Alte Bergromane

Lesen bleibt sicher. In Bergromanen sterben höchstens die (guten und/oder bösen) Helden. Auch in solchen, die zwischen der Spanischen Grippe und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges herausgekommen sind.

«An einem Schlechtwettertag verkündeten die Zeitungen, in Basel und Bern und fast allen Schweizerstädten seien die Schulferien der Grippe wegen verlängert worden. Bis in die obersten Alphütten war die Krankheit hinaufgekrochen und verschonte weder jung noch alt. Der Doktor setzte sich an die Betten und traf energische Maβregeln, um einer Verschleppung vorzubeugen. Aus Furcht vor Ansteckung flüchtete ein Kurgast nach der Concordia, und weil dort auch schon jemand auf der Pritsche fieberte, aufs Jungfraujoch, wo er, wie es später ruchbar wurde, mit allen bösen Erscheinungen der Seuche sich ins Bett werfen muβte.»

Ziemlich aktuell, dieser Roman von gestern, nicht wahr? Er erschien erstmals 1919 in der Grote’schen Verlagsbuchhandlung in Berlin; vor mir liegt die Ausgabe von 1920, mit dem Vermerk „Siebentes Tausend“. Vor etwas mehr als 100 Jahren wütete die Spanische Grippe auf der Welt und forderte Millionen von Toten. In „Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische“ thematisiert der Berner Schriftsteller Johannes Jegerlehner am Rande diese verheerende Grippe. Sie kann aber die gesunde Bergluft nicht kontaminieren, die Jugendlichen auf der Riederalp und aus der Stadt schon gar nicht. Trotz Influenza-Pandemie erleben diese glückliche Sommerferien am Rande des Aletschgletschers, und wir Leser mit ihnen. Zum Beispiel, wenn wir virtuell auf dem Riederhorn sitzen und die Aussicht geniessen: „Im Rücken die Fuß- und Fiescherhörner und mitten durch, von hundert Zungen und Firnwassern gespeist, eine Milchstraße der Erde, der in seinem Schrecken erhabene und in seiner Erhabenheit Schrecken gebietende Aletschgletscher.“

Auch wenn die Pandemie-Massregeln der Corona-Grippe nun gelockert wurden und werden, so ist es immer noch angeraten, auf dem sonnigen Balkon oder in der sicheren Stube ein Buch zu lesen. Und warum nicht einen zweiten alten Bergroman? Ludwig Ganghofer zum Beispiel. Vor rund vierzig Jahren habe ich viele Werke des bayerischen Schriftstellers verschlungen. Nun verbrachte ich einen ruhigen Abend mit „Der laufende Berg“. Höchst eindrücklich, wie er die (fast) vergeblichen Bemühungen der Bauern gegen Murgänge schildert – Katastrophen, die unseren Gebirgsgegenden auch immer wieder drohen. Natürlich sind neben dem Flechten von Abwehrzäunen noch Liebesgeschichten hineingeflochten – was wäre ein Roman ohne solche? „Vroni hatte die Stube verlassen und war vor die Haustür getreten. Hof und Garten waren hoch verschneit. Der Schnee funkelte in der Sonne, und lautlose Winterstille lag über dem weiβen Berggehäng. In diesem frostigen Schweigen tönte durch die klare Luft ein leiser, kaum noch vernehmbarer Hall aus dem Tal herauf: kling, kling, kling, kling. Das setzte immer aus und tönte nach einer Weile wieder: kling, kling, kling, kling. Mit finsterem Gesicht wandte sich Vroni in den Flur zurück und brummte: ‚So an Spitakel machen, daβ man’s bis da auffi hören muβ!‘ Verdrossen ging sie an ihre Arbeit.“ Der Schmied und die Vroni – nein, ich sage nichts.

