Die Schlange

Eine Begegnung am Fuss der Wand. Vor lauter Freude über die kleine Schlange vergessen wir fast das Klettern.

3. November 2017

Ich bin schon beim erste Haken, als meine Partnerin ruft: «Komm nochmals herunter, das ist eine kleine Schlange.»

In Zeitlupe windet sich das Reptil durch Schotter und Laub, grau gemustert, einen halben Zentimeter dick und fast zwanzig lang, der Kopf dunkel gefärbt. Ein mikroskopisches Zünglein tastet sich durch die winzige Welt dieses einsamen Wesens. Ein Wunder, dass es überlebt hat an diesem Ort, an dem oft ziemlich Betrieb herrscht, die Leute nicht immer darauf achten, was da kreucht und fleucht. Was ist es wohl? Auch die jungen Kletterer, die wir fragen, wissen es nicht. Wohl am ehesten eine Kreuzotter. So winzig und schon halb in Winterstarre wird sie uns bestimmt nicht beissen. Wir haben keine Angst vor Schlangen. Hier auf der Galerie haben wir auch schon junge Ringelnattern gesichtet, die kennen wir. Das ist dieses kleine Wesen wohl nicht, die gelbe Schuppe am Kopf fehlt. Eine Aspisviper? Wohl eher selten in der Gegend.

Zwischen den Seillängen beobachten wir unsern neuen Freund oder unsere Freundin, wie er oder sie verschwindet, wieder auftaucht in einem Polster von feinem Klee. Diese Ruhe, diese Gelassenheit. Die fehlt uns. Ein deutscher Kletterer fällt uns ein, der ein Buch veröffentlicht hatte mit Tipps, wie man die persönliche Klettertechnik verbessern könnte. Einer lautete: Stell dir vor, du bist ein Tier. Ein Affe, eine Eidechse oder Schlange zum Beispiel, ja, das stand in dem Buch. Per Zufall kam dieser Kletterautor einmal auf die Galerie, alles schaute zu, wie er eine schwere Stelle versuchte, sich abmühte. Wir munterten ihn auf, riefen: «Stell dir vor, du bist eine Schlange!» Fies eigentlich, aber schliesslich schaffte er die Stelle, als Schlange, Eichhörnchen, Schwalbe oder was immer.

Mit der Zeit verlieren wir unser Reptil aus den Augen. Wir hoffen, es überlebe den Winter und begegne uns im nächsten Frühling wieder, grösser und schneller noch. Gebt acht auf der Galerie, liebe Kletterfreunde und -freundinnen. Schaut auch mal nach unten, nicht nur nach oben.

Kaleidoskop der Schweizer Kartografie

Was bestimmt die Schweiz ausser Banken und Uhren, Schoggi und Nescafé? Blöde Frage: Berge natürlich. Überall und seit jeher. Seitdem ein paar kräftige Bergbauern auf einer grünen Matte oberhalb des blauen Vierwaldstättersees Freiheit und Beistand geschworen haben sollen. Und womit kann man wissen, wie diese Matte heisst und die Höger drumherum? Wie hoch sie sind, wie stotzig und eisig? Und wie man hinauf kommt, zu Fuss, per Bahn oder vielleicht gar nicht? Mit einer Karte natürlich. Eine neue Publikation beleuchtet präzise wie ein Uhrwerk und verführerisch wie Schokolade die Schweizer Kartografie.

2. November 2017

„Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge zog es in Scharen nach Amerika. Allein im 18. Jahrhundert wanderten mehr als 25‘000 Eidgenossen mit Kind und Kegel in die damals noch englischen Kolonien aus. Als Ursache für die Auswanderung vermerkten die Chronisten grosse Armut sowie religiöse oder politische Intoleranz der hiesigen Behörden. Einige Abenteurer hatten aber auch patriotische, ja geradezu utopische Ziele. Sie planten ihre Kolonien als Vorposten einer besseren Welt oder als Verheissung einer neuen Zivilisation.“

Von einem solch angestrebten Paradies handelt die 1737 in Bern gedruckte Schrift „Neu-gefundenes Eden“, die zwei Karten enthält. Die zweite heisst „Eden in Virginia: von der Helvetischen Societet erkaufte 33 440 Jucharten Land Ao. 1736“ im Massstab 1:125‘000. Eine ziemlich ungewöhnliche und sicher ziemlich unbekannte Schweizer Karte. Solche aber gibt es nicht nur für die Schweiz, sondern eben auch für ausländische Gebiete und Bedürfnisse.

Karten, die entweder von Schweizer Autorinnen und Autoren stammen oder die von einem Schweizer Verlag publiziert wurden: Der Berner Kartograf Markus Oehrli verfasste zwischen August 2015 und Dezember 2016 den Blog „Karte der Woche“, wobei die vorgestellten 70 Dokumente einen Querschnitt des Schweizer Kartenschaffens zeigen. Der Blog diente als Beitrag der Schweizerischen Gesellschaft für Kartografie für das Internationale Jahr der Karte. Oehrli wählte vor allem solche Karten aus, für die die Schweizer Kartografie bekannt oder sogar weltberühmt ist, von topografischen Karten über Stadtpläne und Vogelschaukarten, Strassen- und Schulkarten bis zu Panoramen und Reliefmodells. Die ältesten Karten stammen aus dem frühen 16. Jahrhundert, die jüngste von 2016. Die Karte „Mount Washington and the heart of the Presidential Range, New Hampshire“ im Massstab 1:20‘000 erschien 1988, und zwar printed by Orell Füssli + Co. Fast hundert Jahre älter ist die „Karte des Russischen Reichs: mit Angaben der Eisenbahnen und inneren Wasserwege“ im Massstab 1:15‘000‘000, 1895 gedruckt von Kümmerly & Frey.

