Nackt auf den Pisten

Die einen sammeln Flugmeilen oder Anstecknadeln, wir die kleinen Auszeiten. Wie auch immer wir sie verbringen.

© Annette Frommherz

12. März 2012

«Du gehst?» Sein Blick ist erstaunt.
«Ich will mich mal wieder meinem Sohn zeigen.»
Sein Schmollen steht ihm gut. Unterlippe vorgeschürzt, Seehundblick, Hände auf dem Rücken. «Ich könnte ein Fondue kochen, etwas Brot hat es noch.» Und er schaut mich aufmunternd an.
«Ich sollte doch…», versuche ich.
«Soll ich Fondue etwa alleine essen?» Den leichten Vorwurf umwickelt er mit etwas Charme. Ich schmelze wie der Käse, den er bald im Caquelon rührt. Er verspricht mir sogar Hüttenromantik, stellt Kerzen auf den Tisch und den Kirsch Eigenmarke dazu. Die rot/weiss karierten Vorhänge, sagt er, könne er leider nicht bieten.

Es ist der gelungene Abschluss eines Tages, den wir uns samt dem Abend loben. Die Flumserberge zeigten sich zwar wettermässig nicht von der besten Seite, dafür hatte es etwas neuen Schnee, den wir antrafen, als wir die Pisten testeten. Aus den mageren Höhenmetern, die wir in letzter Zeit aus eigener Kraft ergattert hatten, ergaben sich keine ausgiebigen Abfahrten, so dass wir für heute diese Variante in Betracht ziehen mussten.

Ohne LVS und Rucksack mit Schaufel fühlen wir uns etwas nackt auf den Pisten, auf denen sich die Zivilisation tummelt. Keine lautlos stiebenden Schwünge im Tiefschnee, nur wilde Jagden von Skiern und Snowboards um uns herum, dass es mich schaudert. Einen Helm trägt nur er, ich habe mir bis zum heutigen Tag keinen aufdrängen lassen.

Im Restaurant schreiben sie Rindsragout aus und Kalbsmedaillon und Crevetten. Die Gastronomie hat sich den Berg hinauf geschlängelt und fast unbemerkt Nouvelle Cuisine, tote Tiere und städtische Preise auf die Karten gesetzt. Wir vermissen die Käseschnitten und das Raclette und suchen umsonst nach der Gerstensuppe. Und – wenn ich ganz ehrlich bin – vermisse ich unser Stück Käse und das gebrochene Brot, das wir manchmal, sitzend auf unseren Rucksäcken, mit Heisshunger verzehren, irgendwo und nur von Stille umgeben. Hier in dieser lärmig trendigen Skihütte müssen sogar die Älplermakronen einen Tag im voraus bestellt werden. Es wird immer besser, denke ich und sagt er.
Aber wir verachten dann doch den heissen Eierlikör mit Schlagrahmhaube nicht. Auch sonst lassen wir uns gerne bedienen, vor allem mit Kaffeenachschub. Und das ist ja das Schöne an der Piste, das vor allem ich sehr schätze: hier gibt es Kaffee an jeder Tankstelle.

Wir rühren also in der Käsesuppe, der Kirsch wärmt von innen. Es ist der erste Wahlsonntag dieses Jahres. Die Bürger der demokratischen Suppe haben soeben bestimmt, dass Zweitwohnungen in diesem kleinen Land nur noch begrenzt gebaut werden dürfen. Unsere Stimmen waren auch für dieses Resultat, denn wo kämen wir hin aus lauter Platzmangel. All die kalten Betten in Häusern, die in die Felsen der Berge gebaut werden müssten. Oder die Seen, die für Wohnraum entwässert würden? Ich mag nicht daran denken und rühre weiter. Einen Kuss pro Mocken, der in den Käse fällt, das ist die Abmachung. Am Schluss steht 4:1 für mich.

