In den Höhlen der Schweiz

Den feinen wissenschaftlichen Bildband über die Höhlen der Schweiz liest man am besten jetzt, wenn es draussen 30° und mehr ist.

«Aber am Rande des sprudelnden Quells blüh’n Alpenranunkeln,
Gritliblumen und Veilchen empor im bekräuterten Moosgras,
Und es erröten versteckt Erdbeeren im niedern Gebüsch.
Innen durchblitzt die schaurige Nacht der Kristalle Gefunkel;
Und aus der einzigen Öffnung erblickt durch schillernde Flechten
Grünender Zweig‘ und Eppiggehäng‘, anstaunend der Wandrer,
Gleichsam im magischen Spiegel, des Sees hellglänzende Küsthöhn.»

Tja, so wurde die Beatushöhle einst beschrieben. Heute hört es sich etwas prosaischer an: «Die Höhlen mit ihrem grossen Eingangsportal, das sich in die Kalksteinwand am Nordufer des Thunersees schmiegt, bieten einen malerischen und zugleich majestätischen Anblick; Wasserfälle am Höhleneingang lassen den Ort lebendig wirken.» Also immer noch: schmiegsam, malerisch, majestätisch, lebendig. Anders gesagt: besuchenswert. Bei dieser Hitze erst recht. Die St. Beatus-Höhlen gehören zu den dreizehn touristisch erschlossenen Höhlen der Schweiz. In denen es auch im Hochsommer angenehm kühl ist – Pullover mitnehmen bei einem Besuch.

Zur Anreise und Abkühlung sei Lektüre empfohlen. Weniger allerdings das Werk, aus dem die poetischen Zeilen stammen. Nämlich aus dem vierten Gesang von «Parthenaïs oder Die Alpenreise. Ein idyllisches Epos in zwölf Gesängen» des dänischen Schriftstellers Jens Immanuel Baggesen (1764–1823); das Epos erschien 1804, im gleichen Jahr wie «Wilhelm Tell», und machte für das Berner Oberland so fein Reklame wie Friedrich Schiller für die Zentralschweiz. Ich fand Baggesens Lob der Beatushöhle, zusammen mit Staubbach und Jungfrau, im Taschenbuch «Das Berner Oberland im Lichte der deutschen Dichtung» von Otto Zürcher, 1926 im Haessel Verlag in Leipzig erschienen, als 18. Bändchen der Reihe «Die Schweiz im deutschen Geistesleben». Ob diese kulturelle Verbindung die Politiker hüben und drüben kennen?

Doch jetzt sofort von draussen nach drinnen: ins Buch «In den Höhlen der Schweiz. Vom Abenteuer zur Wissenschaft» von Rémy Wenger, Amadine Perret und Jean-Claude Lalou, herausgegeben vom Haupt Verlag in Bern und vom Schweizerischen Institut für Speläologie und Karstforschung. Die vier Kapitel behandeln Geschichten aus der Unterwelt (da hat auch der heilige Beatus seinen Auftritt), den natürlichen Lebensraum (was da drinnen alles kreucht und fleucht), die wissenschaftlichen Bereiche der Höhlenforschung (wie Geomorphologie oder Hydrogeologie) sowie Abenteuer unter der Erde (Höhlentauchen, Engstellen) – wer unter Klaustrophobie leidet, sollte bei den entsprechenden Fotos weiterblättern. Allerdings: Die Bilder in diesem Buch – schon gewaltig, was es da im natürlichen Untergrund der Schweiz zu sehen gibt. Das Inventar der Schweizer Höhlen und Schachthöhlen umfasste im Jahr 2023 11‘765 Höhlen. Die längste ist das Hölloch mit 21 Kilometer, die St. Beatus-Höhlen belegen mit gut 12 Kilometern Platz zehn. Jens Baggesen hätte sich vor gut 200 Jahren also schon ein bisschen hineinwagen können und dann hoffentlich Katzengold bewundert anstatt die Erdbeeren beim Eingang… Die tiefste Höhle ist das Siebenhengste-Hohgant-System mit einer Tiefe von 1340 Metern. Dort unten ist es jetzt wunderbar kalt. Aber wehe, wenn das Wasser kommt: «Nur hoch oben donnert es stets und droht in dem Hersturz/Alles mit reißender Flut zu verschwemmen.»

Rémy Wenger, Amadine Perret, Jean-Claude Lalou: In den Höhlen der Schweiz. Vom Abenteuer zur Wissenschaft. Haupt Verlag, Bern 2024. Fr. 59.-

Eiszeiten von der Lenk zum Südpol

Die Gletscher hören nicht auf zu schmelzen. Drei Bücher erzählen eisige Geschichten, ganz nah und weit weg.

«The greatest satisfaction of this expedition was the certainty which we had thus discovered of being able to pass directly from the Gemmi to the Simmenthal. As we took the last step up the snow, all that lovely valley, with its green and sheltering mountains, burst in an instant in our view. (…) We descended to the valley by the Räzli and Amerten glaciers.»

Heute ist es nicht mehr nötig, vom Lämmerejoch (3131 m) bzw. vom nahen Wildstrubel-Westgipfel (3244 m) über Gletscher nach der Lenk abzusteigen. Ja, wenn man sich das Luftbild auf map.geo.admin.ch anschaut, dürfte es gar möglich sein, ganz ohne Eisberührung von der Gemmi ins Simmental hinüberzuwechseln. Klickt man jedoch bei der Zeitreise aufs Jahr 1858, dann ist der Wildstrubel noch ein Eisberg. So erlebten ihn am 11. September 1858 die Engländer Thomas Woodbine Hinchliff und Leslie Stephen mit dem Meiringener Bergführer Melchior Anderegg, alle ganz grosse Figuren des Goldenen Zeitalters des Alpinismus. Hinchliff beschrieb die Pass- und Gipfeltour vom Berghotel Schwarenbach nach der Lenk im ersten Band der ersten bergsportlichen Vereinspublikation, in «Peaks, Passes, and Glaciers. A Series of excursions by members of the Alpine Club» von 1859. Damals galten Passüberschreitungen fast so viel wie Gipfelbesteigungen, möglichst natürlich als erste. Darüber werde ich mich mit dem Passbuch-Autor und -fotograf Marco Volken am Samstag, 9. August 2025, um 19.30 Uhr  an der Sommer-Universität Lenk bestimmt unterhalten.

Ganz sicher waren damals Traversierungen leichter, wenn das ewige Eis noch hoch die meistens steilen und gerölligen Flanken verbarg und so ein einfaches Gehen im Schnee – trotz ein paar Spalten – ermöglichte. Tempi passati – und wie! Wie man letzte Woche in den Nachrichten hören und lesen konnte, fand der Gletscherschwundtag 2025 besonders früh statt, nämlich schon am 4. Juli. Das ist jener Zeitpunkt im Jahr, an dem der Schnee, den ein Gletscher im Winter gesammelt hat, wieder weggeschmolzen ist.