Eine bunte Kartenmischung also, die nun in anderer Form greifbar ist. In ihrem jüngsten Heft bringt die Halbjahreszeitschrift „Cartographica Helvetica“ 58 der Oehrlischen Kartenporträts in aktualisierter und überarbeiteter Form. Ein wunderbares, höchst interessantes Kaleidoskop von schweizerischen Kartenwerken, farbig präsentiert, informativ und unterhaltsam kommentiert. Ein ungeahntes Schau- und Lesevergnügen. Zum Beispiel mit dem Abschnitt „Diesseits von Eden“.

Markus Oehrli: Kaleidoskop der Schweizer Kartografie. Cartographica Helvetica, 2017, Heft 55. Fr. 25.- Verlag Cartographica Helvetica, Untere Längmatt 9, 3280 Murten, info@cartographica-helvetica.ch, www.kartengeschichte.ch.

Etichette delle montagne

Etiketten erzählen Geschichten. Zum Beispiel jene, die drei Kriegsgefangene zum Ausbruch bewegte – nicht in die Freiheit, sondern um einen Berg zu besteigen. Andere sind vielleicht harmloser. Zeigen das Matterhorn oder Rasierklingen oder eine Schöne im Skidress. Ein Universum für Sammler.

25. Oktober 2017

„Eines Tages wurden Büchsenfleisch mit Gemüse, Marke ‚Kenylon‘, ausgegeben – eine Sorte, die bisher in dieses Lager nicht geliefert worden war. Auf jeder Büchse war ein Etikett geklebt, das als Handelsmarke eine Ansicht des Kenya zeigte, von einer Seite, die wir noch nicht kannten. Wir vermuteten, es könne nur die Südansicht sein oder noch wahrscheinlicher die von Süd-Süd-West. Es war für uns eine Enttäuschung, zu sehen, daβ die Gipfel von dieser neuen Seite her genau so schwierig aussahen, ja daβ es hier anscheinend noch mehr Gletscher gab als auf den Nordhängen.“

Ein Schlüsselerlebnis für den italienischen Kriegsgefangenen Felice Benuzzi und seine Mitinsassen im britischen Camp 354 bei Nanyuki, mit Blick auf den Mount Kenya, den zweithöchsten Berg Afrikas – sein höchster Punkt ist der Batian (5199 m). Den Mt. Kenya will Benuzzi unbedingt besteigen, und mit Giovanni Balletto und Vincenzo Barsotti bricht Benuzzi im Januar 1943 aus dem Kriegsgefangenenlager aus, um mit heimlich zusammengestellter Nahrung und sehr primitiver Ausrüstung den verlockenden Berg zu besteigen. Als Navigationsmaterial haben die Ausbrecher zwei Skizzen (eine nach einer Fotografie, die andere mit dem Feldstecher erarbeitet) und eben die Kenylon-Büchsenfleisch-Etikette dabei. Die Bergsteiger gelangen bis 5000 Meter hinauf und kehren zurück ins Lager 354, wo sie zu je einem Monat Einzelhaft verurteilt werden. In Anerkennung des „sporting effort“ des Ausbruchs wird die Strafe auf eine Woche verkürzt.

Felice Benuzzis Buch ist ein Klassiker der Alpinliteratur: „Fuga sul Kenya – 17 giorni di libertà“ erschien 1947, die englische Ausgabe 1952 unter dem starken Titel „No Picnic on Mount Kenya“, die deutsche 1953 als „Flucht ins Abenteuer. Drei Kriegsgefangene besteigen den Mt. Kenya“; die Rückseite mit der Kenylon-Etikette ist hier abgebildet.

Natürlich ist diese berühmte Etikette auch im 336 Seiten starken Bildband „Etichette delle montagne. Immagini di commercio“ zu finden, der sich mit den Etiketten beschäftigt, auf denen Berge, alpine Landschaften und Szenen zu finden sind. Ganze 747 Etiketten sind abgebildet, von 1865 bis heute, sauber geordnet nach Getränken, Lebensmitteln, Früchte und Gemüse, Tabak und Zündhölzern, Textilien, Ölen und Seifen, Rasierklingen und Intimtüchleins, Parfüm und Pastillen, Geräten aller Art sowie touristischen Schildern und Anhängern. Ein Universum, oft übersehen, hier schön versammelt und beschriftet, dazu mit italienischen und englischen Texten erklärt.

Und welcher Berg ist am häufigsten abgebildet? Höchstwahrscheinlich das Matterhorn. Auf 21 Etiketten zeigt es seine unverwechselbare Form, auch seitenverkehrt. Ebenfalls auf der Essense de lavande „Mont-Blanc“ von 1910 ist es zu finden. Da hatten Benuzzi und seine Freunde ja Glück: Ein Matterhorn hätte ihnen im kenianischen Hochland nichts genützt.

Aldo Audisio, Laura Gallo: Etichette delle montagne. Immagini di commercio. Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 39.50. Volume bilingue Italiano-Inglese.

Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist noch bis zum 3. Dezember 2017 zu sehen.

Klettern im Jura

Klettern in den Alpen – passt bestens. Klettern im Mittelland – etwas weniger; gibt aber schon ein paar Seillängen, auch draussen. Und Klettern im Jura – geht wiederum bestens. Zwei neue Führer zeigen, wo es am schönsten und am schwierigsten ist. Anseilen bitte!

