Skiland Schweiz. Eine Geschichte

Der prächtig und frisch illustrierte Bildband zeigt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, wie sich der Skilauf seit 1892 bis heute entwickelt hat. Endlich das passende Buch zum Hit „Alles fahrt Schi, alles fahrt Schi, Schi fahrt die ganzi Nation“!

«Rennunfälle sind per Definition individuell erlebte Ereignisse, in der Einsamkeit der Konfrontation mit der Rennstrecke, und es ist immer der einzelne Körper, der die Narben tragen wird. Denken wir an den Bündner Abfahrer Silvano Beltrametti, der seit seinem Sturz 2001 in Val-d’Isère querschnittsgelähmt ist; an den vielseitigen Skifahrer Daniel Albrecht, der 2009 bei der Abfahrt von Kitzbühel durch einen furchtbaren Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Oder in der Nachkarriere die desaströsen Schicksale wie die der Meisterin Michèle Rubli, der ersten Frau des 1996 in Kanada bei einer Lawine ums Leben gekommenen Bernhard Russi.»

Was?? Nein!! Er lebt, Bernhard Russi. Aber seine erste Frau, die Skirennfahrerin Michèle Rubli, sie starb 1996 in einer Lawine. Das war so, leider. Deshalb heisst es im Original: „…les destins funestes tels ceux de la championne Michèle Rubli, la première épouse de Bernhard Russi, décédée dans une avalanche au Canada en 1996.“ Bei der Übersetzung ins Deutsche passierte der Unfall, aus dem weiblichen „décédée“ wurde ein männliches „décédé“. Ja, wenn man weder die Sprache noch die Geschichte gut kennt, geschieht Desaströses. Aber jetzt, nach der Korrektur, lebt der Bernhard auch im deutschen Text: „Denken wir (…) an das Schicksal der Skirennfahrerin Michèle Rubli, der ersten Frau von Bernhard Russi, die 1996 in einer Lawine in Kanada ums Leben kam.“

Bernhard Russi lebt also. Und wie er lebt, auf vielen Seiten in einem schönen, schwungvollen, umfassenden, fein bebilderten Buch zur Geschichte des schweizerischen Nationalsportes. Eigentlich hätte ich ein „sehr“ vor die Adjektive setzen wollen, doch ich traute mich nicht. Weil ich an „Skiland Schweiz. Eine Geschichte“ bzw. „Le ski en Suisse. Une histoire“ mitgearbeitet habe. Vier der fünfzig Kapitel (inklusive Vorwort von Daniel Yule) sind von mir, zudem überprüfte und korrigierte ich die sturzvolle Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche. Die Mehrheit der 24 MitarbeiterInnen schrieb ihre Beiträge in der Sprache von Roland Collombin und nicht von Russi. Und weil ich also an diesem Standardwerk zum Skilauf in der Schweiz mitgewirkt habe, erlaube ich mir, hier aus dem Klappentext zu zitieren:

«Hedy Schlunegger, Bernhard Russi, Marie-Theres Nadig, Pirmin Zurbriggen, Erika Hess, Peter Müller, Vreni Schneider, Didier Cuche, Lara Gut, Marco Odermatt … die Schweizer Meisterinnen und Meister des alpinen Skilaufs gehören zu den herausragendsten Persönlichkeiten der Schweizer Sportgeschichte. Sie sind die Heldinnen und Helden einer kollektiven Vorstellung, die an grosse Wettkämpfe wie die Olympischen Spielen 1948 in St. Moritz und 1972 in Sapporo oder wie die Weltmeisterschaften 1987 in Crans Montana erinnert, aber auch an symbolträchtige Orte in der Schweiz, von Zermatt über St. Moritz, Davos oder Grindelwald bis Mürren. (…)

Die Erinnerungen gehen jedoch weit über die Bildschirme der nationalen Fernsehsender hinaus. Sie sind in persönlichen Erlebnissen verankert, die in der Skischule, im Familienskigebiet oder während des Skilagers gemacht wurden. Skilaufen ist Teil eines eingebetteten nationalen Erbes, das in die Praxis umgesetzt und von allen täglich gelebt wird. Skilaufen ist ein Nationalsport par excellence, was in der Schweiz ein wichtiges soziales Phänomen darstellt, aber auch ein politisches Projekt und ein kollektiver Wille. (…)

Von den ersten Skiclubs um 1900 über die Gründung eines nationalen Verbands im Jahre 1904 und die ersten Abfahrten mit Zeitmessung in den 1920er Jahren bis hin zur Bestätigung des weissen Goldes in den 1970er Jahren und schließlich zu den neuen klimatischen und ökologischen Herausforderungen um die Jahrtausendwende hat der Schweizer Skilauf eine einzigartige Geschichte: nämlich diejenige einer „Nation der Bergsteiger“ hin zu einer „Nation der Skifahrerinnen und Skifahrer“. Dieses sehr reichhaltig illustrierte Nachschlagewerk erzählt, was der Skisport mit der Schweiz gemacht hat!»

Eine ziemlich erfolgreiche Geschichte. Insofern passt es schon ein wenig, wie der folgende Satz anfänglich ins Deutsche übersetzt wurde. Es geht um die Übertragung der Lauberhornabfahrt und darum, wie Nationalheld Bernhard Russi ab 1989 die Strecke befuhr, mit einer Livekamera in der Hand, damit die Zuschauer vor dem Bildschirm die Realität noch näher erleben konnten. Das Original: „(…) dès 1989, par une caméra «embarquée» qui sera tenue — à la main dans les premiers temps — par Bernhard Russi en personne.“ Der (übersetzungstechnische) Unfall: „Für den Regisseur war es an der Zeit, dem Zuschauer ein echtes ‚Eintauchen‘ in die Rennbedingungen zu ermöglichen, und zwar durch Aufnahmen aus dem Hubschrauber und dann, ab 1989, durch eine ‚Bord‘-Kamera, die in der Anfangsphase von Bernhard Successful persönlich von Hand gehalten wurde.“ Russi wurde wohl zu „réussi“, also „erfolgreich“. Und das wiederum, weiss der Teufel warum, zu „successful“. Nice, nicht wahr?

Richtig nett sind aber die beiden Geschichten, die ich am letzten Samstag erlebte, als ich dieses „Buch der Woche“ schrieb. Erstens sah ich am Bildschirm, wie Marco Odermatt den Weltcup Riesenslalom in Val-d’Isère gewann, zum dritten Mal in seiner Karriere. Und zweitens fuhr ich mit dem Velo von der Länggasse ins Weyerli zur Eröffnung des kleinsten Skigebietes im Kanton Bern, ja vielleicht der Schweiz. Aus dem chemikalienfreien Abriebmaterial der Kunsteisbahn nebenan entstand auf einem Abhang im Freibadgelände eine Miniskipiste inklusive eines Zauberteppichs, eines begehbaren Förderbands. Das Ganze gesponsert vom Skigebiet Gstaad-Saanenland, inklusive Skischule. An diesem Samstag anwesend war Mike von Grünigen aus Schönried, der viermal den Riesenslalom von Val-d’Isère gewann.

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: Skiland Schweiz. Eine Geschichte. Weber Verlag, Editions Château & Attinger, Thun/Gwatt, Orbe 2023. Fr 69.-

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: Le ski en Suisse. Une histoire. Editions Château & Attinger, Orbe 2023. Fr. 69.-

Vernissage von „Skiland Schweiz. Eine Geschichte“ im Hotel Regina in Mürren am Freitag, 29. Dezember 2023, um 17 Uhr. Grégory Quin und Daniel Anker im Gespräch mit Luzia Stettler. https://www.reginamuerren.ch/events/skilauf-in-der-schweiz-eine-geschichte/

Schneespass im Weyerli: https://www.sportamt-bern.ch/schneespass-im-weyerli/

Eine Handvoll Bildbände

Sie sind schwer. Sie sind gross. Sie machen sich gut unterm Weihnachtsbaum. Verpackt jedenfalls bestimmt. Die Fotobücher. Hier sind fünf.

«Un jour blanc horrible, sous la pluie, et il fallait shooter des champions de ski de fond! Alors on s’est concentré sur l’essentiel, le geste, en travaillant avec des vitesses lentes, jusqu’à obtenir, après une bonne centaine de passages, le geste le plus épuré.»

Dieses Zitat der französischen (Berg-)fotografin Monica Dalmasso aus ihrem intensiven Bildband „Sauvage!“ wählte ich auch deshalb aus, weil es draussen fast genau so war, als ich diese Rezension verfasste: wunderbar weiss am Morgen, widerwärtiger Wasserschnee am Abend. Nur musste ich nicht fotografieren, sondern konnte in der trockenen, warmen Stube fünf neue Fotobücher anschauen. Und da gefielen mir die Fotos von Monica Dalmasso besonders gut. Das schwarzweisse mit den zwei Skatern, die als schwarze Schemen kräftig durchs Weisse flitzen – Klasse! Eine weisse Welt ebenfalls, diesmal aber vertikal, auf dem Foto mit dem Eiskletterer Nicolas Gette am linken Ufer des Glacier d’Argentière: rot die Jacke und der Helm, grün der Rucksack; die beiden Seile, die nach oben zum nicht sichtbaren Bergführer Louis Laurent verlaufen, ebenfalls rot und grün; die Route mit der Schwierigkeit TD- heisst „Home wet Home“ – passt rundum perfekt. Ich könnte noch viele andere Fotos mit den treffenden  Legenden von Monica Dalmasso hervorholen. Wer noch die Texte von Cédric Sapin-Defour verstehen will, muss tief in die Französisch-Tasche greifen. Doch die Bilder sprechen bestens für sich, mais oui!

Bleiben wir noch am Argentière-Gletscher, mit „Les photographes Gay-Couttet. Un siècle d’images autour du Mont-Blanc“ von Hubert Gay-Couttet. Über ein Jahrhundert lang lagen die Gipfel zwischen Mont-Blanc und Matterhorn vor den Linsen von vier Generationen der Fotografen französisch-schweizerischer Herkunft: Michel Couttet, Auguste Couttet, Justin Gay, Roland Gay-Couttet. Wie die Familie Tairraz gehörte auch die Familie Gay-Couttet zu den einheimischen Fotografen, die sich in ihrer vertrauten Umgebung bewegten. Und die nicht nur die grossen Momente festhielten, sondern auch ganz alltägliche. Sowie Motive für die Touristen, die eine gedruckte Erinnerung heimnehmen wollten. Mit den schwarzweissen Fotos von Gay-Couttet tauchen wir ein in das Chamonix von einst: der Bau der Seilbahnen, Szenen vor den Hütten, Eiskunstlauf in der Stadt. Und immer wieder Fotos von klassischen Hochtouren, mit Alpinisten auf verwächteten Graten und hinten die granitenen Zinnen – zeitlos schöne Bilder aus dem Hochgebirge. Zum Beispiel auf Seite 105: Traversée des Courtes. En arrière-plan, les aiguilles Ravanel et Mummery, et le Triolet. Möchte man am liebsten wandgross aufhängen.

Und weiter geht die Fotoreise, von Chamonix der Arve entlang nach Genf und an den Lac Léman. Nach dem Bildband „Genève dans l’oeil du drone“ (2019) folgt nun die Fortsetzung des Rundflugs, wieder mit den Fotos von Olivier Riethauser und kommentiert von Christian Vellas: „Le tour du Léman dans l’oeil du drone“. Eine Fahrt auf dem Schweizer Ufer bis nach Saint-Gingolph – mit Lavaux und Chillon, um nur zwei weltbekannte Sehenswürdigkeiten zu nennen. Dann zurück über das savoyische Ufer, Evian, Thonon, Yvoire… Ein Spaziergang in der Luft, der alle Besonderheiten dieser Ufer aus modernem Blickwinkel offenlegt. Jacques-Louis Manget freute sich mächtig. Im Vorwort zu seinem ersten Werk mit dem etwas umständlichen Titel „Description et itinéraire des bords du Lac de Genève, ou manuel du vovageur dans la Vallée du Léman“ stellt er fest: „Eine Wegbeschreibung der Rundtour um den Genfersee war seit langem gefragt; nicht dass schon beinahe alles über diese Landschaft gesagt wurde, aber noch niemand hatte sich bisher die Mühe genommen, das Ganze zu beschreiben, und zwar unter den verschiedenen Aspekten, die den Touristen interessieren können.“ Schön gesagt – anno 1822. Übertroffen wurde es vom im folgenden Jahr publizierten Werk „Voyage pittoresque autour du Lac de Genève“. Zu Mangets Text kommen elf Ansichten, die man alle einrahmen könnte.

Das könnte man auch mit vielen Fotos in Thomas Biasottos „Berner Oberland“ machen. 256 Seiten mit 130 Abbildungen, davon 24 in Farbe, gebunden, Hardcover, 23 x 34,9 x 3,5 cm gross, knapp zwei Kilo schwer. Ein Prachtband mit der Gipfelwelt vor allem der östlichen Berner Hochalpen, oft mit dramatischen Wolken und Schattenwürfen, oft aus dem Helikopter fotografiert, kaum mit menschlichen Hinweisen ausser da und dort eine Spur, ein paar einsame Alpinisten, mal die Sphinx auf dem Joch, mal eine Hütte ob dem Oeschinensee. Wie ein Wesen aus der Urzeit die Nordwestwand des Wetterhorns, schrecklich abwärtsgeschichteter Fels, ein paar letzte Firnflecken: was für eine Aufnahme! Und doch: nach dem neunten Schreckhorn und dem elften Mönch hätte man gerne mal die Gelmer- und Sustenhörner, die Fünffinger- oder Wendenstöcke à la Biasotto gesehen. Sie gehören schliesslich auch zum Berner Oberland. Erst recht, wenn frisch verschneit.

Zurück zum Schnee und zu „Powder. Auf Boards und Skiern durch die weiße Welt“. Ein Autorenkollektiv stellt mit Aufnahmen verschiedener Fotografen verlockende Skiregionen und -orte aus fünf Kontinenten vor. Aus den Alpen sind es, nicht ganz überraschend, St. Moritz, Kitzbühel, Chamonix und Cortina d’Ampezzo, aus Amerika San Carlos di Bariloche, Pemberton und Aspen. Aber nicht die Auswahl der Orte soll bemängelt werden, sondern die oft unpräzisen Legenden zu den leider nicht immer passenden Fotos. Einen bösen Sturz in dieser Hinsicht passiert auf Seite 101 im Abschnitt „Das legendäre Herz der Dolomiten“. Zur Legende „Bei seiner großen Beliebtheit unter den Wintersportfans ist es kein Wunder, dass Cortina d’Ampezzo einer der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele 2026 ist“ zeigt das farblich blasse Bild zwei Skitouren- und einen Snowboardgänger auf einer hartgefrorenen, schneearmen und flachen Piste gegen einen Lift marschieren, wo Schneekanonen mächtig am Speien sind. Schnell zurückblättern zum Vorwort von Lindsey Vonn. Es startet so: «Nirgendwo sonst fühle ich mich so frei, so voller Kraft und so präsent wie in den Bergen – denn hier ist alles möglich. Wenn du auf dem Gipfel eines Berges stehst und nach unten schaust, siehst du unendlich viele Möglichkeiten.» Wenn der Schnee nicht zu nass ist…

Monica Dalmasso: Sauvage! Textes de Cédric Sapin-Defour. Éditions Glénat, Grenoble 2023. € 30,00.

Hubert Gay-Couttet: Les photographes Gay-Couttet. Un siècle d’images autour du Mont-Blanc. Éditions Slatkine, Genève 2023. Fr. 57.55.