Dr Alpeflug

S’sy zwee Fründen im ne Sportflugzüg
En Alpeflug ga mache
Flügen ufe zu de Gipflen und
Z’dürab de Gletscher nache
Hinde sitzt dr Passagier
Dä wo stüüret, dä sitzt vor
Und es ratteret und brummet
Um sen ume dr Motor

Da rüeft dä, wo hinde sitzt:
Lue, ds Bänzin geit us, muesch lande!
Wie? Was seisch? rüeft dr Pilot
Los, i ha di nid verstande
Wie? Was hesch gseit? rüeft dä hinde
Warum landisch nid sofort?
Red doch lüter, rüeft dä vorne
Bi däm Krach ghör i kes wort

I versta’s nid, rüeft dä hinde
Warum machsch’s nid? Bisch drgäge?
I versta’s nid, rüeft dä vorne
Muesch mer’s würklech lüter säge!
Wie? Was seisch? rüeft dise, lue
Dr Tank isch läär, du flügsch nümm wyt!
Los, bi däm Mordstonnerslärme
Rüeft dä vorne, ghör i nüt

Aber los doch, rüeft dä hinde
Gottfridstutz mir hei nid d’Weli
Tue nid ufgregt, rüeft dä vorne
Red doch lüter, gottverteli!
Los, rüeft dise, we mir jitz nid lande
Gheie mir i ds Tal!
Ghöre gäng no nüt, rüeft äine
Los begryf doch das emal!

So het im Motorelärme
Dr Pilot halt nid verstande
Dass ihm jitz ds Bänzin chönnt usga
Und dass är sofort sött lande
Da uf ds mal wird’s plötzlech still
Nämlech wil ds Bänzin usgeit
Und jitz wo me’s hätt verstande
Hei si beidi nüt meh gseit

Einen Vorwand gefunden, um wieder mal Mani Matter zu zitieren.
Les Diablerets, 9. März 2012.

11. März 2012

Zeitlupe

Wäre ja gelacht, wenn ich mich wegen meinem lädierten Magen von unserem Vorhaben abbringen lassen würde. Winter ists noch immer und die weissen Hänge rufen.

© Annette Frommherz

6. März 2012

Mir ist schlecht. Sich unter der Decke verkriechen und die Skitour absagen? Das kann ich meinem Liebsten nicht antun. Er, der sich im Winter von der Vorfreude ernährt und Skitouren mit einer Gier konsumiert wie unsereins Pommes Chips. Schnee, ist er der Meinung, sei für den raschen Gebrauch bestimmt. Denn im Juli muss ich, sagt er, auch nicht mehr Schnee pflügen. Wo er Recht hat, hat er Recht. Also nicht nur schnell, sondern auch oft auf Skitouren; das ist sein Leitsatz, und an diesen hält er sich strikte.

Seit vier Uhr liege ich wach und bin unentschlossen, ob ich mir das gestrige Nachtessen nochmals durch den Kopf gehen lassen soll. Der Wecker schrillt um viertel nach fünf. Geht es, werde ich gefragt. Ich zucke mit den Schultern und nicke mit dem Kopf. Das geht noch. Also beschliesse ich, die gemietete Skitourenausrüstung nicht ungebraucht zu retournieren, und stehe auf. Frische Luft und etwas Bewegung kann nicht schaden, rede ich mir ein und hoffe ich. Mein Magen ist empört. Ich versuche, ihn zu ignorieren und esse als Kampfansage ein Stück Brot.

Später, die Sonne steht schön ausgestellt am Himmel, ziehen wir im Glarnerland dem Obersee entlang. Tief durchatmen, mahnt meine innere Stimme, aber die elend unzähligen Kurven hier hinauf haben meinen Zustand wenig gebessert. Zum Glück ist das erste Wegstück eben. Eigentlich wollten wir auf den Rautispitz, aber die tausenddreihundert Höhenmeter sind für mich definitiv ein Ding der Unmöglichkeit. Der Lachengrat ist die Variante. Ich bin froh, denn inzwischen sind wir schon im fortgeschrittenen Vormittag angelangt. Mein Gang fühlt sich so schleppend an, als müsste ich aufs Schafott.

