Uli Wiesmeier und Peter Mathis

Von zwei Altmeistern der Bergfotografie liegen neue, überzeugende Werke vor. Perfekt für stille Abende in der warmen Stube, ohne oder mit Weihnachtskerzen.

„Auf den Auslöser einer Kamera habe ich zum ersten Mal mit 14 Jahren gedrückt. Im Fokus: ein Berg. Der Berg war der Kofel in den Ammergauer Alpen und die Kamera eine alte, defekte Praktica meines Vaters, die ich mir ausgeborgt hatte, ohne zu fragen.“

So beginnt eines der schönsten, grössten, schwersten und vielfältigsten Bergbücher, das ich in diesem Jahr in den Händen hielt, anschaute und las. Das sind doch einig und bestimmt mehr als diejenigen, die ich dann unter „Ankers Buch der Woche“ vorstelle. „Berg…“ heisst dieses Buch ganz einfach, Berg mit drei Pünktchen. Diese stehen für siebzehn Begriffe, von …bild und …bahn über …steiger und …strasse bis …tod und …blume. Zu jedem der Begriffe fotografierte der deutsche Fotograf Uli Wiesmeier, Jahrgang 1959, seine so präzise wie poetisch inszenierten Bilder, zu fast jedem gibt es einen klugen Textdialog mit dem gleich alten deutschen Alpinschriftsteller und -filmer Stefan König. Der achtzehnte Begriff steht für Bergwelt und fasst die ein- bis doppelseitigen Einschaltbilder zusammen, die den Bildband strukturieren; das letzte zeigt einen Wintereinbruch in herbstlicher Landschaft auf dem Gruberhof in der Südtiroler Gemeinde Lüsen, wo Uli Wiesmeier heute lebt.

Was das hochformatige Buch heraushebt aus dem Haufen gebirgiger Bildbände, ist diese fotografische Interpretation der Begriffe. Beispiel Bergbauer. Auf zehn Doppelseiten jeweils links das Porträt eines Bergbauers, einer Bergbäuerin, und rechts sein bzw. ihr Arbeitsgerät, freigestellt auf weissem Hintergrund, dazu kurze Angaben zu Person, Ort und Zeitpunkt. Auf der ersten Doppelseite jeweils eine ältere Person mit ihrem Hilfsmittel, wie Melkschemel; auf der zweiten eine jüngere mit der heutigen Ausrüstung, also Melkmaschine/Zitzenbecher. Genial. Genauso wie die Luftaufnahmen von Bergseen mit ähnlichen Formen, die Uli Wiesmeier auf seinen Gleitschirmflügen fotografiert: links die künstlichen Speicherseen für das „winterliche Kunstschneebombardement“ (König), rechts die natürlichen. Echt stark. Ein sehr empfehlenswertes Weihnachtsgeschenk.

Das gilt ebenso für den neuen Bildband des österreichischen Fotografen Peter Mathis, Jahrgang 1961. „Alpen“ heisst das quadratformatige Buch und zeigt 100 grandiose Schwarzweissaufnahmen aus dem ganzen Alpenbogen, eingeleitet durch den cleveren Essay „Die Eroberung des Abstands“ von Jan Kirsten Biener und aufgelockert durch Einschübe von Mathis selbst zu seinen Touren nach dem perfekten Bild. So eines ist das Cover, ein frisch verschneiter Gipfel mit markanten Rippen und Rinnen, Schneefahnen am Gipfelgrat oben, Berg pur, ein unbekannter Alpengipfel, wild und abweisend, vielleicht gar unerobert. Ist das Distlighorn (3716 m) in der Aletschhorn-Gruppe der Berner Alpen ja nicht; seine Erstbesteigung fand allerdings erst spät statt, 1892 durch den Engländer Thomas Porter Hatt Jose mit den Führern Clemenz Zurbriggen und Anton Walden. Auf der neuen 50-Franken-Note verdeckt das leicht höhere Schinhorn das Distlighorn. So viele Euro kosten die Mathis’chen „Alpen“, also ein Geschenk par excellence für Bergfreunde und Fotokünstler.

Mit der doppelseitigen Foto „Niesen- und Stockhorn-Ketten, Berner Voralpen“ musste ich mich minutenlang beschäftigen. Erstens: eine unglaublich stimmungsvolle Aufnahme mit einem Nebelmeer auf rund 2000 Meter, aus dem dick verschneite Gipfel wie urweltliche Inseln herausragen. Zweitens: So müssen die Alpen in der grossen Eiszeit ausgesehen haben. Drittens: Oben rechts das Stockhorn, dann weiter links meine Heimatberge vom Gantrisch zum Ochsen; in der Mitte rechts der Niesen und links abgetrennt seine Nachbarn Fromberghorn und Drunengalm; aber vorne rechts bildbestimmend ein wunderbarer weisser Gipfel, den ich – ich geb’s mich schämend zu – nicht gleich benennen konnte. Nun weiss ich es: Es ist der Dreispitz im Kiental. Grossartig. Wie das Buch von Peter Mathis, in dem er seinen Auftritt hat.

Uli Wiesmeier, Stefan König: Berg… Knesebeck Verlag, München 2017, € 75.- www.knesebeck-verlag.de

Peter Mathis: Alpen. Prestel Verlag, München 2017, € 50.- www.prestel.de

Der 11. Dezember ist der Internationale Tag der Berge. Dazu findet im Alpinen Museum der Schweiz in Bern um 19 Uhr folgende Veranstaltung statt: Pecha Kucha mit Klopfen, Käsen, Klöppeln. Zu Wort kommen Expertinnen und Experten, die sich mit Löchern auskennen: der Kantonsarchäologe von Graubünden, eine Klöpplerin aus dem Lötschental, ein Höhlenforscher, eine Käserin – und eine Slam Poetin, die unsere Fantasie löchert. Pecha Kucha ist ein unterhaltsames Format mit klaren Regeln: Die Vortragenden zeigen 20 Bilder, von denen jedes während genau 20 Sekunden erscheint. Für die Zwischentöne sorgt die Jodlerin Barbara Berger. www.alpinesmuseum.ch

Kommentar abgeben