Olivier Riethauser (photographies), Christian Vellas (textes): Le tour du Léman dans l’oeil du drone. Éditions Slatkine, Genève 2023. Fr. 65.-

Thomas Biasotto: Berner Oberland. Vorwort von Adolf Ogi. Verlag TB swiss creative, Appenzell 2023. Fr. 97.- https://tb-photo.ch/buch-berner-oberland

Powder. Auf Boards und Skiern durch die weiße Welt. Vorwort von Lindsey Vonn. Benevento Verlag, Wals bei Salzburg 2023. € 45,00.

Klettergeschichte

Ein Comic und ein Führer, darin Klettergeschichte geschrieben wird. Viel Freude beim Ansehen und Angehen.

–  HANS, C’EST TOI LE MEILLEUR GRIMPEUR!

–  PEUT-ÊTRE, MAIS DU AS BEAUCOUP PLUS D’AUDACE QUE MOI.

~  ON DIRAIT DEUX COQS…

Imaginiertes Gespräch zwischen Paul Preuss und Hans Dülfer in einem Bierkeller in München um 1912, belauscht und in Gedanken kommentiert von Dülfers Freundin Hanne Franz. Die beiden „Gockel“ gehörten damals zu den weltbesten Kletterern und machten mit atemberaubenden Neutouren sowie bahnbrechenden Techniken und Vorsätzen von sich reden – Preuss mit dem Freiklettern und dem Verzicht auf Hilfsmittel wie Felshaken, Dülfer mit der Gegendrucktechnik und einem Abseilsitz. Aber auch Hanne Franz war eine ausgezeichnete Kletterin: Mit Hans machte sie die erste Winterbesteigung und die erste Winterüberschreitung der südlichen Vajolett-Türme sowie die Winterbegehung der Fehrmann-Kamine am Stablerturm. Sie bewunderte seine Eleganz nicht nur beim Klettern, sondern auch beim Pianospielen: „Tu caresses les touches comme les prises quand tu grimpes, mon amour.“

Die Komplimente beim Bier bzw. Klavier finden sich auf Bildern im Comic „Il était une fois l’escalade“ von David Chambre und Catherine Destivelle (scénario), Laurent Bidot (dessin) und Clémence Jollois (couleur). Auf 196 Seiten mit sieben Kapiteln sowie einem Prolog (Homo sapiens, un grimpeur-né) und einem Epilog (objectif Tokyo) wird die Geschichte des Klettern gezeichnet, von den Engländern im Lake District und den Deutschen im Elbsandsteingebirge über die Wände im Yosemite, die Blöcke im Tessin (eine Seite, immerhin) und die künstlichen Strukturen beim Wettkampfklettern bis zu den atuellen Stars wie Adam Ondra, Alex Honnold und Laura Rogora. Am Schluss gibt es noch eine Übersicht berühmter Kletterarenen (Drei Zinnen, Verdon, El Capitan, Fontainebleau, Eiger und Buoux), ein Glossar und eine Vergleichstabelle der Kletterschwierigkeiten. Die Routen von Preuss und Dülfer bewegten sich im Bereich VI (UIAA-Skala) bzw. 5b (franz. Skala), die schwierigsten heute sind mit XII/9c bewertet. Da kommt man nur beim Zuschauen feuchte Hände, was beim Comiclesen allerdings nicht stört.

Ein Tal, in dem auch Klettergeschichte geschrieben wurde, liegt sozusagen nur einen Steinwurf von der Schweiz entfernt: das Val di Mello im südlichen Teil der berühmten Bergeller Alpen – einer ihrer Gipfel, der Pizzo Cengalo, machte 2017 mit einem grossen Bergsturz von sich reden. Apropos Sturz: Am Precipizio degli Asteroidi, einem dieser glattgeschliffenen Granitberge, mit denen das Val di Mello glänzt, kam das Klettern dort so richtig in Gang. Oceano irrazionale heisst einer der Klassiker, 1977 von der Seilschaft Guerini-Villa eröffnet. Andere berühmte Routen im Tal sind Luna Nascente und Il Paradiso può attendere. Niccolò Bartoli beschreibt im Führer „Val di Mello. Trad- und Sportklettern in der Wiege des Freikletterns in Italien“ die Routen und die Klettergeschichte des Tales. Was fehlt, ist der Index aller Anstiege. Doch wer sich mit Seil und Kletterfinken ins Val di Mello aufmacht, wird sich bestimmt zurechtfinden. Die Andern bewundern die Kletternden in den granitenen Fluchten, lesen die spannenden Stories und Porträts, träumen vielleicht davon, mal Vertical holidays am Monte Qualido zu erleben.

Vom Münchner Bierkeller und Val di Mello zurück nach Bern, genauer nach Ostermundigen in die Kletterhalle O’BLOC. Dort findet am Donnerstag, 30. November 2023, die Veranstaltung „Erhard Loretan – (R)evolutionen im Bereich des Kletterns“ statt. Im Sommer 2024 eröffnet im Alpinen Museum der Schweiz eine Ausstellung über den Alpinisten Erhard Loretan. Als Vorgeschmack werden erste Highlights aus Loretans Nachlass präsentiert, der im Museum aufbewahrt und erschlossen wird. Erhard Loretan, der die Grenzen zwischen Mut und Unbekümmertheit auslotete, verbrachte in seinen Jugendjahren jede freie Minute beim Klettern in den Gastlosen. In einer Diskussion im O’BLOC werden Experten über die Entwicklung des Kletterns sprechen, seit Erhard Loretan 1975 seine ersten Routen in den Gastlosen eröffnete.

David Chambre und Catherine Destivelle (scénario), Laurent Bidot (dessin) und Clémence Jollois (couleur): Il était une fois l’escalade. Éditions du Mont-Blanc/Les Arènes BD, Les Houches/Paris 2023. € 27,00.

Niccolò Bartoli: Val di Mello. Trad- und Sportklettern in der Wiege des Freikletterns in Italien. Edizioni Versante Sud, Milano 2023. € 38,00.

Erhard Loretan – (R)evolutionen im Bereich des Kletterns. Veranstaltung des Alpinen Museum im O’BLOC in Ostermundigen, Donnerstag, 30.11.2023, 18.30 bis 20.00 Uhr. Die Veranstaltung ist kostenlos und ohne Anmeldung. https://obloc.ch/

Am Rande von und in Helvetien

Spurensuche mit drei neuen Büchern in der Schweiz und an ihrer Grenze. Jetzt, wo das Parlament vollständig ist.

«Maja schlägt das Büchlein auf und erklärt, was es mit dem neuen Design auf sich hat: Auf der Doppelseite sind alle Kantone aufgelistet, aber nicht alphabetisch sortiert, sondern nach der höchsten Erhebung innerhalb des Kantons. Der Kanton Wallis steht zuoberst, als letzter der Kanton Genf und knapp davor mit nur fünf Höhenmetern Unterschied Basel-Stadt, unser heutiges Ziel.

‹Da lernt man ja richtig was, mit diesem neuen Pass›, sage ich.»

Mit den folgenden drei Büchern hoffentlich auch. In „Closeby. Die Welt vor deiner Tür“ stellen Maja Haus und Karin Rey 15 Touren aus der ganzen Schweiz vor. Ausflüge, die wir auch in der Welt machen könnten: Grand Canyon, Krka-Nationalpark in Kroatien, Lavendelfelder in der Provence, Hafen von Shenzhen. Gibt es alles eben auch hierzulande, vielleicht nicht ganz so gross, aber doch ähnlich: Creux du Van, Simmenfälle, Farnern im Oberaargauer Jura, Rheinhafen. Ist schneller und bequemer erreichbar. Verbraucht deutlich weniger CO2. Macht Spass, auch wenn das Wetter nicht immer mitspielt. Und wo es genau durchgeht, kann mit dem QR-Code runtergeladen werden. Nichts wie los also. Denn: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Wenn man weiss, wo. Zudem können 15 Postkarten hinten im Wanderführer herausgetrennt und verschickt werden: schöne Grüsse beispielsweise vom Seealpsee (statt von einem norwegischen Fjord).