«Vom Schmelzen alter Gewissheiten»: So der Titel in «Szene Alpen», dem Themenheft Nr. 112/2025 der Cipra. «Ewiges Eis: Das war ein stehender Begriff in Geographie und Bergliteratur – für die Gletscher genauso wie für die beiden Polargebiete der Erde, die Arktis und die Antarktis. Im Jahr 2025 zeigt sich unwiderruflich, dass wir nur noch von vergangenem und immer vergänglicherem Eis sprechen können.» Bevor nun auch das letzte Eis bachab geht, hier der Hinweis auf drei eisige Bücher.

Der Tessiner Daniele Maini dokumentiert im Bildband «In cammino tra i ghiacciai» eine zweiwöchige Tour aus dem Bergell durch die Bergeller und Bernina Alpen nach Poschiavo, unternommen von mehreren Leuten im Sommer 2022 und aufgenommen von Radiotelevisione svizzera. 13 Etappen, 130 Kilometer, 15000 Meter Aufstieg, 16000 Meter Abstieg, Schwierigkeit T2 bis T6 mit einigen alpinistischen Abschnitten über Gletscher und Grate. Und mit einigen Pässen und Gipfeln; auf der elften Etappe sorgte die Traversierung des Piz Palü für den Höhepunkt der Fussreise durchs italienisch-schweizerische Gebirge. Auf den oft grossformatigen Fotos dominieren Fels und Stein, Eis und Schnee; zuweilen mal Blumen und Gras, und die Spuren der Zivilisation mit Hütten, Strassen, Bahnen. Wer noch Eis unter den Steigeisen knirschen hören will, ist gut beraten, sich in die Welt zwischen Badile und Bernina zu begeben.

Durchgehend Eis fand Aurelia Hölzer vor, die als Ärztin und Co-Leiterin der Polarforschungsstation Neumayer III im Jahr 2022 in der Antarktis überwinterte. Davon erzählt die Deutsche spannend und unterhaltsam in «Polarschimmer. Eine Welt aus Eis und Licht – 54 Wochen in der Antarktis». Tauschen möchte man nicht unbedingt, jedenfalls nicht im Winter. Doch Begegnungen mit Kaiserpinguinen könnte man sich gut vorstellen, und dass man nach einem Jahr in ihrer Gesellschaft keine Schneemänner, dafür Schneepinguine baut, ebenfalls. Ein Farbfoto zeigt die Autorin, wie sie sich an eine solche Schneefigur lehnt, die linke Hand liegt ohne Schutz auf dem Eis. Es kann dort auch weniger gemütlich sein. Auf jeden Fall eine Lektüre, die für Abkühlung sorgt, wenn uns das nächste Hitzehoch erreicht.

Coolness auch im dritten Buch. Jeannette Stangier-Bors beschreibt in «Eiskalt schwimmen. 30 magische Kaltwasser-Highlights in der Schweiz», wie warm es ihr ums Herz wird, wenn sie in eisige Seen und Flüsse taucht und darin noch schwimmt. Manchmal gar zwischen Eisblöcken, wie auf dem genialen Titelbild. Überhaupt die Fotos, die viel ausmachen, dass man das Buch ganz fasziniert trotz klammer Finger anschaut. Und klammheimlich denkt: Das müsste man bzw. frau schon mal ausprobieren. Die Sport- und Informatiklehrerin an den Schulen in Uster weiss selbstverständlich, worauf es ankommt. Und dass nicht einfach ins kalte Wasser gesprungen werden sollte. 30 Gewässer in der Schweiz (Züribiet und Graubünden je 7, Zentralschweiz 6, Ostschweiz sowie Tessin und Wallis je 5) stellt sie mit allen (wasser-)touristischen Infos genau vor, immer verbunden mit einer Wanderung. Die sich auch ohne eiskaltes Bad unbedingt lohnt, zum Beispiel im Sommer… Das Gries-Seeli am Klausenpass ist gar erst ab Juni beschwimmbar. Der See entstand wegen des Abschmelzens des Claridengletschers; für einmal hat die Klimaerwärmung etwas Gutes – wenn gerne bei maximal 5 Grad gebadet wird.

Baden kann man auch in der Lenk, sogar kalt baden. Zum Beispiel im Rezligletscherseeli. Das gab’s noch nicht, als Hinchliff mit seinen Gefährten nach der Lenk abstieg und glücklich über den gefundenen Übergang von einem Tal ins andere war. Mehr zu Pässen also im Vortrag «Über die Alpen – Grosse und kleine Pässe zu Fuss entdecken» von Marco Volken und im Gespräch dazu mit Daniel Anker im neuen Kulturhaus Lenk, das am Wochenende vom 8. bis 10. August im Rahmen Sommer-Universität Lenk offiziell eröffnet wird: www.kulturlenk.ch/de/sommer-universitaet-aktuell. Nichts wie hin, bevor der letzte Schneefleck am Schneehorn beim Lenkerstrubel verschwunden ist.

Daniele Maini: In cammino tra i ghiacciai. Val Bregaglia – Engadina – Valposchiavo. Fontana edizioni, Pregassona-Lugano 2023. Fr. 50.-

Aurelia Hölzer: Polarschimmer. Eine Welt aus Eis und Licht – 54 Wochen in der Antarktis. Malik Piper Verlag, München 2024. € 22,00.

Jeannette Stangier-Bors: Eiskalt schwimmen. 30 magische Kaltwasser-Highlights in der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2024. Fr. 42.80.

Alle «Bücher der Woche» unter: www.bergliteratur.ch

Alpen Appelle

Das Leben in den Alpen wird wärmer, härter und gefährlicher. Was können Flachländer, Bergler und Schneehasen dagegen machen? Drei neue Publikationen geben Antworten.

«Der seit der Eiszeit entstandene Naturcharakter des Berges verschwindet, wo es Skipisten gibt. Damit hat sich der Natursport Skifahren weitestgehend von seinen Ursprüngen zu einem technikbasierten Sport emanzipiert. Und genau darum hat gerade der vermeintliche Natursport Skifahren auch diese besondere exemplarische und symbolische Bedeutung. Frau Holle gibt es nur im Märchen, den Winterzauber fast nur noch in der Werbung und den Pulverschnee auf Skipisten nur in den Köpfen.»

Schlimmer noch, wenn wir in der Streitschrift von Georg Bayerle zur düsteren Zukunft der Alpen weiterlesen. Sie leiden bekanntlich besonders unter dem von uns verursachten Temperaturanstieg. Daran kann auch der Schnee bis 2000 Meter, den der Wetterbericht vorgestern gemeldet hat, nichts ändern. Georg Bayerle, Spezialist für Berge und Umwelt beim Bayerischen Rundfunk, schreibt in seinem aufrüttelnden Taschenbuch «Der Alpen Appell. Warum die Berge nicht zum Funpark werden dürfen», dass in der Terminologie der Pistenbetreiber der technisch hergestellte Schnee «gleichsam zu einer Schneevariante naturalisiert wird – so wie Speicherbecken im Sommer als eine Art Bergsee-Kopie inszeniert werden, ungeachtet des vorausgegangenen Eingriffs und der implantierten Betonschale in der Landschaft. Freilich ist es im Winter ästhetisch schöner, wenn die Landschaft schneeweiß ist, statt künstlich oder eben technisch erzeugte weiße Bänder auf braungrünen Bergen zu sehen.»

