Wasserwunder

Ohne Wasser keine Berge, ohne Berge kein Wasser. Das haben wir ja schon in der Schule gelernt. Hier geht’s also bergab, bzw. bachab. Auf dem Rhein oder durchs Küsnachter Tobel und 21 weiter Zürcher Tobels oder Töbeli. Was interessanter ist, muss jeder, jede für sich entscheiden. Oder einfach auf dem Sofa sitzen bleiben und beides per Bildband geniessen. Allenfalls dann noch ins Alpine Museum zur Wasserausstellung am Ufer der Aare.

19. März 2017

„Küsnacht (427 m), grosses schönes Dorf mit 4100 Einw., Kantonales Lehrerseminar, schöner Spazierweg ins wildromantische Küsnachter Tobel.“

So preist „Bürgis Illustr. Reiseführer – Sommer in der Schweiz“, 1910 erstmals und 1913 in dritter erweiterter Auflage erschienen, das Dorf Küsnacht am rechten Ufer des Zürichsees. Dort landen wir nach der Wanderung von der Forch durch das schon damals als wildromantisch angepriesene Küsnachter Tobel. Vorbei am 250 Tonnen schweren, 5 Meter hohen Nagelfluhblock, der am 23. April 2013 aus der Schluchtwand herunterpurzelte und genau zwischen Wanderweg und Dorfbach liegen blieb – besser hätte es dieser sogenannte Ausreisser nicht machen können. Zumal er in Form und Grösse erst noch dem Alexanderstein weiter unten im Tobel gleicht; dieser Felsblock kommt allerdings von weit her, vom Hausstock in den Glarner Alpen, und der Linthgletscher hat ihn in rund 400 Jahren hertransportiert und dann vor rund 15000 Jahren liegengelassen, als er abschmolz. Diesen erratischen Block aus Taveyannaz-Sandstein nannte man früher „Wöschhüslistein“; er erhielt den heutigen Namen zu Ehren des Küsnachter Geologen Alexander Wettstein, der 1887 zusammen mit fünf Gefährten, darunter seinem Bruder, an der Jungfrau verunglückte.

Alpine, ja alpinistische Spuren also im Küsnachter Tobel, an dessen Ausgang 65 nummerierte Blöcke aus Baugruben der Umgebung ausgestellt sind. Mit der Liste vor Ort kann man einen schieferigen Siltstein von einem dichten Kalk mit gelbem Ankerit unterscheiden; die Steine sehen je nach Licht und Bemoosung allerdings ziemlich ähnlich aus. Vorne im Küsnachter Horn, dem vom Dorfbach aufgeschütteten Delta, liegt nochmals ein Findling im Kieselstrand, umspült von den Wellen, welche die Kursschiffe auslösen. Genau dort können wir je nach Jahreszeit ein kaltes oder warmes Bad nehmen, bevor wir dann in der „Sonne“ nebenan auf diese feine Wanderung durch das längste Tobel am Pfannenstiel anstossen.

Und auf ein Buch, das dieses Tobel und zahlreiche andere mit grossartigen Fotos, klugen Texten, präzisen Karten, Profilen und Informationen vorstellt: „Wasserwunder. 22 verwunschene Tobelwanderungen im Kanton Zürich“ von Michel Brunner und Ueli Brunner. So geheimnisvoll und gleichzeitig zu wünschenswert zu jeder Jahreszeit sah man den bevölkerungsreichsten Kanton der Schweiz noch nie. Genau: Dass er eben mehr als Häuser und Hallen, Strassen und Schienen, Flugplätze und Fabriken aufweist, zeigt dieser Bildbandführer. In diesem Fall eine durch das Wasser geprägte Natur, in die wir nun mit diesem Werk eintauchen können, zuerst Seite um Seite, später hoffentlich Schritt für Schritt.

Wenn wir schon grad am Wasser wandern oder weilen: Ein neuer Fotoband widmet sich mit dem schön doppelsinnigen Titel „Bilderstrom“ einem der berühmtesten Flüsse Europas, dem Rhein, kapitelweise von heute bis zu den ersten Aufnahmen des Stromes von Charles Marville mit der Festung Ehrenbreitstein, der Burg Katz, der Ruine Godesburg und dem Siebengebirge dahinter – alles Örtlichkeiten, die den Schweizern in Rheinsachen weniger geläufig sind. Die ausgewählten Werke der 60 Fotografen zeigen den 1232 Kilometer langen Fluss fast ausschliesslich auf seinem deutschen Abschnitt. Immerhin: Die Kölner Fotografin Ruth Hallensleben (1898–1977) ging über den Rheinfall hinaus bis zum jungen Vorderrhein, und Jos Schmid wässerte im letzten Jahr eine Polaroidemulsion der Vorderrheinquelle in derjenigen des Hinterrheins.

Der Fotoband „Bilderstrom“ erschien zur gleichnamigen Ausstellung im LVT-LandesMuseum Bonn. Sie ging im Januar 2017 zu Ende. Wer sich aber für das Thema „Wasser“ interessiert, muss aarewärts nach Bern reisen, ins Alpine Museum zur grossen Ausstellung „Wasser unser“.

Michel Brunner, Ueli Brunner: Wasserwunder. 22 verwunschene Tobelwanderungen im Kanton Zürich. AS Verlag, Zürich 2016. Fr. 48.- www.as-verlag.ch

Bilderstrom: Der Rhein und die Fotografie 2016–1853. Herausgegeben von Christoph Schaden. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2016, € 29.80. www.hatjecantz.de

Wasser unser. Sechs Entwürfe für die Zukunft. Sonderausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern vom 27. Oktober 2016 bis 7. Januar 2018. www.alpinesmuseum.ch

„Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“

Wenn es unserem Alpinliteraturexperten den Atem verschlägt, weil er im Schaufenster eines Bücherbrockis eine alpinliterarische Perle entdeckt, die er (sage und schreibe!) noch nicht kennt – dann muss es sich um etwas ganz Besonderes handeln. Polnische Alpinliteratur! Letztes Jahr auf Deutsch erschienen und hoffentlich nicht nur in Brockis erhältlich.

