Vier Bücher zur Historie des Bergsteigens. Eines kommt nicht hoch, obwohl es darin oft um die erreichten Höhen geht.
«Besonders im nichtdeutschen Auslande scheint man anzunehmen, die Schweiz sei, bevor englische Touristen sie besuchten, ein Land der Pfahlbauten und Steinäxte gewesen.»
So wunderte sich Bernhard Studer (1794–1887), erster Professor für Geologie an der Uni Bern, in seinem Standardwerk «Geschichte der Physischen Geographie der Schweiz bis 1815» von 1863. Nun, Äxte brauchte man schon, bevor die Engländer kamen, aber nicht nur zum Tiere erledigen oder Bäume fällen, sondern zum Bergsteigen. Wie beispielsweise der Cousin Gottlieb Studer (1804–1890), der ab 1825 während 50 Jahren unermüdlich mit Pickel und Zeichenstift durch die Alpen streifte, viele Gipfel als erster bestieg, beschrieb und zeichnete. Aber auch Bernhard ging zu Berge und machte 1836 zusammen mit Arnold Escher von der Lindt die Erstbesteigung des Gross Gstellihorn (2854 m), des höchsten Gipfels der Engelhörner; noch heute eine schwierige Klettertour.
Genau um diese Geschichte des Bergsteigens, bevor die Engländer in Scharen die Alpen besuchten und den Alpinismus endgültig zum Bergsport machten, geht es Andrea Zannini in «Controstoria dell’alpinismo». Der Historiker ergreift die Frage «Chi ha inventato l’alpinismo?» – und beantwortet sie auch fundiert mit zahlreichen Beispielen und Quellen. Schon die Einheimischen stiegen auf die Gipfel, einfach so, zur Freude und/oder aus Neugier, und manchmal hinterliessen sie oben einen Steinmann, nicht zur Freude der Engländer, die über eine Erstbesteigung jubeln wollten. So passiert an der Aiguille de Grand Sassière (3751 m) in den Grajischen Alpen auf der Grenze Italien-Frankreich; Bewohner von Tignes und Soldaten standen schon 1808 zuoberst auf dem heute (wegen des Rückgangs des Glacière de la Sassière) höchsten Wandergipfel der Alpen.
Sehr empfehlenswerte Lektüre, diese «Gegengeschichte des Alpinismus». Was sich zu «The White Ladder. Triumph and Tragedy at the Dawn of Mountaineering» leider nicht sagen lässt. Britische Alpinhistoriker behaupten immer wieder, erst ihre Landsleute hätten das Bergsteigen als Sport erfunden. Bevor der 1857 gegründete Alpine Club, der erste Bergsportverein, seine Zelte in Zermatt und Chamonix aufgeschlagen hätte, liest man nun auch bei Daniel Light, «the Alps had been the preserve of naturalists, geologists and physiscians, for whom it was unthinkable to climb a mountain in the name of anything else but science.» Aber genaue diese Wissenschaftler gingen, wie man in ihren Berichten und Büchern lesen kann (bzw. könnte), auch vor lauter Lust am Klettern auf die oft noch unbestiegenen Gipfel. Überhaupt: Ein Buch über den Beginn des Alpinismus ohne die Erstbesteigungen von Mont Aiguille, Titlis und Mont Velan – ist das wirklich «splendid», wie eine Quote auf dem Cover suggeriert? Drei der vier Kapitel der «weissen Leiter» fragen immer wieder danach, wer wann wo – und vielleicht auch warum – auf welche Höhe gestiegen ist. Diese besondere Geschichte des Alpinismus aber umfassend erzählen, vom Fuji bis Everest, mit all den Umwegen, Irrtürmern und Erfolgen, das gäbe ein tolles Werk.
Um die Höhe geht es auch im folgenden Buch, ja um die höchste – um den Everest (8848 m). Die Spitze seines Bücherberges ist mittlerweile so hoch, dass es schon fast künstlichen Sauerstoff braucht, um sie zu erreichen… Vor drei Monaten ist ein neues Buch erschienen, von einem der besten Kenner, der zwar nie ganz oben stand, dafür ganz oben steht in Sachen der möglichen Erstbesteigung durch George Mallory und Sandy Irvine am 8. Juni 1924. Die Leiche Mallorys wurde im Jahre 1999 gefunden, ein Schuh mit Überresten von Irvine im Herbst 2024 entdeckt. Jochen Hemmleb ist der Seilerste der Detektive am Everest. Nun liegen seine «Spuren am Everest. Das Rätsel um Mallory und Irvine» vor. Darin erzählt er packend von seiner Leidenschaft für die Berge überhaupt, für den Everest im Besonderen und für die beiden Engländer ganz speziell, die es vielleicht trotz allem schafften, ganz oben anzukommen. Das grösste Rätsel der Alpinismusgeschichte. Höhen und Tiefen von drei Leben: Auf dem Cover lacht uns der Autor, umrahmt von George und Sandy, rotwangig entgegen.
Die Autorin ist bekannt; ihre Bücher zu den polnischen und slowenischen Topalpinisten und zum Winterbergsteigen an 8000ern stehen in mancher Bergbibliothek. Nun hat sich Bernadette McDonald mit «Wahre Helden» den leider bisher kaum bekannten Sherpas und Baltis gewidmet, ohne deren Hilfe die 8000er im Himalaya und Karakorum kaum hätten bestiegen werden können. Ein wichtiges, sympathisches (und von Jochen Hemmleb aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte) Buch über vergessene Alpinisten und Alpinistinnen, von denen wir oft nur gerade einen kennen: Tenzing Norgay, zusammen mit dem Genfer Raymond Lambert Fast- und dann mit Edmund Hillary Ganzerstbesteiger des Everest. Heute gehen die Einheimischen im Himalaya und Karakorum selbst voran, wie die erste Winterbesteigung des K2 beweist. Anführer der zehn erfolgreichen Sherpas war Nirmal Purja; auf die Frage, warum der K2 nicht schon vor dem Januar 2021 von nepalesischen Bergsteigern bestiegen worden sei, antwortete er: «Weil ich nicht da war.» Selbstbewusste Anlehnung an die berühmte Antwort von George Mallory auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle: «Because itʼs there».
Andrea Zannini: Controstoria dell’alpinismo. Editori Laterza, Bari 2024. € 18,00.
Daniel Light: The White Ladder. Triumph and Tragedy at the Dawn of Mountaineering. Oneworld Publications, London 2025. £ 12.99.
Jochen Hemmleb: Spuren am Everest. Das Rätsel um Mallory und Irvine. Vorwort von Evelyne Binsack. AS Verlag, Zürich 2025. Fr. 42.80.
Bernadette McDonald: Wahre Helden. Sherpas, Baltis und der Triumph der Bergsteiger vom Dach der Welt. AS Verlag, Zürich 2025. Fr. 42.80.