Georg Bayerle analysiert auf 160 Seiten schonungslos den Zustand eines immer fragiler werdendes Ökosystems, hinterfragt die auf reiner Ausbeutung basierende Alpenökonomie – und zeigt Wege für die Zukunft auf, wie wir das grossartige Gebirge mitten in Europa doch noch vor uns (halbwegs?) retten könnten. Als Alpenkenner, Filmemacher und Journalist hat er die mit oft sehr fragwürdigen Methoden durchgezogene Erschliessung und Vereinnahmung der Alpen seit mehreren Jahrzehnten im Blick, und das privat wie beruflich. Allerdings werden viele Anmahnungen wohl verpuffen, das schlechte Gewissen der Touristen und der Anbieter reicht meistens nur bis zum nächsten Hoch bzw. Tief (in der Kasse). Trotzdem oder erst recht: lesen! Der Bayerle hat gut Platz im Wander-, Kletter-, Hoch- oder Skitourenrucksack. Für die Pistenflitzer gibt es ihn als E-Book.

Ebenfalls wenig Platz braucht das Juliheft von NZZ Folio. Der Fokus richtet sich auf das Überleben am Berg: «Wenn die Heimat ins Rutschen gerät». Was leider immer häufiger passiert, zuletzt mit dem Bergsturz in Blatten und in diesen Tagen wieder verstärkt mit Brienz GR. Dazu im Heft das ausgezeichnete Interview mit dem Burgdorfer Gebirgshistoriker und Bergprofessor Jon Mathieu unter dem Titel «Straft Gott, oder schlägt die Natur zurück?» Die drei andern tiefschürfenden Artikel erzählen vom Dorf Braunwald im Glarnerland, das ums Überleben kämpft; vom Schneehasen, der ganz besonders unter dem immer wärmeren Klima leidet. Schliesslich verrät Flurin Clalüna, der im Bündner Passdorf Bivio aufgewachsen ist, wie viel Bergler in ihm als heutigem Zürcher noch steckt. Doch sind wir Schweizer und Schweizerinnen nicht alle ein bisschen Bergler – am 1. August noch ein Fähnchen mehr?

Die dritte empfehlenswerte Publikation dieser Woche taugt nur fürs Sofa oder Balkonien. Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, und Hansruedi Müller, emerierter Leiter des Forschungsinstitutes für Freizeit und Tourismus an der Uni Bern, widmen sich in «Unterwegs. Begegnungen und Reflexionen zum Tourismus» 20 Themen, von der Resilienz über Ästhetik oder Overtourismus bis zur Diversifikation. Zusammen mit 20 Schweizer und internationalen Persönlichkeiten entfaltet sich ein facettenreiches Panorama aus Diskussionen, Einschätzungen, Erkenntnissen und Tabellen. Einer dieser befragten Fachleute ist Reto Knutti, Ordinarius für Klimaphysik an der ETH Zürich und Hauptautor von zwei Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (gehört wohl nicht zur Lieblingslektüre des bekanntesten Golfspielers der Welt). Hervorgehobenes Zitat von Knutti: «Zu glauben, dass in gefährdeten Gebieten der Wintersport mit finanziellen und technischen Mitteln zu retten ist, zeigt, dass man im Tourismus noch immer zukünftige Realitäten nicht wahrhaben möchte. Mit der Physik kann man nicht verhandeln! Es wird zu warm, um zu beschneien. Unterhalb von 1500 Metern über Meer sollte nicht mehr in den Wintersport investiert werden.»

Georg Bayerle: Der Alpen Appell. Warum die Berge nicht zum Funpark werden dürfen. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2025. € 20,00.

Überleben am Berg: Wenn die Heimat ins Rutschen gerät. NZZ Folio Nr. 374, Juli 2025. Fr. 13.10. Erhältlich an grösseren Kiosken. Und: www.nzz.ch/folio.

Martin Nydegger, Hansruedi Müller: Unterwegs. Begegnungen und Reflexionen zum Tourismus. Weber Verlag, Thun 2024. Fr. 49.-

Alpinimus-Geschichte(n)

Vier Bücher zur Historie des Bergsteigens. Eines kommt nicht hoch, obwohl es darin oft um die erreichten Höhen geht.

«Besonders im nichtdeutschen Auslande scheint man anzunehmen, die Schweiz sei, bevor englische Touristen sie besuchten, ein Land der Pfahlbauten und Steinäxte gewesen.»

So wunderte sich Bernhard Studer (1794–1887), erster Professor für Geologie an der Uni Bern, in seinem Standardwerk «Geschichte der Physischen Geographie der Schweiz bis 1815» von 1863. Nun, Äxte brauchte man schon, bevor die Engländer kamen, aber nicht nur zum Tiere erledigen oder Bäume fällen, sondern zum Bergsteigen. Wie beispielsweise der Cousin Gottlieb Studer (1804–1890), der ab 1825 während 50 Jahren unermüdlich mit Pickel und Zeichenstift durch die Alpen streifte, viele Gipfel als erster bestieg, beschrieb und zeichnete. Aber auch Bernhard ging zu Berge und machte 1836 zusammen mit Arnold Escher von der Lindt die Erstbesteigung des Gross Gstellihorn (2854 m), des höchsten Gipfels der Engelhörner; noch heute eine schwierige Klettertour.

Genau um diese Geschichte des Bergsteigens, bevor die Engländer in Scharen die Alpen besuchten und den Alpinismus endgültig zum Bergsport machten, geht es Andrea Zannini in «Controstoria dell’alpinismo». Der Historiker ergreift die Frage «Chi ha inventato l’alpinismo?» – und beantwortet sie auch fundiert mit zahlreichen Beispielen und Quellen. Schon die Einheimischen stiegen auf die Gipfel, einfach so, zur Freude und/oder aus Neugier, und manchmal hinterliessen sie oben einen Steinmann, nicht zur Freude der Engländer, die über eine Erstbesteigung jubeln wollten. So passiert an der Aiguille de Grand Sassière (3751 m) in den Grajischen Alpen auf der Grenze Italien-Frankreich; Bewohner von Tignes und Soldaten standen schon 1808 zuoberst auf dem heute (wegen des Rückgangs des Glacière de la Sassière) höchsten Wandergipfel der Alpen.