8. März 2017

Matterhorny, Miszabele
chłoną dźwiki własnych słów,
Aletsch, Eiger z Mnichem w parze –

Schwierig, nicht wahr, die Wörter zwischen den Bergnamen zu verstehen. Verständlich, Polnisch ist uns nicht so geläufig. Deshalb hier nun die zweite Strophe im dritten Abschnitt des Gedichtes „Na szczytu Eggishornu“ (Vom Gipfel des Eggishorns) des bedeutenden polnischen Lyrikers Jan Kasprowicz auf Deutsch:

Matterhörner und Mischabels
saugen ein geheimer Worte Klang,
Aletsch, Eiger, mit dem Mönch gepaart –
ihre Körper hat ein Geist in eins geschmiedet –,
Dann die Jungfrau, Erste im Gotteshaus,
wo einst die Prophetenschar sich niederlieβ,
Dann das Finsteraarhorn, unheildrohend,
halb ins Gletschern und in Nebeln halb.

Am 2. September 1895 erschien das Gedicht vom Eggishorn zum ersten Mal in der Zeitschrift „Tydzień“ (Woche). Und nun kann man es und andere lesen in Peter Brangs Übersetzung und Kapitel „Das Wallis als poetisches Gefilde in polnischen Gedichten“. Zu finden im hochspannenden und tiefbekannten Buch „‚Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!‘. Der literarische Blick auf Alpen, Tatra und Kaukasus“. Vier Mitarbeiterinnen des Slawischen Seminars der Uni Zürich gaben das Buch zum 65. Geburtstag von German Ritz heraus, daselbst Professor für polnische und tschechische Literaturwissenschaft.

Auch für Kenner der Bergliteratur und sogar der Geschichte des Alpinismus schlägt die 336-seitige, mit schwarz-weissen Zeichnungen von Nastasia Louveau illustrierte Publikation buchstäblich neue Seiten auf. Beispielsweise mit Antoni Malczewski, der am 4. August 1818 als erster Pole den Mont Blanc bestieg. Am 1. August hatte er mit seinen sechs Führern versucht, den höchsten Berg der Alpen über eine neue Route via den Col du Midi zu erreichen. Dies gelang nicht, dafür kletterten die Pioniere als erste auf den Nordgipfel (3795 m) der Aiguille du Midi. Die Touren beschrieb Malczewski in einem Brief an die Genfer Zeitschrift „Bibliothèque universelle des sciences, belles lettres et arts“ und verarbeitete sie in seiner Verserzählung „Maria“. Zitat daraus: „So konnte man den Genfersee, Neuenburgersee, Murtensee, Bielersee etc. sehen, wie in der Dämmerung ausgebreitete Segel, während die Häuser, die an ihren Ufern liegenden Städte, die Farben und der Glanz einen dunklen Nebel  bildeten […]. Es gibt nichts Prächtigeres und Wilderes als die Sicht vom Mont Blanc.“

Gegensätzlicher Meinung war die polnische Dichterin Kazimiera Iłłakowiczówna gut 100 Jahre später. Was vielleicht auch daran lag, dass sie den Mont Blanc nur von weitem betrachtete, vor allem vom Genfersee aus. In ihren autobiografischen Erinnerungsminiaturen „Trazymeński zając“ (Der trasimenische Hase) wettert sie über die Begeisterung der Genfer Salongesellschaft für den Mont Blanc und findet ihn nur „schrecklich, frostig, unerreichbar, bedrückend“. Und notiert den Satz, der dem neuen Buch zum Titel verhalf: „Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“ Mehr noch, dabei den Mont Blanc ganz traditionell zur Schweiz zählend: „Diese ganze Schweiz mit ihren Gipfeln, denen man nicht entkommen kann, und sie zu erreichen – was für eine Anstrengung…“.

Schön, dass wir nun auszugsweise das lesen können, was slawische Autoren über die Schweiz, die Alpen, aber eben auch andere Gebirge wie die Tatra oder den Kaukasus schrieben. So ebenfalls Texte von zeitgenössischen Autoren. Persönlich würde ich am liebsten die Erzählungen und Novellen des Schriftstellers und Kunstmalers Rafał Malczewski lesen, die in der Zwischenkriegszeit in Zakopane und in der Tatra spielen und vom Skifahren und Bergsteigen, von Tourengehern und Ausflüglern handeln. Im Frühling, so schrieb Malczewski, versammeln sich in der Tatra „alle, die auf Skiern stehen können und Zeit haben.“ 1928 veröffentlichte der Künstler den Erzählband „Narkotyk gór“. Auf Deutsch übersetzt: Die Droge der Berge.

Gianna Frölicher, Małgorzata Gerber, Sylvia Sasse und Nina Seiler (Hg.): „Dieser Mont Blanc verdeckt doch die ganze Aussicht!“. Der literarische Blick auf Alpen, Tatra und Kaukasus. Mit Collagen von Nastasia Louveau; aus dem Polnischen übersetzt von Nina Seiler; aus dem Russischen übersetzt von Olga Bronnikowa. Edition Schublade, Zürich 2016, Fr. 35.40.

„ei cool!“ – Von Berschis nach Sargans, obenrum

Es ist Mitte Januar und hat Schnee. Jetzt muss ich mich aufraffen und los auf eine erste Skitour der Saison. Doch wohin? Verbindungen für Züge und Busse im Internet geschaut, so vieles ist möglich… Warum nicht einfach von der Haustüre los? Dort ist zwar keine „offizielle“ Skitour aber Schnee, das entscheidende Kriterium, ist da.