Wir fellen den Nordhang hinauf, als sich gegenüber am Redertengrat Wächten lösen und weiter unten liegende Schneemassen mitreissen; bis keine zweihundert Meter vor uns. Vielleicht sind es auch einige Meter mehr, aber es mutet so nahe an, dass es meinen Puls höher schlagen lässt. Keine vier Wochen ist es her, seit ein Kollege meines Liebsten den Weissen Tod gestorben ist. Ein überaus vorsichtiger Bergführer sei er gewesen, lasse ich mir sagen. Nun stiebt der Schnee, vermischt sich mit braunem, erdigem Gestein und bahnt sich wie in Zeitlupe den Weg nach unten, bis die Masse zum Stillstand kommt.

Ganz hinauf auf den Grat habe ich es nicht geschafft. Mein Magen aber hielt durch, ich im mässigen Tempo auch. Schliesslich wollte ich die weissen Hänge nicht unnötig verunsäubern. Und draussen waren wir, draussen. So wie Mutter es früher befohlen hat.

Mountain

Ein Bildband über «den Berg», zusammengestellt von Sandy Hill, siebte Alpinistin, die die Seven Summits schaffte und die das Bergrama am Everest 1996 überlebte. Mountain – der Berg schlechthin, an dem sich der Mensch misst, den erklettert, den er betrachtet.

„We all reached the top and, in spite of a blinding and violent storm we encountered on the descent, during which I, for one, was very nearly killed, all but one of us safely returned. Our leader, Scott Fischer, died on the mountain on that expedition, one of eight deaths in the thirty hours after midnight on Mai 10, 1996, the most deadly day in Himalayan climbing history. Those losses, added to my own near death experience, dampened my desire to publish a mountain book of any kind: I was filled with so much grief that I could not bring myself to write. By the time I had made sense of it all in my own head, so many articles and books had already been written about the disaster that I assumed very few people would be interested in ready another survivor’s account.”

Nachvollziehbar eine clevere Entscheidung, dass die New Yorkerin Sandy Hill, Akteurin, Berichterstatterin und Fast-Opfer in einem der berühmtesten (aber nicht tödlichsten) Bergdramas im Himalaya, jenem vom Mai 1996 auf dem Mount Everest, kein weiteres Buch einer Überlebenden schrieb. Jon Kracauers Bestseller „Into Thin Air“ und all die Folgebücher halten ja ziemlich detailliert fest, was damals auf dem Dach der Welt passierte.

„This book is the antidote to that”, schreibt Sandy Hill im Vorwort ihres üppigen Bildbandes mit dem schlichten Titel „Mountain”. In der Einzahl, obgleich auf den 353 Seiten viele Mountains abgebildet sind. Mountain aber ist der Berg schlechthin. Der Berg, an dem sich der Mensch misst, den er bebaut, überbaut, erklettert, befährt, abbaut. Den er freilich auch betrachtet, nur anschaut – und aufnimmt. In diesem Fall mit der Kamera. Sonst gäbe es ja dieses Buch und seine vielen Vorgänger nicht.

Ein gewichtiges Buch, das Sandy Hill, die siebte Alpinistin, welche auf den höchsten Berge der sieben Kontinente stand, zusammengestellt hat, mit 350 grossformatigen Fotos bekannter und unbekannter Fotografen, von Vittoria Sella und Eadweard Muybridge bis Fred Gibrat und Robert Bösch. Das Schwergewicht liegt auf dem Werk des US-amerikanischen Fotografen Ed Cooper, und die Berge in Far West sind denn auch häufig abgebildet. Kurze Texte verschiedener Autoren strukturieren den Bildband, der thematisch gegliedert ist, vom Berg an sich über Gletscher und Vulkanismus bis zum Bergsteigen und Skifahren. Das Kapitel über Woman Climber beginnt fulminant – und bringt dann doch vor allem Bilder männlicher Kletterer. Die Bildlegenden sind erstaunlich präzise, doch bei Daniel Lockharts beklemmend-grossartiger Foto der Eigernordostwand von 2004 stehen zu viele Angaben: „Jungfrau, The Eiger and Mönch, Bernese Alps, 13‘642 ft. (4158 m), Valais and Berns, Switzerland, 46°32‘12‘‘ N, 7°57‘45‘‘ E“. Weniger wäre mehr gewesen.