Sehr empfehlenswerte Lektüre, diese «Gegengeschichte des Alpinismus». Was sich zu «The White Ladder. Triumph and Tragedy at the Dawn of Mountaineering» leider nicht sagen lässt. Britische Alpinhistoriker behaupten immer wieder, erst ihre Landsleute hätten das Bergsteigen als Sport erfunden. Bevor der 1857 gegründete Alpine Club, der erste Bergsportverein, seine Zelte in Zermatt und Chamonix aufgeschlagen hätte, liest man nun auch bei Daniel Light, «the Alps had been the preserve of naturalists, geologists and physiscians, for whom it was unthinkable to climb a mountain in the name of anything else but science.» Aber genaue diese Wissenschaftler gingen, wie man in ihren Berichten und Büchern lesen kann (bzw. könnte), auch vor lauter Lust am Klettern auf die oft noch unbestiegenen Gipfel. Überhaupt: Ein Buch über den Beginn des Alpinismus ohne die Erstbesteigungen von Mont Aiguille, Titlis und Mont Velan – ist das wirklich «splendid», wie eine Quote auf dem Cover suggeriert? Drei der vier Kapitel der «weissen Leiter» fragen immer wieder danach, wer wann wo – und vielleicht auch warum – auf welche Höhe gestiegen ist. Diese besondere Geschichte des Alpinismus aber umfassend erzählen, vom Fuji bis Everest, mit all den Umwegen, Irrtürmern und Erfolgen, das gäbe ein tolles Werk.

Um die Höhe geht es auch im folgenden Buch, ja um die höchste – um den Everest (8848 m). Die Spitze seines Bücherberges ist mittlerweile so hoch, dass es schon fast künstlichen Sauerstoff braucht, um sie zu erreichen… Vor drei Monaten ist ein neues Buch erschienen, von einem der besten Kenner, der zwar nie ganz oben stand, dafür ganz oben steht in Sachen der möglichen Erstbesteigung durch George Mallory und Sandy Irvine am 8. Juni 1924. Die Leiche Mallorys wurde im Jahre 1999 gefunden, ein Schuh mit Überresten von Irvine im Herbst 2024 entdeckt. Jochen Hemmleb ist der Seilerste der Detektive am Everest. Nun liegen seine «Spuren am Everest. Das Rätsel um Mallory und Irvine» vor. Darin erzählt er packend von seiner Leidenschaft für die Berge überhaupt, für den Everest im Besonderen und für die beiden Engländer ganz speziell, die es vielleicht trotz allem schafften, ganz oben anzukommen. Das grösste Rätsel der Alpinismusgeschichte. Höhen und Tiefen von drei Leben: Auf dem Cover lacht uns der Autor, umrahmt von George und Sandy, rotwangig entgegen.

Die Autorin ist bekannt; ihre Bücher zu den polnischen und slowenischen Topalpinisten und zum Winterbergsteigen an 8000ern stehen in mancher Bergbibliothek. Nun hat sich Bernadette McDonald mit «Wahre Helden» den leider bisher kaum bekannten Sherpas und Baltis gewidmet, ohne deren Hilfe die 8000er im Himalaya und Karakorum kaum hätten bestiegen werden können. Ein wichtiges, sympathisches (und von Jochen Hemmleb aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte) Buch über vergessene Alpinisten und Alpinistinnen, von denen wir oft nur gerade einen kennen: Tenzing Norgay, zusammen mit dem Genfer Raymond Lambert Fast- und dann mit Edmund Hillary Ganzerstbesteiger des Everest. Heute gehen die Einheimischen im Himalaya und Karakorum selbst voran, wie die erste Winterbesteigung des K2  beweist. Anführer der zehn erfolgreichen Sherpas war Nirmal Purja; auf die Frage, warum der K2 nicht schon vor dem Januar 2021 von nepalesischen Bergsteigern bestiegen worden sei, antwortete er: «Weil ich nicht da war.» Selbstbewusste Anlehnung an die berühmte Antwort von George Mallory auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle: «Because itʼs there».

Andrea Zannini: Controstoria dell’alpinismo. Editori Laterza, Bari 2024. € 18,00.

Daniel Light: The White Ladder. Triumph and Tragedy at the Dawn of Mountaineering. Oneworld Publications, London 2025. £ 12.99.

Jochen Hemmleb: Spuren am Everest. Das Rätsel um Mallory und Irvine. Vorwort von Evelyne Binsack. AS Verlag, Zürich 2025. Fr. 42.80.

Bernadette McDonald: Wahre Helden. Sherpas, Baltis und der Triumph der Bergsteiger vom Dach der Welt. AS Verlag, Zürich 2025. Fr. 42.80.

Der Hausberg von Bern: Gurten

Der Gurten ist, obwohl fast ganz in der Gemeinde Köniz gelegen, der Hausberg Nr. 1 der grössten Aarestadt. Rechtzeitig zum 42. Gurtenfestival Bern vom 16. bis 19. Juli 2025 liegt der neue Bildband «Gurten» auf.

«Schaaren von Lustwandelnden sieht man oft an Feiertagen in der schönen Jahreszeit schon vor dem Aufgang der Sonne sich auf seinem Gipfel vereinigen, um sich an dem Genusse der lieblichen Aussicht und eines ländlichen Mahles zu erfreuen.»

So hielt 1850 der Berner Alpinismuspionier und Panoramazeichner Gottlieb Studer im Buch «Das Panorama von Bern» eine Gurten-Szene fest. Sie dürfte sich in dieser Woche erst recht wiederholen. Denn vom Mittwoch bis Samstag findet zum 42. Mal das berühmte musikalische Gurtenfestival statt; es zog erstmals 1977 Scharen von Leuten auf den berühmten Hausberg von Bern, der allerdings in den Gemeinden von Köniz und auch noch es bitzeli von Chäsitz liegt. Andere wichtige Jahreszahl, dank der zahlreiche Besucher den einfachsten Weg auf den 858 Meter hohen Hügel finden: Die Standseilbahn von Wabern her wurde 1899 eröffnet. Dem Festival und dem Bähnli widmet Hans Markus Tschirren in seinem prächtig illustrierten Buch «Gurten» zahlreiche Seiten.

Andere Themen sind: der Park im Grünen, der Sandstein für die Stadt Bern, der nur für Mitglieder zugängliche Golfplatz auf der grossen Gurtenmatte von 1937 bis 1958 – undenkbar heute, die verschiedenen Wege auf Ost- und Westgipfel. Und sehr vieles mehr. Auch wer den Güsche gut kennt, wird viel Neues sehen und lesen, zum Beispiel Jeremias Gotthelfs «Ernsthafte Erzählung eines lustigen Tages oder der bestiegene und wieder verlassene Gurten».