1. März 2017

Morgens liegt Berschis, wo ich derzeit wohne, im Nebel. Hier, auf etwa 450 Meter Meereshöhe, wo mein Nachbar ein Weinbauer ist und eifrige Gartenbesitzer Pälmchen hegen, bin ich auch nach gut einer Woche mit vierzig Zentimetern Schnee und meist Sonne noch der erste, der eine Skispur legt. Ob sie wohl auffällt? „Lueg do“, heisst es vielleicht am späten Vormittag, „einer ist mit den Ski los!“ Wohin der wohl wollte?

Die Spur schlängelt sich in den Wald, bald aus dem Nebel heraus und folgt dem Fahrweg nach Sennis. Auf der tief verschneiten Wegtrasse steigt sie den Südhang überm Seeztal hinauf und überwindet mit ihr die Waldfelswände. Und in den lichten Wäldern, zwischen den Baumgruppen der Alpweiden von Malun, steige ich an der Spitze meiner Spur durch eine stille, glänzende Welt.  Es ist berauschend schön und still. Von manchen Zweigen hängen Eiszapfen, in denen sich das Sonnenlicht zu Farben bricht, und zwischen den Bäumen hindurch öffnen sich immer wieder Blicke auf die Hohen Südwände von Fulfirst und Alvier. Auch sie, die gewöhnlich ihr Winterkleid rasch wieder abstreifen, sind noch tief verschneit. Die abgespaltenen Gauschla, vom Anstieg gegen „D´Muur“ schlank im Profil zu sehen, ist so vereist, dass sie an Kalenderbilder patagonischer Extremgipfel erinnert. Hier kommt jedenfalls hin, wer sich in Berschis der Spur anvertraut, ihr kilometerlang folgt und die Kurven nimmt, die ich ins weite Winterweiss schrieb. Ein Schild müsste man dort aufstellen, denke ich, auf dem „Ins Märchenland“ steht.

Mit dem weniger Werden der Bäume kommt Wind auf, Ostwind, wohl eine Art Bise und scharf, schneidend, Schneefahnem aufnehmend, Schneeströme um meine Beine treibend wie reissende Wasser, die manchmal so tief werden, dass sie mir wie mit kalten Nadeln bis übers Gesicht sprühen. Und sie erodieren den Schnee, fressen tiefe Rinne in die Osthänge und überschütten die Westhänge neu. Häufiger bricht meine Spur in zugewehte Löcher, mühsam wird es. Vielleicht doch besser kein lockendes Schild am Dorfrand…

Über Palfris erreiche ich die Skiroute auf den Tschuggen, lasse aber im Sturmwind, der den Rücken hinauf fast blank gefegt hat, den Gipfel rechts liegen und widme mich sogleich der Abfahrt. Zwischen den vielen Spuren einer Woche finden sich noch immer Inseln für stiebende Schwünge. Weiter unten bleibe ich öfter stehen und halte Ausschau nach einem Abzweig in die Waldränder zur Rechten. Schliesslich will ich nicht mit den Spuren bis nach Azmoos hinab, sondern nach Sargans an den Bahnhof. Die Spur, die ich irgendwann entdecke, ist nur von Fussgängern, und leider fehlt es ihr an Gefälle. Doch sie führt und entlässt mich schliesslich auf Wiesen mit nach unten sich verdichtenden Höfen, von wo aus der Fernbahnhof im Tälerdreieck bereits zu sehen ist.

Als ich zwischen den Höfen das dritte Mal die Zufahrtsstrasse quere, bleibe ich auf ihrer Talseite ratlos stehen. Im Hang unter mir erblicke ich auf den nächsten hundert Metern schon mindestens drei Zäune. Von rechts kommt ein Fahrweg mit hartgepresstem Schnee, der anscheinend zu einem Hof wenig unterhalb führt. Man sieht nicht, ob es eine Sackgasse ist, und zurück hiesse wieder aufsteigen müssen. Unschlüssig überlege ich noch hin und her wie es wohl weitergehen sollte, als zwei Kinder, wohl auf dem Nachhauseweg, den Fahrweg heraufgeschlendert kommen. Das Mädchen, sie ist die ältere, vielleicht sieben, vielleicht neun, bleibt stehen und mustert mich langsam vom Scheitel bis zu den Skispitzen. Als sie dort angelangt ist, entfährt ihr ein strahlendes „ei cool!“ Da bricht das Eis im stundenlangen Einzelgänger und ich traue mich zu fragen, ob denn nach einem Stück  des Fahrweges wieder Wiesen kämen, über die man ins Städtli hinabfahren könne. „Ja klar, geht super!“, ist die begeisterte Antwort. Und tatsächlich, hinter einer Wegbiegung und einem weiteren Hof gleite ich links zaunlos hinab und schliesslich hart an ein paar Reben vorbei bis in die Wohngebiete hinein, bis zwischen gebahnten Strassen, Gartenzäunen und Schneehaufen kein Platz mehr für die Ski zu finden und es zum Bahnhof nur noch ein Katzensprung ist.

Bold Climbers

Einst gab’s unter den Alpinisten schräge Vögel zuhauf, etwa den Satanisten und Ausnahmekletterer Aleister Crowley. Im Zeitalter von Sponsoring, Hallenklettern und Hochglanzmagazinen sucht man sie vergeblich – obwohl es sie im Versteckten wohl noch gibt. Ein Buch über die Wilden und Wagemutigen. Für alle Frühfranzösisch- und Frühenglisch-Kundigen.

28. Februar 2017

„Bennen advanced; he had made a few steps when we heard a deep, cutting sound. The snow-field split in two about fourteen or fifteen feet above us. The cleft was at first quite narrow, not more than an inch broad. An awful silence ensued; it lasted but a few seconds, and then it was broken by Bennen’s voice, ‘Wir sind alle verloren.’”