Und dann kann Alfred Stieglitz‘ „Lake and Mountains“ von 1894 nicht wie angegeben den „Black Mountain“ in den Adirondacks im Staate Ney York abbilden. Ich sehe in dieser romantischen Foto den Thunersee mit dem Stockhorn. Ferdinand Hodler wüsste es auch, hat er doch ungefähr zur gleichen Zeit diese Landschaft gemalt. But that’s another story.

Sandy Hill: Mountain. Portraits of high Places, Edition Olms, Zürich 2011, Fr. 99.-

Falletsche

Grüsse aus Zürich!
Glecksteinhütte (Uetliberg), 1. März 2012.

2. März 2012

Endlich wieder Galerie

Der Klettergarten auf der Galerie Weesen-Amden ist wieder offen, unser Glück vollkommen. Fast alles wie einst und doch anders.


So geht es Süchtigen, wenn sie nach dem Entzug wieder Stoff wittern. Den Fels, aus dem die Träume sind. Die Galerie lädt wieder zum Klettern ein, nach fast einem Jahr sind wir zurück, ein warmer Vorfrühlingstag, der See glitzert in der Tiefe, der Schnee auf den Bergen. Da sind wir wieder, wie schon immer, wie schon Nietzsche schrieb, dass alles eine Wiederholung des immer Gleichen sei, und doch ist es nicht mehr gleich, wie einst. Keine bequeme Leiter mehr aufs Galeriedach, sondern ein fast alpiner Abstieg von oben, den der gute Mike Schwitter eingerichtet hat, hier sei ihm Dank! Abseilen! Zurück führt eine Art Klettersteig an einem Fixseil, also nicht alle Kraft beim Klettern verbrauchen, nehmen wir uns vor. Der neue Zustieg zur Galerie wird wohl die Familien mit Säuglingen und Hunden und gaumenden Schwiegermüttern und weiterem Anhang fernhalten. Aber alte Freunde sind wieder da, man grüsst sich, und alle strahlen und auch die Wand strahlt, als hätte sie uns vermisst. Die Wand, sie ist fast die alte, nur ein paar Einstiege sind einen Move kürzer geworden durch die Sanierungsarbeiten, vor andern haben Baumaschinen Felsbrocken aufgehäuft, aber der Rest ist wie einst. Die Wand sogar grösser geworden, weil Gebüsch wegrasiert ist. Ja, und dann fehlen auch die Mäuslein, die wir so lieb gewonnen haben in all den Jahren, die Schlangen und Blindschleichen und Eidechsen und die roten Wanzen, die sich am Fels sonnten. Es fehlen der Sommerflieder, die Erlengebüsche und es fehlen die Feuerlilien auf den Bändern beim Einstieg vom Brillätidi. Der Grund ist kein Naturbiotop mehr, sondern eine Art Steinwüste, vielleicht sieht es so aus, wenn man im Hoggar klettert oder in einem Wadi am Toten Meer.
Aber die Griffe sind noch da und die Haken und Umlenkungen und uns Kletterer interessiert ja bekanntlich die Vertikale und nicht die Horizontale. Also los! Nach einem Jahr sind die Griffe wieder rau geworden, Gufächüssi ist wieder Gufächüssi, noch kein Magnesia ist verschmiert worden und die unsägliche Sitte des Markierens von Griffen mit weissen Punkten hat noch nicht wieder begonnen. Aber man weiss ja, alles wird wieder kommen, das Magnesia und die Eidechsen und der Sommerflieder und vielleicht gar die Schwiegermütter mit den Kleinen im Traggestell. Doch heute kann uns nichts das Glück dieser Wiederkehr trüben, gar nichts. Wir haben unseren Stoff wieder.