Ein paar Seiten behandeln natürlich den winterlichen Gurten, wie den Ponylift auf der Matte, die Sprungschanze beim Gurten Kulm, das Skirennen vom 16. Februar 1902. Dieses Rennen mit Langlauf, Abfahrt und Sprunglauf wird als das «1. Schweiz. Ski-Rennen» bezeichnet. Nur: Der Skiclub Glarus führte bereits am 19. Januar 1902 einen Skiwettkampf durch, und dieser wird meistens als das erste Skirennen in der Schweiz bezeichnet. Doch auch das stimmt nicht, wie man erst jetzt herausgefunden hat: Am Sonntag, 5. Januar 1902, fand vor dem Grand Hôtel du Lac de Joux in Le Pont der «Concours international de ski» statt, mit folgendem Programm, wie dem «Feuille d’avis de la Vallée» zu entnehmen war: «1. Course plate d’environ deux kilomètres. 2. Course de vitesse à la descente. 3. Course avec saut combiné de longueur et hauteur.»

Bleiben wir noch etwas an der Kühle und im Gurtenschnee. Im Jahrbuch des Schweizerischen Skiverbandes von 1933 erinnert sich der Berner Bergsteiger und Skifahrer, Schriftsteller und Fotograf Hans Kempf (mehr zu ihm hier: https://hanskempf.ch/) an seinen ersten «Ski Selbstunterricht auf dem Gurten Anno 1892». Ausschnitt: «Mit erstaunlich einfacher Bindung begab ich mich, versehen mit der langen Alpenstange, die damals als Skistock diente, auf die Gurtenhöhe, um dort oben meine heimlichen Skiversuche zu unternehmen. Der Gurten war noch nicht verbotenes Terrain, wurde es aber bald und drohte den stadtbernischen Skisport ernstlich zu gefährden. Zwischen Skifahrern und ansässigen Bauern setzte es böse Schlägereien ab, wobei die lange Alpenstange das wehrhafte Verteidigungsmittel spielte in den bösen, mit Hunden und Bauern geführten Händeln, die man im Existenzkampf um den aufkommenden Skisport auf den herrlichen Schneehängen des Gurtens auszufechten hatte.»

Hans Markus Tschirren (Text), Alexandra Hertig (Fotos): Gurten. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2025, Fr. 49.-

Klettersteige zwischen Seine und Lago di Como

Klettersteigführer für die Schweiz und die Lombardei. Sowie Steige in Paris und am Mont Aiguille.

«La Via ferrata de Châtelet – AGE: 5 à 10 ans.
– 1 enfant par plate-forme, par module d’escalade et par échelle.
– Accès interdit par temps de gel ou de pluie.
– Accès interdit aux adultes.»

Diese Benutzungsvorschriften stehen auf einem Schild zum Klettersteig am rechten Ufer der Seine, den die Mairie de Paris an der Strassenmauer errichten liess. Bis 2016 rasten auf der Strasse Autos entlang der Flusses, nun promenieren Fussgängerinnen und Velofahrer. Wie sich Paris überhaupt dem Lautlos- und Langsam-Verkehr geöffnet hat. Dazu passt eben auch die rund zwölf Meter lange Via ferrata zwischen Pont au Change und Pont Neuf.

Etwas länger ist der 2021 eröffnete Klettersteig Klewenalp schon. Er umrundet mit drei Seilbrücken Kalksteinstürme unweit der Bergstation des Ärgglen-Skiliftes. Gut zwanzig Minuten dauert das Abenteuer, vielleicht auch länger, wenn man wie ich vergass, den Rucksack beim Grillhüsli zu deponieren und ihn dann fast am Ende des Steigs durch einen Felsdurchschlupf stossen muss… Diese kurze Via ferrata hoch oberhalb Beckenried am Vierwaldstättersee gehört zu den neuen Eisenwegen in der fünften Auflage von «Klettersteige Schweiz». Eine andere Neuheit dieses von Iris Kürschner gemachten Rother Klettersteigführers ist die schwierige Via ferrata Charmey, welche die Dents Verts ob der Gondelbergstation Vounetse erschliesst. Der Routenname «Plein Vide» lässt erahnen, dass viel Luft unter den Sohlen zu erwarten und zu erleben ist. Insgesamt umfasst der Führer mit den meisten, aber nicht allen Klettersteigen der Schweiz und mit vielen gesicherten Wegen 81 Touren.

Halb so viele präsentiert Andrea ‹Bedoii› Carì mit «Klettersteige in der Lombardei». Die 41 Touren liegen in den Bergen um Varese, Lecco, Como, Sondrio, Bergamo und Brescia. Unter den Sohlen befindet sich oft nicht nur viel Luft, sondern auch immer wieder Blau mit den Seen von Lugano, Como, Annone und Garlate, von Iseo, Idro und Garda. Die Ferrata di Morcata bei Varenna führt aus einer Strassengalerie in die senkrechte Wand oberhalb des Lago di Como; das Bad empfiehlt sich aber erst nach der Begehung… Zudem enthält der Führer den Sentiero Roma in den Bergeller Bergen, die Traversata alta delle Grigne sowie den allerdings nicht mehr in der Lombardei angelegten Sentiero dei Fiori – alles alpine Touren mit Abschnitten, wo man sich nicht immer am Eisen halten und sichern kann.

Das gilt erst recht für die Kletterrouten am Mont Aiguille (2087 m), diesem einzigartigen Tafelberg unweit von Grenoble. Die Erstbesteigung des rundum senkrecht abfallenden Gipfels durch Antoine de Ville und seine Gefährten anno 1492 markiert die Eroberung des menschlichen Horizontes in der Vertikalen, wie die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im gleichen Jahr diejenige in der Horizontalen. Die jüngste Ausgabe der Zeitschrift «L’Alpe» berichtet nun, wie es dem französischen Historiker Stéphane Gal und seinen Leuten 2022 gelungen ist, nur mit zeitgenössischem Material eine Wandflucht des Mont Aiguille zu erklimmen, und zwar mit Seilen, Stangen, Holz- und Strickleitern, wie man sie im 15. und 16. Jahrhundert für das Erstürmen von Burgen und Stadtmauern brauchte. Heute werden städtische Mauern anders erobert. Zum Beispiel mit metallenen Griffen und Tritten für Kids von nah und fern.

Iris Kürschner: Klettersteige Schweiz. Rother Verlag, München 2025. Fr. 32.90.

Andrea ‹Bedoii› Carì: Klettersteige in der Lombardei. Versante Sud Edizioni, Milano 2024. € 35,00.

Artisans et métiers d’art. L’Alpe, N° 109, été 2025. Éditions Glénat Grenoble. Fr. 26.-

Das Jahrhundert des Automobils in Graubünden

Mitfahren und mitlesen in die Ferienecke der Schweiz. Autolust und -frust zwischen Maienfeld und Poschiavo, Müstair und Sedrun.

«Berninapasshöhe, 3. Juli 1927. Neben dem Hospiz hat sich eine Gruppe von Autofahrern und Autofahrerinnen zum Gruppenfoto versammelt. Es herrscht Freude, denn seit zwei Tagen ist Autofahren über den Berninapass ins Puschlav erlaubt. Bereits 1925 war das berüchtigte Bündner Autoverbot gefallen. Im Puschlav dauerte es zwar etwas länger, weil der Initiativtext von 1925 (vermutlich aus Rücksicht auf die dort verkehrenden Bahnen) die Albula- und die Berninapassstrasse ausgenommen hatte. Nun aber war auch hier die ‹herrliche Zeit des Autofahrens› gekommen, wie sich der Davoser Mechaniker Karl Grüger später erinnerte.»

