Palü

Palü, Erinnerung, Besteigung

Sie waren mit der Bahn über den Berninapass gefahren. Der Vater, der Junge und die Frau aus Deutschland. Man hatte ihr die Schweiz zeigen wollen. Die Berge vor allem, welche die Fremde, so dachte man, beeindrucken würden.
Doch sie wusste Bescheid. Sie erzählte von jenem Film, den sie vor dem Krieg im Kino gesehen hatte: «Die weisse Hölle vom Piz Palü». Sie wusste also, wie das war, wenn man auf Berge stieg. Der Vater, ein Bergwanderer, liess fachmännische Bemerkungen fallen. Sie wusste es besser. Der Berg war mörderisch, der Piz Palü vor allem. Nur das Matterhorn war noch gefährlicher. Der Piz Palü war ein schrecklicher Berg. Sie wusste auch, warum man trotzdem auf Berge stieg. Im Film hatte ein Bergsteiger ein junge Paar verführt, mit ihm in die Nordwand einzusteigen. Man musste sie retten. Ernst Udet, der berühmte Kriegsflieger, landete auf dem Gletscher und holte sie aus der weissen Hölle.
Der Junge schwieg. Blickte durchs Fenster der Berninabahn, während die Fremde erzählte, betrachtete die Schneehänge und Gletscherbrüche und fragte sich, ob auch er einmal dort hinaufsteigen würde auf einen der Gipfel, die ihm so abweisend erschienen. Und gerade deshalb verlockend.

Jahre sind vergangen seit jener Fahrt über den Berninapass. Die Frau ist keine Fremde mehr, sie ist seine Stiefmutter. Während er in der Dunkelheit über Moränenschutt zum Gletscher stolpert, im stochernden Licht der Stirnlampe hinter dem Freund her, denkt er an sie. Denkt: Wenn sie wüsste, dass wir den Palü besteigen wollen, über die Nordwand, würde sie wieder eine ihrer Szenen veranstalten.
«Du bist verrückt geworden. Nie wirst du diesen Berg schaffen, nie, du Schwächling.»
Vielleicht steigt er nur wegen ihr auf den Palü.

Eines Tages war ein Eisenbahnwagen voller Möbel aus Deutschland eingetroffen. Schränke, Tische und Polstersessel, die kaum in die kleine Wohnung passten. Und Bücher, Bücher.. Sie hatte ihm dicke, in Leder gebundene Alben gezeigt, vollgeklebt mit signierten Fotos berühmter Filmschauspieler, die sie gesammelt hatte. «Und das hier ist Udet, der in jenem Film den Gletscherflieger spielt. Erinnerst du dich? Die weisse Hölle vom Piz Palü. Und das die junge Frau, Leni Riefenstahl, die später selber Filme gedreht hat. Bergfilme und Dokumentarfilme über die Olympiade in Berlin und über den Parteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg.» Wieder erzählte sie die Geschichte von dem Bergsteiger, dessen Frau in einer Gletscherspalte den Tod fand, und der nun Jahr für Jahr an ihrem Todestag den Piz Palü besteigt und der Leni und ihren Verlobten überredet, mit ihm in die Nordwand einzusteigen. Ein Besessener, der zwei unschuldige Menschen verführt, ihm in die weisse Hölle zu folgen.

Im Halbdunkel auf dem blanken Gletscher, den sie ohne Seil überqueren, hört er Wasser unter den Füssen gurgeln. Jeder Tritt verlangt Aufmerksamkeit, und erst am jenseitigen Steilhang, während sie durchs Geröll ansteigen, spürt er die Beklemmung, die ihn vor jedem Aufstieg packt, stärker und immer stärker. Sie hatte ihm Angst gemacht vor den Bergen. Sie glaubte Bergsteiger seien einem Dämon verfallen, seien Verführte, die blind ins Verderben rannten. Als er trotzdem mit Klettern begann, hatte sie ihm das Bergsteigen kurzerhand verboten. Der Vater, der Bergwanderer, unterstützte sie und meinte, ein vernünftiger Mensch binde sich nicht ans Seil.
Doch immer wieder hatte er einen Weg gefunden, auszubrechen, sich Ausrüstung zu verschaffen, zu klettern. Immer wieder war es ihm auch gelungen, die Angst, die ihn am frühen Morgen packte, zu überwinden. Und wenn er nun den Palü schafft, über die Nordwand, dann hat er ihr und sich bewiesen, dass er auch ihre von Filmen und Büchern geprägten Urteile hinter sich lassen kann

