Von Hütte zu Hütte, von Hotel zu Hotel

Noch einmal ein paar Tage wandernd unterwegs sein, bevor der Winter einbricht. Drei neue Führer machen Vorschläge.

„Das weltabgeschiedene, hoheitsvolle Canariatal und das mit lieblichen kleinen Seen, sogen. Meeraugen geschmückte Hochtal von Cadlimo bieten dem Alpinisten und rüstigen Touristen Ueberraschungen und Naturgenuss die Menge. Durch diese Täler hindurch wird er sich den Weg nach den eisgekrönten Gipfel des Piz Blas und Piz Rondadura bahnen. Für den Sommerfrischler kommen sie nicht in Frage, da er ausser den wenigen befahrenen Sommeralpen keine Ansiedelungen findet. Um so reichlicher erwarten ihn Bequemlichkeit, Ruhe und reine Luft in der idyllisch und weich zwischen Bergen eingebetteten Val Piora, die mit ihrem spiegelklaren Ritomsee, den ausgedehnten Alpenrosenfeldern, den starkatmenden Wäldchen und hellgrünen Alpen ein Paradies von entzückendem Reize und heimeliger Intimität darstellt.“

Blumige Beschreibung von Johannes Vincent Venner in seinem 1925 in dritter Auflage erschienenen Buch „Der Tessin – die Perle der Schweiz. Ein Führer durch das ennetbirgische Land.“ Aber leider nicht ganz fehlerfrei, abgesehen davon, dass mit dem Tessin normalerweise der Fluss und nicht das Land bezeichnet wird. Was Venner vergessen hat, ist die 1916 eröffnete Capanna Cadlimo der Sektion Uto des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), zu der schon damals Wege durch die drei genannten Täler führten, durchaus auch begehbar für Sommerfrischler. Die Capanna Cadagno der Sezione Ritom der Società Alpinistica Ticinese (SAT) hingegen wurde erst 1934 auf einer dieser Sommeralpen im Val Piora errichtet. Nicht mehr zur Verfügung für Tessinwanderer stand das erste, 1876 eröffnete Hotel Piora am spiegelklaren Lago Ritóm; es versank 1917 im Wasser, als der Staudamm erhöht wurde.

Die Hütten von Cadlimo und Cadagno sowie die weiter nördlich gelegene Camona da Maighels CAS stehen im Mittelpunkt einer viertägigen Wanderung im Gotthard-Massiv, die der druckfrische SAC-Führer „Bergwandern von Hütte zu Hütte“ vorstellt. Insgesamt 30 mehrtägige, leichte Hüttentouren in der Schweiz hat David Coulin ausgewählt, wovon eine im Waadtländer Jura. Das Besondere dabei: Am ersten Tag immer eine kurze Tour, so dass man nach einer vielleicht doch langen Anreise noch gemütlich und ohne Stirnlampe zur Hütte gehen kann. Und dabei sind es nicht nur SAC-Hütten, sondern auch einfache Nachtlager in einer Alphütte oder gar ein Zimmer in einem Berghotel. Los geht‘s, solange der Altweibersommer andauert und die Hütten offen bzw. bewirtschaftet sind.

Am Wildwasser des Val Canaria kommt vorbei, wer mit Jürgen Wiegand und Heinrich Bauregger den „Gotthardweg“ unter die Füsse genommen hat. Die beiden Autoren beschreiben die Etappen inkl. Varianten von Basel oder von Schaffhausen bis Mailand, detailliert und – ganz wichtig – mit genauen Angaben zu den Unterkünften. Das ist ja schliesslich etwas vom Wichtigsten, dass man nach knapp sechs Stunden Weg vom Gotthardpass in Deggio eine Bleibe für die Nacht findet. Und am andern Tag in Anzonico, und schliesslich in Milano. Von Schaffhausen aus braucht man dorthin via Chiasso 27, von Basel via Luino 30 Tage. Nichts wie los, solange der Gotthard noch nicht zugeschneit ist; allerdings lassen sich viele Etappen ganzjährig durchführen, beispielsweise diejenige von Sursee nach Sempach.

Seen gibt es auch im Dreiländereck Steiermark, Salzburg, Oberösterreich zu bewundern. Route 15 im Wanderführer „Der Dachstein“ von Hannes Hoffert-Hösl steuert von den Gosauseen durch das Radltal den Ort Hallstatt am gleichnamigen See an; unterwegs erfährt man lesend und sehend viel zu Friedrich Simony, den Dachstein-Professor. Natürlich wird auch der Hohe Dachstein (2995 m) bestiegen, wohl eher ein Ziel für rüstige Touristen als für Sommerfrischler. In diesem Naturpunktführer mit Tages-, Höhen- und Weitwanderungen wird freilich nicht nur stramm gegangen und arg, vielleicht auch ängstlich geschwitzt (übrigens auch auf Schneeschuhen). Nein: Die vielen Hintergrundartikel zu Natur, Kultur und Geschichte machen das Buch zu einem Ganzjahreswerk. Aufi geht‘s!

David Coulin: Bergwandern von Hütte zu Hütte. SAC Verlag, Bern 2018, Fr. 49.-
Jürgen Wiegand, Heinrich Bauregger: Gotthardweg. Rother Wanderführer, München 2018, Fr. 19.90.
Hannes Hoffert-Hösl: Der Dachstein. Wanderungen im Dreiländereck Steiermark, Salzburg, Oberösterreich. Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 34.-

Am Sonntag, 7. Oktober 2018, findet bei der Capanna Cadagno das traditionelle jährliche Treffen „Il piacere d’incontrarsi in capanna“ statt. Alles weitere unter www.satritom.ch.

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