Skilust

Jetzt ist auch der Schwarzwald weiss und wer es noch nicht weiss, erfährt es hier historisch und wissenschaftlich und touristisch: Auch jenseits des Rheins kann man skifahren. Es muss ja nicht immer Gstaad sein, auch wenn scheint’s Sartre mal dort philosophischen Winterurlaub verbrachte. Was weiter noch in dieser geballten Ladung Skiliteratur? Eine Gebrauchsanweisung fürs Skifahren, zu der unser Rezensent auch noch eine Gebrauchsanweisung für korrekte Faktenrecherche mitliefert. Aber wir sind grosszügig, schliesslich ist das post-faktische Zeitalter angebrochen.

„Noch vor wenigen Jahrzehnten wuβte man bei uns nur wenig davon, welches Frohgefühl eine Fahrt durch den winterlichen Wald in dem verzärtelten Groβstädter auszulösen vermag, und daβ ein Tag auf den verschneiten Bergen uns für Wochen entschädigt, die uns durch den Zwang der täglichen Arbeit an die dumpfe Stube fesselten.“

Cover Ski 1 BrettlehupferDie ach so wahren Worte konnte man am 30. Januar 1909 in „Die Woche. Moderne Illustrierte Zeitschrift“ lesen. Und jetzt wieder in einem gross angelegten Geschichtsbuch eben genau darüber, wie es dazu kam, dass die Städter plötzlich die Freuden des Skifahrens in verschneiten Wäldern und auf den Bergen mit Schnee entdecken. Dass die Bergler sich auch darüber freuten, wenn die Touristen nun auf einmal auch im Winter kamen. Ja, dass die Schreiner und die Druckereien ebenfalls froh über frische Arbeit waren. 516 Seiten dick ist das Buch „Brettlehupfer. Die Frühphase des Skilaufens im Hochschwarzwald (1890–1930)“ von Constanze N. Pomp: ein ebenso grossangelegtes wie grossartiges Werk, das am Beispiel des Schwarzwaldes zum ersten Mal wirklich ganz detailliert zeigt, wie sich der Skilauf in Mitteleuropa entwickelt hat, von den Pionieren mit den von Norwegen importierten Ski über die Rolle der Skiclubs bis zum Massenskilauf auf dem Feldberg. Wie Postkartenschreiber, Journalisten, Schriftsteller und Werbetexter zur Verbreitung des Skilaufs beitrugen, wie die Frauen davon profitierten, beispielsweise mit der Bekleidung – in Hosen liessen sich Kristianias einfach besser in den Schnee zaubern als in langen Röcken. Klar, es ist ein wissenschaftliches Buch, keine lockere Lektüre vor dem knisternden Chemineefeuer in der Skihütte, nach einem fröhlichen Tag auf den schmalen Brettern. Illustriert ist „Brettlehupfer“ mit 57 schwarz-weissen und farbigen Abbildungen.

Cover Ski 2 Ski BuchWer in Fotos vom Skilauf in all seine Facetten schwelgen möchte, von Tiefschneeabfahrten über Lifestyle und Mode bis zu den schönsten Chalets und Champions, sollte zum jüngsten Buch von Gabrielle Le Breton greifen: „Das ultimative Ski Buch – Legenden, Resorts, Lifestyle & mehr“. Auf dem Cover lächeln Jean-Claude Killy und Annie Famose bei den Alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Portillo, Chile 1966; er mit den Ski Dynamic VR17, sie mit Rossignol Strato – Legenden auch sie. Ein Bildband zum Sich-Erinnern, zum Schmökern und Träumen. Dass nicht jede der meist grossformatigen 146 Farb- und Schwarz-Weiss-Fotografien ein Frohgefühl auslöst, ist verständlich. Aber dass die doppelseitige Foto mit Mönch und Jungfrau Zermatt als eines der ausgewählten weltbesten Skigebiete illustriert, ist dann doch ein böser Kantenfehler.

Cover Ski 3 GebrauchsanweisungDass Stürze zum Gleiten durch Schnee gehören, merken alle, die sich an die Gleitgeräte gebunden haben. Das ist auch bei der „Gebrauchsanweisung fürs Skifahren“ von Antje Rávic Strubel nicht anders. Drei Beispiele: Arnold Lynn schreibt sich Lunn, Chamonix kann nicht als Wiege des modernen Wintertourismus bezeichnet werden, und Alberto Tomba schied 1994 in Lillehammer im Riesenslalom nicht „schon im zweiten Lauf“ aus – wenn schon, dann im ersten… Trotzdem: Dieser winterliche Band aus Pipers Gebrauchsanweisungen liest sich flott und interessant. Auch wer sich mit dem Skifahren schon näher befasst hat, lernt viel Neues kennen.
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Cover Ski 4 GlisseDas gilt selbstverständlich ebenfalls für Band 75 der gediegenen Revue trimestrielle „L’Alpe“. Das Thema diesmal: „Glisse – La grande aventure.“ Comme toujours: eine kluge, erfrischende und überraschende Präsentation in Wort und Bild. Diesmal beispielsweise Jean-Paul Sartre als Skifahrer: „l’être et le ski“. Man kann sich den französischen Existenzialisten irgendwie nicht auf den schmalen Latten vorstellen. Aber er und seine Frau Simone de Beauvoir sollen in den 1930er Jahren in Gsteig bei Gstaad Skiferien verbracht haben. Quelle aventure! Gleichfalls sehr lesenswert im neuen Heft: „Abécédaire amoureux de la glisse.“

Cover Ski 5 SchwarzwaldUnd dann sind wir auch schon fast am Ende der heutigen Lese(ski)fahrt. Nur noch dieser Hinweis: Jetzt, wo der Schnee bis in die Niederungen gefallen ist, könnten wir doch tiefere Gebirge aufsuchen als die Alpen. Wie wär’s eben mit den Hügeln dort, wo der Skilauf am Ende des vorletzten Jahrhunderts Fahrt aufnahm? Als neuer Rother Skitourenführer liegt seit ein paar Wochen „Schwarzwald mit Vogesen“ von Matthias Schopp vor. Nach einer der Touren auf den Feldberg, den höchsten Gipfel des Schwarzwaldes, könnten wir doch vom Feldberger Hof eine SMS verschicken, mit ähnlichem Wortlaut wie auf einer Ansichtskarte vom 9. Februar 1907:

„Bin für eine Woche hier oben; treibe viel Sport. Kannst Du es nicht einrichten hierauf zu kommen? Ich würde mich sehr freuen Dich hier begrüssen zu können. Bringe Deine Skier mit, wenn Du keine hast, kannst Du sie hier erhalten. Also sei kein Frosch & komme. Du wirst Dich hier sicher amüsieren!“

Constanze N. Pomp: Brettlehupfer. Die Frühphase des Skilaufens im Hochschwarzwald (1890–1930). Mainzer Beiträge zur Kulturanthropologie/Volkskunde. Waxmann Verlag, Münster 2016, € 44.90, www.waxmann.com.

Gabriella Le Breton: Das ultimative Ski Buch – Legenden, Resorts, Lifestyle & mehr. Vorwort von Franz Klammer. teNeues Media, Kempen 2016, € 49,90, www.teneues.com.

Antje Rávic Strubel: Gebrauchsanweisung fürs Skifahren. Piper Verlag, München/Berlin 2016, € 15.- www.piper.de.

L’Alpe n° 75, Hiver 2017: Glisse – La grande aventure. Éditions Glénat, € 18.-, www.lalpe.com.

Matthias Schopp: Schwarzwald mit Vogesen. Rother Skitourenführer, München 2017, € 14.90, www.rother.de

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