Abfahrt

Es ist eine alte Weisheit. Wer einen Berg besteigt, muss auch wieder runter. Das ist nicht immer so einfach, wie es aussieht.

Wir haben einen Vorsatz: Die erste Skitour muss vor Neujahr unternommen werden. Wenn nicht, wird es Mitte Januar oder meist noch später, und manchmal schieben wir die erste Tour hinaus bis März. Da wäre noch der Gemsfairen auf dem Programm, aber leider fehlt dann die Kondition. Es ist halt viel einfacher, die Kletterschuhe in den Rucksack stopfen, ins Tessin fahren und an der warmen Sonne klettern. Bis nur schon die ganze Skiausrüstung wieder beisammen ist und die neue Bindung, die wir über den Sommer beschaffen wollten, ist auch nicht da. Alles triftige Gründe, sogar die Kletterhalle den weissen Hängen vorzuziehen.
Dieses Jahr aber sind wir unerbittlich. Der Tag ist wolkenlos, grandios, die Hänge im Wägital makellos. Keine Spur nirgendwo, dafür an allen Börtern so kleine bösartige Schneerutsche. Aber nun sind wir mal da und das Spuren geht los im tiefen tiefen Schnee. Aber schön ist der Tag, die Schneekristalle glitzern. Der Lawinenbericht «erheblich» ist bald vergessen im lichten Wald unter der Schwarzenegg, wo einem die Erinnerungen an glückliche und heroische Tage im Bockmattli den Aufstieg verkürzen.
Ein Stück weit hat sogar ein Menschenfreund eine gute Spur angelegt, über den Grat zum Gipfel des Brüschstockbügel gehts dann wieder durch tiefen Schnee, der von der Sonne schon ein bisschen aufgeweicht ist. Kein Problem für uns alte Schneehasen, den Stemmbogen bringen wir allemal hin. Glauben wir noch, aber nicht mehr lange. Sich durch diese weiche grundlose Masse zu pflügen erinnert an den Knaben im Moor. Sinkt ein Ski ein im Steilhang, ist kein Halten mehr, kein Grund nirgends, man kippt kopfüber und dann taucht man ein und versinkt, bleibt eingemauert liegen als sei man in einer Nassschneelawine gefangen. Wenn jetzt der ganze Hang käme, bei dieser erheblichen Lawinengefahr und der Sonneneinstrahlung. Wir müssen uns gegenseitig ausgraben. In meiner ganzen langen bescheidenen Skitourenkarriere habe ich noch nie so einen Alptraum erlebt. Aber es kommt noch viel viel schlimmer. Nach einem Stück in leichterem Schnee dem Waldrand entlang sind meine Ski plötzlich tonnenschwer und bewegen sich keinen Zentimeter mehr vorwärts. Mit den angefrorenen Stollen sehen meine Ski aus wie überdimensionierte Weisswürste im Tiefkühlfach. Abkratzen, ein paar Meter fahren, wieder abkratzen. So kommen wir nie ins Tal. Also durch den Wald! Das geht etwa fünfzig Meter gut, dann stecke ich in einem Bach fest. Kann mich erst befreien, indem ich die Ski ausziehe, über die Böschung werfe und mich dann wie in einer Himalayawand hinaufgrabe. Nun, ich will den Leserinnen und Lesern den Rest ersparen, der endlich in eine leidlichen Abfahrt auf einer gekiesten Strasse mündet.
Dafür ist das Restaurant Stausee offen, der Kaffee, der Nussgipfel und das von der sehr netten Wirtin offerierten Weihnachtsgebäck lassen uns alle Mühen vergessen. Sie erzählt, am Wochenende seien Massen von Skitouristen auf dem Muttri und dem Rederten gewesen, hätten von prächtigen Verhältnissen geschwärmt. Muttri bei erheblicher Lawinengefahr? Niemals! Aber heute sind ja alle mit Lawinensuchgerät und Airbag ausgerüstet und auf dem iPhone gibs sicher ein App mit direktem Link zur Rega. Ein Bekannter war einen Tag nach uns im Toggenburg mit einer Gruppe. Der Tourenleiter habe gesagt, in fünfzig Jahren habe er noch nie so Bombenverhältnisse gesehen. Nun schneit es auch noch im Tessin. Aber wenigstens haben wir unsern guten Vorsatz erfüllt.

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