21. Oktober 2017

11.11.[73] Jura: Im Schilt. Zwischen La Huette und Sonzeboz. Viele wunderschöne Routen, schwierig. Wir machten Normalweg IV-V, 120 m. Herrlicher Fels, todsichere Standplätze. Res und ich bezwangen noch eine Artificiel-Route (A1, -IV).

Eintrag aus meinem zweiten Tourenbuch, mit nicht ganz korrekter Schreibweise: Die beiden Ortschaften im Berner Jura schreiben sich La Heutte und Sonceboz, und ob man Standplätze als todsicher bezeichnen kann, bleibe mal dahingestellt. Immerhin war man damals froh, wenn wenigstens an den Standplätzen wirklich verlässliche Felshaken steckten. Neunzehn Jahre alt war ich bei meinem ersten Kletterausflug im Jura, und bis ich dorthin zurückkehrte, sollten weitere vier Jahre vergehen. Dabei liegt das zweite Gebirge der Schweiz so nahe vom Mittelland wie die Alpen, und klettern kann man dort mindestens so gut. Wandern natürlich auch, gerade im Spätherbst, wenn die Schneefallgrenze zu sinken beginnt, wie MeteoSchweiz nun ankündigt: „Am Sonntag oft stark bewölkt und zeitweise Niederschlag, besonders am Alpennordhang. Schneefallgrenze auf 1000 bis 1300 Meter sinkend.“

Wer aber lieber klettert, greift zu zwei neu aufgelegten Führern aus dem Hause Filidor. Sandro von Känel und seine Mitarbeiter präsentieren in „plaisir Jura“ und „extrem Jura“ auf je 358 Seiten so viele wunderschöne Routen in allen Schwierigkeitsgraden, dass wir für die nächsten Jahrzehnte genug zum Klettern im Schweizer Jura haben. Und gar un peu darüber hinaus. Im Plaisir-Band sind nämlich acht Gebiete aus dem Französischen Jura, fünf aus dem Elsass und eines aus dem Schwarzwald beschrieben, die unbedingt einen Besuch lohnen. Zum Beispiel die Trois Commères, die drei Klatschbasen, bei Morez; das Dorf liegt nur 13 Kilometer entfernt von La Dôle, dem westlichsten Gipfel der Schweiz. Oder die rötlichen Bunt-Sandsteine von Gueberschwihr, „ein wirkliches Plaisir-Paradies zwischen Weinbergen und traditionellen Winzerhöfen“, wie es im Führer heisst.

Wie immer in den handlichen Werken der Edition Filidor: klar und kundig das Ganze. Texte und Topos, Skizzen und Fotos: alles tipptopp. All die präsentierten Gebiete und Seillängen: verlockend bis vielleicht unmöglich – letzteres vor allem im Band „Extrem“, wenigstens für Otto Normalkletterer. Bevor man sich im Schilt also an die mit 7a bewertete Route „La Symphonie des mousquetons“ wagt, sollte die Normalroute gemacht werden, ein „Klassiker mit deutlichen Gebrauchsspuren“.

Sandro von Känel: plaisir Jura sowie extrem Jura. Filidor Verlag, Reichenbach 2017, je 44 Fr. Gratis dazu gibt es einen Downloadcode für eine kostenlose Anwendung auf iOS und Android, damit man die Führer auch auf dem Smartphone konsultieren kann. www.filidor.ch

Bergromane

Frankreich ist Ehrengast an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vom 11. bis 15. Oktober. Auf der Fahrt in die Geburtsstadt von Goethe (ihm ist u.a. der 44 Meter hohe Goetheturm am Stadtrand geweiht) und von Ernst Justus Häberlin (Mitglied der SAC-Sektion Basel und Erstbesteiger von Breitlauihorn, Lötschentaler Breithorn und Schinhorn vom 26. bis 30. August 1869) könnten wir doch einen Bergroman lesen, einen französischen natürlich. Oder auch einen deutschen, mais oui!

10. Oktober 2017

Je frémis: c’est Matthieu Charraz, le champion, en personne.

– Matth, je te présente Emma Lindley, ma nouvelle colocataire; une brillante sociologue qui nous vient des États-Unis pour sa thèse. Emma, voici Matthieu, un ami.

Il plante ses yeux dans les miens. Malgré son sourire, je ressens une certaine distance; Matthieu Charraz en impose.

– Et sur quoi travaillez-vous, mademoiselle!

– La prise de risques en montagne, dis-je, mal à l’aise.

– Ah oui?

Oh ja! Die erste Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren im ersten Roman der französischen Autorin Mélanie Valier „Et si tout s‘arrêtait là?“. Und es hört nicht auf damit, natürlich nicht. Sonst wäre es ja kein Roman… Emma Lindley und Matthieu Charraz werden sich wieder begegnen in Chamonix, der Hauptstadt des Alpinismus. Gerade er, der Champion des Freeridens und des Trail Runnings, wird ein bevorzugtes Objekt ihrer soziologischen Untersuchung über das Risiko des Bergsports im Zeitalter des Internets, der Social Media, der Helmkamera. Mehr noch: Die beiden verlieben sich ineinander – was wäre ein (Berg-)Roman ohne Liebesgeschichte? Und diejenige von Emma und Matth ist heiss. Es wird nicht nur geklettert und gerannt, gesurft und geflogen. Mais non!

