Auf nach Grönland!

Expeditionen und Expositionen zur grössten Insel der Welt. Mit im Gepäck für die Hinreise nach Bern bzw. die Rückfahrt: ein Foto-Lese-Band, ein Essay und ein Krimi.

«Auf dem höchsten Punkt des Inlandeises flattert ein Schweizerfähnchen…»

Legende zu einem schwarzweissen Foto, das einen Teilnehmer der Grönlandexpedition des Akademischen Alpenclubs Zürich neben einem Schlitten zeigt, links davon weht ein Fähnlein an zwei umgekehrt in den Schnee gesteckten Skistöcken, das Schweizer Kreuz mehr erahn- als sichtbar. Das Foto findet sich im Buch «Quer durchs ‹Schweizerland›» der beiden Teilnehmer André Roch und Guido Pidermann. Insgesamt sieben Schweizer nahmen an der Expedition vom 26. Juni bis 11. Oktober 1938 teil, «auf kühner Fahrt durchqueren sie mit Ski und Hundeschlitten dieses neue ‹Schweizerland› bis an den Rand des Inlandeises, stossen auf diesem vor bis zu seinem höchsten Punkt und lassen die Schweizerfahne auf 16 unbestiegenen Gipfeln Grönlands flattern», so der Klappentext. «Mit dem ersten Nordlicht (…) sind die Bergsteiger an der Küste zurück, kehren bei den Eskimos von Kungmiut, dem glücklichsten Völklein der Erde, als Gäste ein.»

Mehr zu dem von Schweizern entdeckten und benannten grönländischen Schweizerland im ausgezeichneten Beitrag «Die Schweiz, Grönland und die Wissenschaften. Die Entdeckung der horizontalen Alpen» von Daniel di Falco. Er ist der Mitherausgeber der Begleitpublikation zur Ausstellung «Grönland. Alles wird anders» im ALPS Alpines Museum der Schweiz. Weder die Lektüre noch den Besuch sollte man verpassen. Erst recht nicht, seither Grönland oben auf die weltpolitische Agenda gerutscht ist. Ganz oben auf der Weltkarte ist das Land auf den uns geläufigen kartografischen Ansichten ja ohnehin. Mehr noch: Grönland ist ebenfalls im Bernischen Historischen Museum, gleich vis-à-vis dem ALPS, ein Thema. Die Ausstellung «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe» beschäftigt sich mit der Grönland-Sammlung des Museums; Schweizer Expeditionen brachten Anfang des 20. Jahrhunderts Souvenirs mit, die heute als «Grönland-Sammlung» aufbewahrt werden. Diese Sammlung wirft Fragen auf – und gibt Antworten auf unser Verhältnis als Touristen zu Eingeborenen, zur grössten Insel der Welt, zur Arktis überhaupt. Eine eigene Publikation zu dieser Grönlandexposition gibt es nicht, aber die Tafeln in der Ausstellung bieten klugen Lesestoff. Und der im Museumsshop aufgelegte Essay «Invasionen des Privaten» der österreichischen Schriftstellerin Anna Kim – sie wurde als gebürtige Südkoreanerin in Grönland oft für eine Einheimische gehalten – vertieft unsere Kenntnisse zur mehr weissen als grünen Insel; ein Kapitel befasst sich mit dem «Dickicht der Sprachen».

Exakt darum geht es ebenfalls im politischen Grönland-Krimi «Sieben Gräber für den Winter» von Christoffer Petersen. Die Sprachenfrage mischt den Wahlkampf zwischen der Premierministerin und dem Herausforderer auf, zusätzlich zum Verschwinden ihrer Tochter. Der vor kurzem pensionierte Polizist David Maratse muss den Fall klären, in neun Tagen von Sapaat bis Marlunngorneq. Die richtige Lektüre für die Fahrt nach Zürich, wo Françoise Funk-Salamí ihre Grönland-Fotos in der Kunstsammlung Rüegg ausstellt, und vor allem nach Bern ins Museumsviertel. Die Fläche zwischen den beiden Museen heisst Helvetiaplatz. Da passt der Satz auf Seite 176 im Buch von Roch und Pidermann: «Am Sonntag, den 28. August, schon etwas ausgeruht, brechen die Zurückgebliebenen morgens um 5 Uhr auf, die ‹Punta Helvetia› zu besteigen, einen schönen 1400er am rechten Ufer des Sioralikgletschers.»

Daniel Di Falco, Beat Hächler (Hrsg.): Grönland. Alles wird anders. ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern 2024. Fr. 20.-. (im Museum).

Anna Kim: Invasionen des Privaten. Literaturverlag Droschl, Wien 2011; 2. Auflage 2012. Fr. 15.- (im Bernischen Historischen Museum).

Christoffer Petersen: Sieben Gräber für den Winter. Ein Grönland-Krimi. Kampa Verlag, Zürich 2025. Fr. 26.50.

Ausstellungen:
▲ ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern: Grönland. Alles wird anders (bis zum 16. August 2026).
▲ Bernisches Historisches Museum, Bern:  Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe (bis 31. Mai 2026).
▲ Kunstsammlung Rüegg, Rämistrasse 30, 8001 Zürich (Eingang über Zeltweg): Silap ingerlasia – Wie die Welt sich bewegt. Grönland-Fotos von Françoise Funk-Salamí (bis 14. Februar 2026; Mittwoch bis Freitag, 12–18.30 Uhr, Samstag, 11–17 Uhr; www.kunstsammlung-ruegg.ch).

Veranstaltungen:
Grönland × Grönland. Ein Land, verschiedene Perspektiven. Mittwoch, 21. Januar 1926, 17.30–18.45 Uhr, Start im ALPS. Eine Führung, die die Vergangenheit und Gegenwart Grönlands in den Blick nimmt. Der Rundgang durch das Bernische Historische Museum und das ALPS eröffnet überraschende Zusammenhänge und vielseitige Einblicke. https://alps.museum/veranstaltungen.
Erforschung Grönlands durch Alfred de Quervain. Vortrag von Manuel Gossauer vom Akademischen Alpenclub Bern. Dienstag, 24. Februar 2026, 19.00–21.00 Uhr, im Restaurant Dählhölzli, Bern. Nicht-Mitglieder sind willkommen, werden aber gebeten, sich vorher kurz per E-Mail anzumelden (praesident@aacb.ch).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert