Picknick-Zeit

Der Drang des Menschen, im Freien zu speisen, hat etwas Unerklärliches an sich. Steckt wohl in den Genen seit den Höhlenbewohnern, die lieber an der Sonne ihre Hirschkeulen kauten als im feuchten Loch. Eine Ausstellung mit Buch schafft gewiss Klarheit über dieses urmenschliche Verhalten. Auch wenn’s in Frankfurt eher Bockwürste gibt statt Cervelat zum verkosten.

«Nous sommes partis de l‘hôtel le matin, avec un panier de pique-nique plein d’escalopes froides, de sandwiches, d’œufs durs, de bananes et de cidre. C’était chouette.»

Fein, so ein Picknick, nicht wahr? Vielleicht nicht ganz im heutigen Vegitrend mit den kalten Schnitzeln… Aber dieser Picknickkorb wurde ja auch 1962 gepackt und mitgenommen, im Buch «Les vacances du petit Nicolas» von René Goscinny mit den Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé. Ich fand es im offenen Bücherschrank «Nimm eins, bring eins!» auf dem Falkenplatz, eine zum Picknicken geradezu einladende Grünanlage unweit des Berner Hauptbahnhofes.

Und welchen Picknickkorb wollen wir mitnehmen? Zum Beispiel denjenigen mit integriertem Klapptisch für vier Personen, mit Korpus aus Korbgeflecht, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Teekanne und Rechaud aus Kupfer – ein englisches Luxusmodell von 1910. Oder, etwas handlicher, die japanische Picknickkapsel aus Kunststoff, ebenfalls für vier Personen von 1972. Wer nun die von Charlotte Trümpler und Matthias Wagner K herausgegebene Publikation «Picknick-Zeit» zur Hand nimmt, wird noch zahlreiche andere Modelle aus der ganzen Welt und drei Jahrhunderten entdecken. Allerdings braucht es für die Mahlzeit im Freien nicht unbedingt einen extra dafür hergestellten Korb – ein Rucksack tut es auch. Aus dem dann auf dem Gipfel oben die Flaschen gezogen werden, wie dies acht englische Alpinisten und Schweizer Führer am 30. August 1856 auf der Dufourspitze (4634 m) machten: «Out flew a couple of corks, and we drank to the Queen’s health.» Nicht zu viele Flaschen, wie Thomas Woodbine Hinchliff in seinem noch immer erfrischend lesbaren Buch «Summer Months among the Alps: with the Ascent of Monte Rosa» (1857) beschwichtigt, schliesslich brauchten sie einen klaren Kopf für den Abstieg. Die Kopfzeile über der Seite mit der zitierten Zeile lautet: «A PIC-NIC PARTY.»

Eines der höchsten Picknicks in den Alpen. Weiter unten und mit fester Nahrung liegen Picknicks natürlich auch drin, zum Beispiel in den Allgäuer Alpen. Ausschnitt aus «Himmelhorn» (2016), dem zehnten Kluftiger-Fall der Kultkrimi-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr: «Der Kommissar nahm seinen Rucksack vom Rücken, wühlte ein bisschen darin herum und fischte schlieβlich ein Paar Wiener, etwas Käse, einen Kanten Bauernbrot und eine Flasche Bier heraus. Ungläubig beobachtete ihn der Doktor dabei: ,Wenn Sie das alles essen, werden Sie keinen Meter mehr weiterfahren können.‘»

Kann Klufti selbstverständlich. Und wir ebenfalls. Vor allem müssen wir nach Frankfurt am Main fahren. Denn im dortigen Museum für angewandte Kunst hat Kuratorin Charlotte Trümpler das ganz grosse Picknick angerichtet. Ihre Ausstellung beschäftigt sich umfassend mit dem Phänomen Picknick und folgt der Faszination des Speisens unter freiem Himmel quer durch verschiedene Zeiten und Kulturkreise. Auf über 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erzählen Picknick-Utensilien unterschiedlichster Form, Machart und Herkunft, zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien (zum Beispiel diejenigen von Barbara Klemm), Filme (unvergesslich das Picknick von Grace Kelly und Cary Grant im Cabriolet hoch über den Dächern von Nizza) und Comics vom Variantenreichtum einer beliebten Tätigkeit.

Auf der Fahrt aber zum Frankfurter Picknick – oder beim Picknick auf dem Berner Falkenplatz – geniessen wir lesend die «Picknick-Zeit». So beispielsweise den satt machenden Beitrag von Volker M. Heins mit dem Titel «Die Revolution ist ein Picknick, keine Dinner Party». Bon appétit et à votre santé!

Charlotte Trümpler, Matthias Wagner K: Picknick-Zeit. Buchhandlung Walter König, Köln 2017, € 32.-

Die Ausstellung „Picknick-Zeit“ im museum angewandte kunst in Frankfurt am Main ist bis am 17. September 2017 zu sehen. Vielfältiges Rahmenprogramm, so am 1. August das Schweizer Picknick mit Raclette und Alphornklängen im Metzlerpark.
www.museumangewandtekunst.de/de/museum/ausstellungen/picknick-zeit.html

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