Philosophische Betrachtungen über die Alpen

Der Berg ruft seit (mindestens) 232 Jahren. Damals in einer 32-seitigen Schrift. Heute in Europas grösster Ausstellungshalle, im Gasometer Oberhausen, fern der Berge.

„So hören wir oft unter uns die bittern Klagen über die nachbarlichen Alpen, wenn unsre Sommer im Verhältnisse zu unsrer südlichen Lage nicht so heiβ, nicht so anhaltend, unsre Nächte nicht so warm sind, als in andern Gegenden, wenn an unsern Hügeln nicht der feurige Wein wächst, wie auf den Gebürgen am Rhein, der Mosel, und der Aar: oder wann der Winter mit verdoppeltem Froste uns härter überfällt, als das übrige nördlichere Deutschland, oder wann ein später Frost unsere Blüthen versenget, oder ein Hagelwetter die Hoffnung des Sommers zernichtet, oder die früher zurückkehrende Kälte die Früchten des Herbstes drückt, dann kömmt all das Unheil von den bösen Nachbarn, den Alpen.“

Schön beschrieben, sehr schön. Ganz nah am Leben erfasst, mit guten Beispielen aus dem Alltag. Es ist ja auch ein Vortrag, aus dem hier zitiert wird. Einer, der heute vor genau 232 Jahren gehalten und der dann gedruckt wurde von Anton Franz, kurfürstlich Hof-Akademie u. Landschaftsdrucker. 32 Seiten, von denen ich bis vor kurzem nichts wusste. Vom Autor auch nichts. Er heisst Stephan von Stengel, mit vollem Name Stephan Christian Freiherr von Stengel (1750–1822), „ein pfälzisch-bayerischer Aufklärer, liberaler Finanz- und Wirtschaftsfachmann im Dienst des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern, Staatsrat und Generalkommissar der Landesdirektion Bamberg, Radierer und Zeichner sowie Mäzen und Kunstsammler“, wie ich auf Wikipedia lese. Und Schriftsteller, müsste noch ergänzt werden. 1775 regte von Stengel, so erfährt man weiter in der digitalen Enzyklopädie, „die Gründung der Deutschen Gesellschaft an, um die Erkenntnisse in Kunst und Wissenschaft einer breiten Leserschaft zu vermitteln und die Schriftsprache zu verbessern“. Nun, diese Sprache beherrschte der Freiherr, schriftlich und eben mündlich.

„Philosophische Betrachtungen über die Alpen. Als die bairische Akademie der Wissenschaften das Andenken ihres glorwürdigsten Stifters Maximilian des Dritten, und den Tag ihrer Stiftung feyerte, in einer öffentlichen Versammlung vorgetragen von Stephan von Stengel, der Akademie ordentlichem Mitgliede, den 28sten März 1786.“ So lautet der vollständige Titel dieser Schrift, die man auch auf https://books.google.ch lesen kann. Ich erhielt sie von Christoph Schwarzenbach vom Buchantiquariat Hegnauer an der Münstergasse in Bern. Eine Pretiose, die einen Platz neben Gottlieb Sigmund Gruners „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“ erhalten wird. Ein Werk, so die Fussnote l), das Stephan von Stengel durchaus kannte.

Von den bösen Alpen spricht/schreibt der Freiherr in bayerischen Diensten nur auf den ersten Seiten. Dann zählt er all die Vorzüge der Alpen auf: Wie sie die vom Meer anwehenden Wolken abhalten, wie sie das Wasserschloss für halb Europa sind, wie es mitten in den Bergen wärmer sein kann als am Rande, wie die Luft dort oben rein ist, wie das Vieh auf den Bergrücken Nahrung findet und den Seuchen des Tieflandes entrückt ist, wie die Menschen in den Alpen gesünder und stärker sind. Kurz: Die Alpen „sind die Freunde des Menschengeschlechts“ (Seite 31).

Und: Stephan von Stengel reiste bestimmt in diesem Jahr ins nördlichere Deutschland. Dort, im riesigen Gasometer von Oberhausen, wurde am 16. März die Ausstellung „Der Berg ruft“ eröffnet. Sie, so lese ich auf der Website, „zeigt die Vielfalt der Berge und erzählt von der ewigen Faszination, die diese imposanten Welten in kargen Höhen und dünner Luft auf uns Menschen ausüben. Die Ausstellung lässt ihre Besucher teilhaben an den legendären Erstbesteigungen der berühmtesten Gipfel der Erde, sie berichtet von großartigen Triumphen und dramatischen Niederlagen. Und sie erzählt von der jahrtausendealten Ehrerbietung, mit der Menschen den Bergen begegnen; denn sie waren stets auch Orte religiöser Verehrung, der Zuflucht und Besinnung in Abgeschiedenheit, voller Mythen und Geheimnisse.“ Und über allem wacht ein verkehrt aufgehängtes Matterhorn.

Stephan von Stengel: Philosophische Betrachtungen über die Alpen. München 1786.

Der Berg ruft in Bern: www.hegnauer-antiquariat.ch
Der Berg ruft im Ruhrgebiet: www.gasometer.de/de/ausstellungen/der-berg-ruft

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