen aufgelistet, die er in seinem jüngsten, wieder fein illustrierten Werk beantwortet: „Was ist eigentlich der Reiz am Kanton Zug? Weshalb kam es zur Kappeler Milchsuppe? Wo ist der Kanton Zug am höchsten, tiefsten, schönsten und am hässlichsten? Wie kommt es, dass die Erfindung der Zuger Kirschtorte einem Appenzeller zu verdanken ist? Wie kam es zur Schlacht am Morgarten? Weshalb heisst Zug Zug?“

Letzteres weiss auch das „Historisch-Biographische Lexikon der Schweiz“, das von 1921 bis 1934 in acht Bänden erschien. Der 24-seitige Eintrag zu Zug beginnt so: „Stadt und Kanton seit 1352, in der offiziellen Reihenfolge der eidg. Stände der siebente. Die Stadt hat ihren Namen, den sie auf den Kanton übertrug, als ursprünglich kleines Fischerdorf wahrscheinlich von Fisch-Zug erhalten, der hauptsächlichsten Beschäftigung der einstigen Bewohner.“

René P. Moor: UmZug. Zu Fuss um den Kanton Zug. Edition Wanderwerk, Burgistein 2017, Fr. 19.50.- Zu bestellen unter www.wanderwerk.ch

Schnee

„Auf den letzten Graten, zwischen knochenbleichem Fels, liegt schon der Schnee, weiss, wie ein Jauchzen…“. So ein Satz konnte nur ein Skifahrer schreiben. Max Frisch war einer; das Zitat stammt aus „Blätter aus dem Brotsack“ (1940). Wir jauchzen auch: Der Schnee ist da. Die Schneebücher ebenfalls. Wir wünschen schwungvolles Blättern und Lesen.

13. November 2017

Es schneielet, es beielet
Es geit e chüele Wind
D’Buebe lege d’Händsche a
U d’Meitschi loufe gschwind.

Machen wir Mädchen und Buben. Aber nicht nur die Handschuhe ziehen wir an, sondern auch die Skis. Dann können wir noch schneller unterwegs sein. Auf geht’s in den Schnee, jetzt, wo er bis in die Niederungen gefallen ist! Im Folgenden seien vier neue Bücher vorgestellt, in denen die weissen Flocken die Hauptrolle spielen, im Guten wie im Bösen.

Der französische Radioreporter Alexandre Pasteur stellt in „Legendäre Skirennfahrer“ 47 Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer vor, die erstens häufig zuoberst auf dem Podest standen (und immer noch stehen, auch wenn Seriensiegerin Mikaela Shiffrin am Samstag im ersten Slalom der neuen Weltcup-Saison nur Zweite wurde) und die zweitens ebenfalls durch ihre Geschichte und Ausstrahlung zu Persönlichkeiten wurden. 21 berühmte Meitschis und 26 Buebe, von Émile Allais und Christl Cranz bis Marcel Hirscher und eben Mikaela Shiffrin. 13 aus Österreich, 9 aus Frankreich und 6 aus der Schweiz (Lise-Marie Morerod, Erika Hess, Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Vreni Schneider und Didier Cuche); fehlt aus helvetischer Sicht eigentlich nur einer, unser Bernhard Russi. Trotzdem: ein überzeugendes Skibuch, mit starken Bildern und legendären Geschichten. Ich persönlich mag mich noch gut an Jean-Noël Augert erinnern, wie er auf seinen Dynamic-Skis durch die Slalomtore flitzte. Als ich dann auch solche Latten mit dem Doppelstreifen auf den Spitzen hatte, versuchte ich es Jean-Noël gleichzutun – vergeblich.

Der 22. Band der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung widmet sich dem Thema „Sport und Freizeit“. Heute sind Freizeitaktivitäten fester Bestandteil der alpinen Identität und haben die ehemals landwirtschaftliche oder industrielle Prägung verdrängt. Im Sport spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, er wird damit zu einem interessanten Forschungsgebiet. Die Autoren untersuchen in drei Sphären (Luft, Boden und Untergrund) und in drei Sprachen die veränderten Formen der Aneignung der Alpen durch den Menschen und damit verbunden seinen neuen Umgang mit der Natur. Dabei ist nicht erstaunlich, dass der Schneesport an erster Stelle der acht Beiträge liegt: der Frauenskilauf im Schwarzwald; il turismo della neve Alpi italiane; alpinismo e ski (wie sich die publizistischen Bergbilder der Schweiz in der Zwischenkriegszeit veränderten); de la cure d’air à l’or blanc (der Schweizerische Interverband für Skilauf und die Herausforderungen des Skisportes in der Schweiz von 1920 bis 1960). Spannende Themen. Und gleichzeitig ein paar weitere Tore zur immer noch fälligen, umfassenden Geschichte des Skilaufs in der Schweiz.

Die Story über die mächtige Schneebrettlawine, die am 19. Februar 2012 auf der Freeride-Abfahrt Tunnel Creek am Cowboy Mountain im Kaskadengebirge im US-Bundesstaat Washington drei Tote forderte, erschien am 20. Dezember 2012 als Webpublikation der „New York Times“ – und ist dort immer noch zu lesen, versehen mit Fotos und Videos. In der Taschenbuchreihe „True Tales“ des DuMont Reiseverlages ist John Branchs Recherche nun auf Deutsch erschienen. Eine rasant und vielschichtig erzählte Geschichte über Glück und Unglück beim Skilauf, über Lawinen- und Menschenkunde, über Gruppenzwang und Drang nach der ersten Spur im Pulverschnee. Leider vermasselt die deutsche Übersetzung das atemberaubende Gleiten und Lesen immer wieder, weil „meadow“ anstatt mit Weide, Matte oder noch besser Grashang mit Wiese übersetzt wurde. Und eine Wiese ist fürs Pülverle und Lawinenabgehen einfach ein mässig geneigter Untergrund.

Wer jetzt findet, Schnee bis in die helvetischen Niederungen sei sowieso des Teufels, mag darauf hoffen, dass er anderswo fällt. Zum Beispiel in Griechenland. Vor ziemlich genau einem Jahr kam auf Griechisch, Englisch und Deutsch der erste Skitourenführer für Griechenland heraus: „Skitouren mit Meerblick“ von Christian Mayer. Mit Ski auf den Olymp, den höchsten Gipfel des Landes, oder auf den Psiloritis, den höchsten von Kreta: Sie wären doch Ziele für den Spätwinter. Jetzt, im Frühwinter, dürfte der Karava (2184 m) in den Agrafa-Bergen in Thessalien besser für erste Schwünge im frischen Schnee geeignet sein. Der Wetterbericht jedenfalls verspricht für diese Region von Mittwoch bis Sonntag Schneefall. Es schneielet, es beielet…

Alexandre Pasteur: Legendäre Skirennfahrer. AS Verlag 2017, Fr. 58.- www.as-verlag.ch

Michaël Attali, Anne-Lise Head-König, Luigi Lorenzetti (Hg.): Sports et loisirs – Sport und Freizeit. Geschichte der Alpen/Histoire des Alpes/Storia delle Alpi, Band 22. Chronos Verlag 2017, Fr. 38.- www.chronos-verlag.ch

John Branch: Die Lawine. Freeski-Albtraum am Tunnel Creek. DuMont True Tales 2017, € 8.- www.mairdumont.com Um die englische Orignalversion zu lesen, gibt man am einfachsten auf Google ein: cowboy mountain avalanche.

Christian Mayer: Skitouren mit Meerblick – Griechenland. Anavasi editions, Athen 2016, Fr. 29.90. Erhältlich bei der Buchhandlung Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch