Rigi – mehr als ein Berg

Am Anfang war die Rigi. Geologisch wohl nicht, als Nagelfluhstock, aber jedenfalls berühmtester Schweizer Berg in den Anfängen des Alpentourismus. Wem die Zahnradbahnfahrt, eine Wanderung oder die Aussicht nicht genügen, kann sich in zwei neue Bücher vertiefen – oder ins Mineralwasser von Mario Bottas neuem Bad tauchen. Im Kaltbad, aber sicher geheizt.

Meine Lieben!                                                            Wölfertschen, 11. Juni 1928
Gestern Nachmittag wollten wir 3 Kurgäste auf Rigi Kulm, aber schon 31/2 Uhr begann der Nebel uns ganz einzuhüllen. Vorher bummelten wir noch nach Kaltbad & Staffel & genossen die prächt. Fernsicht auf Alpen & die 6 Seen, Sempacher, Hallwyler, Baldegger, Zuger, Sarner & Vierwaldstätter. Heute regnet es in Strömen & wir sitzen im geheizten Zimmer & lesen & schreiben.
Mit vielen Grüssen von hoher Alp, Euer getr. Papa

Postkarte von Theophil Anker an die Familie Anker-Steiner, Freie Straße 47, Bern. Schauen, schreiben, lesen: Das waren und sind wohl noch immer beliebte Tätigkeiten auf der Rigi, diesem Tafelberg im Seenland der Zentralschweiz, dank dem der Schweizer Tourismus vor 200 Jahren so richtig zum Höhenflug ansetzte. Alle stiegen hinauf, „um den Anblick der aufgehenden Sonne zu geniessen“, wie der Amerikaner James Fenimore Cooper, Autor der einst viel gelesen Lederstrumpf-Romane, 1836 im 12. Brief seiner „Ausflüge in die Schweiz“ festhielt. Wie er hinterliessen viele andere Besucher schriftliche Spuren, in Fremdenbüchern, auf Postkarten, in Journalen, in Romanen und Gedichten, in Sachbüchern, im Internet (zum Beispiel auf www.hikr.org).

Wer sich nun für die Geschichte der Rigi interessiert, kann zu zwei neuen Bildbänden greifen. Adi Kälin, in Küssnacht an der Rigi aufgewachsen und heute in Zürich als NZZ-Redaktor tätig, hat seinem Hausberg ein grossformatige Monografie gewidmet, mit zahlreichen alten und neuen Illustrationen, mit spannenden Beiträgen, welche neue Seiten des Rigi-Buches aufschlagen, wie die Ferienhausarchitektur, die einst prekäre Trinkwasserversorgung oder die ziemlich erfolgreichen Bemühungen des Schweizer Heimatschutzes um einen weniger überbauten Rigi-Gipfel (nach dem Motto „Freie Sicht auf freies Land“). Schwergewicht des Werkes von Kälin ist die touristische Erschliessung der Rigi – zu Recht. Ohne Wege, ohne Hotels, ohne Bahnen – wäre dann die Rigi der wichtigste und bekannteste Berg der Schweiz im 19. Jahrhundert geworden? Wohl kaum.

Am Anfang war die Rigi. Sie wurde als berühmtester Berg des Traumreiselandes Schweiz abgelöst durch Jungfrau und Matterhorn, später dann durch den Eiger mit seiner Mordwand. Heute haben auf der ganzen Welt mehr Berge den Übernamen „Matterhorn“ als „Rigi“, was vielleicht auch daran liegt, dass das spitzige Horu doch etwas markanter erscheint als der abgeflachte Nagelfluhstock zwischen Hohler Gasse und Brunnen. Doch Rigi taucht nicht nur auf im Zusammenhang mit Bergen, Beizen und Bädern (zum Beispiel im „Restaurant le Righi“ in Saint-Agnès oberhalb Monaco, im „Cafe Rigi Kulm“ in Wuppertal, bei den „Rigi-Rutschn“ im Freibad im bayerischen Peißenberg), sondern auch sonst. „Rigiblick“ ist eine Seilbahn, ein Theater und ein Restaurant am Zürichberg. „Il Righi“ ist ein Quartier auf einem Hügel in Genua mit dem gleichnamigen Funicolare, das 1901 seinen Betrieb aufnahm. Im Französischen und Italienischen verlängert man den kurzen Namen übrigens oft um ein „h“, da Rigi sonst als „Rischi“ oder „Ritschi“ ausgesprochen würde. Die meisten Rigis erheben sich freilich in der Schweiz.

Die Rigi ist eben mehr als ein Berg, wie Adi Kälin schreibt, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Wer nun vor allem in alten Fotos schwelgen will, nimmt das Buch von Ruth Reineke-Dahinden zur Hand. Sie ist im Hotel „Bellevue“ auf Rigi Kaltbad aufgewachsen, das 1998 abgerissen wurde. Der Nachfolgebau blieb eine Ruine, aber jetzt baute Mario Botta ein Bad, neue Eigentumswohnungen entstehen. Am Sonntag, 1. Juli 2012, finden die Eröffnungsaktivitäten für das „Mineralbad & Spa Rigi-Kaltbad“ statt, mit einem Volksfest für die Bevölkerung und alle Rigibesucher. Am Montag darauf wird das Bad offiziell eröffnet.

Vielleicht muss Köbi Kuhn, Ex-Fussball-Nationaltrainer und Rigi-Ferienhausbesitzer, seine Meinung ändern, die er in einem Interview mit der Berner Tageszeitung „Der Bund“ vom 6. September 2003 geäussert hat: „Auf der Rigi ist die Welt noch in Ordnung. Dort sitzen urchige Schweizer am Stammtisch und reden nicht über Fussball.“

Adi Kälin: Rigi – mehr als ein Berg. Mit Bildern von Gaëtan Bally, hier+jetzt Verlag, Baden 2012, Fr. 68.-
Ruth Reinecke-Dahinden: Die Rigi. Bilder und Geschichten, Sutton Verlag, Erfurt 2011, Fr. 37.90

Ein Kommentar to “Rigi – mehr als ein Berg”

  1. Gontara-Hansert Ursula sagt:

    Guten Morgen
    Gestern habe ich die Reportage im Radio,über die Rigi, mit sehr viel Interesse während meiner Fahrt von Genf nach Lausanne mitverfolgt. Ich denke, das Buch werde ich mir zu meinem baldigen Geburtstag selber schenken. Hört sich alles sehr spannend an. Ich liebe Geschichten unserer Vorfahren und wünschte mich manchmal in diese recht paisible Welt zurück. Ihnen einen schönen Tag und freundliche Grüsse Ursula Gontara-Hansert aus Lausanne

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