Schnee

„Auf den letzten Graten, zwischen knochenbleichem Fels, liegt schon der Schnee, weiss, wie ein Jauchzen…“. So ein Satz konnte nur ein Skifahrer schreiben. Max Frisch war einer; das Zitat stammt aus „Blätter aus dem Brotsack“ (1940). Wir jauchzen auch: Der Schnee ist da. Die Schneebücher ebenfalls. Wir wünschen schwungvolles Blättern und Lesen.

Es schneielet, es beielet
Es geit e chüele Wind
D’Buebe lege d’Händsche a
U d’Meitschi loufe gschwind.

Machen wir Mädchen und Buben. Aber nicht nur die Handschuhe ziehen wir an, sondern auch die Skis. Dann können wir noch schneller unterwegs sein. Auf geht’s in den Schnee, jetzt, wo er bis in die Niederungen gefallen ist! Im Folgenden seien vier neue Bücher vorgestellt, in denen die weissen Flocken die Hauptrolle spielen, im Guten wie im Bösen.

Der französische Radioreporter Alexandre Pasteur stellt in „Legendäre Skirennfahrer“ 47 Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer vor, die erstens häufig zuoberst auf dem Podest standen (und immer noch stehen, auch wenn Seriensiegerin Mikaela Shiffrin am Samstag im ersten Slalom der neuen Weltcup-Saison nur Zweite wurde) und die zweitens ebenfalls durch ihre Geschichte und Ausstrahlung zu Persönlichkeiten wurden. 21 berühmte Meitschis und 26 Buebe, von Émile Allais und Christl Cranz bis Marcel Hirscher und eben Mikaela Shiffrin. 13 aus Österreich, 9 aus Frankreich und 6 aus der Schweiz (Lise-Marie Morerod, Erika Hess, Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Vreni Schneider und Didier Cuche); fehlt aus helvetischer Sicht eigentlich nur einer, unser Bernhard Russi. Trotzdem: ein überzeugendes Skibuch, mit starken Bildern und legendären Geschichten. Ich persönlich mag mich noch gut an Jean-Noël Augert erinnern, wie er auf seinen Dynamic-Skis durch die Slalomtore flitzte. Als ich dann auch solche Latten mit dem Doppelstreifen auf den Spitzen hatte, versuchte ich es Jean-Noël gleichzutun – vergeblich.

Der 22. Band der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung widmet sich dem Thema „Sport und Freizeit“. Heute sind Freizeitaktivitäten fester Bestandteil der alpinen Identität und haben die ehemals landwirtschaftliche oder industrielle Prägung verdrängt. Im Sport spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, er wird damit zu einem interessanten Forschungsgebiet. Die Autoren untersuchen in drei Sphären (Luft, Boden und Untergrund) und in drei Sprachen die veränderten Formen der Aneignung der Alpen durch den Menschen und damit verbunden seinen neuen Umgang mit der Natur. Dabei ist nicht erstaunlich, dass der Schneesport an erster Stelle der acht Beiträge liegt: der Frauenskilauf im Schwarzwald; il turismo della neve Alpi italiane; alpinismo e ski (wie sich die publizistischen Bergbilder der Schweiz in der Zwischenkriegszeit veränderten); de la cure d’air à l’or blanc (der Schweizerische Interverband für Skilauf und die Herausforderungen des Skisportes in der Schweiz von 1920 bis 1960). Spannende Themen. Und gleichzeitig ein paar weitere Tore zur immer noch fälligen, umfassenden Geschichte des Skilaufs in der Schweiz.

Die Story über die mächtige Schneebrettlawine, die am 19. Februar 2012 auf der Freeride-Abfahrt Tunnel Creek am Cowboy Mountain im Kaskadengebirge im US-Bundesstaat Washington drei Tote forderte, erschien am 20. Dezember 2012 als Webpublikation der „New York Times“ – und ist dort immer noch zu lesen, versehen mit Fotos und Videos. In der Taschenbuchreihe „True Tales“ des DuMont Reiseverlages ist John Branchs Recherche nun auf Deutsch erschienen. Eine rasant und vielschichtig erzählte Geschichte über Glück und Unglück beim Skilauf, über Lawinen- und Menschenkunde, über Gruppenzwang und Drang nach der ersten Spur im Pulverschnee. Leider vermasselt die deutsche Übersetzung das atemberaubende Gleiten und Lesen immer wieder, weil „meadow“ anstatt mit Weide, Matte oder noch besser Grashang mit Wiese übersetzt wurde. Und eine Wiese ist fürs Pülverle und Lawinenabgehen einfach ein mässig geneigter Untergrund.

Wer jetzt findet, Schnee bis in die helvetischen Niederungen sei sowieso des Teufels, mag darauf hoffen, dass er anderswo fällt. Zum Beispiel in Griechenland. Vor ziemlich genau einem Jahr kam auf Griechisch, Englisch und Deutsch der erste Skitourenführer für Griechenland heraus: „Skitouren mit Meerblick“ von Christian Mayer. Mit Ski auf den Olymp, den höchsten Gipfel des Landes, oder auf den Psiloritis, den höchsten von Kreta: Sie wären doch Ziele für den Spätwinter. Jetzt, im Frühwinter, dürfte der Karava (2184 m) in den Agrafa-Bergen in Thessalien besser für erste Schwünge im frischen Schnee geeignet sein. Der Wetterbericht jedenfalls verspricht für diese Region von Mittwoch bis Sonntag Schneefall. Es schneielet, es beielet…

Alexandre Pasteur: Legendäre Skirennfahrer. AS Verlag 2017, Fr. 58.- www.as-verlag.ch

Michaël Attali, Anne-Lise Head-König, Luigi Lorenzetti (Hg.): Sports et loisirs – Sport und Freizeit. Geschichte der Alpen/Histoire des Alpes/Storia delle Alpi, Band 22. Chronos Verlag 2017, Fr. 38.- www.chronos-verlag.ch

John Branch: Die Lawine. Freeski-Albtraum am Tunnel Creek. DuMont True Tales 2017, € 8.- www.mairdumont.com Um die englische Orignalversion zu lesen, gibt man am einfachsten auf Google ein: cowboy mountain avalanche.

Christian Mayer: Skitouren mit Meerblick – Griechenland. Anavasi editions, Athen 2016, Fr. 29.90. Erhältlich bei der Buchhandlung Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch

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