Am 28. Februar 1864 passierte das erste tödliche Lawinenunglück, das sich während einer winterlichen Hochtour ereignete. Philipp Gosset, sein Freund Louis Boissonnet, der Führer Johann Joseph Benet (vor allem in der englischen Literatur wird er fälschlicherweise Bennen genannt; Erstbesteiger des Weisshorns und Fasterstbesteiger des Matterhorns) sowie die drei lokalen Führer und Träger Auguste Bevard, Jean Joseph Nance und Frédéric Rebot wollen den stolzen Haut de Cry (2969 m) im Unterwallis besteigen. Wenig unterhalb des Gipfels müssen sie ein triebschneegefülltes Couloir queren. Was dann passierte, schildert Gosset im ersten Band des „Alpine Journal“ von 1863/64; sein „Narrative of the Fatal Accident on the Haut-de-Cry, Canton Valais“ findet später Eingang in John Tyndalls Klassiker „Hours of Exercise“, in Emil Zsigmondys Standardwerk „Die Gefahren der Alpen“ sowie in Edward  Whympers „Scrambles amongst the Alps“. Höchst eindrücklich, wie Gosset diesen Lawinenunfall schildert: das Losbrechen des Schneebrettes, das Versinken in den Schneemassen, die Rettung. Das kann man nur so anschaulich und präzise beschreiben, wenn man drin war – und wieder draussen. Und wenn man schreiben kann. Für Benet und Boissonnet kam die Hilfe zu spät; sie konnten nur noch tot aus dem Lawinenkegel geholt werden.

Nun taucht dieses berühmte Bergunglück in einem modernen Bergbuch wieder auf, darin auch der Haut de Cry besucht wird – zum Glück im Sommer. Whympers Buch inklusive Gossets Bericht bildeten sozusagen den roten Faden – die rote Lawinenschnur! – des Projektes VVV am Master Arts Visuels der Haute école d’art et de design von Genf bzw. der Publikation „Bold climbers. Histoires et expériences d’alpinistes hardis/Experience and aesthetics on the mountain slopes“ mit Jelena Martinović als Hauptbergführerin. Bold heisst keck, kühn, mutig, schwungvoll, frech, gewagt und verwegen, aber auch schroff, abschüssig, steil abfallend. Perfekt passend also für Whymper & Co. Und ebenfalls für Aleister Crowley, einen der schrägsten Alpinisten, besser bekannt als Okkultist und Satanist. Aber er war eben wirklich auch ein bold climber, so am senkrechten Kreidefelsen Beachy Head in Südostengland. In Mexico bestieg Crowley unter dem Pseudonym Chevalier O’Rourke unter anderen Vulkanen den Iztaccíhuatl (5230 m), dessen Gipfelformation mit einer schlafenden Frau assoziiert wird. Der „Mexican Herold“ betitelte 1901 den Bericht über die Besteigung mit „Bold Alpine Climber. Chevalier O’Rourke Succeeds in Attaining Ixtaccihuatl’s Summit“.

Jelena Martinović nennt ihren Beitrag „Aleister Crowley and the white lady“. Maxime Guitton hört sich die „alpine arias in the films of Daniel Schmid“ an. Vincent Barras macht am Monte Rosa und anderswo doppelsinnig auf „(s)peak flow“. Merel van Tilburg betrachtet mit den Kunstkritikern Alois Riegl und Clement Greenberg „Ruhe & Fernsicht. The prospect of a painting“. Und in der Mitte des keck gelayouteten Buches leuchten ein paar kühne Bilder und Collagen; bei derjenigen zur „Deutschen Schule“ verunsichern weder Heckmair noch Messner, dafür Gaston Rébuffat. Doch eins war dieses Urgestein französischer Kletterästhetik ganz bestimmt: ein bold climber.

Jelena Martinović: Bold Climbers. Mit Beiträgen von Jelena Martinović, Maxime Guitton, Vincent Barras und Merel van Tilburg (französisch und englisch). Published by Cordyceps Press, Lausanne 2016. Distribution by Oraibi Books, Genève; oraibi.books@gmail.com. Fr. 35.-

Josef Viktor Widmann

Der Berg und die Liebe. Das Thema ist so alt wie die Alpine Literatur oder wohl noch älter. Schon der Berner Albrecht von Haller erzählt ja vom freien Leben auf den Almen. Und der Berner Joseph Victor Widmann schöpft in seinen Werken offenbar auch aus dem Vollen. Dank Neuauflage können sich auch Zürcher an seinen amüsanten Erzählungen erfreuen. Eventuell auch Basler und der Rest der Welt.

20. Februar 2017

„Alpenrosen konnte ich in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes [auf Handeck] wenige Minuten oberhalb des Gasthauses auf dem bereits erwähnten Hügel pflücken, den ich den Zypressenhügel nannte, weil die tiefschwarzen und oben scharf zugespitzten Tannen, die seinen Gipfel krönen, aus einiger Entfernung gesehen an jenen Baum des Südens erinnerten.“

Zum Pflücken von Alpenrosen ist es noch zu früh, die liegen noch gemütlich unter einer dicken Schneedecke. Aber die ersten Schneeglöcklein haben ihre Blüten aus braun-grünen Matten hervor gestreckt. Und in Nizza wetteifern Mimosen und Bougainvilleas darum, wer stärker leuchtet. Doch kehren wir von der Côte d’Azur zurück nach Handeck im Grimselgebiet, zum Zypressenhügel. Dieser 1496 Meter hohe Hügel war von 1993 bis 2013 auf der Landeskarte der Schweiz im Massstab 1:25‘000 als „Widmannshöhe“ verzeichnet; sie war also einer der Namensberge im Land wie Dufour- oder Gertrudspitze. Nun hat man aus welchem Grund auch immer den Namen getilgt. Dabei hat dieser Josef Viktor Widmann (1842-1911) der Gegend und dem Gasthof Handeck ein paar schöne Zeilen gewidmet. Sie sind abgedruckt in der zweiten Auflage von „Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und der Schweiz“, die 1919 herauskam. Und die nun René P. Moor in seinem Verlag Wanderwerk pünktlich zum 175. Geburtstag von Widmann am 20. Februar neu aufgelegt hat, mit einem eigenen Vorwort und mit einigen Ergänzungen, wie eben zur Widmannshöhe.