Das Regionalradio „France Bleu“ sprach zu Recht von einem „thriller érotico-montagnard“, und die Bergzeitschrift „Vertical“ meinte, es gebe nicht häufig einen solchen Roman zu lesen: „C’est courageux, novateur, féminin.“ Wer also nun, wenn Frankreich in Frankfurt an der Buchmesse zu Gast ist, einen zeitgenössischen französischen Bergroman lesen möchte, sollte sich mit Mélanie Valier zum Mont Blanc und zur Aiguille Verte aufmachen.

Ebenfalls in den französischen Alpen, vor allem im Écrins-Massiv, spielt der dritte Roman des bekannten französischen Bergpublizisten François Labande. Wie bei Mélanie Valier wird das Geschehen in „La ligne d’horizon“ aus weiblicher Ich-Perspektive erzählt. Bic Calmet, 50 Jahre alt, alleinerziehende Mutter, Bergführerin, engagiert sich in ökologischen Bewegungen gegen die fortschreitende Erschliessung der Berge und hat sich um zwei nicht ganz pflegeleichte Söhne zu kümmern: Der eine arbeitet als Arzt in humanitärem Dienst in Syrien, der andere taucht in der rechtsextremen, terrorverdächtigen Szene von Marseille unter. Das volle Programm also. Verständlich, wenn Bic ihrem Seilpartner während einer Winterbesteigung gesteht: „C’est là que je suis bien. Là-haut. Tu comprends?“

Verstehen wir bestens, mais bien-sûr! Gipfelglück, kurz gesagt. So heisst auch der Roman von Uschi Grudzinski und Evelyn Holst. Er ist im real existierenden Gradonna Mountain Resort oberhalb des Bergdorfes Kals am Grossglockner im Osttirol angesiedelt, handelt von verschiedenen Paaren (Touristen und Einheimischen), die sich finden, wieder finden und verlieren, die dort oben den Sinn des Lebens suchen, zu finden glauben – oder ganz einfach auch arbeiten müssen. Ein rasanter, kitschiger, unterhaltsamer Berghotelroman. Bergsport wird auch getrieben.

„Prima“, lobte Lucas und fühlte sich wie Reinhold Messner. Wie gut, dass er sich gestern Abend noch in den Hotel-Bibliothek den Berg- und Klettersteigführer ausgeliehen und sich über diese Tour informiert hatte. Als hätte er’s geahnt. „Jetzt geht’s hier die Felsrinne hoch. Ihr könnt euch an diesem Fixseil festhalten.“

Machen wir. Allons-y! Lisons!

 

Mélanie Valier: Et si tout s‘arrêtait là? Éditions Glénat, Grenoble 2017, € 20.- http://montagne.glenatlivres.com

François Labande: La ligne d’horizon. Éditions du Fournel, L’Argentière-La Bessée 2016, € 19.- www.editions-fournel.fr

Uschi Grudzinski, Evelyn Holst: Gipfelglück. Atlantik Bücher, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, € 15.- www.atlantik-verlag.de

Von Col zu Col

Das Wetter war durchwachsen angesagt, doch wir hatten einen Plan B ausgearbeitet: Eine Route über zwei Pässe und zwei Gletscher, zu der wir kaum Informationen hatten, die beinahe unbekanntes Land war. Und wieder einmal wurde ein B Plan zum ganz besonderen, vielleicht zum grösseren Erlebnis.

9. Oktober 2017

Die Cabanne de Valsorey liegt hoch inmitten eines Steilhanges, klein auf einer Felsenkuppe. Es ist eine Bergsteigerhütte wie sie immer seltener zu finden sind. Das Plumpsklo liegt zwanzig Meter abseits auf einem Felsen in einem Blechcontainer, und weil im Schneefall vor zwei Tagen das Rohr gefroren und geplatzt war, ist der Brunnen daneben trocken und still. So muss man sich mit den Schneeresten behelfen, oder zum Waschen den Eimer voll Wasser nehmen, den die beiden Frauen, die hier wirten, als Ersatz neben den Brunnen gestellt haben.

Auf ihrer Rückseite wird die Hütte dräuend überragt von den tausend Meter hohen Flanken des Grand Combin, düsterer Fels, aus dem jetzt am Nachmittag das gepolter tauender und abbrechender Eiszapfen zu hören ist. Der beste Platz ist eine meterbreite Holzbank auf der Vorderseite, auf der wir nachmittags ein Vitamin-D Bad nahmen und abends die lange Dämmerung im Westen begleiteten. Dorthin geht der Blick frei und weit zu den stachligen Felsrücken des Mont Blanc-Gebiets, jetzt, Anfang September, eine Welt eingeschneiter Felsburgen, deren Gletscherzungen und Eisbrüche sich in die kaum einsehbaren Schluchten geflüchtet haben. Nur am alles weit überragenden Fast-Fünftausender in ihrer Mitte triumphieren sie emporschlängelnd über die Felsen. Während still, tief unter uns, silberne, fast durchsichtige Nebelstreifen vom Val d´ Entremont hereinzogen, beobachteten wir das schwindende Licht, den Sonnenuntergang hinter dem Mont Blanc. Erst als sich der zaghafte Schimmer des Mondes in den obersten Flanken der Brenva-Seite bemerkbar machte, gingen auch wir leise hinein in die längst schlafende Hütte.