Mit dem nächsten Buch mögen wir die Grüsse von einem kaum bekannten Gewässer senden: vom Thurtalerstofelseeli. Es liegt, namenlos in der Landeskarte der Schweiz, auf der Nordseite der Churfirsten. Vorgestellt von Silvan Schlegel im Bildbandführer „Lost In the Alps 2. Spektakuläre Wanderungen in den Schweizer Bergen“ des Fotografenkollektivs „The Alpinists“. Der erste Band (https://bergliteratur.ch/alte-und-neue-wege-in-den-alpen/) enthält 63 Touren, der neue 65, wiederum nur aus den Alpen, wie wenn die Gipfel des Jura nicht zu den Schweizer Bergen gehörten. Aber das kennen wir leider, diese Nichtberücksichtigung des zweiten helvetischen Gebirges! Item, jetzt der zweite Alpinists-Band, eine Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem, aus Bergwanderungen, Hoch- und Skitouren, ergänzt mit Beiträgen von GastautorInnen. Die Fotos überzeugen nicht auf jeder Seite, die Bildlegenden auch nicht.

Um Wasser geht es oft im Ausflugsführer „Aux confins de la Suisse. 36 lieux le long de la frontière“. Im Genfer- und Bodensee, Lago di Lugano und Rhein verläuft die Grenze zwischen der Confoederatio Helvetica und seinen fünf Nachbarstaaten. Die längste (und gebirgigste) ist diejenige zu Italien, die kürzeste (und auf rund zwei Dritteln ganz flache) diejenige zu Liechentstein. Fabrice Grossenbacher stellt 36 spannende Orte am eidgenössischen Rand vor, Gipfel, Gebäude und Gewässer, Museen, Institutionen und Hotels, Sehenswürdigkeiten aller Art, erweitert um historische Geschichten. Mit dabei auf diesen Erkundungen sollte man immer den Pass haben. Oder – nochmals zurück zu Maja und Karin:

«‹Deine ID hast du aber dabei? Wir überqueren heute mehrmals die deutsch-schweizerische Grenze.›

Ich habe meine ID dabei. Wir laufen los.»

Karin Rey, Maja Haus: Why go far away when everything is Closeby. Die Welt vor deiner Tür. Ein Wanderführer. Rotpunktverlag, Zürich 2023. Fr. 29.-

The Alpinists: Lost In the Alps 2. Spektakuläre Wanderungen in den Schweizer Bergen. AT Verlag, Aarau 2023. Fr. 46.-

Fabrice Grossenbacher: Aux confins de la Suisse. 36 lieux le long de la frontière. Editions Favre, Lausanne 2023. Fr. 33.-

Kartenwelten

Drei neue Bücher auf Papier, die sich ganz unterschiedlich mit Karten befassen. Sonst fassen wir ja solche fast nur noch auf dem Bildschirm an.

«Wie ist der Name der Gebirgsgruppe, die die Halbinsel von Sorrent prägt, und wie hoch ist ihr höchster Gipfel?»

So lautet die vierte Frage bei Nummer 37 des Buches „Landkarten Rätselreise Europa“, das „44 abwechslungsreiche Augenreisen“ anbietet. Die Nr. 37 führt unter die Zitronenbäume der Amalfiküste. Die beiden vorangehenden Nummern befassen sich mit dem Bosco Verticale in Mailand bzw. mit San Marino, der ältesten Republik der Neuzeit, immer auf einer Doppelseite mit Foto und Hintergrundtext, auf der nächsten mit einem passenden Kartenausschnitt und mit sieben bis acht Fragen, die nach „ankommen –  aufwärmen – durchstarten“ angeordnet sind. Im Anhang dieses Buches können Entdeckernaturen, Europafans und Rätselfreundinnen nachschauen, ob sie die Fragen begriffen und die Karten gut lesen konnten. Hier die Lösung von Frage 4 bei Nr. 37: „Gesucht sind die Monti Lattari, also die Milchberge, deren höchster Gipfel 1444 Meter hoch ist.“ Sein Name verrät die Karte auch noch: M. Sant’Angelo a tre Pizzi.“ Und wie heissen nun diese drei Spitzen? Ich nehme mein Telefonino zur Hand, klicke auf Mapout und vergrössere den Ausschnitt (den Sektor habe ich früher schon mal runtergeladen), bis ich dort die Namen lesen kann: Monte San Michele (Molare), 1444 m hoch; Monte di Mezzo (Canino), 1426 m; Monte Catello (Caldara), 1390 m; je erschlossen mit Routen in der Schwierigkeit T2 bis T6. Gäbiger zum Wandern ist es in Milano Marritima; dieser schicke Ort am Mare Adriatico wird in der vierten Frage von Rätsel 36 gesucht.

Aber den ganzen Tag am Strand liegen bzw. auf- und abgehen mögen wir ja nicht unbedingt. Etwas Lektüre kann nicht schaden. Für die folgenden Bücher müssen jedoch mehrere Tage eingeplant werden. In „Karten, die die Welt veränderten. Die bedeutendsten Werke der Kartografie von den Anfängen bis heute“ nimmt uns Philip Parker mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Kartografie. Anhand der wichtigsten kartografischen Werke und ihrer Entstehungsgeschichte zeigt der britische Historiker und ehemalige Diplomat auf, wie sich die Kunst der Kartenerstellung und -darstellung über die Jahrhunderte entwickelt hat, und wie die Welt, wie wir sie heute kennen, Gestalt angenommen hat. Die um 500 v. Chr. geschaffene Weltkarte von Hekataios, die im Grossen das Mittelmeer und angrenzenden Landflächen zeigt, sieht schon ziemlich einfacher aus als die Weltkarte in Peters-Projektion der Oxford Cartographers von 2022. Der Stiefel von Italien aber hat sich kaum verändert! Etwas schade finde ich, dass für das reich bebilderte Werk kein grösseres Format gewählt wurde; so sind die Abbildungen manchmal nur schwer leserlich.

In dieser Hinsicht gefällt das 23 x 29 cm grosse Werk „Le Valais à la carte. Cartographie valaisanne à travers les âges“ besser. Über 1000 gedruckte Karten mit Bezug zum Wallis hat die Mediathek Wallis-Sitten im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen. Sie deckt einen Zeitraum von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis heute ab und behandelt sehr unterschiedliche Themen. Dieses Buch zeigt einen schönen und reichhaltigen Querschnitt durch die Schätze der Institution. Es ermöglicht es, die aussergewöhnliche Fülle an kartografischen Darstellungen des Kantons Wallis zu entdecken, von Ptolemäus über die immer genaueren topografischen Karten bis hin zu touristischen Plakaten, zu politischer Werbung und Karikaturen, die ihre Botschaften immer wieder mit der Gestalt des Rhonekantons verkünden. Auf Seite 117 wartet zudem das Wallis à la Tolkien: Sion heisst nun Minas Tirith, Brig Edoras, das Matterhorn Mount Doom I. Und die Gipfel zwischen Monte Rosa und Weissmies sind mit White Mountains angeschrieben, Berge also, die weiss wie Milch sind. Hier aber wegen der Gletscher und nicht wegen des hellen Gesteins wie auf der Halbinsel von Sorrent.

Nadine Ormo, Michael Laufersweiler: Landkarten Rätselreise Europa. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2023. € 16,95.

