Alpenorte

Mann und Frau, eingeschneit in einer Alphütte. Wie das endet, kann man sich denken. Oder im ersten der beiden vorgestellten Bücher nachlesen. Dass bei Winterferien in den Alpen das Skifahren Nebensache ist, ist bekannt. Es muss ja nicht immer in der Alphütte funken, auch andere Formen alpiner Architektur fördern den Wintergenuss. Details dazu im zweiten Buch.

Cover Ski heilEr sah sie an und hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen, aber er bezwang sich.
„Darf ich fragen, wie Sie geschlafen haben?“
„Na, die Betten im Hotel Engadin Kulm sind ja etwas weicher. Ich glaube, ich fühle meine sämtlichen Knochen, aber geschlafen habe ich trotzdem vorzüglich. Es ist wohl noch fürchterlich früh, daß Sie das kostbare Petroleum wieder verbrennen.“
„Leider nein! Es ist schon fast halb zehn.“
„Dann können wir ja gleich gehen?“
„Auch das nicht. Wir sind regelrecht eingeschneit, und ich kann nicht einmal die Tür öffnen.“
„Herrgott, dann können wir wieder nicht fort?“
„Ich glaube schwerlich, denn es schneit noch immer.“
„Dann müssen wir womöglich bis zum Frühjahr hier bleiben und werden ganz verschüttet? Ja, bis dahin sind wir ja längst tot!“

Werden sie natürlich nicht sein, die Helden in „Ski-Heil! Sportroman“ von Otto von Hermsdorf (alias Otfrid von Hanstein). Das 120-seitige, westentaschengrosse Büchlein erschien als Band 16 der Lipsia-Bücher der Vogel & Vogel G.m.b.H. in Leipzig um 1920. Der Roman, eigentlich mehr eine Erzählung, schildert das halb zufällige Zusammenkommen von Erna von Schuckmann und Victor von Holten in einer tiefverschneiten Oberengadiner Alphütte. Er rettet sie aus dem Schnee – und aus den Ansprüchen eines New Yorkers. Mit einem Smartphone wie heute hätten die beiden wahrscheinlich nicht in der Hütte übernachten müssen. Für Erna & Victor wird sie immer ein besonderer Alpenort bleiben, mehr noch als das Hotel Kulm in St. Moritz.

AlpenorteAlpenorte mit besonderer Architektur stellen Claudia Miller & Hannes Bäuerle in einem gediegen gemachten Bildband vor, auf 184 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Fotos und Plänen. Von Häusern, die seit Generationen im Familienbesitz sind, über modern sanierte Chalets und zu Hotels umgebaute Ställen bis zur einsamen Hütte: So weit reicht das Portfolio der 25 vorgestellten Bauten. Zehn befinden sich in Österreich, neun im Südtirol, vier in Bayern und nur gerade zwei in der Schweiz (das Hotel Piz Tschütta in Vnà im Unterengadin und die Monte-Rosa-Hütte). In „Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur“ geht es aber gerade nicht nur darum – die Autoren erzählen auch von den Geschichten der Betreiber über Entstehung oder Weiterführung des Hauses und vom Leben und den Menschen in den Alpen, jedenfalls an solch vorzüglichen Orten. Wenn man in diesem Buch blättert und sich die wunderbaren Wohnzimmer, heimeligen Schlafkojen, gemütlichen Küchen und sonnigen Balkone anschaut, so möchte man gleich dorthin fahren (ist auch meistens möglich) und ein paar Tage ausspannen. Mit passender Begleitung und Lektüre. Etwas Schneefall darf auch nicht fehlen.

Claudia Miller, Hannes Bäuerle: Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur/Alpine Retreats – unique hotel architecture. Edition Detail, München 2014, 49 €

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