Am Morgen waren wir vier die einzigen der insgesamt acht Gäste, die um Fünf bei einem dunklen Frühstück sassen. Als wir später die felsigen Hänge anstiegen, überschwappten uns wieder und wieder einzelne Nebel, die sich von einem wogenden Meer knapp unterhalb der Hütte lösten, über uns und dann an den Felsflanken in die Höhe krochen, um oben an den Graten zu verschwinden. Eine hohe Wolkendecke saugte den Mondschein in sich auf, wie ein Schwamm eine silberne Flüssigkeit, und leuchtete fahl über der schwarzen Erde. Das Leuchten wurde blasser während wir höher stiegen, bis es langsam in ein Rot tauchte, das eine irgendwo aufgehende Sonne kurz zwischen Horizont und Wolkendecke warf. Die letzten Meter zum Col de Meitin, auf dem uns plötzliche und jäh ein eisiger Nordwind anfuhr, stiegen wir schliesslich im Licht eines grauen Tages auf.

Jenseits, unter uns, lag das Gletscherbecken, eine gelbliche, spaltendurchzogenen Firnfläche, auf der weiss der Schnee von vor zwei Tagen, in langen, unterbrochenen Dünen lag. Der Weg dort hinab führte über einen blanken Steilhang und einen offenen Bergschrund und kostete uns Zeit da wir in zwei Seilschaften gingen und Eisschrauben ein- und ausdrehen mussten. Kaum unterhalb des Grates war der Wind wieder verschwunden, doch zog vom Glacier de Corbassiere langsam ein grosser Nebel herauf. In diesem Nebel schlichen wir handbreit vorbei an kleinen Spalten, die sich nach unten zu Kathedralen weiteten, als blicke man vom First eines Kirchenschiffes hinter einem verrutschten Ziegel ins Innere. So präsentierte sich uns das Plateau des Maisons Blances als eine Stadt der Hallen und Säle, die wir über ihre löchrigen Dächer passierten. Auf den Felsen am Fuss des Combin de Boveire spielte ein Sonnenfleck in dem wir rasteten. Der grosse Nebel war jetzt angestiegen und lag uns gegenüber am Grand Combin, vor dessen breiten Eisbalkonen er nur ein schmaler, unscheinbarer Streifen war.

Der Col de Panossiere, unser nächster Übergang, setzte fünfzig Meter hoch felsig auf den Gletscher ab. Wir erreichten ihn in einem weiten Rechtsbogen durch mal glattgeschliffene, mal brüchige Felsen und betraten auf seiner anderen Seite den Glacier de Boveire. Breite Spalten zogen kreuz und quer und verschwanden schmäler werdend im Neuschnee, den wir in tastenden Bögen durchspurten. Weiter unten umgingen wir eine Bruchzone am Rand einer Felseninsel, von der aus sich an manchen Orten Geröll auf die Spalten ergoss, während an anderen grosse, längliche Blöcke zu Brücken verklemmt waren, auf denen wir mit unseren Steigeisen kratzend balancierten, oder in einem kurzer Boulder über den Abgrund gelangten. Über die unterste Zunge und ihr steiles Ende hinab, gelangten wir schliesslich direkt neben dem Gletschertor auf das steinige Vorfeld.

Wie durch einen Tunnel gingen wir später hoch auf einer schmalen aber begrünten Moräne absteigend erneut durch dichten Nebel, als von der anderen Seite leise und wie von weit her, Kuhglocken zu hören waren. Unterhalb der Wolkenbasis durchstreiften wir Beete reifer Heidelbeeren und mussten uns dann gut fünfzig Meter weit durch Erlengestrüpp schlagen, ehe wir einen Weg erreichten, der über Weiden und durch Wald ins Tal führte und uns von seinen Rändern her überreich mit Himbeeren beschenkte.

Kein Tropfen Regen war gefallen und keinem Menschen waren wir begegnet.

Landschaften

Auch Bücher sind Landschaften. Schliesslich ist auch Lesen und Bilder Betrachten «das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt». Wie weit sich der Begriff dehnt, zeigt der Berg von Literatur zum Thema, den unser Rezensent hier auftürmt bzw. abbaut. Berge zerfallen, wie wir wissen, Landschaft bleibt. Ob flach, steil oder eben: Papier.

6. Oktober 2017

„Eine Landschaft lebt nicht nur durch das in ihr Sichtbare, sondern ebenso durch die Gestalten, die in ihr unsichtbar – oder nur in hindeutenden Spuren – anwesend sind, ob sie nun aus Büchern, Bildern, Erinnerung oder Überlieferung stammen; das Vergangene, Erfundene oder Wirkliche gilt hier gleich viel; in je gröβerer Dichte sich solche Erscheinungen einstellen, um so mehr hat die Landschaft Figur.“

Es ist ein jeder Hinsicht gewichtiges Buch, in dem sich auf den weissen Seiten 470-471 dieses Zitat von Franz Tumler aus seinem Text „Österreichische Landschaft“ gross abgedruckt findet; er stammt aus Tumlers Werk „Landschaften und Erzählungen“ von 1974. Das passt perfekt zu diesem gut zwei Kilo schweren und 560 Seiten dicken Buch „Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene“. Es erkundet auf wissenschaftliche, literarische und künstlerische Weise unterschiedlichste Landschaften in diesem Teil der Alpen bis hinunter ins Delta des mächtigen Alpenflusses. Entstanden ist es aus der Tagung „Grenzräume – Raumgrenzen: Ländliche Lebenswelten aus kulturwissenschaftlicher Sicht“ im April 2015 an der Uni Innsbruck.