„Du verstehst und entschuldigst alles“, tadelt ihn die Mutter, „genau wie dein Vater, und was hat er davon gehabt in seinem kurzen Leben? Was hat er gehabt, Bub?“
Da bricht es aus Jöri hervor: „Mutter, das versteht ihr Frauen nicht, das mit den Bergen.“
„Dummheiten“, grollt sie bitter, „Eis und Schnee und Steine, was mehr – schade um die Zeit und die Mühe!“
Ausschnitt aus dem Gespräche zwischen der Witwe Madji und ihrem Sohn Jöri, Bergführer wie sein Vater, der in den Bergen gestorben ist. „Der Bergführer Jöri Madji“ heisst der zweite Roman des St. Galler Schriftstellers Ernst Otto Marti, 1937 von der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart publiziert. Er spielt in den Bündner Bergen, ohne dass die Orte und Gipfel genau lokalisiert werden können. Es geht um Freund- und Feindschaften, um familiäre und andere (!) Beziehungen, um den Beruf des Bergführers. Und ums Bergsteigen, ja um Erstbegehungen. Etwas, das damals höchst aktuell war – die undurchstiegene Eigernordwand hatte 1935 und 1936 sechs Tote gefordert. In Max Frischs zweitem grösseren Werk, „Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen“, im gleichen Jahr und Verlag wie Martis „Bergführer“ erschienen, erklettert der Held einen noch unerstiegenen, höchst schwierigen Nordgrat. Jöri liebt solche alpinistischen Herausforderungen ebenfalls:
„Und über diesen Grat sollen wir nun? fragt sich Jöri Madji. Noch einmal liest er in den trockenen Mienen der beiden Engländer.
Diese beharren darauf. Jöri steckt die Hand durch die Pickelschlaufe und macht den ersten Schritt ins Ungewisse. Er denkt jetzt nicht mehr daran, daβ sie eine Erstbegehung ausführen wollen. Jetzt geht es um Messerschärfe ums eigene Leben und das der andern. Der Fels ist gut.“

In meinem Büchergestell fand ich noch einen vierten Roman, über dessen Gratrücken ich bisher immer hinweggesehen habe: „Die Freundschaft von Ladiz. Roman aus den Bergen“ von Max Mohr. Ein spannender Erzähler und Dramatiker, geboren 1891 in Würzburg, gestorben 1837 in Schanghai. Im gleichen Jahr verstarb übrigens auch Johannes Jegerlehner. Offenbar ein ganz besonderes Jahr. Item, den Roman aus den Bergen des Karwendels und die schwierige Freundschaft zwischen dem Engländer Philipp Glenn und dem Einheimischen Xaver Ragaz habe ich nun gelesen; allerdings, es sei zugegeben, nicht ganz. Das erste Buch, mit „Die Apokalypse“ betitelt, konnte mich nur mässig erwärmen, ausser im sechsten Kapitel, wo von der „Aiguille de Ragaz“ im Montblanc-Massiv die Rede ist. Im zweiten Buch, ganz modern als „Das Missing-Link“ überschrieben, erfuhr ich, wie Philipps Freundin Fanny Purgasser in einem kleinen Schneebrett ums Leben kommt. In den dritten Romanteil, „Die Nordwand“, stieg ich voll ein und kraxelte durch Irrungen und Wirrungen bis auf den Gipfel. Hier ein Ausschnitt aus dem Hüttengespräch der beiden Helden auf Seite 246:
„Gut, trinken wir Burgunder, feiern wir die groβartige Suppe, begraben wir die Nordwand – morgen wird gefaulenzt.“
Glenn schlürfte erst an dem Becher, dann an dem Suppenlöffel.
„Und übermorgen wird auch gefaulenzt! Zwei Tage sind kaputt durch diesen Alkohol – schlürfen Sie nicht so gemein!“

Als ich das las, kam mir Anderl Heckmair in den Sinn, der Anführer der Viererseilschaft, die 1938 erstmals durch die Eigernordwand kletterte; 1937 hatte er mit Theo Lesch seinen ersten Versuch unternommen. Eines der Bonmots von Anderl war dasjenige nach der achten Begehung des Walkerpfeilers in der Nordwand der Grandes Jorasses, während der er eine Flasche Cognac trank, während sein Seilpartner Hermann Köllensperger abstinent blieb, aber im Gegensatz zu Heckmair Erfrierungen an Händen und Füssen erlitt: „Für mich ist das ein Beweis, daβ Alkohol, mäβig genossen, auch in gröβeren Mengen nicht schadet.“

In diesem Sinne: Gesundheit auf weitere (Lese)-Abenteuer!

Johannes Jegerlehner: Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische. Mit Zeichnungen von Hans Beat Wieland. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1919.

Ludwig Ganghofer: Der laufende Berg. Hochlandroman. Adolf Bonz, Stuttgart 1899.

Ernst Otto Marti: Der Bergführer Jöri Madji. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1937.

Max Mohr: Die Freundschaft von Ladiz. Roman aus den Bergen. Georg Müller Verlag, München 1931.

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