Und doch zweifelt er wieder an sich, im oberen Gletscherbecken, wo die drei Pfeiler der Nordwand vor ihnen aufragen, steil und abweisend, eine geisterhafte Filmkulisse im fahlen Frühlicht. Wieder will ihn die Angst lähmen. Er wird es nicht schaffen, und sie wird recht behalten: «Eine Null bist du, ein Nichts, wirst es nie zu was bringen.»
Rasch bindet er sich ans Seil, zieht die Steigeisen fest, geht weiter. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die drei Spitzen, das Licht gleitet als lautlose Kaskade herab, wird zum Hoffnungsschimmer. Der rötliche Felspfeiler, der vor ihnen aus dem Eis bricht, ist vielleicht die letzte Mauer, die er auf seinem langen Fluchtweg überwinden muss. Die Hölle ist nicht der Berg, sondern es ist die ewige Angst, der er zu entrinnen sucht.

Der Freund steigt voran, so rasch, dass er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Spitzen der Steigeisen konzentrieren muss, die unter einer dünnen Neuschneeschicht kratzend Halt suchen. Ein Grat, immer schmaler und steiler werdend, stösst an den Fels, den schon die Sonne wärmt. Die wunden Finger auf den Griffen schmerzen, doch im Fels fühlt er sich wohl. Höher und höher klettern sie an diesem warmen Körper, der sie annimmt und ihnen Vertrauen schenkt. Während er sichert, denkt er für Augenblicke an jenen Besessenen im Film.

Tief unten irgendwo war seine Frau in eine Gletscherspalte gestürzt. Der Mann hatte sich in die Gletscherspalte abgeseilt, hatte an ihrem Grund noch ihr Gesicht erkannt, bevor das Wasser sie bedeckte, erstarrte. «Nun ruht sie im ewigen Eise …» Ein Satz, der einen selbst im warm gepolsterten Kinosessel erschauern liess. Die Frau war Berg geworden, liess sich nur noch als Berg spüren, nur noch als Berg gewinnen. Doch der Besessene hatte verloren, er musste – nach dem Willen des Drehbuchautors – sühnen für seine Schuld, musste fortan rastlos einen Weg durch diese Wand suchen, von einer im Tiefsten erotischen Sehnsucht getrieben. Er durfte diesen allmählich sich zurücklegenden Felskörper nie spüren, der gekrönt ist von einem im Sonnnenlicht bläulich schimmernden Eisaufschwung. Keine weisse Hölle, sondern lebendiges, knackendes, tropfendes Eis.

Auch für den Jungen war der Berg Frau geworden, Mutterersatz, Sehnsuchtsbild, doch schon nicht mehr unnahbar und unüberwindlich. Steil ist der Aufschwung, aber nicht überhängend, wie Freunde berichtet hatten, rauh und körnig das Eis, so dass die Frontzacken der Steigeisen greifen. Schillernde Fontänen sprühen auf, wenn sie eine Stufe oder einen Handgriff hacken. Die bleierne Schwere der Nacht ist endgültig von ihm gefallen. Die letzte Sicherungsschraube ins Eis. Dann stapfen sie keuchend durch tiefen Schnee den Gipfelfirst hinauf.

Ein zerfasernder Kondensstreifen über der Wächte lässt nochmals an Ernst Udet denken, den Rettungsflieger aus dem Film, der mit dem Tod des Besessenen und der dramatischen Rettung des jungen Paares endete. In einem Fackelzug wurden die beiden ins Tal gebracht. Der Verführer ruhte bei seiner Frau im ewigen Eise. Und auch Udet ist längst tot, der Fliegerheld, bei Hitler in Ungnade gefallen, hat sich selber das Leben genommen.
Die Geschichte, die ihm die Frau aus Deutschland bei ihrer ersten Fahrt über den Berninapass erzählt hatte, stammte aus einer andern Zeit. Aus einer Zeit der Angst, der Erstarrung. In den vergilbten Alben der Stiefmutter hatte sie überlebt.
Doch vielleicht hat er diese Schatten endgültig überwunden, jetzt, auf dem Gipfel des Piz Palü sitzend im gleissenden Licht, vor unbekannten südlichen Bergen, über denen weisse Wolkenburgen in den Himmel wachsen.

Emil Zopfi

Geschrieben um 1980, überarbeitet 2005

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