Simplon

Angesagt war schönes Wetter, stattgefunden hat ein Windsturm. Abends dann kämpfte der aufkommende Föhn wie ein Löwe, um die Wolken zu vertreiben. Und uns hat’s schier umgeblasen. Aber schee wars!
Simplonpass, 25. Februar 2012.

29. Februar 2012

Ski français

Ein Skipionier wird 100 – Émile Allais, vor 70 Jahren schnellster Abfahrer und Slalomschwinger der Welt, Erfinder einer eigenen Technik und Erschliesser von Skigebieten, u.a. dem berühmten Squaw Valley.

25. Februar 2012

«Si vous êtes le meilleur et le plus vite, c’est que notre technique est la plus efficace.
Mais personne ne se fait tout seul ; même les meilleurs ont d’abord grapillé chez les uns et chez les autres. C’est la règle et il ne faudrait pas s’y méprendre : si le ski de descente trouve aujourd’hui en France sa vitalité lui-même, il doit une grande part des ses progrès à la science de ses premiers maîtres de Norvège, d’Autriche, de Suisse… ; ils ont aidé, et continuent de suivre d’ailleurs, un mouvement progressif où leur apport classique fut toujours heureux.
Mais aujourd’hui, sans reniement aucun, en exposent nos travaux dans ce volume, nous pouvons apporter une part que nous espérons décisive à l’évolution du ski moderne. On y verra que le ski français a maintenant une personnalité bien dessinée, résultat d’un travail sportif, entraîné par la volonté et l’enthousiasme. »

Eine Passage aus einem Skilehrbuch, das vor knapp 75 Jahren erschien und eine neue Ära im alpinen Skifahren einläutete. Verfasst von Paul Gignoux, capitaine de l’équipe de France, und von Emile Allais, champion du monde de ski, wie es auf dem Titel heisst. Und dieser Emile Allais war damals tatsächlich der beste und schnellste Skiläufer. An der Skiweltmeisterschaft von Chamonix im Februar 1937 gewann er alle drei Goldmedaillen (Abfahrt, Slalom und Kombination), wie die Deutsche Christl Cranz übrigens auch. An der Meisterschaft von Engelberg im folgenden Winter holte Allais in der Kombination einen weiteren Titel. Insgesamt fuhr er an Skiweltmeisterschaften 10 Medaillen heraus; an den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen, wo die alpinen Skiwettkämpfe erstmals auf dem Programm standen, wurde er Dritter in der Kombination.

Wäre Emile Allais aber „nur“ Skirennläufer gewesen, so leuchtete sein Name nicht so hell am Skihimmel. Mit seinem Skilehrbuch, in dem er gleich selbst als sehr photogenes Skimodel agierte, propagierte er eine neue Technik, welche nicht auf dem Stemmschwung basierte, sondern gleich den Parallelschwung anvisierte, ausgehend vom Geradeausfahren und dann vom Abrutschen. Beherrschte man einmal diese Technik, erfolgte gleich das Erlernen des Kurvenfahrens mit parallel geführten Skis – sicher keine leichte Sache. Aber Skilehrer Allais zeigte meisterhaft, wie das geht, wie man auf den Ski stehen, wie man die Schulter drehen muss. 1937 wurde die l’École Nationale du Ski Français gegründet, Emile erhielt das Diplom Nr. 1.

Das Lehrbuch war ein Riesenerfolg, wurde gar ins Japanische übersetzt. 1947 doppelte Allais mit „Méthode française de ski – Technique Emile Allais“ nach; ein grossformatiges Buch, das seine Technik fotografisch und grafisch ganz neu vermittelte, mit Reihenbildern, Überblendungen und in Fahrtrichtung gesetzten Schriften und Pfeilen, gedruckt mit viel Raum und farbigen Stimmungsbildern. Ein Skilehrbuch, das auch Nichtskifahrer von der Spitze bis zum Ende fasziniert, immer noch.

