Als Gletscher noch aus Eis waren

«Zu Grindelwald den Gletschren by», das Lied des Gletscherpfarrers Gottfried Strasser singt man in Grindelwald wahrscheinlich heute noch. Nur: wo sind sie geblieben, die Gletscher? Die einstigen Touristenmagnete sind am Schwinden und sind sie einst verschwunden, werden es vielleicht auch die Touristen sein.

Als Gletscher noch„The expert ski-er has such fascinating ascents as the Grosse Scheidegg, the Faulhorn, Schwarzhorn, Mannlichen, Lauberhorn, Kleine Scheidegg and the Eiger.“

Ein Lob von Charles W. Domville-Fife aus seinem 1926 in London erschienenen Führer mit dem etwas lang laufenden Titel „Things Seen in Switzerland in Winter. A description of many of the winter sport centres of the high Alps, the wonderful scenery on the roof of Europe & the exciting & picturesque snow & ice sports which are enjoyed there.” Tempi passati! Nicht für das Lauberhorn, wo am kommenden Wochenende die Skirennfahrer wieder mutig über den Hundschopf auf die Kunstschneepiste springen werden (wenn es das Wetter denn erlaubt). Am Eiger aber ist das Skifahren passé, wenigstens auf der einst berühmten Abfahrt über das Eismeer zum Zäsenberg und dann über den Unteren Grindelwaldgletscher in den Talgrund hinab. Den Start zu dieser hochalpinen Abfahrt über das scheinbar ewige Eis ermöglichte die Station Eismeer der Jungfraubahn. An manchen Tagen herrschen pistenähnliche Verhältnisse, so gross war der Andrang. Schon Ende der 1950er-Jahre war der Einstieg, bedingt durch den Rückzug des Eises, jedoch nicht mehr möglich.

Davon berichtet ein neues, faszinierendes und betroffen machendes Buch: „Als Gletscher noch aus Eis waren.“ Unter diesem schönen, wenn auch etwas falschen Titel (solange es Gletscher gibt, sind sie aus Eis…) beschreibt die Berner Autorin Katharina Balmer die Entwicklung des Tourismus und die Folgen des Klimawandels in der Jungfrauregion. Es waren primär die Gletscher und die eisigen Höhen gewesen, die im 19. Jahrhundert in rasch steigender Zahl Gäste aus der Fremde anlockten und damit mutige, ja übermutige Projekte wie der Bau einer Luftseilbahn auf das Wetterhorn fast und einer Zahnradbahn zum Jungfraujoch ganz zum Durchbruch verhalfen. Balmer illustriert diese Geschichte mit zahlreichen historischen Abbildungen, die die rasante Entwicklung etwa der Stadt Interlaken eindrücklich demonstrieren. Einen Zeitsprung erlauben die 23 transparenten Folien im Buch, die über ein zeitgenössisches Bild geklappt werden können. Auf einen Schlag wird dabei der dramatische Rückgang der Gletscher sichtbar, die in Grindelwald noch vor 100 Jahren bis in den Talgrund vorgestossen sind. Bei andern Folien scheint sich allerdings gar nicht so viel verändert zu haben, jedenfalls bei Aufnahmen im Frühsommer, wenn die hohen Gipfel noch schneebedeckt leuchten. Beispielsweise in Lauterbrunnen mit dem Staubbachfall: einfach ein paar nette Chalets mehr. Aber man lasse sich durch solche scheinbar harmlosen Vergleiche nicht täuschen. Denn, so schreibt der Klimahistoriker Thomas Stocker im Vorwort: „Vor unserer Haustüre vollzieht sich der globale Wandel. Das Wasser aus den weltweit abschmelzenden Gletschern macht 40 % des Anstiegs des Meeresspiegels aus. Wasser aus unseren Alpengletschern lässt das Meer auch in Bangladesch, in Florida und in Tuvalu ansteigen.“

Tuvalu? Noch nie gehört? Ein Inselstaat im Pazifik; seine höchsten Punkte liegen nur fünf Meter über dem Meeresspiegel. Wenn die Gletscher also weiterhin kleiner werden, wird auch dieses ferne Land immer kleiner. Und auf einmal gibt es solche Länder in der Fremde nur noch in Büchern. Zum Beispiel in demjenigen von Charles W. Domville-Fife aus dem Jahre 1934: „World travels: A full descriptive narrative of personal travels in almost every land and sea and among most of the peoples both civilised and savage of the entire world.”

Katharina Balmer: Als Gletscher noch aus Eis waren. Jungfrauregion einst und jetzt. Verlag Ott, Bern 2015, Fr. 42.-

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