So klein die Anhöhe, so angesehen ist das Werk des Schweizers Joseph Victor Widmann, Feuilletonredaktor des Berner „Bund“ und selber Schriftsteller (Reiseberichte, Versepen, Erzählungen). Ihm zu Ehren wurde 1914 in Bern ein Brunnen am Hirschengraben errichtet. Für zwei weltberühmte Gipfel schrieb Widmann die ersten erzählerischen Werke. „Die Matterhornbesteigung des Mr. Evertruth“ aus der dritten Auflage von „Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien“ (1896) behandelt die damals schon akute Matterhorn-Besteigungssucht auf eine höchst amüsante Weise, die gerade in unserem virtuellen Zeitalter bestens ankommt. Dem blinden Mr. Evertruth, der um jeden Preis auf diesen Gipfel will, wird eine Besteigung vorgegaukelt, indem er nur auf einen Felsen in Dorfnähe geführt wird, mit allem Drum und Dran wie Anseilen und Hüttenübernachtung, aber ja ohne Kuhgebimmel. In diese phantasievolle Tour vermischt der Erzähler das Buhlen eines Ingenieurs und eines Dichters um Miss Edith. Wem nun Widmann die Hand der bildhübschen Tochter des Matterhorn-Helden überlässt, ist leicht zu erraten. Mit „Der Held des Eiger“ betitelte Widmann eine Story aus den „Touristennovellen“ (1892). Im Glücksgefühl seiner locker vollendeten Eigerbesteigung kehrt der 24jährige Engländer Sir Robert Doll in einem Gasthaus im Lauterbrunnental ein, wo sich eine gemischte Gesellschaft am Gästetisch befindet. Doll verteidigt dort Fräulein Angélique, eine hübsche Französin, gegen die verbalen Angriffe eines deutschen Professors, und zwar so vehement und charmant, dass es zu ganz unterschiedlichen Begegnungen kommt: die eine mit Pistolen, die andere mit Küssen. So atemberaubend kann das Leben sein.
„Du schöne Welt“ macht den Auftakt zum wanderwerkschen Widmann-Jahr. Im Sommer wird „Wilds Hochzeitsreise“ veröffentlicht und im Herbst „Rektor Müslins italienische Reise“. Schauplatz der Hochzeitsreise ist das Lauterbrunnental. In der Standseilbahn Richtung Grütschalp gibt der frisch Verheiratete gegenüber den Mitreisenden die Braut als seine Schwester aus, was bei den männlichen Sommerfrischlern nicht ohne Wirkung bleibt. Was folgt, ist ein amüsanter Schwank in Mürren zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Apropos Mürren: Der Ferienort auf der Sonnenterrasse gegenüber von Eiger, Mönch und Jungfrau ist natürlich auch im Winter eine Reise wert. Zum Beispiel am nächsten Wochenende. Im Rahmen der skisportlichen und -politischen Ausstellung „Good News aus Afghanistan. Das Skiwunder von Bamiyan“ im Hotel Regina halte ich am
Samstag, 25. Februar, um 20.30 Uhr den Vortrag „Von Afghanistan auf den Allmendhubel. Wie Kandahar dem alpinen Skirennsport und Mürren Schwung verlieh.“

Josef Viktor Widmann: Du schöne Welt. Wanderungen und Reisen in Italien und der Schweiz. Neu herausgegeben von René P. Moor. Edition Wanderwerk, Burgistein 2017. Fr. 26.–. Erhältlich bei www.wanderwerk.ch.

Infos zu Mürren, Kandahar und Skilauf in Afghanistan unter www.reginamuerren.ch.

Gulmen solo

Die Sonne leckt schon kräftig am Schnee. Ob der Gulmen noch geht? Ein einsamer Versuch.

19. Februar 2017

Mit Partnerin wäre ich jetzt auf der Galerie. Zwei Autos stehen da, irgendwo hängt ein Freak im Fels. Vielleicht ist es ja doch zu kalt, etwas Dunst liegt über dem Nebel. Beim Fellen Richtung Gulmen beginne ich doch schön zu schwitzen. Die Spur ist schon verkrustet, es tropft von den Scheunendächern. (Diese alten Scheunen oder Ställe von Amden, silbrig verwittert, architektonische Bijous eigentlich, nur weiss es niemand.)
Gelegentlich rauscht mir eine Skifahrerin entgegen. Heute ist offenbar Frauentag. Wie die schwingen im weichen Schnee, so leicht und elegant! Und wie die gut aussehen in ihren bunten Skianzügen und weissen Stirnbändern, welche ihre langen Haare bändigen. Freund X kommt mir in den Sinn, der sich so sehnt nach einer sportlichen Partnerin. Vielleicht sollte er es mal mit dem Gulmen versuchen, statt mit Internet.
Vor dem Schlusshang dope ich mich mit Traubenzucker und Banane und gezuckerten Tee aus der Thermos. Mittendrin im Steilen kämpfen sich vier Menschen etwas umständlich in die Höhe. Frauen, klar doch. Die werde ich noch überholen, nehme ich mir vor. Also los, aber dann stockt mein Elan doch wieder. Endlos einfach, dieser blöde Hang. Mit zwei oder drei Halts zum Atemschöpfen und Traubenzucker einwerfen schaffe ich es dann doch bis zum Kreuz, und weil dort schon ein paar Leute sitzen, auch noch auf den Gipfel. Kurz nach den vier Damen, die Schneeschuhe tragen. Wie kann man nur! Bei diesem Schnee! Ein Mann kommt herauf, in gewöhnlichem Schuhwerk, ohne Probleme. (Wieder mal der lebende Beweis, dass Schneeschuhe die überflüssigste Erfindung der Outdoor-Industrie sind, gleich nach den Wanderstöcken. Sein Begleiter mit Schneeschuhen erzählt, sie hätten sich per Zufall getroffen, nach dreissig Jahren. Wiedersehen auf dem Gulmen. Wir sind ergriffen, gratulieren.
Dann geht das grosse Fotografieren los. Die Männer die Frauen, die Frauen die Männer, schön malerisch neben dem Wegweiser, der den Gipfel ziert. Ich mache ein Selfie, aber das wird dann doch ziemlich schief. Aber ohne Gipfelbeweis geht nichts mehr, seit Ueli Steck ohne Foto von der Annapurna zurückgekommen ist. Seither ist sein Ruf etwas angekratzt. Selbst Messner zweifelt. Also gut, schief oder nicht, ich habe den Beweis.
Kann beruhigt abfahren. Der Hang ist eklig verspurt und verkrustet. Weiter unten dann wunderbar weicher Schnee, fast sulzig. Ich fahre ohne Halt bis zur Bushaltestelle. Sitze da glücklich an der Sonne auf einer Mauer, verspeise mein Brot und trinke meinen Tee. Vielleicht war’s die letzte Skitour dieses Winters.

