Sternennacht – Frech genug musst’ auch noch sein

Frauen in den Bergen sind nicht ganz so rar wie Bergbücher von Frauen, im Gegenteil. Im Schweizer Alpen-Club zum Beispiel machen die Frauen heute schon knapp zwei Fünftel aus, Tendenz steigend. Bergsteigerinnen, die neben dem Pickel auch zum Stift bzw. zur Taste greifen, bleiben die Ausnahme. Hier aber sind gleich zwei ausnehmend gute zu melden.

„Was Joe Simpson konnte, das kann ich auch, denke ich trotzig und muss fast über mich selber lachen. Ich blicke in das Meer von Büßereis, das mich von dem Geröllhang trennt, der zum Grat hinaufführt. Eine unendliche Distanz, und ich habe nur wenig Zeit, wenn Peter leben soll. Wenn ich leben will. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt eine ernsthafte Chance habe, bis zur Scharte zu kriechen. Aber ich muss leben, der Tod ist bereits hier, und das Einzige, das mir übrig bleibt, ist, auf das Leben zu setzen. Ich setze mich auf das Eis und beginne. Die ersten Büßerstufen gehen nach unten. Wenigstens sitze ich in der Sonne, nicht im Schatten.“

Ältere Bergfreunde mögen sich erinnern: „Sturz ins Leere“ von Joe Simpson erschien erstmals 1988, erlebte zahlreiche Auflagen (und Übersetzungen) und wurde 2003 verfilmt. Erzählt wird ein Bergdrama in den Anden, in dem es dem Autor nur ganz knapp gelingt, ins Leben zurückzukriechen. Atem beraubend und Gänsehaut erzeugend. Eine ähnliche Geschichte hat die Alpinistin und Literaturwissenschaftlerin Isabel Suppé erlebt: Im Juli 2010 stürzen sie und ihr Seilgefährte Peter an der Ala Izquierda (5532 m) in den bolivianischen Anden 400 Meter über die Südostwand ab und bleiben schwerstverletzt am Wandfuss liegen. Isabel kann sich, mit zertrümmertem Fuss und unbändigem Lebenswillen, in letzter Sekunde retten. Aber dann beginnt die zweite Leidenszeit mit unzähligen Operationen. Wie nun Isabel Suppé diese Geschichte im Buch erzählt – und zwar auf Deutsch als eine ihrer sechs Sprachen, die sie beherrscht –, ist grossartig und bewundernswert, vielschichtig und gekonnt. Atem beraubend, Gänsehaut erzeugend und Hoffnungen stiftend. Ein Bergbuch, das viel mehr als ein solches ist. Das verspricht ja auch das Cover: ein Ausschnitt aus „Sternennacht“ von Vincent van Gogh. So lautet auch der spanische Originaltitel: „Noche estrellada“. Derjenige der italienischen Ausgabe gefällt ebenfalls sehr gut: „Una notte troppo bella per morire.“

Und wie ist’s mit diesem Titel da: „Frech genug musst’ auch noch sein“? Er stammt vom Buch der Münchnerin Christl Gensthaler, von Beruf diplomierte Haushalts- und Ernährungswissenschaftlerin, Pädagogin und Musikerin, aus Passion Alpinistin. Keine extreme, aber eine zünftige: Eiger und Piz Bernina, schwierige Wände in den Dolomiten und im Wilden Kaiser. Am Seil ihrer Bergführer hat die Christl so manche Tour gemacht, auf die viele Männer stolz sein könnten. Mehr noch: In ihrem Buch mit dem Untertitel „Über den Watzmann bis zum Matterhorn“ schreibt sie über 20 Jahre Bergsteigen in den Alpen, und sie macht das gekonnt, frisch und auch ein wenig frech. Ein Buch, das Mut macht, die Passion zu leben. In diesem Fall zum Pickel zu greifen (ihn hält die Autorin auf dem Foto auf der Buchrückseite, am Gipfelkreuz des Matterhorns). Und zum Stift!

Isabel Suppé: Sternennacht. Eine Geschichte vom Leben und Schreiben. AS Verlag, Zürich 2017. Fr. 29.80.

Christl Gensthaler: Frech genug musst’ auch noch sein. Über den Watzmann bis zum Matterhorn. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 29.80. www.as-verlag.ch

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