Doch Allais war nicht nur Skirennfahrer, -lehrer und –lehrbuchverfasser, sondern förderte auch den Bau von Skigebieten, so Courchevel in den französischen Alpen, Squaw Valley und Sun Valley in Kalifornien, Portillo in Chile, Bariloche in Argentinien. Zudem war er mitbeteiligt an der Entwicklung neuer Ski; am berühmtesten ist der Rossignol „Allais 60“.

Emile Allais wurde am 25. Februar 1912 im französischen Megève geboren. Dort feiert er heute seinen 100. Geburtstag – wahrscheinlich skifahrend.

Émile Allais, Paul Gignoux: Ski français. Méthode officielle d’enseignement de ski de descente de la Fédération française de ski. B. Arthaud Éditeur, Grenoble 1937.
Emile Allais: Méthode française de ski – technique Emile Allais. Editions Flèche 1947.
Gilles Chappaz: Allais. La légende d’Émile. Éditions Guérin, Chamonix 2007; Neuausgabe in den Editions Ka2 2010, Préface de Karen Allais Pallandre, € 24.-, www.emileallais.com
Skiing Heritage. Journal of the International Skiing History Association, Vol. 24, No. 1, January – February 2012, p. 14-18.

Alles fahrt Schi

Er hat einen Quersprung auf Ski erfunden und dazu die Anleitung in Gedichtform geliefert; mit Volksliedern hat er die Nation beglückt und sie im Akdivdienst vor der Truppe gesungen; er war ein Vagabund, Wandervogel und kreativer Kurdirektor von Arosa. Wer kennt ihn noch, den bunten Hund?

20. Februar 2012


Wieder sind wir ganz in Schnee.
Der Wald hat eine Türe aufgetan.
Wie wenn wer ein weisses Buch
aufschlägt mit lauter goldenen
Märchen darin. Die Prinzessin
der Märchen bist du in weissem
Kleid und in silbernen Schuhen.

Dieser siebenzeilige, handschriftliche Eintrag steht auf dem Vorsatz eines Skibuches, welches ich letzte Woche via www.zvab.com vom Fabri Internet Antiquariat in Ulm erhielt. Das Buch heisst „Schnee. Verse für empfindsame Skileute von Hans Roelli Arosa“. Laut Antiquar Dr. Jürgen Aschoff hat Roelli den Eintrag selbst geschrieben. Der 44seitige Band enthält 32 Gedichte sowie 7 ganzseitige Zeichnungen von Karl Hügin. Ein Bijou! Auch wenn die Poesie heute teilweise bruchharschig statt neuschneeig erscheint. Aber das Gedicht „Quersprung“ hat den Charakter dieser einstmals geschätzten Wende- und Anhaltetechnik auf Ski doch ganz gut erfasst – kein Wunder, hat Hans Roelli (1889 – 1962) doch einen nach ihm benannten Quersprung erfunden:

Mitten in hochgerissenem Schnee,
der wie ein Brunnen strahlt, schlage
ich – Füsse zur Hüfte gedrängt
die Ski in die klingende Wage.

Und stürze, ein niederzuckendes Schwert
tief ein in den fangenden Lauf.
Ich halte. Die Fäuste entballen sich,
lockern die Spannung und lösen sie auf.