So startet das herrlich bebilderte Sachbuch «Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025». Die vorangehende Doppelseite zeigt die fröhliche Schar auf dem Berninapass und drei Autos, so einen Chrysler mit Berliner Kennzeichen und das Fahrzeug von Florian Zambail. Der Samedaner Arzt gehörte zu den rund 300 Personen, die im Sommer 1927 im Kanton Graubünden ein Auto besassen. Heute ist der grösste Kanton der Schweiz pro Kopf der Bevölkerung stärker motorisiert als ihr Durchschnitt. «Statistisch entfällt auf jeden Bündner Haushalt mehr als ein Personenwagen. Davon, wie das möglich war, handelt dieses Buch.»

Ein Autobuch als Bergbuch (der Woche)? Ja sicher, denn das Bündnerland ist Bergland und Passland, überzogen mit Saumwegen, Eisenbahnlinien, Strassenkurven, Brücken und Tunnels. Immer ist der Berg im Weg, zum Glück aber auch am Weg. Die Weltkurorte St. Moritz und Davos: Wer würde sie besuchen (und kennen), wenn sie nicht erreichbar wären auf Fuss- und Kutschen-, dann auf Eisen- und schliesslich auch auf Strassenstrecken.

«Da Fälle vorgekommen sind, in denen durch das Befahren der Strassen mit Automobilen, der Post- und der Fahrverkehr überhaupt gefährdet wurde und da solche Fälle sich wiederholen und zu eigentlichen Katastrophen führen könnten, beschliesst der Kleine Rat:

1. Das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden ist verboten.
2. Dieser Beschluss wird zu sofortiger Nachachtung öffentlich bekanntgegeben.

Chur, den 17. August 1900.                           Im Auftrag des hochl. Kleines Rates
Der Kanzleidirektor: G. Fient.»

Dieser Erlass der Bündner Regierung, veröffentlicht im «Amtsblatt des Kantons Graubünden» vom 24. August 1900, blieb trotz heftigem Widerstand und neun Volksabstimmungen bis zum 21. Juni 1925 in Kraft. Erst dann hob eine Mehrheit der stimmberechtigen Männer in der 10. Abstimmung das Autoverbot auf, und der Kanton Graubünden erlaubte das Autofahren (vorerst nur auf den Hauptverkehrsstrassen, und noch ohne Albula- und Berninapass) als letzter Kanton der Schweiz.

In den vergangenen 100 Jahren erlebte Graubünden alle Vorteile, Reize und Herausforderungen dieser Erfindung, die Alltag und Tourismus grundlegend veränderte. Fünf Forscherinnen und Forscher präsentieren die Geschichte des motorisierten Verkehrs in Graubünden in ihrer ganzen Spannbreite. Christoph Maria Merki rast «von Null auf Hundert», Isabelle Fehlmann kurvt durch «Die Landschaft der Strasse», Simon Bundi setzt mit tollen Postkarten und Fotos die Schweinwerfer auf das «Land der Umfahrungen» und „Die Anziehungskraft des Automobils», Kurt Möser schaltet «Die Bündner Automobilgeschichte im internationalen Kontext» und Flurina Graf navigiert souverän durch Mobilitätsporträts von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen. Kurz: Eine 325seitige, reich illustrierte Geschichte über eine persönliche Maschine, die emotional und verkehrspolitisch nicht wirkmächtiger sein könnte.

1968 notierte Max Frisch in «Tagebuch 1966–1971» unter dem Stichwort «SAN BERNARDINO» ein paar Zeilen: «Siebenmal im Jahr fahren wir diese Strecke, und es tritt jedesmal ein: Daseinslust am Steuer. Das ist eine grosse Landschaft. Vor allem in den Kurven: der Körper erfaßt Landschaft durch Fahrt, Einstimmung wie beim Tanzen.»

Simon Bundi, Isabelle Fehlmann, Flurina Graf, Christoph Maria Merki, Kurt Möser: Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025. Herausgegeben vom Institut für Kulturforschung Graubünden. AS Verlag, Zürich 2025. Fr. 49.-

Folgenschwere Naturereignisse in der Schweiz

Zwei wissenschaftliche Wanderbücher, in denen die Geologie die Hauptursache ist.

«Bergstürze sind in allen grossen Gebirgsketten der Welt aufgetreten, von der Urzeit bis heute. Sie stauten Flüsse, verursachten Seen und löschten schon ganze Dörfer aus.»

Wie wahr leider! Heute Mittwoch vor genau vier Wochen kam es zum Bergsturz in Blatten im Lötschental. Am 28. Mai um 15.20 Uhr glitt ein grosser Teil des Birchgletschers unter dem Druck des auf ihm lastenden Bergsturzmaterials vom Kleinen Nesthorn auf dem vermehrt vorhandenen Schmelzwasser an der Gletschersohle ab, stürzte über die Karschwelle hinaus und in die Schlucht des Birchbachs hinunter. Die rund 10 Millionen Kubikmetern Fels-, Schutt- und Eismassen verschütteten in Blatten 130 Häuser wie auch die Kirche, insgesamt etwa 90 Prozent des Dorfes. Ganz zerstört wurden die talwärts liegenden Weiler Ried (mit dem 1868 eröffneten Hotel Nest- und Bietschhorn, dem ältesten Hotel im Lötschental), Oberried und Tännmatten. So kann man auf Wikipedia lesen.

Der Berg ruft eben nicht nur. Er kommt auch. Gestern, heute und sicher auch morgen. Gerade in der gebirgigen Schweiz. Berg- und Felsstürze, Hangrutsche, Murgänge, und Lawinen, dazu Erdbeben und Hochwasser. Einst die Bergstürze von Flims und Goldau, 2023/24 die bröckelnden Berge in Brienz GR, in Schwanden und ob dem Martinsloch, die Überschwemmungen und Steinlawinen im Misox, im Maggia- und Rhonetal. In diesem kompakten, mit zahlreichen Fotos, Tabellen, Profilen, Geländemodellen und Kartenausschnitten angereichertem Buch bewegen sich Walter Wildi und O. Adrian Pfiffner „Auf den Spuren folgenschwerer Naturereignisse in der Schweiz“, und zweimal auch im nahen Ausland, am Mer de Glace bei Chamonix und am Vulkan Hohenstoffeln bei Singen. Zudem schlagen sie 25 meist kurze Wanderungen vor (leider ohne Index und/oder Übersichtskarte), um die geologischen und klimatischen Ereignisse vor Ort aufzuspüren und mehr über die Landschaft und ihre Geschichte zu lernen. Ein buchstäblich bewegendes Buch. Der Berg wird nicht zur Ruhe kommen, im Anthropozän erst recht nicht.

