Simboli della montagna

“Der Pickel ist für den Bergsteiger, was die Pistole für den Cowboy“: Eine der überraschenden Erkenntnisse aus dem so breit wie tief angelegten Buch über die Symbole des Berges. Dazu gehört auch lo chalet svizzero.

„Manchmal war mein Vater abends mit den Vorbereitungen für seine Bergtouren beschäftigt. Er kniete auf dem Boden und schmierte seine Schuhe und diejenigen meiner Brüder mit Walfischfett ein; er glaubte, er allein könne das richtig machen. Dann war im ganzen Haus ein groβes Geklirr von Eisenzeug zu hören: er suchte die Steigeisen, die Kletterhaken, die Pickel. Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt? donnerte er. Lidia! Lidia! Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt?“

Ausschnitt aus „Mein Familien-Lexikon“ von Natalia Ginzburg, das ich 1985 meiner Frau Eva als Lektüre für eine Skitourenwoche im April (im Tessin und Puschlav) schenkte, wie der Widmung zu entnehmen ist. Selbst habe ich das Buch auch gelesen; denn in die Seite 8, wo Tochter Natalia von den Bergtouren ihres Vaters Giuseppe Levi schreibt (Mutter Lidia Tanzi blieb lieber im Ferienhaus), machte ich ganz fein ein Eselsohr. Offenbar interessierte ich mich schon damals für das Schreiben über die Berge.

Und nun halte ich ein Buch in den Händen, darin hat es mehr als ein Eselsohr. Sollte man natürlich nicht machen. Doch bei der Lektüre von spannenden neuen, aber nicht teuren Werken ist das manchmal leider die einzige Methode, ein paar Schlüsselstellen zu markieren, wenn grad kein Schreibwerkzeug zur Hand ist. Das Werk, das ich so malträtierte, stammt von Franco Brevini, Dozent an der Universität Bergamo, Mitarbeiter beim „Corriere della Sera“ und Autor von rund 30 Büchern, darunter „Alfabeto verticale“ (2015). Auf dem Cover ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Matterhorn“ von Hans Maurus. Klar doch: Dieser Berg ist ein, wenn nicht DAS Symbol der Berge. Die fünf andern, die Brevini in seinem Buch eingehend untersucht, sind: Die Tiere der Alpen (Adler, Gämse, Steinbock und Hirsch), lo chalet svizzero, das Edelweiss, Heidi und der Pickel.

Das Buch ist mit 26 meist farbigen Abbildungen illustriert, vom berühmten Scheuchzerschen Drachen über den Salewa-Adler und die SAC-Gämse bis zur Matterhorn-Toblerone und zu einem Pornostar mit dem Übernamen „Edelweiss“. Ein breit und tief angelegtes Buch, das die Bergsymbole auch dort aufgreift, wo man sie kaum vermutet. Und seine Fundstücke und Quellen sind nicht nur italienischer Herkunft, sondern stammen aus ganz Europa und darüber hinaus. Klar begegnet man bekannten Grössen und Büchern, insbesondere beim Cervino. Aber gerade beim Schweizer Chalet lernt man Ansichten und Ecken kennen, die man so noch nie gesehen hat. Kurz: Ein Buch, das seinem Titelbildgipfel alle Ehre macht. Einziger Nachteil: Im Italienischen sollte man etwas mehr verstehen als „monte“, „cima“ oder „zio dell‘Alpe“ (Alpöhi). Diesen Satz hier am Beginn des Kapitels zum sechsten Symbol der Berge dürfte man jedoch verstehen: „La piccozza per lo scalatore è come la pistola per il cowboy.“

Franco Brevini: Simboli della montagna. Il Mulino, Bologna 2017, Reihe “Intersezioni”, N°491, € 16.-. www.mulino.it

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