Philip Parker: Karten, die die Welt veränderten. Die bedeutendsten Werke der Kartografie von den Anfängen bis heute. Haupt Verlag, Bern 2023. Fr. 42.-

Simon Roth, Samuel Hubert: Le Valais à la carte. Cartographie valaisanne à travers les âges. Edition Monographic, Sierre 2023. Fr. 50.-

Victors letzte Fahrt

Emil Zopfi schildert in seinem jüngsten Werk Leben und Absturz von Victor de Beauclair und seiner (Seil-)Gefährtin Irmgard Schiess. Grossartig bis zur letzten Zeile.

«Neben diesem Stein befindet sich ein Grab mit zwei unbehauenen Felsbrocken aus hellem Granit. Sie sind sich nahe, neigen sich einander zu. Der grössere ist Irmgard Schiess gewidmet, sechsundzwanzig Jahre alt. Der kleinere Victor de Beauclair, fünfundfünfzig. Zu Tode gestürzt am Matterhorn am 15. August 1929. Ihre Namen, ihre Geburts- und Todesdaten sind eingekerbt in einen glattgeschliffenen Teil der Oberfläche. Innig und verbunden wie ein Liebespaar, so erscheinen sie mir. Als lebten sie weiter in dieser Gestalt, als unterhielten sie sich in der stummen Sprache des Gesteins.»

Ausschnitt aus dem ersten Kapitel des neuen Buches von Emil Zopfi: „Victors letzte Fahrt. Alpinist und Luftschiffer aus Leidenschaft. Ein Leben.“ Im Sommer 2021 besuchte er das Grab von Irmgard Schiess (1903-1929) und Victor de Beauclair (1874-1929) auf dem Bergsteigerfriedhof Zermatt, das sich neben dem matterhornähnlichen Stein befindet, der den unbekannten Opfern der Berge gewidmet ist. Am Schluss des Buches stehen wir mit Zopfi wieder auf einem Friedhof, auf demjenigen von Riehen, einem der grössten der Schweiz: „Am Hörnli“ heisst er. Dort liegen im Hoek’schen Familiengrab Henry Hoek (1878-1951), Skipionier wie Victor, und seine Frau Herta, geborene Schiess. So verknoten sich Spuren, über Grabsteine hinweg. Es war auch ein Stein, der die Lebensspur(en) von Victor und Irmgard zerriss, am 15. August 1929, als beim Abstieg über den Hörnligrat plötzlich ein Felsblock nachgab, an dem sich Victor hielt. Er stürzte und riss seine (Seil-)Gefährtin mit in den Abgrund.

„Victors letzte Fahrt“: Was für ein schöner und zugleich trauriger Titel! Fahrten machte er zahl- und abenteuerreiche: erste Skibesteigung des Oberalpstocks am 4. Januar 1896, ein Jahr später erste Skidurchquerung der östlichen Berner Alpen, Erstbesteigung des Hinter Feldschijens 1902. Aber nicht nur in Schnee und Fels brillierte de Beauclair, sondern auch als Ballonfahrer. 1906 erhielt es das Freiballon Brevet Nr. 11 des Schweizer Aero-Clubs, 1908 gelang ihm die erste Alpenüberquerung mit Ballon, vom Eigergletscher nach Gignese zwischen Lago Maggiore und Lago d‘Orta. Aber nicht genug für den in Brasilien geborenen Sohn eines hessischen Arztes und Grossgrundbesitzers und einer Nachfahrin von schweizerischen Einwanderern. Victor war auch Bauleiter der ersten Mischabelhütte des Akademischen Alpen-Clubs Zürich, Mitbegründer des Schweizerischen Skiverbands, Co-Leiter der ersten SAC-Skikurse – ein rastloses Leben. Endlich geschildert vom Altmeister in Sachen Dokufiktion.

Geschickt verknüpft Emil Zopfi die eher spärlichen Spuren von Victor de Beauclair und Irmgard Schiess mit eigenen Recherchen und Vorstellungen. So entstehen überaus lebendige Bilder: einer Zeit mit gravierenden Ereignissen (Erster Weltkrieg, Spanische Grippe) und mit neuen sportlichen Tätigkeiten (Ski- und Ballonfahren); eines Pioniers, der den manchmal unklaren Lebensverhältnissen in buchstäblich luftige Höh elegant entkam; einer lebensfrohen, sportbegeisterten Frau aus Freiburg im Breisgau. Den Schluss des Buches bilden Chronologie, Personen-, Literatur- und Quellenverzeichnis. Zudem schmücken 21 Schwarzweissfotos „Victors letzte Fahrt“. Die zweitletzte zeigt de Beauclair am 14. August 1929 auf Schwarzsee, die letzte die ursprüngliche Anordnung der beiden Grabsteine auf dem Friedhof von Zermatt – sich voneinander abwendend.

«Wer hat sie vertauscht und warum? Es wird ein Rätsel bleiben, wie so vieles in dieser Geschichte vom Leben und vom Tod eines Ballonfahrers und Skipioniers und einer jungen Frau.»

Emil Zopfi: Victors letzte Fahrt. Alpinist und Luftschiffer aus Leidenschaft. Ein Leben. AS Verlag, Zürich 2023. Fr. 29.80.

Nächste Lesungen aus „Victors letzte Fahrt“:

11. November 2023, 18 Uhr. BergBuchBrig, Zeughaus Kultur Gliserallee 91, Brig-Glis. www.bergbuchbrig.ch/item/buchtitel-14/

11. Januar 2024, 20 Uhr. Kulturverein Kreis 6 Zürich, Röslischüür. www.qkk6.ch/events/2024/01/11/lesung-mit-emil-zopfi-victors-letzte-fahrt/

19.April 2024, 19.30 Uhr. Leserei Zofingen. Zum Jubiläum 150 Jahre SAC Zofingen. https://www.bergbuchbrig.ch/item/buchtitel-14/

Pickel, Seil & Mauerhaken – und Soutane

Zwei priesterliche Bücher, die sich mit besonderen Geschichten des Alpinismus befassen. Nur klettern ist gefährlicher als lesen und beten.

«Der Yogi Milarepa ist meine Lieblingsfigur aus den Bergen. Er lebte vor knapp tausend Jahren im Hochland Tibets, meditierte am Fuße des Chomolungma (der tibetische Name für den Mount Everest) und am heiligen Berg der Tibeter, dem Kailash. Seine Gedichte und Gesänge sind Weltliteratur. In seiner Reduktion auf das Wesentliche bleibt Milarepa für mich Anreger und Vorbild zugleich. In allen meinen Museen kommt er zur Geltung: als Bronzefigur, auf Thangkas, den alten tibetischen Malereien, in Stein gemeißelt.»

Dieser uralte Milarepa ist die etwas überraschende Nummer 29 im jüngsten Buch von Reinhold Messner: „Pickel, Seil & Mauerhaken. 33 Objekte, die den Alpinismus geprägt haben.“ Der wohl berühmteste noch lebende Bergsteiger hat die Objekte aus der Geschichte des Alpinismus und der Auseinandersetzung mit den Bergen im Laufe der Jahre gesammelt. Sie sind ausgestellt im Messner Mountain Museum, das sich auf sechs Standorte in den italienischen Provinzen Südtirol und Belluno verteilt; der siebte Teil des MMM wird aktuell auf dem Gipfelplateau des Helm/Monte Elmo in der Nähe von Sexten errichtet. Eine exklusive Auswahl seiner Erinnerungsstücke hat Reinhold Messner nun in einem handlichen Buch zusammengestellt: Sie erzählen auf anschauliche Weise von der Entwicklung des traditionellen Bergsteigens und von Kunstwerken, die den Sammler in seinem Leben geprägt haben. Da hängt die Tasche des Matterhorn-Erstbesteigers Edward Whymper, dort liegt der Biwaksack des Matterhorn-Nordwand-Solodurchsteigers Walter Bonatti, da steckt der U-Haken von der Schlüsselstelle am Mittelpfeiler des Heiligkreuzkofels, der schwierigsten Kletterstelle seines Lebens, dort steht der rote Daunenanzug, mit dem sein Träger 1978 auf dem Everest stand, ohne künstlichen Sauerstoff. Sechs der 33 ausgewählten Objekte haben eigentlich nichts mit der Geschichte des Alpinismus am Hut, wie eben der Yogi. Dafür fehlen entscheidende alpinistische Objekte, wie Karabiner oder Kletterschuhe. Und wenn ich schon am Bemängeln bin: Martin Meier und Rudolf Peters (sein Eisbeil hängt im MMM Ortles) stiegen bei der Erstdurchsteigung der Nordwand der Grandes Jorasses am 29. Juni 1935 nicht auf der Pointe Marguerite, sondern auf der Pointe Croz aus.

