Alpine Journal 2016 & BERG 2017

Als Leser der Zeitschrift des SAC «Die Alpen» kann man nur erblassen vor Neid, wenn man hier erfährt, wie spannend, tiefgründig und welthaltig ein «Alpine Journal» des Londoner Alpine Club oder «BERG 2017» des DAV, OeAV und AVS daherkommen. Doch eigentlich liest man die «Alpen» ja gar nicht mehr und zum Glück gibt es Alternativen wie die besprochenen. Um mit dem Titel einer Reportage auszurufen: «Geht doch!» Nun, das neue Jahr ist im Anzug – vielleicht bringt es ja Überraschendes auch in der CH-alpinen Publizistik. (Die Redaktion.)

cover-alpine-journal-2016„Storm or sun I want to be in the mountains, peering around corners that hide small truths, always searching for bigger corners. Whether I reach the top or not means a lot less to me than seeing what lies in the middle.“

Schön, was da Ben Silvestre geschrieben hat, sehr schön! Um die Ecken schauen, um Neues zu entdecken, kleine Wahrheiten auf dem Weg zum Gipfel. Aber nicht er ist das Hauptziel, sondern der Weg dorthin. Was das neue Jahr bringen wird, wissen wir (zum Glück) nicht, aber wir gucken gwundrig um den Grat herum, bei Sturm – und bei Sonne sowieso.

Silvestres Wunsch zum Unterwegsein in den Bergen – und im Leben doch auch – findet sich in der jüngsten Ausgabe des ältesten und berühmtesten Bergsteigerjahrbuches der Welt. Im Untertitel von „The Alpine Journal“ heisst es: „A record of mountain adventure and scientific observation“. Sport und Wissenschaft in den Bergen: Das gilt seit 1863 unverändert, als der erste Alpinismusverein, der 1857 gegründete britische Alpine Club, zum ersten Mal seine Zeitschrift herausgab. Nun liegt der 120. Band vor, und noch immer macht es Freude, in den diesmal 457 Seiten zu blättern und zu lesen. Ein paar Highlights: Ben Silvestres Bericht „The Trouble with Happiness“ über die erste Durchsteigung der 1200 Meter hohen Ostwand des Jezebel East Summit (2880 m) in den fürchterlich abgelegenen Revelation Mountains in Alaska. Oder Derek Buckles Fazit einer Expedition in Korlomshe Tokpo Valley im Zanskar, wo die Erstbesteigung eines Matterhorn genannten Berges kurz unterhalb des 6050 Meter hoch geschätzten Gipfels scheiterte; rund 20 unbestiegene Berge soll es dort hinten noch geben – das wär doch ein Ziel fürs nächste Jahr! Ebenfalls spannend zu lesen: die Entwicklung der Sohle von Hadows wenig rutschfesten Schuhen bei der Erstbesteigung des Matterhorns zu den clever konzipierten Stiefeln von Mallory und Hillary am Everest. Und dann ist da noch der Überblick über die schottische Wintersaison 2015-16, mit dem Exploit eines Schweizers: „Dani Arnold’s repeat of Anubis is undoubtedly the most difficult Scottish ascent ever achieved by an overseas visitor.“

cover-berg-2017Auch in einem andern alpinistischen Jahrbuch geht es um Spitzenleistungen, um die jüngsten, aber auch um frühere. So beantwortet Nicholas Mailänder die Fragen, ob das Elbensandsteingebirge die Wiege des Freikletterns ist und wie weit Fritz Wiessner das amerikanische Free Climbing beeinflusst hat. Wie immer zeigt das Alpenvereinsjahrbuch BERG, das die Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol gemeinsam herausgeben, eine grosse Themenvielfalt. Der BergWelten-Schwerpunkt gilt diesmal dem Skitourenparadies Sellrain, einer bei uns kaum bekannten Talschaft im Westen von Innsbruck. In der Rubrik BergMenschen werden die grossen Alpinisten Voytek Kurtyka aus Polen und Rolando Garibotti aus Argentinien porträtiert. BergFokus widmet sich den Wegen und Steigen: Wie entstehen Wege im Gebirge, wann vergehen sie, warum gibt es immer wieder Clinch um Wegerechte und was macht eigentlich gutes Gehen aus. Unbedingt lesen: Die Reportage von Axel Klemmer über unser Unterwegssein zwischen Premiumwegen und No-go-Areas – Titel: „Geht doch!“

Genau, das machen wir. Vorerst vom 2016 ins 2017. Mit oder ohne Schnee, im Sturm oder an der Sonne. In diesem Sinne: Happy New Year!

The Alpine Journal 2016. Volume 120. Edited by Ed Douglas. The Alpine Club, London 2016, Fr. 45.-. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

BERG 2017. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2016, € 18,90.

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