Auf der Homepage des Fabri Antiquariats finden sich Infos zum dichtenden Skifahrer oder skifahrenden Dichter: „Hans Roelli aus dem Luzernbiet gilt als Urahn der Schweizer Liedermacher – in seiner kompromisslosen Hingabe an das Lied, in seiner unentwegten Verherrlichung des Unterwegsseins, des Wanderns, das für die Jugend des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Alternative zur bürgerlichen Lebensform darstellte. Die Roelli-Lieder – bald in Mundart, bald in Hochdeutsch gehalten und immer mit sorgfältigen Lautensätzen versehen – gehörten darum auch bald zum Lieblingsrepertoire der Wandervogel-Bewegung. Roelli riss noch als Gymnasiast von zu Hause aus, vagabundierte als Sänger und Poet durch die Lande und versuchte sich diese Freiheit mit Gelegenheitsjobs als Ski- und Schwimmlehrer zu erhalten. Später dann wurde der gesellige und lebenslustige Sänger Kurdirektor von Arosa. Während des Zweiten Weltkriegs schickte ihn die Abteilung “Heer und Haus” als singenden Unterhalter zu den Truppen. Zwischen 1908 und 1962 schrieb Hans Roelli über 1’200 Lieder. Manche von ihnen (“Alle Rosen…”, “Alles fahrt Schi”) wurden zu eigentlichen Volksliedern: von der Bevölkerung spontan aufgenommen, erweitert und variiert. Anspruchsvollere Texte, in denen sich die Wendung der deutschen Lyrik zum Expressionismus spiegelte, fanden ihr Publikum im ansehnlichen Bewundererkreis des Sängerpoeten, der sich zum “Roelli-Bund” zusammenschloss. Hans Roellis Nachlass befindet sich in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich.“

Eine spannende Persönlichkeit; mehr zu ihr auf www.hansroelli.ch. Und hier der Refrain seines vielleicht bekanntesten Liedes – wer möchte da nicht mitsingen und mitschwingen!

Alles fahrt Schi, alles fahrt Schi. Schi fahrt die ganzi Nation.
Alles fahrt Schi, alles fahrt Schi, d’Mamme, dr Bappe, dr Sohn.
Es git halt nüt Schöner’s, juhe, juhe, als Sunneschy, Bärge und Schnee.

Hans Roelli: Schnee. Verse für empfindsame Skileute. Verlag Sport , Zürich o.J., ca 1922.
Hans Roelli: Schnee. Neue Lobgedichte und Verse. Für das Wintersportkomitee der Schweizerischen Landesausstellung 1939 herausgegeben vom Verlag Amstutz & Herdeg, Zürich (inklusive alter Gedichte aus dem ersten Schnee-Band wie „Quersprung“ und „Arosa“, das nun den Titel „Aufblauen“ hat).
Ueli Haldimann: Hermann Hesse, Thomas Mann und andere in Arosa. Texte und Bilder aus zwei Jahrhunderten. AS Verlag, Zürich 2001 (mit vier Seiten über Hans Roelli).

Scheunen, Ställe, Speicher und Stadel

Was tun mit der alten Bausubstanz in den Alpen? Unser Rezensent hat sich im Lötschental und in der Literatur umgeschaut.

13. Februar 2012

„Zu einem Fallbeispiel könnte das Lötschental werden. Dort hat sich die Initiative «Wider den Zerfall» gebildet. Ziel ist es, einen ganzheitlichen Lebensraum zu schaffen. Das Lötschental ist ein abgelegenes Berggebiet im Kanton Wallis. Im Semester befassen wir uns mit dem Dorfteil Bodmen in der Gemeinde Blatten. Bodmen befindet im nördlichen Teil von Blatten in einer Mulde zwischen zwei für das Dorf charakteristischen Felsrücken. Die bauliche Substanz besteht aus 25 Gebäuden – mehrheitlich Stallscheunen. Die Ökonomiegebäude können zu einem grossen Teil infolge der Veränderungen der Landwirtschaftsstrukturen nicht mehr verwendet werden. Wir werden aus verschiedenen Hinsichten die Frage nach möglichen Transformationen dieser Bauten stellen. Neue Nutzungen im Rahmen des dörflichen Lebens und solche für Gäste kommen gleichermassen in Betracht.“