Die sechs Gipfel der Grandes Jorasses, die hoch über dem italienischen Val Ferret liegen, sind alle nach Personen benannt; die Pointe Croz erinnert an den Chamonix-Bergführer Michel Croz, der bei der Erstbesteigung des Matterhorns zu Tode kam. Ebenfalls zahlreiche Personengipfel sind in einem anderen Seitental der Valle d’Aosta zu finden: in der Valpelline, die sich von der Passstrasse zum Grand Saint-Bernard bis zur Dent d’Hèrens beim Matterhorn erstreckt. Über diesem Tal erheben sich die Pointe Gorret, die Pointe Chanoux, die Becca Bovet, die Becca Bovard, die Tête Bonin, die Pointe Gontier, die Pointe Duc und die beiden Punta Henry, alle benannt nach Priestern, die an ihnen und an andern Valpelline-Gipfeln durch (Erst-)Touren und Berichte Spuren hinterlassen haben. Joseph-Marie Henry (1870-1947), so heisst es in „Curés alpinistes. Des Alpes à la Valpelline“ von Bernard Marnette, „est indéniablement le curé par excellence de la Valpelline“, und darum wird er gleich mit zwei Gipfeln geehrt. Die Geistlichen in diesem Alpental verbanden also ihre religiösen und gesellschaftlichen Verpflichtungen mit bergsportlichen Aktivitäten, die manchmal von der Obrigkeit nicht gern gesehen wurden, insbesondere dann nicht, wenn die Soutane, das knöchellange Obergewand, im Rucksack verschwand. Aber für die Kletterei zum Beispiel an der Punta Henry war diese katholische Uniform nicht wirklich geeignet. Bernard Marnette schildert, wie die Prêtres montagnards Glauben und Gipfelambitionen verbanden und rechtfertigten. Und zeigt auch, wie sich Bergsteigen und Beten durchaus miteinander verknoten können. Die Bedeutung des ersten Bergsteiger-Priesters hätte er allerdings deutlich höher stellen müssen: Der Bündner Placidus a Spescha (1752-1833) war nicht nur Benediktinerpater, sondern auch Alpinist, Kartograph, Geograph, Natur- und Sprachforscher. An ihn erinnert der Piz a Spescha (3109 m) oberhalb des Glatscher da Medel. Gibt es eigentlich auch eine Punta Messner?

Reinhold Messner: Pickel, Seil & Mauerhaken. 33 Objekte, die den Alpinismus geprägt haben. Bergwelten Verlag, Salzburg 2023. € 22,00.

Bernard Marnette: Curés alpinistes. Des Alpes à la Valpelline. Éditions Nevicata, Bruxelles 2023. € 19,00.

Leiden und lieben am Berg

Vier Alpenromane zur 75. Frankfurter Buchmesse.

«Peter schwang die Peitsche und die Pferde zogen an. Helene sah ihm nach, als er die gewundene Straße zur Schöllenen hinauffuhr. Vom Haus der Posthalters führte mittlerweile ein Weg quer durchs Stäubeloch zur Baustelle. Dort standen neben dem Weg zum Voreinschnitt notdürftige Baracken, die offensichtlich aus Holzresten gezimmert worden waren, daneben errichteten Arbeiter mit Stangen und Tüchern provisorische Zelte. Helene schüttelte den Kopf. Diese Zelte würden beim ersten Herbststurm davongefegt werden und die Baracken mochten im Sommer den Regen abhalten, doch im Winter würde es darin viel zu kalt werden.»

Helene Herger ist die Hauptfigur im Roman „Bergleuchten“ von Karin Seemayer, Peter Gisler ist ihr Freund von klein auf. Ihre Väter sind Fuhrhalter, deren Geschäfte mit dem Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels von 1872 bis 1882 gehörig durcheinander gerüttelt werden. Die drei Nachfolgetunnels sorgten in diesem Jahr für zahlreiche Schlagzeilen. Das tat auch der erste Durchstich durch den Berg, und der Roman schildert eindringlich, unter welch miserablen Bedingungen die Bauarbeiter schuften und leben mussten. Allerdings blüht auch eine Liebe auf, und im Prolog des Romans, bei der Einweihung des Gotthard-Tunnels, steht Helene mit den Kindern neben ihrem Mann – ist es nun Peter oder doch Piero Ceretti, der Mineur aus dem Piemont? Selber lesen.

«Alessandro senkte den Blick. Plötzlich waren sie wieder da, die Bilder. Die Bilder vom Bergunfall und die grausamen, unbeantworteten Fragen. War er mitschuldig am Tod seines Vaters? Hatte er das Seil wirklich richtig gesichert? Er hörte die gefühllosen Worte seiner Mutter beim Begräbnis: „Dich trifft keine Schuld. Unfälle geschehen.“ Über den Unfall war nie wieder gesprochen worden.»

Diese Fragen werden im Roman „Tod im Val Fex“ von Andrea Gutgsell aufgerollt. Ex-Kommissar Gubler arbeitet im Fextal als Schafhirte, irgendwie muss er den Verlust von Beruf und Ansehen überwinden – ein nicht ganz unbekanntes Thema. Dann wird am abschmelzenden Vadret da Fex eine Leiche gefunden, und die Suche nach deren Identität und dem Geheimnis dahinter beginnt. Viel Spass beim Lesen dieser Krimi-, Liebes- und Schmugglergeschichte im Engadin – dort ist es jetzt am schönsten, wenn die Lärchen gelb, die Bergspitzen weiss und der Himmel blau ist. Aber das wisst Ihr ja!

«Kurz vor dem Unglück war Xaver den beiden im Supermarkt begegnet. Tina hatte ihm vorgeschlagen, sie einmal zu begleiten. Im abseitigen Gelände habe das Schifahren noch etwas Anarchistisches, keine Lifte oder Schirmbars, nur die Felsen und der Schnee und man selbst, ganz auf das eigene Können, den eigenen Biss zurückgeworfen. Noah hatte erzählt, dass er sich eine neue Helmkamera besorgt habe.»

Lesen wir auf Seite 72 im Roman „Verschwinden in Lawinen“ von Robert Prosser. Aber Tina und Noah sind doch bzw. schon tot, auf der dritten Seite im Buch bittet der Pfarrer beim Begräbnis der beiden, man möge sie in die eigenen Gebete aufnehmen. Das ist das Faszinierende und war für mich das Schwierige an dieser Geschichte: dass es von Anfang für die Jugendlichen keine Rettung aus der Lawine gab. Klar, da sind wie oft diese bohrenden, hartnäckigen Fragen beim Verunfallen, beim Verschwinden in den Bergen: Warum gingen sie, warum ging ich bei diesen Verhältnissen auf diese Tour los, warum war eine Rettung nicht möglich oder erfolgreich? Aber einfach sicher zu Hause bleiben und (Berg-)Romane lesen, geht irgendwie auch nicht, oder?

«Sobald du dich erholt hast, musst du dich verstecken, zumindest, bis man dich vergessen hat. Vielleicht wäre es am besten, wenn du dich über die Berge davonmachst, ins Land Italien. Wenn du der Reuss folgst, dem Strom entgegen, bis du auf die Hochebenen des Gotthards kommst, hast du die größten Strapazen hinter dir. Die Seen sind jetzt gewiss schon zugefroren, du müsstest gut vorankommen.»