Foulard delle montagne

Rot und schwarz waren die Foulards, die Erstbesteiger als Gipfelfahnen hissten, die Farben der Revolution und des Anarchismus eigentlich. Das war den braven Alpinisten der Frühzeit wohl nicht bewusst, gilt die Bergsteigergilde doch eher als konservativ bis apolitisch – auch heute noch. Nun, es gab ja auch andere Farben und Foulards, wie wir aus dem besprochenen Buch erfahren. Und nicht alle dienten der Feier eines Gipfelsieges.

16. Februar 2017

„Um 2 Uhr 10 war der Steinmann auf dem Gipfel (4059 m) erreicht. Dort freuten wir uns an der prachtvoll klaren Aussicht, dem Nebelmeer im Tale, dem Jura mit Vogesen und Schwarzwald dahinter, und speisten: Foie gras. Das schwarze Foulard, das wir während des Verweilens als Flagge am Pickel hissten, wurde erst um 3 Uhr heruntergeholt und der Abstieg nach den Gendarmen des Ostgrates angetreten.“

Beneidenswert, was Paul König und Jean Jacques David am 22. Januar 1902 auf dem Grossen Fiescherhorn sahen und assen. Am Vortag waren die beiden schwerbepackt mit Ski und Proviant von Grindelwald zur Berglihütte (3299 m) aufgestiegen. Für das Fiescherhorn liessen sie diese Geräte allerdings in der Hütte; bei den Besteigungen von Mönch und Jungfrau an den folgenden Tagen benützen sie die Ski bis dort, wo diese auch heute in den Schnee gesteckt werden: beim Oberen Mönchsjoch bzw. unter dem Rottalsattel. Über den Aletschgletscher fuhren die Skierstbesteiger schliesslich ins Wallis hinab, das schwarze Foulard sicher im Rucksack verstaut.

Dieses textile Accessoire hat in der Geschichte des Alpinismus durchaus immer wieder eine Rolle gespielt. Zum Beispiel am 17. Juni 1865 bei der Erstbesteigung der Crast’Agüzza (3854 m), jener matterhornähnlichen Felsspitze zwischen Piz Palü und Piz Bernina. Erstbesteiger Johann Jakob Weilenmann im „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1868: „Das Tuch, so ich mitgenommen, um als Fahne zu dienen, findet, obschon in verschiedenen Nuancen der Farbe der Hoffnung prangend, keine Gnade in den Augen meiner Gefährten. Roth, so roth es aufzutreiben, muss es sein und Pöll’s Hosensack fördert das Wahre zu Tage. Da aber für ihn ohne Nastuch keine Existenz, so tritt Freund Specht, der davon Vorrath hat, ihm, dem über den Tausch hochbeglückten, sein seidenes Foulard ab. An das junge Tännchen genagelt, das wir in der Tiefe gehauen, flattert die Fahne lustig in die Welt hinaus.“

Nun flattern alpin angehauchte Foulards in Turin in die Welt hinaus. Wenigstens mit dem Bildband aus der Reihe „Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna“. Das Buch umfasst 155 Seiten, 170 abgebildete Foulards von 1920 bis heute (sie werden hinten genau beschrieben) und schlaue Texte auf Italienisch und Englisch. Zu sehen sind wunderbar gestaltete und bedruckte, baumwollige und vor allem seidige Tücher, natürlich viel zu schön und zu kostbar, um in einem derbtuchigen Hosensack zu verschwinden oder auf einen Pickel geschnürt zu werden. Im Museo Nazionale della Montagna in Turin können die Kostbarkeiten von Hermes & Co. zudem in echt bewundert werden. Zum Beispiel das Foulard von Geny Spielmann für die Winterolympiade 1948 in St. Moritz, natürlich mit der lachenden Sonne, hier auf rotem Grund. Den Erstbesteigern der Crast’Agüzza hätte es sicher gut gefallen. Und bestimmt auch Alois Kosch, der in „Zwoa Brettl, a gführiger Schnee… Das grosse Ski-Einmaleins“ von 1937 im Kapitel „Was soll ich denn anziehen?“ folgenden Tipp gab: „Daβ der Schal eine luftige, bunte und persönliche Note gibt, ist nur gut und recht. Drum also ruhig bei gegebener Gelegenheit diesen Wimpel der Freude gehiβt.“

Foulard delle montagne. A cura di Aldo Audisio, Laura Gallo e Cristina Natta-Soleri. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 29.50.
Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist bis am 28. Mai 2017 zu sehen.