Auszug aus dem Vorwort einer neuen Broschüre, die ich in Blatten im Lötschental entdeckte. Dort verbrachte ich letzte Woche die Berner Sportferien, in einem rund 400 Jahre alten, aus Lärchenholz erbauten Haus am sonnseitigen Ufer der Lonza. Neben dem Haus eine leere Scheune. Eine von vielen nicht mehr benützen Scheunen, Ställen, Speichern und Stadeln in Blatten, im Wallis, ja im ganzen Alpenraum. Was tun damit? Leer stehen und zur Ruine verkommen lassen? Abreissen und das Holz verfeuern, oder in einem neuen Haus einbauen, als Dekoration in einer Bar? Als museales Gebäude erhalten, gar nach Ballenberg überweisen? Zum Ferienhäuschen oder zum Wohnhaus umbauen? Als Sauna, Boutique, Beiz oder Begegnungsstätte verwenden? „Es darf nicht gleichgültig sein, was mit den leer stehenden Ställen passiert. Für das Lebensgefühl vieler Orte sind diese Bauten von hoher Bedeutung“, schreibt Gion A. Caminada, Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich im Vorwort dieser gediegen gemachten, 80seitigen Broschüre. Er weiss es selbst am besten, lebt er doch in Vrin, einem Dorf zuhinterst im bündnerischen Lugnez, so wie Blatten hinten im Lötschental liegt.

„Orte Schaffen“ heisst eines der Projekte von Caminada. Die Kernidee des Projektes besteht darin, „Räume zu schaffen, die einen unmittelbaren Bezug zu ihren Bewohnern haben“. Im Frühlingssemester 2011 befassten sich Caminada und seine Studenten mit dem Ortsteil Bodmen in Blatten und schufen verschiedene Szenarien: unterschiedliche Wohnhaustypen, die Transformation von Ställen zu Schlafkammern, ein neues Zentrum als Bindeglied zwischen Touristen und Einheimischen sowie andere Nutzungen, zum Beispiel der Bau eines Badehauses. Spannend, wie sich die Studenten aus Zürich unter der Leitung ihres Bergler-Professors in diese archaische Stalllandschaft hineingedacht haben, was sie vorschlagen, um die kleinen, braungebrannten, steinplattengedeckten (und jetzt unter meterdicken Schneeschichten liegenden) Gebäude mit neuen Leben zu erfüllen, zum erhofften Wohle der Einheimischen und der Touristen. Die Broschüre: schon jetzt ein Wert zum Lesen und Studieren. Die Bauten von Bodmen, ja ganz Blatten: schon jetzt besuchenswert – und in Zukunft hoffentlich noch mehr.

Was tun mit den leeren Ökonomiebauten? Was ist schon getan worden? Und wie? Diesen Fragen geht der Ratgeber „Umnutzung von Ökonomiebauten“ nach, welche der Oberwalliser Heimatschutz herausgegeben hat. Nach einer Übersicht über die Gebäudetypen folgen acht Kapitel, die aufzeigen, wie die neue Nutzung am besten passiert (und auch, wie nicht!), was dabei zu beachten ist, und zwar bis ins entscheidende Detail hinein. Auch wenn man keine Scheune besitzt, keinen Speicher erben wird, keinen Stadel kaufen will: Diese Broschüre öffnet uns ebenfalls die Augen für das architektonische Erbe in den Alpen. Und nicht nur dort. Leere Ställe gibt es ebenfalls im Flachland. Oder gab es wenigstens mal.

Tourismus trotz allem: Teil der Kultur. Orte Schaffen IV/Frühjahrssemester 11. Professur für Architektur und Entwurf Prof. Gion A. Caminada ETH Zürich, August 2011, www.arch.ethz.ch/darch/entwurf/caminada/

Umnutzung von Ökonomiebauten. Ein Ratgeber zum Erhalten oder Umbauen von Speichern, Stadeln, Ställen und Scheunen. Schweizer Heimatschutz, Sektion Oberwallis in Brig, 1. Auflage 2009, 2. Auflage September 2011, www.oberwalliserheimatschutz.ch.