„Es gibt viele Arten, Landschaften zu betrachten“: So beginnt Susanne Rau ihren grundlegenden Beitrag „Land und Landschaften“. Sie definiert Landschaft als „das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt“. Wie sich diese Definition so verblüffend wie überzeugend künstlerisch umsetzen lässt, zeigt Katharina Cibulka in der Arbeit „ist heute morgen“. Sie reiht alte Holzschindeln, die einst ein Haus bedeckten und es vor Kälte und Nässe, Sonne und Wind schützten, wie Dominosteine an verschiedenen Orten aneinander – auf Wiesen im Gebirge und neben einer Pferderennbahn, in alten Gebäuden, aufgegebenen Fabrikanlagen und modernen Räumen – und fotografiert die Installationen. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diese Fragen stehen da wahrhaftig im Raum. Man möchte den Holzschindeln natürlich mal live begegnen; fürs Erste begnügen wir uns mit den Farbfotos in „Landschaftslektüren“.

Nicht alle Beiträge sind so unmittelbar einleuchtend und berührend wie diejenigen von und zu Katharina Cibulka. Was aber Stefan Alber mit dem Mobiliar des Zimmers 206 des Hotels Pragser Wildsee gemacht hat, geht ganz schön unter die Haut. Und im epischen Gedicht „im atemgeröll mein lied“ von Christoph W. Bauer taucht der Begriff „heimatmoränen“ auf. Ob sich Francesco Petrarca darunter etwas hätte vorstellen können? Er, der um 1336 den Mont Ventoux bestieg und mit seinem Bericht darüber das Landschaftsbewusstsein initiierte.

Wer sich für die Auseinandersetzung mit Landschaft und Raum einst und heute interessiert, kann zu zwei weiteren Publikationen greifen. „Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum“ geht den Fragen nach, was Landschaftsqualität denn überhaupt ausmacht, welche Funktionen Landschaften gerade im städtischen und halbstädtischen Raum, als im Mittelland, erfüllen müssen und wie sie weiter entwickelt werden können. Keine Lektüre für Minuten. Aber man darf sich ja auch mal in etwas hineinknien, das uns alle angeht.

Im Beitrag „Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600“ für die „Berner Zeitschrift für Geschichte“ setzt sich Jon Mathieu wie immer informativ und unterhaltsam zugleich mit einem Epos auseinander, das einen etwas langatmigen Titel hat – der Beginn lautet so: „Ein Neuw, Lustig, Ernsthafft, Poetisch Gastmal, vnd Gespräch zweyer Bergen, In der Löblichen Eydgnossenschafft, vnd im Berner Gebiet gelegen: Nemlich dess Niesens vnd Stockhorns, als zweyer alter Nachbaren…“ Autor dieser barocken, 1606 erstmals aufgelegten Landes- und Weltkunde ist Hans Rudolph Rebmann (1566-1605), lange Pfarrer in Thun. Niesen und Stockhorn erzählen sich gegenseitig, was sie alles wissen, und das ist nicht wenig. Hier deshalb nur acht der 14‘000 Verse der Erstauflage:

Die Jungfrau hoch zu bsteigen schwer,
Wan nicht ein Horn der Münch dran wer,
Der Berg zween Gibel hoch auffgricht,
Der Schnee den einen lasset nicht
Der in bedecket allezeit,
Sein spitzigen Grad sieht man weit;
Der ander Spitz der Münch vast rund
Ein Jäger ihm ersteigen kundt!

 

 

 

 

 

Markus Ender, Ingrid Fürhapter, Iris Kathan, Ulrich Leitner, Barbara Siller (Hg.): Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene. Transcript Verlag, Bielefeld 2017, € 35.- www.transcript-verlag.ch

Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum. Herausgegeben vom Institut für Landschaft und Freiraum, HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Haupt Verlag, Bern 2016, Fr. 44.- www.haupt.ch

Jon Mathieu: Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, N° 01/17, Fr. 20.- www.bezg.ch

Mettmen im Schnee

Früh ist der Schnee gefallen. Gestern noch bis 1700 Meter. Ob Mettmen noch geht?

1. Oktober 2017

Noch einmal in diesem Herbst. Es sind noch Rechnungen offen. Hakenhänger, an Stellen, die einst leicht von der Hand gingen. Das Alter, aber bitte nicht ständig klagen. Schau nach vorn.
Die Seilbahn ist gut besetzt, Wanderer, Rentner, Familien mit Kindern, ein Hund. Sonne, Schnee liegt bis zum Stausee. Wir könnten ja auch wandern, aber zuerst einen Kaffee im neuen Berghaus, Berghotel-Mettmen. Die Bedienung freundlich, Glarnertüütsch, heimatlich. Das Haus passt gut in die Landschaft, Holzfassade. Initiative eines mutigen Ehepaars, das zuvor die Leglerhütte bewirtschaftet hat, Chapeau! Und es läuft gut, hören wir, besser als erwartet. Als wir erwartet haben. Was uns doch sehr freut.
Der See, randvoll, ein Spiegel. Wir stapfen durch den Schnee hinauf gegen die Felsen. Klettern? Ja, es geht. Der Fels ist trocken, sonnenwarm, griffig, herrlich. Mettmen eben. Wir sind allein, Stille, nur der Piff eines Murmeltiers schreckt uns auf.
Am Fuss der Wand bilden sich Pfützen vom schmelzenden Schnee. Aufgepasst, dass die Seile nicht nass werden! Auch das schaffen wir. Und auch die Stellen, die mir das letzte Mal zu schaffen machten. Es geht, es geht, es geht noch immer. Fein! Noch was Leichtes, als Kletterdessert. Das dann doch nicht ganz so leicht ist. Aber leichten Herzens steigen wir ab. Noch ein Kaffee auf der Sonnenterrasse. Blick zum tief verschneiten Glärnisch. Glück.