Sagt Vater Taufer zum schwer verletzten Wilhelm im Roman „Tell“ von Joachim B. Schmidt. Die Hauptfigur im eidgenössischen Gründungsmythos verletzt? Aber nicht doch! Der Gessler liegt doch darnieder, seine Gesellen auch, und Wilhelm muss sich nicht verstecken, sondern jagt weiterhin mit der Armbrust nach wilden Tieren im Urnerland. Tut er ebenfalls, zumindest zu Beginn, in diesem frischen und frechen, überraschenden und überzeugenden Tell-Roman. Mehr sei nicht verraten, ausser: Der Diogenes-Autor hat nächste Woche seine Auftritte an der 75. Frankfurter Buchmesse. Und sonst? Jetzt, wo es kälter und grauer wird, hocken wir auf dem Sofa, ein Glas Apfelpunsch in der linken, einen Bergroman in der rechten Hand.

Karin Seemayer: Bergleuchten. Aufbau, Berlin 2023. € 14,00.

Andrea Gutgsell: Tod im Val Fex. Zytglogge, Basel 2022. Fr. 32.-

Robert Prosser: Verschwinden in Lawinen. Jung und Jung, Salzburg 2023. € 22,00.

Joachim B. Schmidt: Tell. Diogenes, Zürich 2022. Fr. 31.-

Rückblicke von oben

Drei (auto)biografische Bücher über Alpinisten, die von 1933 bis 1980 für ganz unterschiedliche Schlagzeilen am Berg gesorgt haben.

«Ich faßte den waagrechten Riß so weit draußen als möglich, besser gesagt: ich steckte die Fäuste und Arme in diesen – und zog mich auf. Gleichzeitig versuchte ich, die Fußspitzen im Riß zu verklemmen. So arbeitete ich mich – wie eine Fliege an der Zimmerdecke! – unter dem Dach hinaus. Ich hatte nicht viel Zeit, das wußte ich, beeilte mich daher sehr, in die Senkrechte zu kommen. Es gelang mir mit großer Kraftanstrengung und dank meiner guten Armkraft. Franz hörte ich noch heraufrufen: „Du bist ja verrückt! Das ist doch kein Klettern mehr! Das ist ja Akrobatik!“»

Eine der ersten Stellen mit der Kletterschwierigkeit 7 bzw. VII in den (Schweizer) Alpen. Die Skala reichte damals nur bis 6+/VI+, aber was der Vorarlberger Alpinist Ernst Burger (1910–1999) am 20. August 1933 in der Südwand des Grossen Drusenturms im Rätikon kletterte, war eben eindeutig schwieriger. Die Überwindung des Dachs, ohne Hakenhilfe, wird im SAC-Kletterführer „Graubünden“ von Thomas Wälti nach der französischen Skala mit 6b bewertet, und das ist nach der UIAA-Skala eben eine glatte Sieben.

„Es war die Schlüsselstelle!“ schreibt Ernst Burger in seinem Bericht über diese erste Durchsteigung der riesigen Südwand des Grossen Drusenturms, die er zusammen mit Karl Bizjak und Franz Matt unternommen hat. Nachzulesen nun im Buch seines Enkels Jürgen Burger: Der Pionier des 7. Grades. Erstbegehungen und 91 Viertausender des Vorarlberger Alpinisten Ernst Burger.“ Der Burgerweg, wie die Route genannt wird, wird zu Beginn des Buches in drei Kapiteln abgehandelt. Dann folgt die „Sturmfahrt auf den Montblanc“ von Ostern 1937, eine wilde und mit viel Durchhaltewillen gut geglückte Skitour – der viele Neuschnee hätte die fünf zähen Burschen auch mitreissen können. Tolle schwarzweisse Fotos von Kurt Liebewein bereichern den lesenswerten Bericht. Leider hat sich ein Fehler in einer Legende eingeschlichen (wie bei ein paar anderen Fotos auch): Vom Refuge des Grands Mulets sieht man die Berner Alpen nicht. Da lesen wir einfach darüber hinweg und folgen vom Sofa aus gemütlich all den andern grossen Burger-Fahrten auf viele Viertausender der Alpen.

Bleiben wir grad in den Westalpen. Diesmal mit den Huber-Brüdern. Aber nicht den heute berühmten Huberbuam, den bayerischen Profibergsteigern Alexander und Thomas Huber. Sondern mit Franz, Adi und Lois Huber aus der Steiermark. Über ihre Heimat hinaus bekannt wurden Adi und Franz sowie Hubert Sedlmayr im Januar 1962, als sie beim Versuch, die Matterhorn-Nordwand erstmals im Winter zu durchsteigen, wegen Schlechtwettereinbruchs 200 Meter unter dem Gipfel auf den Hörnligrat ausweichen mussten. Das zeitweise ungewisse Schicksal der Österreicher sorgte in der Folge für reichlich Turbulenzen, Zermatter Bergführer verbrannten gar den „Blick“, der provokant getitelt hatte: „Zwei Tage täuschte Zermatt die bangende Welt“. Nachzulesen nun im Buch der österreichischen Publizistin Gundi Jungmeier: „Berg- und Talgeschichten. Franz, Adi und Lois Huber aus Palfau.“ Das Buch erzählt Geschichten aus dem Leben von Franz (geb. 1935), Adolf (1939–2015) und Alois (geb. 1942), von der Kindheit im Krieg bis zu hochalpinen Abenteuern im Hindukusch und Himalaya. Wichtigster Höhepunkt war die Erstbesteigung des Dhaulagiri II (7751 m). Am 18. Mai 1971 standen Adi Huber, Jangbu Sherpa, Adi Weissensteiner und Ron Fear auf dem Gipfel des zweithöchsten Gipfels der Dhaulagiri-Kette. Franz hatte die Expeditionsleitung übernommen. Viele Fotos schmücken das Buch. Auch sie erzählen Geschichte(n), zum Beispiel von der Ausrüstung: Wie ging man vor rund 50 Jahren zu Berg – diese Anzüge, Rucksäcke, Zelte! Und doch gilt immer noch, was Adi Huber nach der nicht geglückten Besteigung des Dhaulagiri (8167 m) in sein Tourenbuch notierte: „Der schönste Gipfel für uns hier ist, dass alle lebend zurückkamen.“

Das tat der französische Bergführer und Arzt Nicolas Jaeger nicht. Am 25. Mai 1980 steigt er solo in die undurchstiegene, 3000 Meter hohe Südwand des Lhotse (8516 m) ein; der direkte Aufstieg zum Hauptgipfel scheint ihm zu gefährlich, weshalb er den Nebengipfel Lhotse Shar (8382 m) anpeilt. Drei Tage später verschwindet Jaeger, nachdem er zum letzten Mal in einer Höhe von fast 8200 Meter gesehen worden ist. Die Höhe wird Jaeger kaum zugesetzt haben, denn damit kannte er sich bestens aus. Vom 27. Juli bis zum 27. September 1979 lebte er allein in 6700 Meter Höhe in Peru unter dem Gipfel des Huascarán, um an sich selbst die menschliche Physiologie in grosser Höhe zu studieren. Er war auf der Suche nach einer Art Superakklimatisierung, die durch längere Aufenthalte in der Höhe ermöglicht wird. Nachzulesen im Buch der französischen Schriftstellerin Virginie Troussier: „L’homme qui vivait haut.“ Im letzten, mit „Une vie“ überschriebenen Kapitel stellt sie Mutmassungen über das Ende von Nicolas Jaeger an: „A-t-il été emporté par une avalanche? A-t-il fumé ses cigarettes en attendant la fin? Il en avait sûrement pris avec lui, comme toujours, il en aurait grillé une au sommet. Tout est possible. La seule certitude, c’est la perte tragique d’un visionnaire qui a osé s’attaquer à l’impossible.“

Jürgen Burger: Der Pionier des 7. Grades. Erstbegehungen und 91 Viertausender des Vorarlberger Alpinisten Ernst Burger. Buchschmiede, Wien 2023. € 16,90 (Softcover), € 28,90 (Hardcover), www.buchschmiede.at

Gundi Jungmeier: Berg- und Talgeschichten. Franz, Adi und Lois Huber aus Palfau. Universitätsdruckerei Klampfer, Graz 2023. € 28,00. www.jungmeier.or.at

Virginie Troussier: L’homme qui vivait haut. Éditions Guérin, Chamonix 2023. € 19,90. www.nicolas-jaeger.com

Niederländische (Wein-)Berge

Vier ganz unterschiedliche, teils atemberaubende Bergbücher aus den Niederlanden. Lekker lezen en wandelen!

