Berry and Byron, Giono et Vallot

Vier Biographien zu Männern, die in der Welt der Berge mehr oder weniger bekannt sind.

«Dans cette tente étroite, on peut se demander si on campe réellement au mont Blanc. Au-dehors, on entend un mugissement continu tel que celui d’une mer démontée se brisant sur le rivage: c’est l’océan aérien qui est en mouvement. Un vent furieux secoue la toile de la tente qui se tend comme une voile de navire, les cordes chantent comme une harpe éolienne.»

Das fragte sich der Franzose Joseph Vallot (1854–1925) nach der ersten Nacht im Zelt auf dem Gipfel des Mont Blanc (4806 m) am 27. Juli 1887. Drei Nächte campierte er mit Freund Félix-Maxime Richard und zwei Bergführern auf dem Dach der Alpen, nicht zum Vergnügen, mais non. Vallot war Botaniker, Geologe, Meteorologe, Physiologe, Speläologe, Glaziologe und Astronom, ein Wissenschaftler mit unersättlicher Neugier, in Paris und Nizza und noch viel mehr am und auf dem höchsten Gipfel der Alpen. 34 Mal bestieg er ihn, zahlreiche Nächte verbrachte er dort oben, zuerst im Zelt, ab 1890 in seiner Hütte am Bosses-Grat rund 450 Meter unterhalb des Gipfels. Das Gebäude bestand anfänglich aus zwei Hälften, eine für die Wissenschaftler, die andere für die Alpinisten. Daraus entstanden zwei Gebäude. Sie bzw. ihre Nachbauten stehen heute noch am Mont Blanc-Normalweg: das Observatoire Vallot mit dem Laboratoire de glaciologie et géophysique de l’environnement und das Refuge Vallot. Letzteres ist eine Biwakschachtel ohne Komfort, hat aber schon vielen Alpinisten das Leben gerettet. Die Journalistin und Buchautorin Éliane Patriarca hat mit «Joseph Vallot. L’histoire méconnue d’un savant alpiniste» eine spannende Biografie über den Mann geschrieben, der am Mont Blanc nicht nur mit zwei Gebäuden verewigt ist, sondern auch mit den vier Vallot-Führern, der alpinistischen Bibel.

Nicht nur Joseph Vallot musste dem Wind in den Bergen trotzen. Das tat auch der St. Moritzer Kurarzt Peter Robert Berry (1864–1942), der sich in seiner zweiten Lebenshälfte zum Kunstmaler entwickelt hatte. Sein Lieblingsmalort war der Berninapass, und um die kraftvolle Natur draussen erfassen zu können, liess er eine Bretterwand errichten, an der er die Leinwand gut befestigen konnte. Doch einmal erfasste ein Sturm das Bild «Winterlicher Blick vom Berninapass» und trug es fort, im Frühling wurde es fünf Kilometer entfernt gefunden. «Die Wirkung des Wetters auf das unfertige Bild des Berninapanoramas gefiel Berry so gut, dass er es nicht mehr weiterbearbeitete», schreibt der Lektor und Autor Adrian Stokar in «St. Moritzer Metamorphosen. Der Arzt und Maler Peter Robert Berry 1864–1942». Abgebildet ist das Bild auf Seite 256. Die Biografie von Berry ist auch eine von St. Moritz, mit der Entwicklung vom verschlafenen Bergdorf zum mondänen Höhenkurort. Das Berry Museum befindet sich in der hundertjährigen Villa Arona im Herzen von St. Moritz; https://berrymuseum.com/

Starke Winde nicht nur am Mont Blanc und Berninapass, sondern auch an der Jungfrau: «Ihr Eisgebirge, Lawinen, der der Sturm in jähen Abgrund herniederfegt, kommt her, zerschmettert mich!» Kurzes Zitat aus «Manfred» von George Gordon Byron, 6th Baron Byron (1788–1824). Das 1817 publizierte Drama des englischen Poeten und Freiheitskämpfers spielt am Fuss der Jungfrau und machte für die Schweiz Reklame wie Schillers «Wilhelm Tell». Der Wunsch nach Zerstörung des Titelhelden und Touristen Manfred vereitelt ein einheimischer Gemsjäger. Lord Byron hielt sich 1816 auf der Wengernalp auf; eine Anhöhe daselbst hiess früher Byronhöhe. Ihr heutiger Name ist bekannter: Hundschopf. Der Waadtländer Schriftsteller, Philosoph und Übersetzer Étienne Barilier hat mit «Byron. Le poète en action» eine handliche Biografie über den höchst widersprüchlichen Menschen verfasst. Byron gilt als einer der Vorreiter der Romantik, doch sein Meisterwerk «Don Juan» verspottet diese Romantik immer wieder. Sein Leben war reich an Skandalen und Engagement, an moralischen Herausforderungen und körperlichem Mut, an wildem Egoismus und bewundernswerter Aufopferung. All das zeichnet Barilier nach. Mehr noch: Er hat zahlreiche Verse von Byron neu übersetzt, in ein Französisch, das man besser versteht als das englische Original. Die beste Lektüre für einen Ausflug an den Lac Léman und zum Schloss Chillon. Im stürmischen Sommer 1816 machten Byron und sein Dichterfreund Percy Bysshe Shelley einen langen Segeltörn auf dem Genfersee; in einem Sturm gerieten sie in Not, Byron als guter Schwimmer rettete Shelley. Dieser ertrank sechs Jahre später im Mittelmeer, nachdem das Segelboot gesunken war.

Der Stürme genug, mon Dieu. Wir retten uns in scheinbar ruhigere Gefilde, nämlich zum französischen Schriftsteller und Filmemacher Jean Giono (1895–1970). Seine Werke, die oft in der provenzalischen Bauernwelt verwurzelt sind, behandeln universelle Fragen zum Menschsein. Die alpine Kulturzeitschrift «L’Alpe» widmet «Giono» ihre Herbstausgabe. 1937 erschien sein Roman «Batailles dans la montagne»; die deutsche Ausgabe kam zwei Jahre später als «Bergschlacht» heraus. Im französischen Wikipedia hat dieser Bergroman einen eigenen Eintrag: «Situé le cadre de haute montagne du Trièves en Isère, il a pour sujet une haute vallée dévastée par une coulée d’eau et de boue qu’un héros sauvera en risquant sa vie pour combattre la catastrophe.»

Ich freue mich, dieses Werk von Giono zu lesen. Und natürlich auch die Berichte von Gabrielle Vallot, der Frau von Joseph, über die gemeinsamen Touren unter und über dem Erdboden: «Mes ascensions: les femmes ascensionnistes, la femme au mont Blanc» (Annuaire du Club alpin français, 1887) und «Grottes et abîmes, Basses-Cévennes» (1889). Ein Foto im Buch zeigt Gabrielle in eleganter Kleidung mit Hosen, Gamaschen, Pickel und Helm, eingerahmt von Ehemann und den Bergführern Alphonse Payot und Michel Savioz, die bei der Zeltpremiere auf dem Mont Blanc dabei waren.

Éliane Patriarca: Joseph Vallot. L’histoire méconnue d’un savant alpiniste. Édition Glénat, Grenoble 2025. € 20,00.

Adrian Stokar: St. Moritzer Metamorphosen. Der Arzt und Maler Peter Robert Berry 1864–1942. Mit einem kunsthistorischen Essay von Veronika Rall. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2024. Fr. 39.-

Étienne Barilier: Byron. Le poète en action. Savoir suisse, Lausanne 2025. Fr. 17.50.

Giono. L’Alpe, N° 110, automne 2025. Éditions Glénat, Grenoble. Fr. 26.-

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