Hüenerchopf im Schnee

Da ist noch eine Rechnung offen. Tausend Meter Aufstieg auf Fellen. Schaffe ich das noch?

11. Februar 2017

Hüeneri, so nennen ihn die Einheimischen. Ein zahmer Skigipfel, fast lawinensicher. Aufstieg zeitweise durch lichten Wald, etwas steilere Hänge, flachere Alpgelände. Die Churfirsten, Alvier und Gonzen im Rücken. «Lieber die Schneegebirge im Rücken, als die bösen Menschen.» Sowas sagt Wilhelm Tell nach Schiller. Wäre ja ziemlich aktuell heute, aber ich schaue ohnehin nicht zurück (schon wieder ein literarisches Zitat, Ingeborg Bachmann), ich schaue vor mir auf die Spur. Vergesse Trump und Assad und Co. Meine Familie, bzw. ein Teil meiner engeren Familie, zieht in schönem Schritt voran. Steighilfen ausklappen. Andere überholen uns, sind wohl jünger. Macht nichts, kein Leistungsstress (den hatte ich letzte Nacht im Traum). Und doch: ich will diesen Hüeneri diesmal schaffen! Vor zwei Jahren, in gleicher Formation, musste mir Christa den Rucksack abnehmen, für die letzten hundert oder zweihundert Meter, die ich dann nur mit grosser Mühe überhaupt schaffte. Welche Blamage für den grossen Alpinisten! Warum, das fand auch mein Hausarzt nicht heraus. Mal auf mal ab halt. Heut will ich jedenfalls auf den Gipfel. Da oben tummeln sich schon winzige Gestalten unter dem riesigen Kreuz. Oh, das ist noch weit! Lohnt sich das überhaupt?
Nein, lohnt sich nicht. Nebel fällt ein, Schneetreiben, nach dem strahlenden Morgen. Scharfer Wind über den Grat. Ein Steinmann, eine Art Vorgipfel. Die Felle weg, dann in die bodenlose Nebeltiefe getaucht, undeutlichen Spuren nach. Hoffentlich sind wir richtig. Der Schnee ist brettig. Da oben im Steilhang hätte ein Brett abgehen können, ein bisschen Angst hatte ich in der Querung. Aber da war ja eine Spur. Doch letztes Jahr, am Vilan, da war auch eine Spur und dann ging die Lawine trotzdem ab. Fünf Tote.
So Gedanken kommen einem halt einfach. Vielleicht nicht allen, aber mir halt. Nun ja, jetzt sind wir doch schon wieder unten bei der Alp. Sandwich, heisser Tee. Dann weiter. Die Hänge weiter unten ziemlich hoprig, zerfahren, also nicht Pulver pur. Aber immerhin, es geht ganz schön. Und das Gefühl, ich hätte es diesmal ganz sicher geschafft bis auf den Gipfel, bis zum grossen Kreuz, ohne Probleme. Die offene Rechnung von vorletztem Jahr ist beglichen. Das ist auch schön. Und in Sargans gibt’s ein nettes Café mit Konditorei. Noch schöner.

Pic & Bulle – Fashion Altitude

Skiberge im Comic und komische Skimode und das alles in Grenoble, ausgestellt und gedruckt. Hinfahren und anschauen und die Ski nicht vergessen! (Die Redaktion legt Wert auf die Feststellung, dass dieser Beitrag nicht vom Office de Tourisme de Grenoble bezahlt worden ist, sondern vom Autor selber ehrenamtlich verfasst. So wie alle andern Texte in diesem Blog.)

9. Februar 2017

OH! TITINE! COMMENT TE SENS-TU?

PAS TROP BIEN, ET TOI?

J’AI LES JAMBES MOLLES!

QUELLE AVENTURE!

MA DOUÉ! PRIEZ POUR MOI!

ATTENTION! A VOUS!

Der letzte Ausruf tätigt der Skilehrer: „Achtung – an Euch!“ Jetzt gilt es ernst für die vierköpfige Familie Bigorno mit ihrem bretonischen Dienstmädchen: Sie stehen oben am Berg, auf schmalen Latten, bereits für eine erste Abfahrt. Ob das gut kommt? Wohl kaum! Szene aus dem Comic „La Famille Bigorno aux sports d’hiver“ von Aristide Perré, 1951 erschienen – und schon längst vergessen und beim Altpapier gelandet. Nun lassen sich die Vor- und Nachfahrer von Titine und anderen Helden in einer gross angelegten Ausstellung in Grenoble und in einem grossartigen Katalog wieder entdecken: „Pic & Bulle. La montagne dans la BD.“ Bulle ist die Sprechblase in einem Comic, der im Französischen bande dessinée heisst. Und dieses gezeichnete Band erfand ein Schweizer, nämlich der Genfer Rodolphe Töpffer, der 1827 das Werk „Les Amours de Mr Vieux-Bois“ schuf, eine Abfolge von Abenteuern des so romantischen wie grotesken Monsieur Vieux-Bois, der auf der Alp oben seine Angebetete von seiner Liebe und seinen Fähigkeiten als Musiker und Melker überzeugen will. Dabei wird sein Rivale immer wieder geduscht – ein mit dem Zeichnungsstift umgesetzter running gag.