Um Bergstürze geht es teilweise ebenfalls im Buch «Geologische Spurensuche. 30 erdwissenschaftliche Ausflüge und Touren im Kanton Bern», und zwar in den Touren 25 und 28. Da wird im Grindelwaldtal einerseits der «prä(?)historische Bergsturz von Burglauenen und der Untergang von Schillingsdorf» vorgestellt, andererseits das Kandertal als «Tal der Bergstürze» bezeichnet. Wie wahr auch hier wieder! Vom Spitze Stei am Doldenhorn droht ein grosser Bergsturz, den der neue Damm ob Kandersteg hoffentlich aufzufangen vermag. Düstere Aussichten. Und doch hochspannende Einsichten, welche dieses wissenschaftliche Wanderbuch vermittelt. Nicht nur zur Geologie der Stadt Bern, zum Berner Sandstein von Ostermundigen oder zu den Gisnauflüe bei Burgdorf. Sondern auch zur Glaziallandschaft Oberaargau, zu den fossilen Blockgletschern im Diemtigtal, stillen Zeugen vom vergangenen Permafrost, oder zur einzigartigen Kraterlandschaft Gryde-Stübleni oberhalb von der Lenk (auf dem Cover). Insgesamt 29 Ausflüge und Touren (und nicht 30, wie im Titel angezeigt) auf 308 Seiten, mit 220 Fotos, 85 Grafiken und 50 Karten, immer versehen mit genauen Legenden. Dazu eine Einführung zur Geologie des Kantons Bern, im Anhang Glossar und Literatur.

Die Nünenen in der Gantrisch-Kette war bis jetzt einfach der Kletterberg aus jungen Jahren, wo ich mit elf Jahren erstmals richtig abseilen musste («mit grosser Angst», wie mein Vater in meinem ersten Tourenbuch notierte). Aber nun erfahre ich, dass es sich bei den Kalkfelsen der Nünenen, an denen geklettert wird, um sogenannte Resedimente der Moléson-Formation handelt; sie bestehen überwiegend aus Kalkturbiditen, die am Schwellen-Abgrund in tiefere Meeresbereiche abgeglitten sind. Was die Geologen wohl dereinst zum Bergsturz-Kegel von Blatten sagen werden? Oder ist das Kleine Nesthorn samt Bietschhorn dann ganz auseinandergebrochen, nachdem die letzten Gletscher abgeschmolzen oder abgerutscht sind?

Walter Wildi, O. Adrian Pfiffner: Auf den Spuren folgenschwerer Naturereignisse in der Schweiz. Mit 25 geologischen Exkursionen. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 38.-

Naturforschende Gesellschaft in Bern (Hrsg.), Thomas Burri, Jürgen Albrecht: Geologische Spurensuche. 30 erdwissenschaftliche Ausflüge und Touren im Kanton Bern. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 38.-

Baden und wandern in der Romandie

Der Sommer kann kommen bzw. ist schon da. In den Rucksack packen wir nicht nur die Badesachen, sondern auch drei Führer für die Westschweiz. En route, mes amis!

«Wenn das Rhonetal zum Backofen wird, bleibt man am 1,3 Kilometer langen Stausee auf 2000 Meter über Meer cool. Es ist am Sanetschsee meist 7 Grad kühler als im Talgrund. Nach einem erfrischenden Bad kann man sich auf grünen Matten ausstrecken und die zerklüfteten Bergketten rundherum bestaunen oder – falls man mit dem Erfrischen übers Ziel hinausgeschossen hat – zum Ausflugsrestaurant Ta Cave Sanetsch oberhalb der Staumauer spazieren und sich mit einem dampfend heissen Käsefondue wieder aufwärmen.»

Diesen rundherum mutigen Tipp gibt Iwona Eberle in ihrem taufrischen Führer «Wild und frisch – Romandie. Die schönsten Badeplätze an Seen, Flüssen und Wasserfällen». Ob der Mann in der blauen Badehose auf dem Foto dann wirklich in den Lac de Sénin getaucht ist, wissen wir nicht. Das Signet zur Wassertemperatur im Juli und August zeigt «kalt» (14-16 Grad). Noch kälter, nämlich «eiskalt» (11-14 Grad), ist es in den Bassins de la Barberine im obersten Vallée du Trient an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich; dort sind auch die Liege- und Schwimmflächen mager. Dafür rauscht ein Wasserfall ins Becken, wohin die Frau im Bikini wohl gleich tapfer schwimmen wird.

Zwei von 100 bekannten und vor allem unbekannten Badeplätzen im Welschland (und auch im angrenzenden Frankreich) sowie zwei von rund 250 einladenden Fotos von Christoph Hurni, die der gut gemachte Führer vorstellt. Mit ihm werden wir in diesem Sommer und auch im nächsten zu coolen Erfrischungen kommen, überall im Jurabogen zwischen Ajoie und Rhonedurchbruch bei Genf, in den Seen, Flüssen und Schluchten im Mittelland sowie in den Alpen. Einziger Nachteil: Ganz alleine werden wir in der Tine de Montbovon oder am Wasserfall Turtmann nicht mehr sein; in der Tine de Parnant wohl schon, da es «zu diesem magischen Badeplatz nur Menschen schaffen, die gegen den Strom schwimmen.»

Aber vielleicht wollen wir gar nicht schwimmen, sondern nur kurz untertauchen während des Wanderns oder Velofahrens. Auch dazu hat «Wild und frisch – Romandie» viele Tipps bereit. Und sonst gibt es da noch zwei neue Führer, die kurze und lange Wanderungen am und rund um den grössten See der Schweiz und Frankreichs vorstellen. Einerseits Jean-Marc Lamory in «Les plus belles randonnées autour du Léman» mit 96 Touren, andererseits Bernd Jung in «Genfersee» mit 60 Touren; er basiert auf meinem Führer, der erstmals 2002 erschien und 50 Touren vorstellte. Die neue deutsche Ausgabe von 2022 ist die vierte; die aktualisierte französischsprachige vom letzten Jahr ist bereits die achte. Was bedeutet, dass der Lac Léman bei den Randonneurs beliebter ist als bei den Wandersleuten. Aber das wird sich jetzt vielleicht ändern, wenn letztere auch mit Iwona unterwegs sind.

Allerdings: Einer der feinsten und kleinsten Badeplätze am Léman findet sich in keinem der drei Führer. Deshalb hier die Infos zu den Bains Reymond. Eine felsige Plattform, die ins Wasser hinausragt. Platz für vielleicht ein Dutzend Badegäste, wenn sie sich gut mögen. Ein Sprungbrett. Ein Kieselstrand für eine Mutter mit einem Kind. Zwei kleine Umkleidekabinen, halb im Bahndamm drin. Zwischen dem Ufer und den Geleisen noch ein kleiner Rebberg. Zugang: Von der Station St-Saphorin auf der Uferstrasse Richtung Lausanne, dann über die Geleise; 8 Min. Kurz: Was für ein Ort!