«Hier ist der Gipfel, und ich muss noch höher, weiter.

Eins. Zwei. Drei Schritte und ausruhen, atmen. Eins. Zwei. Drei Schritte näher am Ziel.

Als Erster oben – was sonst. Früher aufbrechen als der Rest, härter pushen, mehr Schmerz aushalten, klüger sein. Meine Rechnungen gehen immer auf. Na dann, herzlichen Glückwunsch: Ich, der Fanatiker, habe wieder mal das Nichts erreicht.

Der Berg ist fünfunddreißig Millionen Jahre alt, ein Zufall zwischen zwei Erdplatten, und wächst fünf Millimeter pro Jahr – noch immer, jeden Tag wächst der Berg, während ich schrumpfe.»

Zitat von der zweiten Seite des preisgekrönten niederländischen Romans „Zuurstofschuld“ (Sauerstoffschuld) von Toine Heijmans, auf Deutsch als „Der unendliche Gipfel“ erschienen. Der Ich-Erzähler mit dem gewagten Namen Walter Welzenbach erreicht zum zweiten Mal in seinem Leben den Cho Oyu (8188 m) und blickt von hoher Warte auf sein Leben als Alpinist zurück. 32 Seillängen umfasst das Leben bzw. das Buch, von 8188 m bis hinunter auf 3 m irgendwo in den Niederlanden, das himmeltraurigböse Abschiedskapitel über seinen langjährigen Kletterpartner Lenny, der eine andere Karriere eingeschlagen hat. Zwei Kapitel sind mit Namen überschrieben: das 11. mit Alison Hargreaves (schottische Extrembergsteigerin, die solo und ohne künstlichen Sauerstoff die höchsten Gipfel bestieg und 1995 beim Abstieg vom K2 starb), das 21. mit Toni Kurz (er starb als letzter der Viererseilschaft, die 1936 beim Versuch einer Durchsteigung der Eiger-Nordwand umkam).

Ich fragte Rainer Rettner, den besten Kenner der Eiger-Geschichte, zum Kurz-Kapitel. Hier die Antwort: „Der Autor hat richtig gut recherchiert, da gibt es keine Zweifel. Ein paar kleine Fehler hat es trotzdem, im Schwalbennest wurde nicht biwakiert, und die Wengener Bergführer kamen zur Rettung nicht erst im Morgengrauen. Aber er hat schon viele Details eingearbeitet, die man sonst nicht lesen kann. Und spannend ist es auch. Kompliment an den Verfasser!“ Dem kann ich mich nur anschliessen. Das Buch ist wirklich spannend und gut geschrieben, und dem Autor gelingt es, das ganze, schon oft angegangene Thema zu den Gründen, warum wir bergsteigen, tief auszuloten und in neue Sätze und Gedanken zu packen. Wenn, ja wenn – und jetzt riskiere ich halt (wieder mal), als Besserwisser im Schneesturm zu stehen. Wenn Heijmans schreibt, dass Ludwig Hohl – ein Zitat von ihm ist das erste Motto im Roman – kein Bergsteiger war, so ist das schlicht falsch. Störender als ein solches Detail ist leider manchmal die Übersetzung: Der Begriff „klettern“ wird auch dort gebraucht, wo man im Deutschen höher steigt, ohne die Hände zu gebrauchen; ein Topoführer ist keine „topographische Wanderkarte“; unter „überhängenden Schneefeldern“ möchte ich weder auf- noch absteigen. Die Dolomiten bestehen nicht aus „Granit“, der berühmte Grat am Matterhorn heisst nicht „Zmurrgrat“. Schade. Trotzdem: „Der unendliche Gipfel“ ist sehr lesenswert. Und das Cover erst noch erdenschön.

So ist auch – und jetzt steigen wir hinab auf Meereshöhe, in die niederländische Stadt Zwolle – die dortige Buchhandlung Van der Velde. Sie befindet sich im Hauptschiff einer gotischen Kirche, und im Chor kann man vorzüglich essen. Nur twee boeken kaufte ich. In „The soul of mountaineering. Past and present on Europe’s most appealing peaks“ nimmt uns der niederländische Alpinist Martin Fickweiler mit starken Fotos und interessanten Texten auf folgende Gipfel mit: Mont Aiguille, Triglav, Mont Blanc, Grossglockner, Jungfrau/Mönch/Eiger, Hoher Dachstein, Grand Vignemale, Weisshorn, Matterhorn, Drei Zinnen, Inaccessible Pinnacle, Hvannadalshnúkur, Naranjo de Bulnes und Stetind. Kennen Sie alle? Die „unbesteigbare Spitze“ erhebt sich auf der schottischen Insel Skye, und der Berg mit dem schwierig auszusprechenden Namen ist der höchste von Island. Man kann sich fragen, warum es kein Gipfel aus dem Elbsandsteingebirge, der Hohen Tatra oder natürlich dem Kaukasus auf Fickweilers Liste geschafft hat. Aber ich möchte nicht schon wieder frieren.

Das zweite Buch, das ich in der Buchhandlungskirche erstand, hat einen verblüffenden Titel: „Het grote nederlandse Wijnwandelboek“. Überhaupt ein holländisches Weinwanderbuch, und dann gleich noch das grosse! Aber warum sollten zwischen Maastricht und Amsterdam nicht Weinberge entstehen, erst recht im Klimawandel? 25 Touren im ganzen flachen Land beschreibt der Führer, mit vielen Fotos, mit Tipps zu Sehenswürdigkeiten unterwegs, mit Karten, mit allen touristischen Infos – und selbstverständlich mit den nötigen önologischen Hinweisen. Die Wanderungen sind 5 bis 15 Kilometer lang, und sie enden alle „bij een gelegenheid waar je een lecker glas wijn kunt drinken“. In diesem Sinne: Gezondheid! Proost!

Wie Ihr wohl gemerkt habt, übe ich mich bereits mit ein bisschen Niederländisch. Aus gutem Grund. Maria Mercx wohnt in Hilversum und beherbergt in ihrem Haus, dem „Horu Heim“, die grösste Matterhorn-Sammlung; ich konnte sie vor Wochenfrist bestaunen. Nun schickt sie mir ein ganz besonderes Jugendbuch: De Hobby Club op Avontuur in Zwitserland. Avontuurlijke en technische Roman voor Jonge Mensen“. Auf dem Cover drei junge Männer, die das Horu, gesehen von der italienischen Seite, mit technischen Aufnahmegeräten einfangen wollen, und eine Frau, die einem Segelflieger mit der Schweizer Fahne auf dem Seitenruder zuwinkt.

Toine Heijmans: Der unendliche Gipfel. Mairisch Verlag, Hamburg 2023. € 24,00.

Guido Derksen: Het grote nederlandse Wijnwandelboek. ANWB, Den Haag 2022. € 26,00.

Martin Fickweiler: The soul of mountaineering. Past and present on Europe’s most appealing peaks. Dato, 2023. € 40,00.

Leonard de Vries: De Hobby Club op Avontuur in Zwitserland. Avontuurlijke en technische Roman voor Jonge Mensen. 1948.