Alte Alpinisten

Zwei Bücher mit zwölf Biographien grosser Alpinisten.

«Ich bleibe Bergsteiger bis zu meinem Tod.»

Finaler Satz von Oswald Oelz in dritten Kapitel des neuen Buches von Ulrich Remanofsky mit dem munteren Titel: „Die wilden Alten. Zehn Extrembergsteiger – ein Leben lang am Limit“. Das Cover zeigt den Schweizer Marcel Remy, geboren am 6. Februar 1923, am scharfen Ende des Seils im schwierigen Klettergebiet Saint-Loup. Neben diesem uralten Sportkletterer porträtiert Remanofsky, mit Jahrgang 1943 selbst nicht mehr der Jüngste, folgende alten Alpinisten: die beiden Söhne Claude und Yves von Marcel Remy, Bernd Arnold, Peter Habeler, Pit Schubert, Walter Spitzenstätter, Manfred Sturm, Otti Wiedmann und eben Oswald Oelz. Wie man das schafft, zwischen Eintreten ins Rentenalter und Abtreten noch dermassen Auftreten zu können, zeigt Remanofsky in eindrücklichen Porträts. Habeler zum Beispiel, der mit fast 75 Jahren noch locker durch die Eigernordwand klettert. Marcel Remy, der sich noch sicher in der Senkrechten bewegt, wenn andere längst ins Waagrechte verschwunden sind. Gleichzeitig erinnern sich die Alten gerne an frühere wilde grosse Touren – auch das gehört selbstverständlich zum Älterwerden, und dem wird in diesem Buch auch unterhaltsam nachgelebt. Wie immer bei einer Auswahl kann diese befragt werden: warum nur schweizerische, deutsche und österreichische Bergsteigern, warum nur Männer? Oder gibt es keine weiblichen wilden Alten? Doch: Martine Rollande (Jg. 1949), um nur einen Namen zu nennen. Catherine Destivelle, Lynn Hill und Nives Meroi haben zwar grad die Schwelle von 60 überklettert, aber dann gehört frau noch nicht zur alten Garde, mais non!

Fredy Hächler hingegen tut es mit Jahrgang 1932. Am 18. Juli 1959 erreichte er zusammen mit Alois Strickler (1924–2019) den Gipfel des Matterhorns, nach der 13. Durchsteigung der Nordwand. „Wenn du auf dem Gipfel oben ankommst, bist du nicht mehr derselbe Mensch, der unten eingestiegen ist, und dies für dein ganzes restliches Leben.“ So wird Hächler im Buch zitiert, das Bruno Bollinger über ihn und Strickler geschrieben hat. „Eine besondere Seilschaft“ schildert ausführlich und mit vielen zeitgenössischen Abbildungen das Leben der zwei Spitzenbergsteiger. Wilde Zeiten haben beide Schweizer erlebt, im Fels wie auf dem Wasser. Strickler war der zweite Alpinist, der die sechs klassischen Nordwände (Grandes Jorasses, Dru, Matterhorn, Eiger, Badile und Grosse Zinne) durchstieg, die Gaston Rébuffat von 1945 bis 1952 gemacht hatte und 1954 im Buch „Étoiles et tempêtes“ verewigte. Und die auch bei jungen Bergsteigern immer noch für Herausforderungen sorgen. Den Einstieg zur Doppelbiographie markiert ein Zitat von Alois Strickler: „Schwierige Touren machen viele, die Kunst ist dabei alt zu werden.“

Erhard Loretan konnte das leider nicht erleben. Bei der Ausübung seines Berufes als Bergführer stürzte er am 28. April 2011 am Gross Grünhorn in den Berner Alpen zu Tode. Es war sein 52. Geburtstag. Zu Ehren von Erhard Loretan finden im Alpinen Museum in Bern und im Musée gruérin in Bulle Gedenkveranstaltungen statt. Im Zentrum stehen seine bisher kaum veröffentlichten Filme. Mit dabei sind Renata Loretan, die Mutter von Erhard, sowie Berggefährte Jean Troillet, mit Jahrgang 1948 ein ziemlich wilder Alter.

Ulrich Remanofsky: Die wilden Alten. Zehn Extrembergsteiger – ein Leben lang am Limit. Alpinverlag, Bad Häring 2021, € 13.00 www.alpinverlag.at

Bruno Bollinger: Eine besondere Seilschaft. Alois Strickler – ein lebenslang leidenschaftlicher Kletterer. Fredy Hächler – ein lebenslang leidenschaftlicher Abenteurer. Munggenverlag, Erstfeld 2020, Fr. 40.00 www.munggenverlag.ch

Hommage an Erhard Loretan: Höher, schneller, leichter. Mittwoch, 17. 11. 2021, 18.30 Uhr, Alpines Museum der Schweiz. Mittwoch, 24. 11. 2021, 19.30 Uhr, Musée gruérien in Bulle (leider je ausgebucht).

Kommentar abgeben