Über alle Berge

Zu Fuss oder im Renault. Durch die Schweiz oder durch Frankreich. Ein neues Zeitalter der Romantik scheint angebrochen. Die blaue Blume der Sehnsucht treibt die Schreibenden über alle Hügel und Pässe und Gipfel bis ans Ende der Welt – oder wenigstens des Landes. Drei Werke zum mitwandern oder nachwandern, dreisprachig rezensiert und zitiert.

30. September 2017

„And finally Zermatt, the Wailing Wall of mountaineering, with its Whympers’s Rope. I looked around me. Everywhere there are people going in and out of shops, garish posters, display windows, mannequins, stuff. Why, this is a bazaar, a souk of Western consumerism. And, towering above it all, attracting all regards, is this visitor from another continent, commanding respect and attention. The Matterhorn is, in fact, Europe’s minaret.“

Mutige Vergleiche, die der kanadische Historiker und Journalist Stephen O’Shea da in „The Alps. A Human History from Hannibal to Heidi and Beyond” zieht. Zermatt als Klagemauer des Bergsteigens, das Matterhorn als das Minarett Europas – was geologisch ja auch stimmt, weil es zur afrikanischen Platte gehört und so ein Besucher von einem anderen Kontinent ist. Gekonnt auf den Punkt gebracht: Das schafft O’Shea in seinem jüngsten Buch immer wieder. Zum Beispiel auch hier: „If Rousseau and Mary Shelley made the Alps titillating and Romantic, then the film version auf Ian Fleming’s character made them sexy. Of the twenty-four Bond movies, fully a third, by my count, have used the Alps as a location, as an accessory to danger and seduction.” Jean-Jacques und James sozusagen in die gleiche Seilschaft einknoten, da muss man den Alpenbogen und seine Geschichte(n) schon ziemlich gut kennen. Stephen O’Shea ist 2014 mit Hintergrundwissen, Notizbuch und Renault Mégane von Genf aus kreuz und quer durch die Alpen gekurvt, ohne allerdings ihren südlichen Teil zu besuchen. Was insofern schade ist, als gerade ein so mythischer Gipfel wie der Mont Ventoux ihn bestimmt zu rassigem Kurvenfahren und ebensolchen Gedankengängen verholfen hätte. Sein Buch, das im November auch auf Deutsch erscheint, ist oft amüsant und unterhaltend, manchmal auch böse und sarkastisch. Zuweilen verbremst er sich – vielleicht hätte Stephen O’Shea mehr zu Fuss gehen müssen…

Genau das machten Regula Jaeger und Markus Maeder, als sie „von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz“ gingen und diese Reise im Buch „Fussgang“ für uns (und sicher auch für sich) aufschrieben. Ein schöner Titel, ein frecher Untertitel und ein mutiges Cover (Regula nimmt, von Markus fotografiert, ein Nacktbad in einer Kuhtränke beim Aufstieg zur Rotstockhütte im Lauterbrunnental): Verlockend, nicht wahr? Vielleicht weniger das Bad als die Aussicht, von zu Hause aus aufzubrechen und ein klares Ziel vor Augen zu haben: Wenn nicht das Ende der Welt, so doch das Ende der Schweiz – Genf nämlich. In einem Tagebuch hält das Paar in Texten und Bildern fest, was es auf seiner Weitwanderung mit Start in Rapperswil am Zürichsee in 49 Etappen und in vier Jahreszeiten erlebt hat. Und wir Leser dürfen mitwandern und mitessen, mitreden und mitfrieren, mitsehen und mitjuchzen, miteinschlafen und am nächsten Morgen wieder mitgehen, Schritt für Schritt und Gang für Gang. Wir lernen auf dieser Mischung aus Via Jacobi und Via alpina ein Land kennen, wie wir es zu kennen glauben und wahrscheinlich doch nicht kennen. Die zwei nicht mehr ganz jungen, aber jugendlich gebliebenen Fussgänger zeigen uns mit Text und Bild, anschaulich und anmutig, gwundrig und gluschtig, hintergründig und hautnah eine etwas andere Schweiz.

Über alle Höger, Hügel und Hindernisse ist auch Sylvain Tesson gewandert, vom August bis November 2015. Quer durch Frankreich, von der rechten unteren Ecke bis in die mittlere Ecke oben links, von Tende im Hinterland von Nizza bis zum Cap de la Hague zuvorderst auf der Contentin-Halbinsel. Wenn möglich nicht auf sauber rot-weiss markierten Sentiers de Grande Randonnée, den berühmten Weitwanderwegen, sondern auf chemins noirs, wie Tesson die aufgegebenen, nicht mehr benutzten Wege bezeichnet, „auf versunkenen Wegen“, wie der deutsche Titel des Buches lautet. „Bisher las man Tesson, um in die Ferne zu schweifen. Jetzt kann man mit ihm die eigene Heimat erkunden“, lobte der „Paris Match“. Nun, als Führer zum Nachwandern taugt der jüngste Tesson im Gegensatz zum „Fussgang“ nicht wirklich, doch zum Lesen natürlich bestens, auf einer Frankreichreise oder zuhause auf dem Sofa. Und immer wieder gelingen Tesson gekonnte Formulierungen. Er fand auf seinem monatelangen Quergang die „géographie du non-lieu“ und die „cartographie du temps perdu“. Und auf dem Weg zum Mont Ventoux, entlang von gross angelegten Feldern gehend, wo einzig die Hangars der riesigen Traktoren für optische Abwechslung sorgen, frappiert ihn das: „La mondialisation avait ouvert son marché frankensteinien.“

Stephen O’Shea: The Alps. A Human History from Hannibal to Heidi and Beyond. Norton & Co., New York 2017, Fr. 37.90.
Die Alpen. Von Hannibal bis Heidi. Geschichten, Mythen und Legenden. Goldmann Taschenbuch (erscheint am 20. November 2017), Fr. 19.50.

