Ein Jubiläumsbuch und ein Krimiband, darin die Aare je die Hauptrolle spielt. Aufgeschlagen am wohl lautesten Aareort in der Stadt Bern. Lose, läse, luege!

«Schaut sie euch an, die Aare! Was für ein Fluss, was für eine Macht!»
Genau das erlebte ich gestern Dienstag. Ganz zuvorderst auf der grossen Terrasse des Restaurant Schwellenmätteli in Bern, dort wo sie in einem spitzen Winkel über der Aare hängt, die vor und unter einem daher schiesst. Ohrenbetäubend ist vielleicht zu laut, aber wer auf den beiden Sesseln hockt, vom Wasser nur getrennt durch eine gläserne Balustrade, nimmt besser ein Buch mit als eine Person, um ein wichtiges Gespräch zu führen. Händchen halten geht natürlich bestens. Einfach alleine oder gemeinsam staunen über die Kraft des Wassers. Sie hautnah erleben ohne nass zu werden. Nur die paar Meter Höhenunterschied der Schwelle. Allerdings beschützt kein Sonnenschirm diesen exklusiven Logenplatz. Und so setzte ich mich dann nach einiger Zeit auf eine schattige Bank auf der Terrasse, immer noch umrauscht vom Aarewasser.
Das Eingangszitat stammt aus dem Ausgangskrimi im Erzählband «Mörderische Aare» von Sandra Rutschi. 13 kurze Krimi, 13 Tatorte entlang dem längsten ganz in der Schweiz verlaufenden Fluss, vom Grimselhospiz unweit der unteren Aarequelle bis hinunter nach Koblenz. Dort strömt die mächtige Aare in den wassermässig mingeren Rhein und verliert ihren Namen. Das stört Verena ganz fest, wie sie mit ihren Freundinnen Marietta und Claire auf der letzten Aarebrücke steht. Was die drei alten Damen dort vorhaben, ist nicht nett. Mehr sei nicht verraten, auch nicht, ob Holmes Watson findet in der Aareschlucht. Einfach lesen, Miss Rutschi versteht ihr Handwerk. Ebenfalls empfehlenswert neben dem «Schweller» in Bern die Mühlibar in Thun bei der Unteren Schleuse, das Restaurant Brücke in Niedergösgen, das Badi-Beizli im Schwimmbad Meiringen. Aber zum Baden ist die Aare dort noch viel zu kalt, im Brienzersee hingegen schwimmt es sich wunderbar, auch in der Aare in Interlaken. Viel Spass im Nass!
Und beim Lesen! Nicht nur mit Sandra Rutschi, sondern ebenfalls mit Annette Marti. Auch sie versteht ihr Handwerk. Und um Werke dreht sich ihr neues Buch, das 100 Jahre Kraftwerke Oberhasli feiert. Am 20. Juni 1925 wurden sie gegründet, die 100. General-Versammlung fand am 20. Juni 2025 statt, die Feierlichkeiten gingen gross über die Bühne in Innertkirchen an der Aareschlucht, dem Hauptort der KWO. Acht Kapitel schlägt Frau Marti in «KWOEINHUNDERT. Streifzüge durch die Welt der Wasserkraft» auf. Immer angesiedelt an einem wichtigen Ort, wie Grimsel altes Hospiz und Grimsel Spitallamm, wie Oberaar und Trift. Immer gekonnt Geschichte und Gegenwart und zuletzt auch Zukunft vermischt, immer mit ganz starken heutigen Fotos von David Birri, in Spannung gesetzt mit historischen Bildern. Zum Beispiel von den Familien, die an der Handeck leben mussten, in fast totaler Abgeschiedenheit im Winter. Zum Beispiel von der Zementseilbahn, die vom Goms über den Aargrat zum Oberaarsee ratterte. Was für Leben und Arbeiten, was für Werke! Und was für ein Werk!
Lose, läse, luege. Kann man auch ein paar Minuten oberhalb des Schwellenmätteli, im Alpinen Museum ALPS am Helvetiaplatz. In der Biwak-Ausstellung «Blubbb. Die Fundstücke des Aaretauchers Dave» (bis 21. September 2025). David Godio, der leidenschaftliche Berner Aaretaucher, fischt aus dem Fluss, was beim Schwimmen und Aareböötlen ins Wasser fällt – Designer-Sonnenbrillen, die neuesten Smartphones, wichtige Schlüssel, aber auch historische Schätze. Eine Ausstellung fast so erfrischend wie ein Aareschwumm mitten in der Stadt. https://alps.museum/ausstellungen/aarefundstuecke
Auch Zürich ist bekannt fürs Flussschwimmen in der City, das zur Zeit medial ja grad stark am Crawlen ist. Wie wenn das nicht schon mega lang mega in wäre… Item. Das Landesmuseum an der Limmat in Zürich zeigt die Videoinstallation «Wasserkraft und Widerstand. Erfahrungen Schweiz» im Landesmuseum in Zürich (bis 2. November 2025). Sie «befasst sich mit der wirtschaftlichen Dynamik, erinnert an die politischen Auseinandersetzungen und thematisiert die logistischen Herausforderungen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mit diversen Erfahrungen rund um die Wasserkraft in den Alpen berichten von der hohen Schule der Ingenieurskunst oder von den harten Arbeitsbedingungen auf den Baustellen.» www.landesmuseum.ch/wasserkraft-widerstand
Meine Matrona: Das gibt aaremässig zu tun – ein Krimi, ein Sachbuch, eine Ausstellung ob der Aare selbst und eine an ihrem zweitgrössten Nebenfluss.
Sandra Rutschi: Mörderische Aare. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 14,00.
Annette Marti (Text), David Birri (Bild), Alain Gruber (Gestaltung): KWOEINHUNDERT. Streifzüge durch die Welt der Wasserkraft. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2025. Fr. 59.-