Iwona Eberle (Text), Christoph Hurni (Fotos): Wild und frisch – Romandie. Die schönsten Badeplätze an Seen, Flüssen und Wasserfällen. Salamander Verlag, Zürich 2025. Fr. 39.90. Auch auf Französisch erhältlich: Au fil de l’eau – Suisse romande: Lacs, rivières et cascades: les plus belles baignades insolites.

Jean-Marc Lamory: Les plus belles randonnées autour du Léman. Régions de Genève, Lausanne, Vevey, Montreux, Evian, Thonon-les-Bains. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 17,90.

Bernd Jung, Daniel Anker: Lac Léman. Genève – Chablais – Riviera – Lavaux – La Côte – Jura. Rother Guide de randonnées, Munich 2024. € 16,90. Auch auf Deutsch erhältlich: Genfersee. Genf – Chablais – Riviera – Lavaux – La Côte – Jura.

Hans Roelli – Auf eigener Spur

Eine neue Biografie zum Dichter, Sänger und Skilehrer Hans Roelli, der als erster Kurdirektor von Arosa Spuren hinterliess. Und eine Tagung zur Alpenliteratur insbesondere von Graubünden.

Tief wogt der Sommer an dem Korn.
Die Gärten sind mit dunklen Rosen
beschenkt. Schon reifen Aprikosen.
Im fernen rollt Gewitterzorn.

Zweite Strophe im Gedicht «Die Jahreszeiten» von Hans Roelli (1889–1962), abgedruckt mit neun andern Gedichten als «Verse» im 20. Jahrgang von «Ski», dem Jahrbuch des Schweizerischen Ski-Verbandes vor nun genau 100 Jahren. Mehrheitlich sind es natürlich Winter- und Schneeverse – aber wir wollen die kalte Jahreszeit nicht zurück, oh nein, jetzt wo sich ein kräftiges Hochdruckgebiet aufgebaut hat.

Sommer- und Wintertourismus weiter ausbauen: Diese Aufgabe oblag Hans Roelli seit dem 21. Oktober 1920 als frischgewählter Kurdirektor von Arosa. Andere Bündner Kurorte hatten ebenfalls um den schweizweit bekannten Dichter und Lautensänger, Skilehrer und Conférencier gebuhlt. Zehn Jahre hält der immer braungebrannte Roelli das Amt inne, im Demissionsschreiben vom 18. Januar 1930 hält er fest: «Ich darf den Anspruch erheben – nicht zuletzt dank meiner Kunst, die Arosa genützt und nicht geschadet hat – ein persönlicher und geachteter Kurdirektor gewesen zu sein.» Ein paar Verse mehr zum dichtenden Oberskilehrer hier: https://bergliteratur.ch/alles-fahrt-schi/. Und am 12. Mai 2025 wurde im Kulturhaus Helferei in Zürich die neue Biografie von Bernhard Ruetz vorgestellt: «Auf eigener Spur. Hans Roelli. Dichter, Sänger, Liedermacher».

Auf 128 Seiten stellt Ruetz den umtriebigen, ruhelosen, scheinbar dauerfröhlichen Roelli vor, schildert seinen Werdegang aus dem braven Willisau ins quirlige Arosa und darüber hinaus. Nicht alle konnten ihm folgen, die beiden ersten Ehefrauen jedenfalls nicht. Und manchmal schien Hans selber aus der eigenen Spur zu fallen. Aber er schaffte immer wieder den Rank – und ganz bestimmt noch einen stimmigen Vers, ein neues Lied, ein weiteren Gedichtband. Illustriert ist das Buch mit stimmigen Fotos, auf denen neben Skis oft ein Musikgerät zu sehen ist: die Gitarre. Selbstverständlich sind auch Gedichte eingestreut. Zum Beispiel «Das Neue Wiegenlied» aus dem «ungewöhnlich düsteren» (so Ruetz) Gedichtband «Gegenwartslieder und Zeitgedichte» von 1937:

Schlafe Kind, schlafe ein:
draussen ist es wieder Krieg;
Vater ist in Flamm und Not,
Vater ist vielleicht schon tot –
schlafe Kind, schlafe ein.

Schlafe Kind, schlafe ein:
draussen ist es wieder Nacht;
Mutter irrt nach Milch und Brot,
Mutter ist vielleicht schon tot –
schlafe Kind, schlafe ein.

Schlafe Kind, schlafe ein:
wir zertrümmern Sonn und Stern
und die Liebe ging verloren,
warum wurdest du geboren? –
schlafe Kind, schlafe ein.

Schlafe Kind, schlafe ein:
vielleicht bist du das neue Licht,
das in unser Dunkel fällt
und aufgeht in der ganzen Welt –
schlafe Kind, schlafe ein.

Ein Wiegenlied von beängstigender Aktualität, das der alpine Verseschmied da gehämmert hat. Ums Schreiben im Alpenraum geht es am 12. und 13. Juni 2025 in Bern: «Alpen im Wandel – Literaturen zwischen 1945-1990». Diese öffentliche, literaturwissenschaftliche Tagung zur deutschen, italienischen und rätoromanischen Literatur Graubündens findet im Schweizerischen Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek statt. Und so liest sich der Auftritt: «Der kulturelle Wandel nach 1945 war im mehrsprachigen alpinen Raum Graubündens wie auch in den angrenzenden Regionen enorm: Eine in weiten Teilen bäuerlich geprägte Gesellschaft erfuhr grundlegende gesellschaftliche, technische, ökonomische und kulturelle Umwälzungen. Zugleich überformte die fortschreitende Touristifizierung dörfliche Strukturen sowie ganze Talschaften und damit das Bild, das sich Ortsansässige, Zugezogene und Reisende davon machten.» Mehr noch: Am Donnerstag, 12.Juni, gibt es von 19.30 bis 21.00 im Saal Friedrich Dürrenmatt eine Soirée littéraire mit den AutorInnen Flurina Badel, Romana Ganzoni und Andrea Paganini zum Thema «Scriver en Grischun – Letterature in dialogo» statt. Nicht verpassen!

Bernhard Ruetz: Auf eigener Spur. Hans Roelli. Dichter, Sänger, Liedermacher. Verlag Ars Biographica, Andelfingen 2025. Fr. 30.- www.arsbiographica.ch/buecher/auf-eigener-spur/

«Alpen im Wandel – Literaturen zwischen 1945-1990». Tagung am 12. und 13. Juni 2025 in der Schweizerischen Nationalbibliothek an der Hallwylstrasse 15 in Bern. www.nb.admin.ch/snl/de/home/ausstellungen-va/veranstaltungen-past/va2025/alpenimwandel.html Die Teilnahme an der Tagung inklusive Verpflegung ist kostenlos. Um Anmeldung wird gebeten: claudia.cathomas@nb.admin.ch.