Markus Maeder, Regula Jaeger: Fussgang. Von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz. NZZ Libro, Zürich 2017, Fr. 44.-

Sylvain Tesson: Sur les chemins noirs. Gallimard, Paris 2016, € 15.-
Auf versunkenen Wegen. 1000 Kilometer zu Fuss durch Frankreich. Knaus Verlag, München 2017, Fr. 29.90.  

Die Gürbe

Hommage an einen Fluss, die Gürbe. Fluss der Kindheit unseres Rezensenten. Verdammt wild und nie ganz zu zähmen. Also der Fluss. Die besprochene Dissertation widmet sich dem Hochwasserschutz, ein aktuelles Thema, nicht nur an der Gürbe.

20. September 2017

„Für Wattenwil war die Gürbeverbauung ein grosser Segen. […] Die Arbeiter sahen den Erfolg selber ein; an Stelle der Geisslein kamen Kühe in den Stall und die alten russigen Hüttli mussten sauberen neuen Häuschen Platz machen.“

Freute sich Wilhelm Bettschen, Amtsschwellenmeister und Bauleiter der Hochwasser-Schutzarbeiten im Oberlauf der Gürbe, im Jahre 1925. Er und die Arbeiter konnten sich so lange freuen, bis das nächste Hochwasser, der nächste Starkregen über dem Gantrisch-Gebiet in den Berner Voralpen die bisher getroffenen Schutzmassnahmen und die besser gewordenen Lebensbedingungen erneut beeinträchtigte oder gar zerstörte. Zwischen 1575 und 2010 passierten am 29 Kilometer langen Lauf der Gürbe, von der Quelle auf etwa 1680 Meter unterhalb der Gantrisch-Nordwand bis zur Mündung in die Aare auf rund 500 Metern, 75 Hochwasserereignisse, davon 12 in der Schadensklasse 4 (sehr schwer) und 3 in der Klasse 5 (katastrophal; so auch am 29. Juli 1990). Ein verdammt wilder und nie ganz zu zähmender Fluss, diese Gürbe. An ihrem Ufer habe ich in Belp neun Jahre lang gewohnt, bis in die vierte Klasse, am Parkweg 4, gleich neben einer Schwelle. Das Rauschen von Wasser, am Fluss oder am Meer, liebe ich noch heute – wenigstens so lange das Wasser nicht zu hoch kommt.

Die Gürbe also. Mein Fluss der Kindheit. Deshalb interessierte mich die Dissertation von Melanie Salvisberg, die nun der Basler Schwabe-Verlag als siebter Band der Reihe Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte publiziert hat: „Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010)“. Ein wissenschaftliches Buch, klar. Eines, das minutiös aufzeigt, alle Nebenbäche (auch die geologischen, technischen, sozialen, demographischen, juristischen und politischen) einbeziehend, was so ein harmlos scheinendes Bergbächli anstellen und kaputt machen kann. Zuerst noch unverbaut, dann immer mehr verbaut. Aber, so hat man das gerade an diesem Nebenfluss der Aare erkannt: Die Natur bleibt immer stärker – einmal wird es im Gäntu, wie die Berner das Gantrisch-Gebiet und ihren Hauptgipfel nennen, wieder zu stark regnen, und dann donnert das Wasser ins Gürbetal hinab und durch dieses dem Flugplatz Belpmoos zu. „Da die Hochwasserschutzmassnahmen an der Gürbe nie abgeschlossen werden konnten und im Oberlauf seit 1855 ohne Unterbruch und im Unterlauf nur mit wenigen Pausen Schutzprojekte umgesetzt wurden, sind an diesem Gewässer noch heute Bauten aus allen Bauphasen vorhanden“, schreibt Melanie Salvisberg im Ausblick. „An ihnen lässt sich der Wandel der Technik und der Wasserbauphilosophie erkennen. Die Gürbe ist damit ein interessanter Untersuchungsgegenstand und auch ein Anschauungsobjekt.“ Und ebenfalls ein Wanderziel, gerade am Oberlauf zwischen Quelle und Wattenwil, aber nur bei trockenem Wetter. Kurz: ein aktuelles, spannendes Buch. Bloss schade, dass viele der 42 Abbildungen zu klein gedruckt sind (vor allem die Karten), dass durchaus noch ein paar mehr Illustrationen (zum Beispiel über die Schutzbauten) hätten eingebunden werden können.

Bevor nun „meine“ Gürbe unweit der Elfenau in der grünen Aare verschwindet, noch zwei Zitate. Aus dem Berner Heimatbuch „Das Gürbetal und sein Bauernhaus“ von Paul Howald (1944): „,Ghörscht d’Gürbe rusche?‘ In der Gewitternacht sagten es Vater und Mutter zueinander, wenn sie aufgestanden waren und wachten.“ Und vom Song „Gürbe“ der Band Stop the Shoppers auf ihrem 1993er-Album „Kurt“ die ersten beiden Zeilen: „Gürbe chumm abe nimm d‘Schwelle riis Böim us friss Chempe / und usem nüüt wird e Donner es Grolle u Gröll chunnt cho z’rolle.“

Melanie Salvisberg: Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010). Schwabe Verlag, Basel 2017. Fr. 89.- www.schwabeverlag.ch

Daniel Anker: Rund um Bern. Rother Wanderführer, München 2013. Fr. 24.- www.rother.de