Autrement dit: Bereits im Ur-Comic sind die Berge in Szene gesetzt worden. Und darin immer wieder aufgetaucht, bei „Tintin au Tibet“ über „Astérix chez les Helvètes“ bis zu „Louis au ski“ von Guy Delisle oder „Franky Snow. Snow Révolution“ von Buche. Sie alle gilt es zu entdecken in „Pic & Bulle“, im Buch – und vor Ort. Wenn wir schon nach Grenoble fahren, können wir noch gleich eine andere clevere und coole Exposition besuchen: „Fashion Altitude. Mode & montagne du XVIIIe siècle à nos jours.“ Auch zu dieser Ausstellung gibt es einen ausgezeichneten Katalog, mit ganz schönen Illustrationen sowie klugen Texten und Legenden. Darin hat Schneidermeister Maurice Och seinen Auftritt, der für die Schweizerische Nationalmannschaft die gleichermassen elegante und aerodynamische Keilhose erfand – für die Winterolympiade in St. Moritz 1928. Allerdings nicht direkt für die alpinen Skiläufer, die damals noch nicht starten durften, sondern für die Skispringer. Doch schon bald eroberte le fuseau, so der französische Name für Keilhose, die Pisten der Welt. Und wenn in diesen Tagen der spezielle WM-Rennanzug der Schweizer mit zahlreichen aufgedruckten Selfies zu reden gibt, so gilt für Lara Gut und Beat Feuz doch an erster Stelle: ATTENTION! A VOUS!

Philippe Peter, Nicolas Rouvière: Pic & Bulle. La montagne dans la BD. Éditions Glénat, Grenoble 2016, € 35.-
Die gleichnamige Ausstellung im Musée de l’Ancien Évêché in Grenoble ist bis am 30. April 2017 zu besichtigen; www.ancien-eveche-isere.fr .

Nadine Chaboud, Cécile Dupré et Cécile Parigot: Fashion Altitude. Mode & montagne du XVIIIe siècle à nos jours. Éditions Glénat, Grenoble 2016, € 25.-
Die gleichnamige Ausstellung im Couvent Sainte-Cécile in Grenoble ist bis am 4. März 2017 zu besuchen; www.couventsaintececile.com.

Sans limite – Photographies de montagne

Warum forderten die Berge die ersten Fotografen so heraus, dass sie ihre kiloschweren Apparate stundenlang auf höchste Gipfel schleppten und die wilde Fels- und Eislandschaft schwarzweiss auf Glasplatten zauberten? Vielleicht liefert die besprochene Ausstellung Antworten. Auch auf die Frage, wie die Digitalisierung mit ihren ultraleichten Kameras, uferlosen Speichern und Drohnen die Gebirgsfotografie verändert hat.

2. Februar 2017

„Der Mensch – und sollte er auch ein Clubist sein – ist mehr oder weniger erschöpft, mehr oder weniger im Fieber, wenn er sich an Guffer- und Schneehalden müde geklettert hat. Ist er nach einem durchwachten Bivouak auf einen beliebigen Gipfel oder Grat hinauf gelangt, so wird er sich meist mit allem andern eher abgeben, als mit Photographie. Es braucht alsdann grosse Willenskraft, um den Apparat sorgfältig und flink zu handhaben, mit einem schwarzen Tuche bedeckt, an kleinen Schrauben zu drehen bis man den Focus ganz genau gefunden hat, kurz die Sache so abzumachen, als wäre man in seinem Zimmer oder auf grünem Wiesenplan. Ein heftiger Wind wird auch bei schönstem Wetter alles vereiteln.“

Das schreibt Jules Beck (1825–1904) im Artikel „Ueber Photographie in höheren Alpenregionen“, der im vierten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867 auf 15 Seiten abgedruckt ist. Beck gilt als der erste Schweizer Hochgebirgsfotograf. Ein paar seiner Aufnahmen sind in einer neuen Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lausanne zu sehen. „Sans limite. Photographie de montagne“ gibt einen faszinierenden Überblick zur Bergfotografie von einst bis heute, von Jules Beck und Adolphe Braun über Paul Güssfeldt und Elizabeth Main bis Balthasar Burkhard und Iris Hutegger. Dabei stammen mehr als drei Viertel der knapp 300 Exponate aus der museumseigenen Sammlung. Der 250-seitige Katalog seinerseits präsentiert 150 Werke, enthält eine Essay von Kurator Daniel Girardin und ein Interview mit Maurice Schobinger, von dem auch das Cover stammt; es zeigt die Nordostwand der Lenzspitze (4294 m) in der Mischabel. Ein gelungener Wink zu William Frederick Donkin: Seine Panoramaaufnahme „The Nadelgrat from the summit of the Dom”, mit dem gesamten Nadelgrat inklusive Lenzspitze und tief verschneitem Vorgipfel des Doms ist die erste Foto, die das „Alpine Journal“, die erste und älteste Bergzeitschrift, veröffentlicht hat (im Novemberheft 1881).

Der Katalog ordnet die Fotos nach drei hauptsächlichen Prinzipen: Standpunkt, Form und Verbreitung. Bei den „Points de vue“ gibt es fünf Kriterien (frontal, vertikal, horizontal, aus der Luft sowie aus der Distanz), bei den Formen drei (Kegel, Material, Ikone). Welcher Berg als Ikone schlechthin gilt, ist leicht zu erraten: Es ist ein Berg an der Schweizer Grenze, sein deutscher Name beginnt mit einem M, wie Monte Rosa oder Meix Musy. Die Ausstellung ihrerseits gliedert sich in vier inhaltliche Ausrichtungen: wissenschaftliche, touristische, alpinistische und künstlerische Fotografie. Beim Rundgang durch „Grenzenlose Gipfel. Gebirgsfotografien“ (so der deutsche Titel) verbinden sich diese vier Richtungen zunehmend. Daniel Girardin: „Je weiter man sich von den Aufnahmebedingungen einer Fotografie löst, desto freier deutet man sie.“ Jules Beck würde staunen.

Daniel Girardin: Sans limite. Photographies de montagne. Collection Musée de l’Elysée n° 4. Coédition Les Éditions Noir sur Blanc/ Musée de l’Elysée Lausanne, 2017, Fr. 50.-
Die gleichnamige Ausstellung im Musée de l’Elysée in Lausanne dauert vom 25. Januar bis zum 30. April 2017; www.elysee.ch